Skip to main content

Full text of "Horaz im Urteil der Jahrhunderte"

See other formats


HORAZ 

im Urteil der Jahrhunderte 



von 



Dr. Bduard Stemplinger 




Dieterleh'sehe Verlagsbuehh. m.bH Leipzig 192t 



Das Erbe der Alten 

Zweite Reihe V 



Das Erbe der Alten 

Schriften überWefen und Wirkung der Antike 

Zweite Reihe, gefammelt und herausgegeben von 

OTTO IMMISCH 

Heft V 

HORAZ 

im Urteil der Jahrhunderte 

Von 

Dr. EDUARD STEMPLINGER 




DieteridiTdie Verlagsbuchhandlung m.b.H. in Leipzig • 1921 



Ifflw 




am^m 



HORAZ 



im Urteil der Jahrhunderte 



Von 



Dr. EDUARD STEMPLINGER 







Dieterich'IcheVerlagsbudihandlung m.b.H. in Leipzig • 1921 



üTCtf owÄfo© J«rotf O5?»o0 t*ro«ow»D0 :«rowow^r;© Tf rotf owÄ?o©.o»^»x 



Inhalt. 



Erster Teil. 

Moralische Wertung. „., 

Seite 

I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt 3 

II. Strömung gegen die weltlidie Poesie überhaupt 16 

III. Moralische Wertung des Horaz 23 

1. Horaz als Ethicus 23 

2. Horaz — kein moralischer Charakter 35 

3. Horaz — kein politischer Charakter 44 

IV. Praktische Folgerungen 47 

V. Objektive Würdigung 51 

Zweiter Teil. • 

Ästhetische Wertung. 

1. Querelle des anciens et des modernes 71 

II. Absdiätzige Beurteilung des Horaz 83 

III. Dichter und Kunstrichter über Horaz 89 

IV. Horaz als Meister 97 

1. Die Ars poetica 97 

2. Die Lieder 101 

3. Satiren und Episteln 110 

V. Horaz als Muster .112 

1. Übersetzungen 112 

2. Umformungen 115 

3. Zitate 154 

VI, Horaz als Liebling 157 

VII. Objektive Würdigung 174 

Anmerkungen ; 197 

Verzeichnis der Personennamen 206 



>c»»t)T®o*ÄO»°J»: 0CÄÄOÄOJ« 0a««o*i>»:!0a«ÄOA'2«« 0o/fÄOÄ'3»»; 



Alle Rechte vorbehalten. 



Erster Teil. 

Moraliscfie Wertung. 



Stemplinger, Horaz. 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt. 

Wenn man die Wertung eines antiken Schriftstellers seit der 
dirisjiidien Ära vertcigt, muß man sidi stets die Gegen- 
strömungen gegenwärtig halten, die teils von religiösen, teils 
von allgemein ethischen Quellen her steten Zufluß bekommen. 
Der Kampf zwisdien Christentum und Heidentum ist mit dem 
Siege Konstantins an der mulvisdien Brüd\e nidit zu Ende, 

An und für sidi ist es ja begreiflidj, daß die ersten Christen, 
so lange sie nodi mit einem mäditigen, traditionellen Heiden^ 
tum zu ringen hatten, eine sdiarfe Sdieidelinie zwisdien sidi 
und jenem zogen '). So galt denn audi in den ersten zwei 
diristlidien Jahrhunderten die Besdiäftigung mit den heidnisdien 
Göttern und Göttersagen als durdiaus unheilig und heilswidrig, 
und man bemühte sidi, eine eigene diristlidie erbaulidie Legenden^ 
literatur an Stelle der heidnisdien zu setzen. Der bäuerisdi- 
derbe Syrer Tatianos spridit ganz im Sinne jener Heiden^ 
verädbter, wenn er in seinem Xoyoc 7:f/ö;''KX/,-/)v«? <Or. 19 c, 24) 
ausruft: »Was soll mir der »Rasende' bei Euripides, was 
Alkmäons, des Muttermörders, Darstellung? . , . Fort mit den 
Fabeleien des Hegesilaos <!>, fort mit der versedrediselnden 
Zunge Menanders! Behaltet Euer dummes Zeug!« 

Freilidi als audi höhere Gesellsdiaftssdiiditen sidi dem 
Christentum näherten, da genügte jene volkstümlidie, kunstlose 
Literatur nidit mehr. Einerseits versudite man, Stofte des Alten 
und Neuen Testaments in die klassisdien formen des home- 
risdien Epos <Nonnos, Paraphrase des Johannesevangeliums), 
des pindarisdien Hymnos <Synesios), des euripideischen Dramas 
(X:A<5-h: -rj.ayujy), des platonisdien Dialoges (Aineias), der hora- 
zisdien Ode <Prudentius) zu gießen : ein Unterlangen, das aus 
versdiiedenen Gründen mißlingen mußte. Oder man hielt nadi 
dem unbestrittenen Siege des Christentums das Heidentum lür 
so völlig überwunden, daß man den alterprobten Lehrgang mit 



4 Erster Teil. Moralische Wertung- 

der Lektüre der großen antiken Diditer und Denker wieder 
empfahl und aufnahm. Die Rede des heiligen Basileios an 
die studierende diristlidie Jugend, in weldier er das plutardiisdie 
Thema: >Wie man Diditer lesen soll«, vom Aristlidien Stande 
punkt aus zum Problem erweitert, weldien Nutzen man aus 
der Lektüre der Hellenen sdiöpfen könne, ist eine pädagogisdie 
Tat : der erste Versudi, Antike und Christentum in der Jugend- 
erziehung zu versdimelzen. Immer und immer wieder muß 
späterhin, namentlidi in der Renaissance, Basileios den Kron- 
zeugen abgeben, so oft Fanatiker wider die propädeutisdie Be- 
deutung der Antike eifern. 

Aber den Widersprudi, der in einer diristlidien Erziehung 
mittels heidnisdier Autoren liegt, übersah man niemals ganz, 
wennsdion er bis zum heutigen Tag, segensreidi für die Er* 
haltung der antiken Kultur, fortwirkt. Der Autor des 'Ver 
rongeur' ^) faßt diesen Gegensatz in die spitzige Antithese : 
»Exalter les payens et mepriser nos peres dans la foi, tel est depuis 
trois siecles le fonds oblige de Teducation publique en Europe.« 

In weldie Gewissenskonflikte ernste, denkende Männer dabei 
kommen mußten, zeigt das bekannte Traumgesidit des H i e r o = 
nymus <Ep, 22, 30). Auf seine Antwort, er sei Christ, habe 
dem Träumenden der Riditer zugerufen : »Du lügst ! Nidit ein 
Christ, sondern ein Ciceronianer bist du. Denn wo dein Sdiatz 
ist, da ist audi dein Herz.« Nun habe er abgesdiworen ,• denn 
»wie stimmt ßelial zu Christus? Was hat Horaz mit dem 
Psalter zu tun«>? Sein Gegner Rufinus <Apoi, 2, 6> aber 
wirft ihm Meineid vor,- denn fast auf jeder Seite seiner Sdiriften 
könne man bei ihm lesen: »Aber unser Cicero, aber unser 
Flaccus, aber Maro,« Hieronymus bekennt sich sdiließlidi 
zu dem Grundsatz, nur aus spradilidi-rhetorisdien Gründen dürfe 
man im Lernalter die (natürlidi gesäuberten) Sdiriften der Heiden 
lesen, wie er an den humanistisdi gesinnten Papst Damasus 
mißbilligend sdireibt <Ep. 21, 13): »Jetzt sehen wir, wie 
sogar die Priester Gottes Evangelien und Propheten links liegen 
lassen und Lustspiele lesen, liebelnde Worte bukolisdier Verse 
singen, den Vergil in der Hand haben und das, was bei den 
Knaben Sadie der Notwendigkeit ist, zu einer Versdiuldung 
ihres freien Willens madien!« Zur gleidien Sdilußfolgerung 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt. 5 

gelangte Augustinus, wenn er vor dem »betäubenden Wein 
des Irrtums« in dem sdiönen Gefäß der Klassiker warnt: *Wie 
sollen jene unzähligen gottlosen Fabeln, von denen die Büdier 
der eitlen Didriter strotzen, wie das sdiwülstige und künstlidi 
hergeriditete Liigenwesen der Rhetoren, wie die gesdiwätzigen 
Spitzfindigkeiten der Philosophen zur Heilswahrheit, die unser 
ist, sidi sdiidien? Ferne sei es, soldie Niditigkeiten und eitlen 
Trug, hohle Possen und hodimütige Einbildung ,edle Wissen« 
sdiaft' zu nennen!« <Jo. 6, 7,> Nur als Vorbereitung für die 
göttlidie Wissensdiaft läßt Augustinus die Unterweisung in der 
heidnisdien Wissensdiaft und Kunst zu,- habe maii den Kern 
der Spradie und Rhetorik erfaßt, so sei die Antike wie eine 
hohle Nuß wegzuwerfen. Vollends »Kinder mit heidnisdien 
Büdiern bekannt zu madien, heißt nidbt bloß Unnützes lehren, 
sondern sie Gott entfremden und sie dem Satan opfern,- was 
sind all diese Dinge wenn nidit Wind und Raudi«, erklärt er 
in den »Bekenntnissen« <III, 5). 

Cassianus <t 435), der einst als Asket die syrisdie und 
ägyptisdie Wüste durdistreift hatte und später das Klosterleben 
der Provence regelte, verfludit sidi <Conl. 14, 12), daß ihm 
während des Gebetes und Absingens des Psalters immer wieder 
der Teufelsspuk der vergillsdien Gedidite vor die Seele trete. 
Benedictus von Nursia <t 543), der Gründer des Benedikt 
tinerordens und Reformator des abendländisdien Mönditums, 
sdiränkte in seiner »Regel« das Absdireiben von Büdiern auf 
die Kirdienväter und reine Andaditsbüdier ein,- wissensdiaft^ 
lidie Besdiäftigung lag dem Manne, der drei Jahre lang in einer 
Höhle bei Subiaco hinbradite, überhaupt ferne. Erst Cassiodor 
<t 562), nach Montalembert »le heros et restaurateur de la 
science« , einst die redite Hand Thcoderidis des Großen , hat 
als Möndi in Vivarese den ßenediktinerorden zum Kuituiträger 
des Abendlandes gemadit, ganz im Geiste des heiligen Basileios. 
Er mußte aber erst- den Möndien beweisen, daß das Lesen der 
heidnisdien Sdiriftsteiler zum besseren Verständnis der Heiligen 
Sdirift viel beitrage, und daß die berühmtesten Kirdicnlehrer die 
heidnisdie Literatur benützten, wie ihre Aussprudle bewiesen. 

Trotzdem also die antike Literatur nur als Mittel zu dem 
Hauptzwedic, die heiligen Sdiriftcn besser zu verstehen, enip- 



Erster Teil. Moralische Wertung, 



fohlen ward, blieb das Vorurteil gegen sie in vielen Köpfen 
bestehen. Kein Wunder, las man dodi audi bei Tertullian und 
anderen fanatisdhen Eiferern, wie der Umgang mit Heiden dem 
Heile der Seele sdiade und daß die heidnisdien Poeten und 
Philosophen mit den ärgsten Martern der HöHe gepeinigt 
würden. Nur die irisdien und angelsädisisdien Möndie ^ fern 
von den Stürmen der Völkerwanderung — , braditen die Hand- 
sdiriften, weldie römisdie Adelsfamilien im 4. und 5, Jahr- 
hundert hatten anfertigen lassen, von Rom in ihre Klöster und 
wandelten getreu in den Fußtapfen Cassiodors, Aber in der= 
selben Zeit, als Columban, der Stifter des Klosters Bobbio 
<613>, in einem Gedidite von Amphiaraus, Danae, Pluto 
spridit und den antiken Götterapparat unbefangen gebraudit, 
erklärt der Sprößling der Anicier, Papst Gregor der Große, 
den seinerzeit die Disputation mit Eutydiius in Konstantinopel 
zu einer Leudite der Gelehrsamkeit erhoben hatte, es für un= 
würdig, daß ein christlidier Bisdiof heidnisdie Autoren erkläre, 
quia in uno se ore cum Jovis laudibus Christi laudes non capiunt 
<Ep, XI, 54>, Die Kenntnis der griediisdien Spradie hält er für 
unwiditig, weil es ja lateinisdie Übersetzungen der Bibel und 
kanonisdien Sdiriften gäbe —■ hört ihr, Modernen, euren Ahn- 
herrn? — , er straft den gallisdien Bisdiof Desiderius von Vienne 
durdi Verweigerung des Palliums, weil er seme jungen Geist= 
lidien in den alten Klassikern unterwies. In derselben Zeit 
verbot Isidor von Sevilla <t636>, der dodi in seinen 'Origines' 
die Kenntnis wenigstens des römisdien Altertums in widitigen 
Notizen erhalten hat, in seiner 'Regula monadiorum' die Lektüre 
aller von Heiden und Ketzern verfaßten Büdier, »quia per oblecta- 
menta fabularum nimium mentem excitant ad incentiva libidinum. 
Non thura soUim oB'erendo daemonibus immolatur, sed etiam 
eorum dicta libentius capiendo«. 

Rhabanus Maurus <t 856>, der Sdiüler des karolingisdien 
Gelehrtenkreises, betont in seiner Instruktion der Kleriker <III 18>, 
man solle es bei der Lektüre heidnisdier Poeten madien wie das 
Deuteronomium <5. Mos. 21, llff,) befiehlt: »Und siebest du 
unter den <heidnisdien> Gefangenen ein sdiönes Weib und hast 
Lust zu ihr, daß du sie zum Weib nehmest, so führe sie in 
dein Haus und laß Ihr das Haar absdieren und ihre Nägel 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt. 7 

beschneiden und die Kleider ablegen, darinnen sie gefangen ist.« 
In dieser Mahnung, die sdion Origenes und Hieronymus <in 
einem Briefe an Damasus Ep. 21, 13) ausgesprodien hatte, liegt 
der Keim der purgierten Ausgaben. Ekiiehard IV. von 
St, Gallen, der Sdiüler Notker Labeos, der den Waltharius in 
die reine Spradie Vergils umgoß <t 1060), äußert sidi gelegent- 
lidi in einem grimmigen Ausfall gegen die heidnisdie Lektüre. 
Odo, der zweite Abt von Cluny, von wo die Reform der 
Möndisorden ausging Cf 942), sah, wie sein Biograph Johannes 
<I 12) erzählt, »im Traum ein Gefäß, außen zwar sehr sdiön, 
innen aber voll Schlangen, von denen er sidi sogleidi umringt 
sah, ohne gebissen zu werden. Beim Erwadien verstand er, 
daß die Sdilangen die Lehre der Diditer, das Gefäß, in dem sie 
verborgen waren, das Budi des Vergil, der Weg aber, auf dem 
er mit heißem Durst einherging, Christum bedeute.« Darum 
mahnt er aud\ später, die Heiden wären Toren gewesen, weil 
sie Gott nidit in seinen Werken erkannten und ehrten,- kein 
Rhetor oder lügnerisdier Diditer dringe in die Tiefen der Weis-^ 
heit/ die Besseren unter den Heiden ragten zwar durdi ihre 
geistlidie und sitdidie Überlegenheit aus der Masse hervor, seien 
aber Verworfene, was ja audi Augustinus <Civ. d. 19,25) 
ausgeführt hatte,- drum sollte man ihre Sdiriften nidit mit allzu- 
großer Liebe gebraudien, damit nidit die Glaubenslehre zum 
Überdruß werde. Othlo von St. Emmeram. in Regensburg 
<11. Jahrh.) bringt in seinem 'Liber metricus de doctrina spiri- 
tuali' ein eigenes Kapitel <11) 'De libris gentilium vitandis.' 
Damiani <t 1072), der in seinem 'Liber Gomorrhianus' die 
Aussdiweifungen des Klerus ungesdiminkt sdiildert, der mit dem 
Cluniazensermöndi Hildebrand gemeinsam gegen Simonie und 
Priesterehe eifert, der den Kaiser Heinridi IV. durdi seine 
strengen Worte von der beabfiditigten Ehesdieiduijg abbradite 
und als Abt im Stifte Gubbio die Geißelungen in ein gewisses 
System ausarbeitete, eifert aufs sdiärfste gegen die Möndie 
<Opusc. XIII 11), die unter dem Vorwande weltlidie Studien 
trieben, d. h. heidnisdie Klassiker lasen, »ut locupletius ad studia 
divina proficiant«. Was also nodi Cassiodor zur Empfehlung 
der heidnisdien Lektüre gesagt hatte, ist bei Damiani bereits 
zum irreführenden Aushängesdiild geworden. Und so nahmen 



S Erster Teil. Moralisdie Wertung. 

die Studien immer mehr ab. Wie der von Odo hodigesdiätzte 
Sulpicius Severiis den Homer und der Abt Odilo von Ciuny 
den Cicero in die Hölle versetzten, so malt die Äbtissin Herrad 
von Landsperg im Elsaß <t 1195) in der 8, Tafel des 'Hortus 
deliciarum' den heidnisdien Poeten sdiwarze Vögel auf die 
Sdiulter zum Zeidien, daß sie »immundis spiritibus inspirati artem 
magicam et poeticam, licet fabulosa commenta« sdirieben. Und 
Herbort von Fritzlar <c. 1210) entsdiuldigt sidi, daß er in 
seinem 'Liet von Troie' die Bildsäulen der Götter verehren und 
fragen läßt, und meint besdiwiditigend , es sei ja alles vor 
Christi Geburt gesdiehen. 

Im 12, Jahrhundert war die sdiolastisdie Rid\tung, weldie 
die trod^ene Verstandessdiärfe mit ihren feinen Distinktionen 
und logisdien Spitzfindigkeiten zu einem unfruditbaren Spiel mit 
Quidditäten und Häcceitäten, spezifisdien Differenzen und ver- 
borgenen Qualitäten mißbraudite und in dem diristlidien Dogma 
und der aristotelisdien Metaphysik das A und O alles mensdi* 
lidien Wissens erbliAte, nadigerade zu einer sdiarfen Partei wider 
die wenigen Verehrer der klassisdien Autoren, besonders der 
Diditer geworden. Johannes von Salisbury <t 1180), der 
Sdiüler Abälards, der Freund von Thomas Bed<.et, der in seinem 
'Metalogicus" den toten Formalismus der Sdiolastik geißelt, klagt 
<I 3> : »Si quis incumbebat laboribus antiquorum, notabatur et 
non modo asello Arcadiae tardior, sed obtusior plumbo vel 
lapide, omnibus erat in risum,« 

Selbst Vincenz von Beauvais <t 1264), der die Söhne 
Ludwigs IX. von Frankreidi unterriditete , und das enzyklo^ 
pädisdie Hauptwerk des Mittelalters, das 'Speculum malus' 
verfaßte, rät den Lehrern, sie sollten zu den diristlidien Diditern 
luvencus, Prosper, Sedulius und andern greifen, falls sie die 
Jugend in Poesie und Metrik unterwiesen. Und der Minorit 
Alexander von Villedieu <13. Jahrh), der seine drei Ge- 
didite (Doctrinale, Ecciesiale, Theologicum) zu dem ausge^ 
sprodienen Zwede verfaßt hatte, die heidnisdien Diditer zu ver= 
drängen und in jenen alles mensdilidie Wissen aufzuspeidiern, 
wurde der Hauptlehrer des Mittelalters. Bis 1500 ist sein 
'Doctrinale' über vierzigmal gedrudit. 

So konnte der Leiter der Stiftssdiule des bambergisdien Vor= 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt. 9 

ortes Theuerstadt , Hugo von Trimberg, bereits 1280 in 
seinem 'Registriim' klagen: »omne vetus Studium perit accedente 
moderno/ quondam aput veteres lecti sunt auctores«,- jetzt meint 
er, sei es modern, die sdiolastisdien Spitzfindigkeiten zu lesen 
und zu zergliedern. 

Gewiß wäre es falsdi, wollte man jede Besdiäftigung mit 
den Alten audi in diesen Zeiten leugnen,- gewiß gab es audi 
im Mittelalter Geistlidie, weldie zu den antiken Klassikern ein 
persönlidies Verhältnis gewannen und sie um ihrer selbst willen 
lasen und genossen. Radbert Paschasius, seit 844 Abt in 
Korvei, war klassisdi gebildet, schätzte Vergil als den größten 
Diditer, Cicero als König der Beredsamkeit, zitiert Horaz mit und 
ohne Namen. E u 1 o g i u s <c. 850> bradite auf seinen Reisen aus 
Klöltern um Pampelona Büdier mit, um die sidi dort niemand 
kümmerte, die Aeneis, Juvenal, die Satiren des Horaz <apol. 
§ 15>, Die Herzogin Hadwig von Sdiwaben, seit 973 Witwe 
auf dem Hohentwil, sdienkte dem jüngeren Burdiard ein Horaz- 
exemplar, wie sie audi mit Ekkehard den Vergil las <MG II 
126>. 

Gerbert <t 1003), der spätere Papst Silvester II,, der 
Lehrer Kaiser Ottos III., war mit Sallust, Cäsar, Sueton, Cicero 
eng vertraut und sparte keine Mühe, Handsdiriften überall zu 
erwerben. Diese Hinneigung zur Antike sdiadete ihm in den 
Augen der Zeloten,- nodi Walther von der Vogelweide 
nennt thn aus »Zauberergesdiledit« und knüpft an die Sage an, 
der Teufel habe ihn geholt. 

Hrosvitha wird von der gelehrten Äbtissin Gerberge 
<959-^1001>, der Toditer des Herzogs Heinrich von Bayern, 
in den Kreis der Klassiker eingeführt,- der Geschichtschreiber 
Lambert von Hersfeld <1058> zeigt in seinen Annalen fleißige 
Benützung des Sallust und Horaz,- der Abt AI tun von Frei- 
sing <1182— 1197> ^ieß Handschriften von Horaz und Vergil 
anfertigen und mit kostbaren Bildern verzieren. 

In Tegernsee wurden unter Abt Gozbert <982— 1009) 
neben Priscian auch Statius, Persius, Juvenal, Horaz und Cicero 
gelesen,- ein gewisser Reginfried hatte bei seinem Kloster- 
eintritt all seine Bücher J^Gott und dem heiligen Quirinus« ge- 
schenkt, darimter Vergil, Horaz, Ovid, Dares und Curtius. 



10 Erster Teil. Moralisdie "Wertung. 

Walther von Speier zitiert <c. 973> in seiner »Vita et passio 
S, Christophori« Horaz und andere Heiden,- ebenso eine Welt= 
dironik vom Jahre 1270. 

Bernardus Silvester <t 1160) dringt immerfort auf die 
Lesung der Alten und erfüllte seinen Sdiüler Johann von Salis^ 
bury mit gleidier Begeisterung,- dessen Freund, Peter von Blois 
<t 1200), zitiert antike Autoren in Menge,- Giraldus deBarri 
<c, 1220) verlangt nidit bloß sdio'astisdie , sondern Bildung 
»in authoribus«. Evrard de Bethune <13. bis 14. Jahr^ 
hundert) bespridit in seinem »Labyrinthus« die Autoren, die 
man zu seiner Zeit las : Cato, Theodulus, Aesop, Statius, Horaz, 
Vergil u. a. Aber im ganzen siegte der Geist der Sdiolastik 
mit der Auffassung, die sidi im Grunde ded<t mit der Ansidit 
des heiligen Hieronymus und Augustinus : Wenn man wirklidi 
die heidnisdien A^utoren las, so sollte es nur im Dienste der 
Theologie gesdiehen, insonderheit zur Erklärung der heiligen 
Sdirift^). Eine Lektüre, die sidi an dem Inhalte der alten 
Autoren ergötzte, gesdiweige denn sieb erbauen wollte, galt 
als undiristlidi, heidnisdi, sündhaft. 

Demgemäß ist audi die offizielle Stellungnahme der Kirdie, 
die im Grunde stets dieselbe geblieben ist. Sdion die 'Statuta 
ecclesiae antiqua' vom Jahre 435 verlangten <can, 16), »ut epis- 
copus gentiÜum libros non legat« und verwiesen auf Hieronymus, 
der in seinen späteren Lebensjahren <ep. 53) gemeint hatte, 
David sei soviel wie Simonides, Pindar und Alkaios, nidit minder 
soviel wie Flaccus, Catull und Serenus. Audi in den »zu An-^ 
fang des 5. oder Ende des 4. Jahrhunderts« abgefaßten 'Aposto- 
lischen Konstitutionen' <I 6) lesen wir ein klares Ver- 
bot der heidnischen Lektüre. »Von den heidnisdien Büdiern 
rühre keins an ! Denn was hast du gemein mit Reden , Ge^ 
setzen, Pseudopropheten der Andersgläubigen? Soldie Büdicr 
madien sogar die minder Starken in ihrem Glauben irre. Was 
gibt es, das du nidit im Gesetze Gottes hättest, daß du didi 
auf jene heidnisdien Fabeleien verlegst?« Diesen kirdilidien 
Verboten entsprediend konstatiert Conrad von Hirse hau 
in seinem 'Dialogus super auctores' <c. 1100): »Antiquorum 
studia, quae non recipit nee approbat nune ecclesia, quia facile 
respuitur vana et falsa doctrina, ubi incipiunt elarescere divina.« 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt- 1 | 

Und das Konzil von Trient <1545> sagt über diesen Punkt: 
»<Libri> antiqui ... ab Ethnicis conscripti, propter sermonis 
elegantiam et proprietatem permittuntiir, nulla tarnen ratione 
pueris praelegendi sunt.« 

Im gleidien Sinne erklärt die 'ratio et vita recte atque ordine 
procedendi in literis humanioribus' der Jesuiten <1599>: »Für 
uns können die heidnisdien Sdiriftsteller des Altertums nur einen 
untergeordneten Zwed< haben, nämlidi den Zwed<, den Stil zu 
bilden. Durdi die Klassiker soll die Spradie der Hellenen, be- 
sonders aber der Römer gewonnen werden, der Stil gebildet 
werden und nidits weiter, nidits anderes.« Der" vielumstrittene 
und mißverstandene Leitsatz des Trienter Konzils wird am besten 
durdi die Neuausgabe des 'Index librorum prohibitorum' vom 
Jahre 1897 (officiorum ac muneruin) erläutert, wo von den 
Büdiern der alten wie neueren Klassiker mit unsittlidiem oder 
sdimutzigem Inhalt die Rede ist <cap. 4>. Diese sind »wegen 
der Feinheit und Reinheit der Spradie jenen gestattet, weldie 
die Rüd^sidit auf ihren Beruf oder ihr Lehramt entsdiuldigt,- 
zum Llnterridit der Jugend jedodi sollen nur sorgfältig gereinigte 
Ausgaben benutzt werden.« In der Praxis sdiuf man eben, da 
die formale Bildung dodi nidit geleugnet werden konnte, die 
Ausgaben ad usum Delphini,- so befiehlt zum Beispiel die Sc+iu!- 
Ordnung der Mündiener Poetensdiule von 1548, die Johann von 
E,(k mitentwarf, eine gehörige Auswahl unter den antiken 
Klassikern, damit »die heidnisdien Sdiwätzer imd Fabclhansen, 
die da mit heidnisdier Phantasei, Götzendienst und Puchlwerck 
zu tun haben, der Jugend nidit verderblidi werden.« 

Mit dem Humanismus wird eine geistige Revolution ein- 
geleitet: Die Autoren der Antike werden nun aus bloßen Lehrern 
der Grammatik und Rhetorik Lehrer des Lebens, einer neuen 
Weltansdiauung, sie werden Seelenberater, liebe Freunde, 
Herzensgeliebte. Hatte die Sdiolastik im Vollgefühl des eigenen 
Könnens audi die lateinisdie Spradie den neuen Bedürfnissen 
angepaßt und in lebendigem Sdiöpfungsdrang umgebildet, miß' 
bildet: die Renaissance griff wieder zurück zu den klassisdicn 
Mustern der lateinisdien Spradie,- der alte Streit zwisdien 
Attizismus und Asianismus, zwisdien Modernismus und 
Ardiaismus erwadite wiederum,- die spradilichr Rc.iktion 



J2 Erster Teil. Moralische Wertung. 



siegte wieder einmal und madite das Latein endgültig zu einer 
toten Spradie. 

Dieser Triumphzug der Antike bedarf an und für sidi keiner 
eingehenden Sdiilderung, Aber daß audh eine Gegenströmung 
aus religiösen Beweggründen nidit fehlte, darf dodh nidit ver= 
hehlt v/erden. Der Humanist Pico vonMirandola<t 1494) 
weist in seinem »examen vanitatis doctrinae gentium« die Ver^ 
kehrtheit der antiken Denker nadi und ruft aus: »Wer wird 
sidi sdieuen, Augustinus dem Plato gegenüberzustellen, Thomas, 
Albert, Scotus dem Aristoteles,- wer mödite Äsdiines und 
Demosthenes den Vorzug vor Jesaias geben?« 

Savonarola, der sdion in seinem 'apologeticus in poeticen' 
bemerkt hatte : »All diese heidnisdien Diditer, Gesdiiditsdireiber 
und Redner sind Sdiwätzer und Betrüger,- denn da sie nur das 
natürlidie Lidit haben, konnten sie nidit von übernatürlidien 
Dingen reden« und zur Sdilußfolgerung kam ; »Ego melius puto 
Christianos moribus ornatos minori fulgere eloquentia quam propter 
eloquentiam <sc. Ciceronis, Demosthenis) Christi nomen perdere,« 
der in seinen Fastenpredigten gegen Karten- und Würfelspiel, Buhl^ 
dirnen, anstößige Gemälde, musikalisdie Instrumente eiferte, der 
gegen Boccaccio im Autodafe der »Eitelkeiten« vorging: er fuhr 
audi in einer Adventspredigt von 1493 gegen den Heidenkult der 
Humanisten, der ja in Florenz eine besondere Heimstätte gefunden 
hatte, aufs sdiärfste los: »Geh hin nadi Rom 'und durdi die ganze 
Christenheit,- in den Häusern der großen Prälaten und der 
großen Herren treibt man nidits als Poesie und Rhetorik. Geh 
nur hin und sieh nadi ! Du wirst sie finden mit den huma- 
nistisdien Büdiern in der Hand, wie sie sidi den Ansdiein geben, 
als wüßten sie mit Vergil, Horaz und Cicero die Seele zu 
leiten!« Und voller Ingrimm verdammt er jene »Büdier des 
Teufels«. Aber nicht bloß auf katholisdier und jesuitisdier Seite 
eiferte man gegen »die Sdiwätzer und Fabelhansen«, audi in 
protestantisdicn Kreisen vertrat man diesen rigorosen Stand- 
punkt, Luther sagt: »Die Ebräer trinken aus der Bronnquelle, 
die Griedien aber aus Wesserlin, die aus der Quelle fließen, 
die Lateinisdien aber aus Pfützen.« Bei Aristoteles beklagt er, 
»daß der verdammte, hodimütige, sdialkhafte Heide mit so 
falsdien Worten soviel der besten Christen verführt und narret 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt. ] 3 



hat.« Die alten Sprachen empfiehlt er nur, weil sie zum Studium 
der Bibel nötig sind. Man glaubt einen Tertullian oder Damiani 
wieder zu vernehmen, wenn wir hören, wie Comenius in 
seiner 'Didactica magna' <Op. I 147) sagt: »Wollen wir wirk- 
lich diristlidie Schulen haben, dann müssen wir die heidnischen 
Lehrer abtun , . . Die Hauptsdiulen der Christen bekennen nur 
dem Namen nach Christum, in Wahrheit sind die Terenz, 
Plautus, Cicero, Ovid, Catull, Tibull, Venus und die Musen 
ihr Schatz und ihre Liebe . . . Unsere größten Gelehrten selbst 
unter den Theologen, den Verwaltern der göttlichen Weisheit, 
haben die Larve von Christus, Blut und Geist von Aristoteles 
und dem übrigen heidnischen Schwärm.« »Aber um des Stiles 
willen muß man Terenz, Plautus u. a. lesen!« — Ich antworte: 
Sollen wir darum unsere Kinder in die Kneipen und Huren- 
häuser führen, damit sie sprechen lernen? Du sagst: »Nicht 
alle sind schmutzig,- Cicero, Virgil, Horaz und andere sind an- 
ständig und würdevoll.« — Ich antworte: »Auch das sind blinde 
Heiden, die vom wahren Gott zu Göttern und Göttinnen den 
Sinn der Leser lenken.« Und der berühmte mährische Pädagog 
blieb nicht vereinsamt. Zahlreiche Gleichgesinnte pflichteten ihm 
bei. So schreibt der hannoversche Prediger Büscher <1625>: 
»Warum sollte ein Knabe nicht sowohl einen lateinischen Vers 
schreiben lernen aus dem Buchanan, Eobano und dergleichen als 
aus dem Homero, Virgilio, Ovidio, Horatio? Es wäre denn 
Sache, daß man dieses für kein gutes Carmen wollte halten, wo 
nicht heidnische Götzen, Apollo, Mercurius, Jupiter und der- 
gleichen Teufel sich mehr darin hören und sehen ließen. Wie 
könne man es verantworten, einem Knaben der Heiden Bücher 
in die Hand zu geben, dieweil das Gift so heimlich darin ver- 
borgen steckt?« Ebenso empfiehlt der Wirtenberger General- 
Superintendent Calovius <t 1686), der klassisdie Vertreter 
des zelotisdien Luthertums im 17. Jahrhundert, statt der heid- 
nischen Autoren christliche: für Horaz Buchanan oder den 
Horatius Christianus, ingleichen füi den Terenz den lerentius 
Christianus und ähnliche, während der Humanist Cellarius 
<t 1707) in Halle Heiden und Christen nebeneinander zulassen 
wollte, damit man aus jenen das reine Latein lerne, von diesen 
zu einem frommen und diristlidien Lebenswandel geführt werde. 



14 Erster Teil. Moralisdie Wertung. 

Hingegen beseitigte der Rektor Jakob Thomas in Leipzig, der 
offen ausspradi: »Idi sollte vermeinen, das Budi der Weisheit, 
der Judith und andere wären so gut, ja nodi besser gewesen 
als der Narr Homerus und die übrigen heidnisdien Poeten und 
Oratores«, an seiner Sdiule alle Heiden, wie es blieb, bis der 
Philologe J. H, Ernesti die Leitung übernahm <1734>. Denn 
die strengen Pietisten verwarfen des »Papstes Dradienspradie« 
überhaupt und deshalb audi alle in jenem verflluditen Idiom ge- 
sdiriebenen Büdier : nationaler Chauvinismus in einem religiösen 
Mänteldien. 

Gegen das Studium der Antike in den Klöstern ging nodi- 
mals von Frankreidi im 17. Jahrhundert eine Bewegung aus 
von dem Stifter des Trappistenordens, dem Zisterzienserabt 
D. Armand Lebouthillier de Rance, der wie soviele 
seiner gleidngesinnten Vorläufer selbst eine klassisdie Bildung ge^^ 
nossen hatte. Nur eine Besdiäftigung ist nadi seinen Grundsätzen 
dem Möndi erlaubt: Beten, Psalmensingen , Handarbeit bei 
strengem Fasten und ewigem Stillsdiweigen. Studium, Untere 
ridit, Predigt, Missions-^ und seelsorglidie Tätigkeit sind als un^ 
vereinbar mit dem wahren Geist des Mönchtums verboten. 
Leibniz trat dagegen auf und vor allem der Mauriner Ma^ 
billon^), der gegen Rance mit kirdilidier Approbation den 
bekannten Satz des heiligen Basileios auffrisdite: »Das, denk 
idi, gilt bei allen vernünftigen Mensdien als. ausgemadit, daß 
unter den Gütern, die uns zu Gebote stehen, die Bildung den 
ersten Rang einnimmt. Und idi rede nidit bloß von jener 
höheren Bildung, die uns <den Christen) eigen ist-. . ., sondern 
audi von der profanen <TrjV scojOsv -aiosuaiv), die von der 
großen Menge der Christen aus Unkenntnis als feindselig, trü- 
gerisdi und Gott entfremdend verabsdieut wird.« 

Hatte der Pietismus Geister wie Lessing durdi seinen leiden^ 
sdiafdidien Fanatismus und sein denksdieues Mortifikations^ 
System zu sdiarfen Gegenhieben aufgestadielt, so fand andrer- 
seits der Paganismus Lessings, Wielands, Goethes und Sdiillers 
in den Romantikern bittere Feinde. Goethe, der sidi wie 
Winckelmann einen »dezidierten Niditdiristen« nannte, der So= 
krates, Plato und Aristoteles als die Evangelisten vor Christo 
betraditet, der nodi 1813 sdirieb: »Als Diditer und Künstler 



I. Strömung gegen die antiken Autoren überhaupt. 15 

bin ich Polytheist, Pantheist dagegen als Naturforsdier, und eins 
so entsdiieden als das andere«, W, v. Humboldt, der auf 
das Wölinersdie Religionsedikt hin <9. Juli 1788) seine Ab^- 
handlung über Religion sdirieb, die ihm von Varnhagen den 
Beinamen »ein Heide« eintrug, der gelegentlidi an Goethe 
schrieb, daß »alles Heidnische ihn anspreche«, Jacobi, der 
sagte, er habe 1792 einen wahrhaft julianischen Haß gegen das 
Christentum gehabt , Herder, dem man die Vatersdiaft der 
Humanitätsreligion ohne Dogmen zuschrieb. Lessing, der 
Christentum, Judentum und Islam gleich stellte und jede Offen= 
barung leugnete , Schiller, der an Stelle Christi die Kunst 
setzte und deshalb auch die griechische Götterwelt verherrlichte, 
wurden von den Wortführern der Romantik schonungslos als 
moderne Heiden hingestellt. Kam noch dazu, daß z.B. Grille 
parzer vor den Ruinen des Campo vaccino in Rom <1819> 
den »Machtkoloß« des Kolosseums anrief: 

Und damit verhöhnt, zersdilagen 
Du den Martertod erwarbst. 
Mußtest du das Kreuz nodi tragen. 
An dem. Herrlicher, du starbst ! . . . 
Wenn ein Stamm sidi losgerissen, 
Und den Vater mir erschlug, 
Soll ich wohl das Werkzeug küssen, 
Wenn's auch Gottes Zeichen trug? 

Stimmen, die sich später in dem Paganismus eines Leconte de 
Lisle u, a. zu einer W^eltanschauung verdichteten: so ist es kein 
Wunder, wenn um die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts 
eine mächtige Agitation gegen die klassisdhen Studien entfacht 
wurde, die in der bekannten Streitschrift 'Ver rongeur' des 
Abbe Gaume einen beredten Führer fand. Demgemäß tauchte 
auch erneut die alte Forderung auf, »die Kirchenväter als not 
wendige imd zeitgemäße Lektüre« an den Gymnasien wieder 
einzuführen <Auer, Wien 185:>. Der Jesuit P, Daniel hatte 
sich 1855 sdion seinem Landsmann entgegengestellt, und den= 
selben Standpunkt vertritt in jüngster Zeit noch der Jesuit 
Gietman"'): »Wir brauchen keineswegs davor zu erschred^en, 
diese Heiden in den Händen der Christen zu sehen . . . Nidit 



\Q Erster Teil. Moralische Wertung. 

einmal aus den Schulen braucht man aus sittlich^religiösen Be- 
denken die besten der Griechen imd Römer oder ausgewählte 
Werke derselben auszuschließen.« Der berühmte englische Kon- 
vertit Kardinal Newman tritt in seinem geistreidien Vortrag 
»Das Christentum und die klassischen Studien« feurig für das 
Studium der Antike ein,- ebenso weist der Jesuit J. Stiglmayr 
in seinem schönen Buch »Das humanistische Gymnasium und 
sein bleibender Wert« eindringlidi nach, welches Interesse die 
katholische Kirche und die theologischen Disziplinen an der 
humanistisciien Bildung haben. Unter den Protestanten ist ja 
Harnacks überragendes Eintreten für die humanistischen 
Studien bekannt. 

Aber immerhin das eine zeigt der Lauf der Geschichte klar : 
je inniger die Hinneigung eines Zeitalters zur Antike in Er=^ 
scheinung tritt, desto stärker erhebt die religiös-christliche Reaktion 
ihr Haupt, deren innersten Beweggründen Sdiönaich=Carolath 
in seinem 'Ver sacrum' so schönen Ausdruck verlieh : 

»Wir wollen vom Haupt uns streifen 

Der Kränze sengenden Saum, 
Das fiebernde Lustergreifen, 

Den großen Gried-ientraum. 
Wir wollen die Hand ergreifen 

Des Schiifsherrn von Nazareth,« 

H. Strömung gegen die weltlidie Poesie überhaupt. 

Neben der mißgünstigen Wertung der antiken Autoren ist 
noch ein allgemeines Vorurteil hervorzuheben, das seine Wurzel 
schon im Altertum hat, aber in der christlichen Ansdiauung be= 
sonders triebkräftig aufschoß: Die Mißachtung der weltlichen 
Poesie überhaupt. Nach zwei Seiten hin betätigte sich diese 
poesiefeindliche Richtung. Man betrachtet die Poesie als 
Spielerei, als eines ernsten, bejahrten Mannes unwürdig. 
Die Römer alten Schlages dachten so, und der alte C a t o rühmt 
mit einer gewissen Befriedigung jene Zeiten, da die Poesie nodi 
nicht in Ehren stand,- man nannte die Poeten verächtlidi grassa=- 
tores oder Schreiber, Ironisierend, mit einem Seitenblick auf 
derartige Ansichten, die auch im augusteischen Zeitalter noch 



II. Strömung gegen die weltliche Poesie überhaupt. 17 

nidit ausgestorben waren, nennen noch Catull und Horaz 
ihre Verse nugae, d. i. Possenspiel, leidites Zeug. Meinte doch 
auch Cicero, wenn er ein doppeltes Leben hätte, würde er 
sich l^eine Zeit nehmen, Lyrik zu lesen. Und auch Dion von 
Prusa ist der Ansicht, sie passe wohl für Schüler, aber nicht 
mehr für erwachsene Leute. Demgemäß mahnt Seneca der 
Philosoph in seinem 89. Briefe, man solle Poesie nur dann lesen 
oder treiben, wenn der Geist nidits Gescheiteres tun könne. 

Augustinus rechnet vom diristlichen Standpunkt aus die 
theoretische (Astrologie) und poetische »Kunst« Quintilians 
<Poesie, Malerei) zu den »überflüssigen<s menschlichen histituten. 

Diese Anschauung pflanzt sich fort durchs ganze Mittelalter. 
So zählt Vincenz von Beauvais'') in seinem »speculum 
doctrinale« Dichtungen aller Art zu den appendicia,- wenn man 
überflüssige Zeit habe, mag man sie lesen, weil hie und da 
Spielerisches unter den Ernst gemischt mehr Kurzweil verschafft. 
Vergerius') meint ebenfalls in seinem vielgelesenen Buche 
»De ingenuis moribus« <c. 1404), die Poesie sei hauptsächlich 
zur Ergötzung geschaffen. Goswin von Haien, der Famulus 
von Gansfort Wessel, schreibt anfangs des 16. Jahrhunderts: 
»Den Ovid und Schriftsteller ähnlichen Schlages mag man ein= 
mal lesen,- mit größerem Fleiße schon Virgil, Horaz und Terenz, 
wenn man überhaupt in unserem Stand ein be- 
sonderes Studium auf die Dichter anwenden will.<^ 

Daß Savonarola die Dichter seiner Zeit auffordert, sich 
von den knabenhaften Beschäftigungen des Dichtens ernsteren 
Dingen zuzuwenden und den Cicerosatz <de fin. I extr,): 
»ii indocti, cjui cjuae pueros non didicisse turpe est, ea putent 
usque ad senectutem esse dicenda« zitiert, nimmt uns nicht 
weniger wunder. 

Grasser in seiner Dissertation »De poesi« <1617)^) gibt 
der edlen Jugend den Rat, die poetischen Tändeleien -o(f/ip-,'ä>c 
zu behandeln und ihnen nicht wie den Klängen der Sirenen 
nachzuhängen. Der Jesuit Bald e erzählt uns selbst <op. IV 51 3 f.), 
»daß die Ordenszensoren an ihm rügten, daß er sich noch in 
höherem Alter mit Poesie beschäftige«. Rist, der Stifter des Elb" 
Schwanenordens, der sich durch seine geistlichen Lieder den 
Adel ersungen hatte, nennt im »Neuen deutsdien Parnaß* (1652) 

Stemplinger, Horaz. 2 



18 Erster Teil. Moralische Wertung, 

die Poesie »ein Konfekt nach der Mahlzeit«. Dem Moral* 
Professor J. H, Heidegger in Züridi <seit 1665) sind die 
Poeten nur »Sylbenkönige«, die er gar nidit tief genug ein^* 
sdiätzen kann. Im Sinne der Zeit läßt Lessing einen rufen: 

»Müßige Poeten 

Hat Piatos Republik, Europa nidit vonnöten.« 

Ebenso ironisdi meint nodi Geibel: 

»Die Welt ist kommen zur Vernunft 
Und braudit jetzt keine Poeten.« 

Und ist in der Tat^ heutzutage diese Mensdienart ausgestorben, 
die so denkt und spridit? 

Eine andere Gruppe bezeidinet die Besdiäftigung mit Poesie 
geradezu als schädlich. So sagt der berühmte Wolfianer 
Bilfinger, der Mathematiker und Philosoph, in seinen »diluci- 
dationes« <§ 270: de inteilectu), die Poesie sei für das klare 
Denken unzuträglidi, — Aus diesem Grunde eifert audi der 
bekannte Philosoph Locke <Handbudi ed. Campe p. 515) 
gegen die Besdiäftigung mit der Poesie: »Idi dädite, Eltern 
sollten dafür arbeiten, <die poetisdie Ader) zu erstid<en oder zu 
unterdrüAen, soviel sie könnten, und idi weiß nidit, was für 
Gründe ein Vater haben kann, zu wünsdien, daß sein Sohn 
ein Poet werde, wenn er nidit etwa wünsdit, daß er jedem 
andern Beruf und jedem Gesdiäfte des Lebens absterbe.« — 
Viel mehr Bedenken erregte aber der Lebenswandel der Poeten 
und der Inhalt ihrer Werke. 

Der Hieronymianer Gerh, Groot <t 1384) predigte: 
»Wende keine Zeit auf Geometrie, Arithmetik, Rhetorik, 
Dialektik , Grammatik , Poesie , Nativitätstellen , Astrologie ! 
Alles dies Treiben verwirft Seneca, gesdiweige denn ein dirist= 
lidi gesinnter Christ . . . Die Wurzeln deiner Studien seien 
die Evangelien, dann die Kirdienväter und apostolisdien 
Sdiriften.« 

Sdion Agrippa von Nettesheim, der berühmte 
Okkultist des 16. Jahrhunderts, hat in seinem Budie »De in= 
certitudine et vanitate scientiarum« <1531> im 4. Kapitel <de 
poesi) alles zusammengefaßt, was jemals gegen die Diditer 
gesagt worden war, hatte Augustinus zum Kronzeugen an- 



II. Strömung gegen die weltliche Poesie überhaupt. 19 

gerufen, der die Poesie einen Wein des Irrtums, von trunkenen 
Lehrern kredenzt, und Hieronymus, der sie eine Teufelsspeise 
nennt, und sdiiießlidi im Tone Tertullians gesdilossen: »Die 
Poesie ist gerade von den trefFiidisten Männern als Mutter der 
Lüge veraditet worden,- denn es ist das Bestreben der Diditer, 
mit zusammengefliditen Versen vor töriditen Ohren zu trillern 
und Lärm zu madien mit erdiditeten Fabeln !« So dadite audi 
der Begründer des Humanismus in Frankreidi, Budaeus <»De 
studio literarum«, 1527>, so Berni in seinem »Dialogo contro 
i poeti« <1526>, so der spanisdie Humanist und Pädagog Vives 
<t 1540). Zum wuditigsten Sdilage aber holte der gelehrte 
französisdie Humanist Tanaquil Faber <Le Fevre) aus, 
Nadidem er* mit seinem Übertritt zur reformierten Kirdie sidi 
audi zur strengen puritanisdien Lebensanschauung bekehrt hatte, 
veröffentlidite er 1697 sein Budi : »De futilitate poetices«, worin 
alle Laster der Diditer aufgezählt und mit klassisdien Stellen 
belegt sind. Sie setzen die Götter herab : vergleidie Homer 
und Horaz, der den Diebstahl Merkurs besingt <c. 6>,- sie sind 
religionslos : siehe Horaz , der die unsittlidie Sappho unter die 
seligen Geister versetzt <c. 7)/ sie veriadien die ewigen Strafen: 
vergleidie Horaz II 8 <c, 9>,- sie führen ein Sdiandleben: Horaz 
und Sophokles waren in die Wollüste des Leibes versunken 
und absdieulidien Liebsdiaften ergeben <c. lU),- sie rühmen sidi 
in ihren Diditungen ihrer Fehler und Laster <c, 11>,- sie loben 
die Sdiandtaten anderer <c. 12). Nur eine Diditungsart findet 
Gnade vor seinen Augen, die religiöse. Damit trifft er mit 
Thomas Murner zusammen, der in seiner Sdirift: »Hiero-^ 
nymiana Augustinianaque pudicorum poematum commendatio, 
impudicorum vero miranda castigatio« <Straßburg 1509) zum 
Ergebnis gekommen war, der editdirisdidie Diditer solle sidi 
nur mit geistlidien Stoffen abgeben. Das war jene Zeit, da 
dem vordringenden Rationalismus der Pietismus entgegentrat, 
der allniählidi zu unduldsamster Ketzerriditerei ausartete, da 
Bekehrungswütige und in Bußkrämpfen sdiwelgende Eiferer 
einen förmlidien Kreuzzug gegen die »sdinöde Welt«, den 
sündigen Leib und wehlidie Freuden einleiteten , da Tanz, 
Kartenspiel, Theaterbesudi, Ballspiel, kurz jede weltlidie Lustbar^ 
keit für unerlaubt galt. Damals sdirieb ein Breslauer Pastor 

T 



20 Erster Teil. Moralische Wertung. 

ein zorniges Budi »wider die Sünden der Poeten« <1734>,- da- 
mals las man die fanatisdien Predigten des Leydener Professors 
Andreas Rivetus gegen das Theater: »Unterridit von 
Comödien und andern Sdiauspielen, Aus dem Lateinisdien 
ins Deutsdie übertragen« <CöIln a, d, Spree, 1674)/ damals 
stimmte Le Clerc in seinen vielgelesenen »Parrhasiana« <1699> 
jubelnd in die Brandsdirift Le Fevres ein,- damals wurde der 
Prediger Schlosser zu Bergedorf, der als Kandidat einige 
rührselige Komödien verfaßt hatte, auf ein Gutaditen der theo^ 
logisdien Fakultät zu Göttingen 1769 in der unduldsamsten 
Weise verfolgt,- damals verfodit Lessings bekannter Gegner, 
Hauptpastor Goeze zu Hamburg, die These, »daß ein frommer 
Mann Sdiauspiele nidit ohne Not, nidit oft und* nie mit Lust 
besudien könne und müsse«. Damals erhob sidi in Hamburg 
ein sdiarfer Kampf gegen die Lateinsdiulen mit ihren »alten 
heidnisdien Hurenjägern und Sdiandlappen« <vgl. Dr. Mengering: 
»Scrutinium conscientiae«),- damals herrsdite jene Geistes^ 
Strömung, da der Vater Lessings »den niederträditigen Um^ 
gang seines Sohnes mit Komödianten« mit dem vollen Ingrimm 
seines Herzens knirsdiend ansah. Der Sdiweizer Bodmer 
nahm an dem Trinken und Küssen des seraphisdien Klopstock 
arges Ärgernis, und der junge Wieland verklagte, als er nodi 
in seraphisdien Sphären sdi webte, den ehrsamen U z von Ans-^ 
badi als »unheiligen Sänger« beim Hohen Konsistorium, Des^ 
halb gab audi der vorsiditige Goetz seinen »Versudi eines 
Wormsers in Gediditen« <1745> anonym heraus in der geredit= 
fertigten Besorgnis, die Herren des geistlidien Rates, »die keinen 
Sdierz verstehen, könnten ihn um Brot und Frieden bringen«. 
Das Mittelalter hatte die Poesie in dem Kreise der artes 
liberales nidit geduldet. Als Petrarca das erste Manifest der 
Frührenaissancepoetik in seiner Sdirift: »Invectivarum contra 
medicum quendam libri IV« ausgab, wendet er jene mittelalter^ 
lidie Ausrangierung der Poesie gesdiiAt um in einen Vorzug: 
sie werde unter den artes liberales nidit aufgezählt, weil sie 
wie Theologie und Philosophie über allen Künsten stehe ,• 
namentlidi des heiligen Basileios Rede »an die Jünglinge, wie 
sie mit Nutzen heidnisdie Sdiriftsteller lesen können«, wird 
allenthalben als Kronzeuge angerufen. Und Boccaccio, der 



II. Strömung gegen die \x'eltlicfie Poesie überhaupt. 21 

in seiner »Genealogia deorum« sich im 14. und 15. Budi aus* 
sdiließlidi mit dem Redite poetischer neben juristischen Studien 
beschäftigt, weist immer wieder auf den poetischen Charakter 
der heiligen Schriften hin. 

Eine Reihe von Apologien ist nötig, um die Poetenzunft 
wieder in den Augen der Welt zu heben. So legt sich Vi da 
in seiner »Poetik« (1527: I, 515—563) in die Riemen, so Joh. 
Caseli US <»Pro arte poetica«, 1568), so Cos. Gagi (»Dell' 
eccellenza della poesia«, 1586) ,- so behandelt das Lob der 
Poesie J. Ha r rington im Vorwort zu seiner Übersetzung des 
»Ariosto« <1591>. Ausführlich erörtert Sir Sidney in seiner 
»Apologie for Poetrie« <1595> im 2, Kapitel, »what'objections 
may bee made against this arte«. 

Der Puritanismus erneuerte den Ansturm gegen die schäd- 
lichen Poeten im Sinne der Kirchenväter, welche gegen die Schau^ 
spiele gewütet hatten. Lind so mußten auch die Apologeten 
immer wieder vortreten. Wir erinnern nur an Boileaus Ver= 
teidigung (Art poet. 133 — 166), an Balzacs »Defense contre 
les accusateurs de la poesie« <1657), an Ben, Fiorentinos 
»Apologeticus s. de poeseos innocentia« <1680). Und Tan. 
Faber fand einen Erneuerer in B. Lamys: »Nouvelles re= 
fliexions sur Tart poeticjue . . . on f^it connaftre en meme tems 
le danger qu'il y a dans la lecture des Poetes« <1688). Rückte 
doch sogar Racine noch ins Feld gegen die plumpen Angreifer 
(»Defense de la poesie«, Oeuvr. III, 5). 

In deutscher Gründlichkeit spricht Opitz im 3. Kapitel seiner 
»Poeterey« »von etlichen Sachen, die den Poeten vorgeworffen 
werden«. So sei ein stehender Vorwurf, Wein und Weiber 
könne der Dichter nicht entbehren,- denn er könne nur schreiben, 
wenn er betrunken wäre, und wenn er nicht durch Liebschaften 
sich Stoff zu Laszivitäten verschaffe, ermangele seine Dichtung 
des Reizes. Puriranische Gemüter schlössen daraus, eine Kunst, 
die sich auf zwei der schändlichsten Laster stütze, sei als Teufels^ 
erfindung zu bekriegen und womöglich ganz vom Erdboden 
zu vertilgen. Die Verteidigung hinsichtlich des Weintrinkens 
fällt dem guten Opitz recht schwer. Sagt ja doch sogar B a c o n 
<»Advantecement of Learning II 22, 13): »Dit noth one of the 
fathers in great Indignation call posey vinum daemonum because 



22 Erster Teil. Moralische Wertung. 

it increaseth temptations, perturbations and vain opinions?« 
Opitz kommt über die bekannten Anfangsworte der horazisdien 
Epistel I 19 nidit weg, die er furditbar ernsthaft nimmt und 
wie ein Dogma respektiert. Er beruft sidi auf die »freieren« 
Gemüter der Poeten und auf Diditer, bei denen der Wein gar 
keine Rolle spiele, wie z.B. Pin dar, der das Wasser als das 
beste preise, und Sophokles, Hingegen zieht er ebenfalls 
gegen jene alten und neueren Poeten los, »die ihre reine 
Spradie mit garstigen epikurisdien Sdiriften besudelt und sidi 
an ihrer eigenen Soiande erlustiget haben«, 1624 entsdiuldigt 
er sidi in »Zinkrefs Ausgabe« in der Vorrede an den Leser 
hinsidididi der »Liebessadien«,- und 1625 in der Gesamtausgabe 
meint er, die Namen von Frauenzimmern in seinen Diditungen 
seien nidit mehr wie Namen, ebensowenig wie der »göttiidie 
Julius Scaliger so viel Lesbien, Crispillen, Adamantinen und wie 
sie alle heißen, geliebt und gepriesen habe«. Sein Ideal ist, 
daß die Poeten »so züditig reden, daß sie ein jeglidies ehrbares 
Frauenzimmer ungesdieut lesen mödite«. Demgemäß läßt er 
audi in seiner »Poeterey« bei den Eclogen die NeAereien der 
Liebenden, die in Scaligers »Poetice« eine bedeutende Rolle 
spielen, ganz weg, desgleidien die bräutlidien und ehelidien 
altercationes, und setzt dafür das »Heiraten« und »Absterben« 
ein. Als Muster für die Liebeselegie vermeidet er deutsdie 
Verse, sondern führt nur Lateiner auf. Wie Opitz, verhalten 
sidi audi andere Brüder in Apollo: Weckh erlin nennt später 
seine Liebeslieder »seiner Torheit Funken«,- Schwieger be= 
teuert, daß er keines seiner Liebeslieder einer Jungfrau zu Ge= 
fallen, sondern nur »imaginär« gediditet habe,- Zesen ver= 
sdiwört den »hitzigen Praddel seiner vollblütigen Jugend«. 
Baillet'-*) zeigt, daß viele diristlidie Diditer ihre juvenilia häufig 
revoziert hätten eingedenk des Satzes ; turpe senex vates. Ebenso 
stellt er eine ziemlidie Menge von Autoren zusammen, deren 
Leben und Charakter nidit mit ihren Diditungen übereinstimmte 
So sei R. B e 1 1 e a u , der trunkene Anakreontiker, sehr nüditern 
gewesen,- de Thou <de Bartas) ersdieine in seinen Poesien 
aufsdineiderisdi , sei aber in Wirklidikeit sehr besdieiden ge= 
wesen,- M. de Scudery kenne in ihren Poesien alle Formen 
der Liebe, in der Tat habe sie Liebe nie gefühlt. Man könnte 



III. Moralische Wertung des Horaz. 23 

diese Liste ieidit ergänzen. Lessing sdireibt über seine 
»Phyliis und Laura und Corinna« selbst, sie seien »Wesen der 
Einbildung«/ Gleim sang immer von Wein und trank keinen ,- 
der steife Justizrat Uz ersdieint in seinen Liedern als gefähr^ 
lidier Don Juan und war ein hodiehrbarer, sittenstrenger Mann,- 
Mylius, Lessings Jugendfreund, konnte mit Redit spötteln: 
»Idi kenne etlidie neue Anakreons, weldie beständig mit Bur- 
gunder und Champagner in ihren Liedern um sidi werfen und 
ihre Lebtage weder Burgunder nodi Champagner gesehen haben.« 
Und klingt es nidit nodi halb wie eine Entsdiuldigung, wenn 
nodi LI h 1 a n d bekennt : 

»Was idi in Liedern mandies Mal beridite, 
Von Küssen in vertrauter Abendstunde, 

Von der Umarmung wonnevollem Bunde, 
Adi, Traum ist leider alles und Gedidite !« 

Diese beiden Strömungen gegen die antiken Autoren und 
gegen die Poesie, insbesondere lyrisdie Poesie überhaupt, mußten 
zunädist in Kürze betraditet werden, will man auf die Wertung 
eines einzelnen antiken Autors näher eingehen. Denn sie 
wiederholen sidi bei jedem, sie spielen audi bei dem beliebtesten 
und Gesdiätztesten mit herein und stellen gleidisam den Unter- 
grund des Bildes dar, dessen Einzelheiten wir nunmehr näher 
ins Auge fassen wollen. 

III. Moralische Wertung des Horaz. 

L Horaz als Ethicus. 
Wir wissen, daß mit dem 6. Jahrhundert die letzten Spuren 
der Horaziektüre sidb verlieren, daß audi die Wanderlust der 
irisdien Möndie, die, gleidi wie die wandernden Heereszüge den 
Samen der Wegwarte bis in den äußersten Westen trugen, 
ihren Weg mit den Bildungskeimen antiker Autoren befruditeten, 
den Horaz nidit mehr lebendig madien konnte. Waren doch 
einzelne antiken Autoren sdion Gegenstand der Legende ge^ 
worden. So kam Aristoteles durdi die Alexandersage und 
seine Bedeutung in der arabisdien Wissensdiaft in den Gerudi 
eines mäditigen Zauberers und Nigromanten : er kennt die 



24 Erster Teil. Moralische Wertung. 

Bibliothek Salomos, des biblischen Zauberers, weiß die Geister 
als Fliegen in Glas und Rubin zu bannen u, ä, Audi Vergils 
bemäditigte sidi die Volkssage. In Neapel, wo seine Gebeine 
ruhen, bildete sidi die Idee von ihm als gutem Genius der 
Stadt, dem Talisman in allen Gefahren, Anderswo wird er 
zum zaubernden Magier: vergilisdie Verse vertreiben Dämonen, 
enthüllen die Zukunft/ er besitzt einen Zauberspiegel, in weldiem 
alle Vorgänge der Welt zu sehen sind, einen kupfernen Auto- 
maten, der auf kupfernem Roß Rom durdireitet, um das Ge^^ 
sindel zu verjagen u, ä. Nodi das Lied vom Wartburgkrieg 
erwähnt eine mystisdie Reise des Diditers, Auf Kirdienplastiken 
ersdieint er neben der Sibylle von Tibur, die dem Kaiser 
Augustus das Jesuskind in den Wolken zeigt, und Dante 
wird er zum Führer durdi Hölle und Purgatorium bis zur 
Sdiwelle des Himmels, — Sogar Horaz blieb nidit ganz der 
Volkssage fremd,- in Venusia, seinem Heimatort, verehrte man 
seine angeblidie Grabstätte, wie uns Richards vonPoitiers 
Chronik <12. Jahrhundert) verrät ^ ^) : »In urbe Venusia, ubi Robertus 
Wiscardi <=^ Guiskard) sepultus est, poeta Oratius in quadam 
turri veteri, quae muro urbis adhaeret, conditus est,« In Pale- 
strina spielte er bei seinen Landsleuten lange Zeit die Rolle 
eines wohltätigen Zauberers. 

Aber seine Sprudiweisheit, in leidit faßlidie, prägnante Form 
gegossen, blieb durdi die Jahrhunderte lebendig, gerade wie die 
Epitomen so mandies vollständige Werk verdrängten, ja über- 
dauerten. Die markigen, mit ethisdiem Gehalt erfüllten Gnomen 
lernte man fort und fort in den Sdiulen auswendig,- sie zitierte 
man in Rede und Sdirift,- sdiÜeßlidi versdimolz mit dem Namen 
Horaz das Cognomen E t h i c u s zu einem untrennbaren 
Ganzen. 

Die kernigen Sprüdie, namendidi den »moralisdien« Episteln 
entnommen, gingen in die »Florilegien« über, die im ganzen 
Mittelalter eine große Bedeutung gewannen. Es sei nur an 
die »Exempla diversorum auctorum« aus dem 8. Jahrhundert 
erinnert, wo 74 mal auf Horaz verwiesen wird, oder an das 
große enzyklopädisdie Werk des Brunetto Latini: »Li 
livres dou tresor« <c. 1260), in weldiem Horaz etwa 60 mal 
zitiert wird, lauter geflügelte Worte, wie sie audi in unserem 



III. Moralische Wertung des Horar. 25 

»Büchmann« verzeidinet sind. Diese Verse oder Versteile lernte 
man in den Sdiiifen auswendig, wie z, B. : »Semper avarus 
eget/ regina pecunia«, Mandies erfährt Umbildungen, wie z. B.: 
»Dimidium facti qui bene coepit habet«, wie sdion Hieronymus 
<in Zadi. II 6> sdireibt. Mandier Satz wird erweitert, wie: 
«Oderunt peccare boni virtutis amore, oderunt peccare mali 
formidi ne poenae.« 

Wie sidi um die Sprudiweisheit des Theognis, der dicta 
Catonis, des Jesus Siradi Altes und Neues kristallisierte, so 
wurde der Autorität des Ethicus Horaz mandie Sentenz untere 
gesdioben, die von ihm nidit stammt. So sdireibt Servatius 
Lupus, der Abt von Ferneres <842— 862> in einem Briefe 
<ep. 32> : »luxta illud Horatianum : meos dividerem libenter 
annos.« Albert von Stade (13. Jahrhundert) zitiert in 
seinem Troilus <ed. Merzdorf p. 5): »Horatius : felix quem 
faciunt aliena pericula cautum.« In den Ädagia des Erasmus 
sind dem Horaz zugewiesen: «Caecus caeco dux,- propria 
vineta caedere : cubito emungere« u. a. All diese Formeln imd 
Sprüdie gehören ihm nidit, 

Oder Sätze, die dem Diditer unzweifelhaft gehören, werden 
einem anderen zugesprodhen. So, wenn Johannes von Salis^ 
bury im Polycraticus <VII 9> sagt: »Quo semel est imbuta 
recens ait vel Cato vel alius <nam auctor incertus est).« 
Oder man geht wie mit herrenlosem Gut um, wie z. B. in einer 
Urkunde des Herzogs Heinridi I. von Breslau <aus dem Jahre 
1234) zu lesen ist: 'Quia sicut videmus et frequenter audimus, 
mors aequo pede pulsat pede pauperum cavernas quam 
turres potentum.' 

Das ist jener Horaz, auf den der Roman de la Rose 
<v. 6470) Bezug nimmt: 

»Ne te sovient^il pas d'Oraces, 

Qui tant ot de sens et de graces?« 

Diesen Horaz meint Voltaire in seiner 'Candide' <di. 25), 
wenn er sagt: »Oserais^je vous demander, NIonsieur, si vous 
n'avez pas un grand plaisir a lire Horace? — 11 a des 
maxi m es, dit Pococurante, dont un homme du monde peut 
faire son profit, et qui, etant reserrees dans des vers energiques. 



26 Erster Teil. Moralisdie Wertung. 

se gravent plus aisement dans la memoire.« Ihn läßt Dante 
neben Homer, Ovid und Lucan in der Vorhölle weilen <Hölle 
4, 85 fF.>, weil er zu denen zählt, die nidit sündigten, aber ohne 
den wahren Glauben und ungetauft auf Erden wandelten. Das 
ist jener Ethicus, von dem Melanchthon rühmt, er sei 
neben Vergil unter den Römern das, was Homer unter den 
Griedien bedeute: die Quelle alles Wissens oder, wie sidi 
Schopenhauer ausdrückt <I V 458), »der Diditer der Lebens- 
weisheit«. 

Von dieser unbesdiränkten Verehrung heraus destillierte 
man aus den horazisdien Diditungen eine horazisdie Theo- 
log i e <J. B. B i e d e r m a n n : V Prolusio super theologia Horati«, 
Freiburg 1760>, Homiletik <J, C. Stuß: »Virtutis homi=^ 
leticae ex Horatio specimen«, Nordhausen 1752 u, a.>, Päd^ 
agogik<J, B.Basedow: »Encyclopaediaphilanthropica Horati«, 
Leipzig 1775), ja sogar Jurisprudenz <J. G. Estor, »De 
iurisprudentia Horati«, Jena 1740), 

Auf versdiiedene Weise madite sidi der Einfluß des Ethicus 
Horaz audi in der neueren Zeit und in den modernen Litera- 
turen geltend. Zunädist sammelte man die horazisdien Sprudi= 
verse zu didaktisdien Zwed^en. Idi nenne: J. Badius: »Silvae 
morales mit Versen aus Vergil, Horaz u, a.« <1492>, Jos. 
Langius: »In locos communes digessit Horatium utili poeseos 
studiosis consilio« <1604>, G. de Haze: »Humanistarum curta 
supellex seu bibliotheca . . , continens , . . loca communia 
Senecae, Horatii aliorum« <1661), G. C. Fr ei es leben: 
»Maximes de morale, tirees de pensees d'Horace et reduites en 
forme de jeu« <1759>, S. C, Miger: »Pensees d'Horace, 
extraits de ses Ödes, Satires, Epitres et de son art poetique« 
<1812>, R. Poisson: »Florilegium Horatii . . . ou fragmens 
traduits d'Horace« <1821>, 

Treuherzig meint einmal Aischines, der bekannte poli-- 
tisdie Gegner des Demosthenes <Ktes. 195) : »Deswegen lernen 
wir wohl als Kinder in der Scfiule die Diditersprüdie , damit 
wir sie als Erwadisene im Munde führen.« Und so verfuhr 
man denn audi zu allen Zeiten mit Horaz, der als autoritative 
Person lidikeit zum Zeugen angerufen wird. So stützt Bona^ 
Ventura*^), der berühmte Mystiker und »sediste Kirdien- 



III. Moralische Wertung des Horaz. 27 

lehrer«, die zweite Begründung seiner »Introductio imaginum in 
ecciesiam« auf den Satz der Ars poetica v. 180 f.: 1, propter 
simplicem ruditatem, 2, propter affectus tarditatem, 3, propter 
memoriae labilitatem ,- so beruft sidi Notker^') von St, Gallen 
auf den verständigen Römer: 

»Ut cecinit sensu verax Horatius iste.« 
So sagt Abraham a Santa Clara in seiner Predigt^ 
Sammlung »Judas der Ertz^Sdielm« : 

»Pictoribus atque poetis quidlibet audendi semper 

fuit aequa potestas [=a. p. 10]. 
Diditen können nadi Begnügen 

Alle Mahler und Poeten : 
Dörffen sie dodi tapfer lügen. 

Wenn die Wahrheit sdhon vonnöten«. 

Oder Burkard Waldis in seinem Drama vom »Verlorenen 
Sohn« <V. 409) meint: 

»Der Heydenssdie Poet Horatius 

Vom yungen Gesellen sdirifft alsus <a. p. 160 ff.) : 
Keyn straffe willen ße nemen an. 

Den oldern nidit wesen underdann,- 
Pferde, Hunde, eyn lustidi grone veldt 
Bey ohn vele mehr dann wyßheit geldt.« 

Ebenso beruft sich Pauli in »Sdiimpf und Ernst« <108> auf 
den bekannten Diditer, wenn er Lucinius bemerken läßt: 

»Wan er sdion ein keiser wer worden, so wer er dannodit 
von bürisdier Art gewesen, wan als Flackus spridit: 

Fortuna non mutat genus etc.« <ep. 4, 6>. 
Wie man früher den Horaz lateinisdi zitierte, so taudien 
später in den modernen Literaturen immer wieder die didak^ 
tisdien Verse des Alten umgediditet auf. So, wenn wir in Seb. 
Brants »Narrensdiiff - lesen (50, 27): 

Wer sidi mit Wollust will beladen. 
Kauft kleine Lust mit Sdimerz und Sdiaden^ <= ep. I 

.2,53). 

<85, 41) »Der Tod mit gleidiem Fuß zersdiütt 

Des Königs Saal, des Hirten Hütt« <= c.I 4, 1 3). 



28 Erster Teil. Moralische Wertung. 

Oder in Franks »Bescheidenheit« steht gesdirieben : 
V. 96; »Die größte Freud, die hat ein Mann, 

Ist gute Hoffnung und ein lieber Wahn« <= ep. II 

2, 138). 
V, 95: »Swä brinet mms gebures want, 

da fürdite idi mmer sä zehant« <-^ ep, I 18, 84). 
Oder Jean de Menü g sagt in seinem »Rosenroman« <v. 6473) 
<nadi Hör. s. I 2, 24): 

»Oraces dist, qui n'est pas nices : 
Quant li fol esdiiyent les vices 
II se tornent ä lor contraire.« 
Petrarca wiederhoh in seinem Sonett »De gravi danni recati 
deir ira non frenata« <12. s) den bekannten Vers des Horaz 
<ep. I 2, 62): 

»Ira e breve furor: e dii nol frena, 

E. furor lungo, die 1' suo possessore 

Spesso a vergogna.« 

Oder, um ein Beispiel aus neuerer Zeit zu wählen, sagt 

Bismarck einmal <Pol. Reden VI, 170/ Recl.) im Ansdiluß 

an H. <ep. I 11, 29): 

»Die Luft ändert die Ansiditen, die Meinungen, audi die 
Leidensdiaften nidit.« 

Und Strindberg sdireibt in seinem letzten <lateinisdi ge* 
sdiriebenen) Brief an Nietzsche, der bereits von der Nadit 
des Wahnsinns umsdiattet war, am 31, Dezember 1888: »Ihren 
Brief habe idi nidit ohne Ersdiütterung empfangen. Rectius 
vives — iniquum« <c. II 10, 1—4). Hier wird Horaz wieder 
zum Ethicus, dessen Worte gleidi einer untrüglidien Wahr- 
heit dem Willen eine bestimmte Riditung geben sollen. Nadi 
dieser Riditung gilt das Wort Nietzsches <V 248): 

»Wenn alles gut geht, wird die Zeit kommen, wo Montaigne 
und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständnis 
des einfadisten und unvergänglidisten Mittler- Weisen , des 
Sokrates, benutzt werden.« 

Hierher zählen audi die gelegentlidien Zitate in Reden und 
Sdiriften, die der eigenen Meinung des Spredienden den Stempel 
der Wahrheit und Sidierheit aufdrüd^en sollen. So faßte der 



III. Moralische Wertung des Horar. 29 

engliscfie Staatsmann William Pitt seine ganze Entrüstung 
über das sdirankenlose Treiben der französisdien Königsmörder 
in der horazisdien Strophe <c, III 6, 45) zusammen <Works 
III 464): 

»Aetas parentum, peior avis, tulit 

nos nequiores, mox daturos 

progeniem vitiosiorem.« 

Als England sdiwere Zeiten durdizukämpfen hatte — der 
Friede vom Jahre 1783 hatte die Absplitterung der Vereinigten 
Staaten sanktioniert,- in Ostindien reihte sidi ein gefährlidier 
Aufstand an den andern,- die Irländer hatten rebellisdi <1'82) 
versdiiedene Zugeständnisse ertrotzt,- die Staatssdiuld stieg 
immer höher —, da spradi wiederum W. Pitt im Januar 1787 
im Hause der Gemeinen jene vielbewunderten Worte, die 
sdiließlidi in den Vergleidi des römisdien mit dem englisdien 
Volke ausmünden <W. I 350): 

»In spite of our misfortunes, our resistance must be admired, 
in our defeats, we had given proofs of our greatness, and of 
our almost inexhaustible resources, whidi, perhaps, success 
would never shew us — 

durus ut ilex tonsa bipennibus 
nigrae feraci frondis in Algido, 
per damna, per caedis, ab ipso 

ducit opes animumque ferro« <c, III 4, 57). 

Und Nietzsche bekennt <III 116) in seinem Aphorismus : 
»Gram ist Erkenntnis«, da er uns einen Einblidx gewährt in 
seine Seele, die »jene Dogmen der Religion und Metaphysik 
nidit glauben kann, wenn man die strenge Methode der 
Wahrheit im Herzen und Kopfe hat, andererseits durdi die 
Entwid^lung der Mensdiheit so zart, reizbar, leidend geworden 
ist, um Heil- und Trostmittel der hödisten Art nötig zu haben« ; 

»Gegen soldie Sorgen hilft kein Mittel besser, als den feier- 
lidien Leiditsinn Horazens, wenigstens für die sdilimmsten 
Stunden und Sonnenfinsternisse der Seele, heraufzubesdiwören 
und mit ihm zu sidi selber zu sagen : 
Quid aeternis minorem 
consiliis animum fatigas? 



30 Erster Teil. Moralische Wertung. 

cur non sub alta vel platano vel hac 
pinu iacentes — « 

Goethe sagte einmal zu Eck ermann <1. IV. 27), es 
sei nicht sidier, »daß das Studium der Sdiriften des Altertums 
für die Bildung eines Charakters überall ohne Wirkung wäre. 
Ein Lump bleibt freilidi ein Lump, und eine kleinlidie Natur 
wird durdi einen selbst täglidien Verkehr mit der Großheit 
antiker Gesinnung um keinen Zoll größer werden. Allein ein 
edler Mensdi, in dessen Seele Gott die Fähigkeit künftiger 
Charaktergröße und Geisteshoheit gelegt, wird durdi die Be^ 
kanntsdiaft mit den erhabenen Naturen griediisdier und römisdier 
Vorzeit sidi auf das herrlidiste entwid-^eln und mit jedem Tage 
zusehends zu ähnlidier Größe heranwadisen«. In der Tat, 
nidit bloß Plutarchs Helden haben auf ganz andere Zeiten 
und Völker nodi veredelnd und stärkend gewirkt, audi der 
Ethicus Horaz hat mandie edle und große Seele bestärkt und 
begeistert. So sagte J. Fr. Gronov'^), der berühmte hol^^ 
ländisdie Philologe; »Ego a prima aetate in lectione veterum 
id potissimum habui, ut mei mores emendarentur, non ut apices 
et puncta librorum.« Und der große Philologe Heyne sdirieb 
an den Bibliothekar Langer in Wolfenbüttel'*): »Wenn idi kein 
ganz sdilediter Mensdi geworden bin, habe idi es mehr den 
Heiden als den Christen zu danken.« ■— ^o 'pflegte Petrarca, 
dem audi Livius mehr war als ein Mittel zur Ausbildung des 
Stiles oder ein Kompendium zur Kenntnis der antiken Ge^* 
sdiidite, sondern »vitae solatium et iniqui temporis oblivio«, 
Petrarca pflegte vom Horaz zu sagen, aus der Lektüre keines 
lateinisdien Sdiriftstellers sei er besser geworden als aus der 
des Horaz '•'^). Als Le Fort, der Günstling Peters d. Gr., in 
dessen Gefolge der Zar 1697 das Ausland bereiste, am 2. März 
1699 im Alter von 46 Jahren starb, ließ er sidi statt aller 
anderen geistlidien Zusprüdie in den letzten Stunden öfters das 
horazisdie Lied vorlesen : »Justum et tenacem propositi virum,«^^) 
Als König Wilhelm III. von England dem Gelehrten William 
T e m p 1 e ein Ministerportefeuille anbot, da erinnerte sidi dieser 
seines verehrten Diditers Horaz, der in einem ähnlidien Falle 
es abgelehnt hatte, die Stelle eines Geheimsekretärs bei Augustus 



III, Moralische Wertung des Horaz. 31 

anzunehmen, und schlug den ehrenvollen Antrag aus, sich da- 
mit besdieidend, seines geliebten Vorbildes würdig zu erscheinen, — 
Das rührendste Beispiel einer ethischen Wirkung auf wahrhaft 
große Seelen erzählt Voltaire in seinem »Siecle de Louis XIV« 
<I eh. 10 : Invasion de la Hollande). Als fast die ganzen Nieder- 
lande beim plötzlichen Einfall Frankreichs und Englands <1672> 
in die Hände der Feinde fielen, da wandte sidi die ganze 
Volkswut gegen den bisherigen Staatsleiter, den Ratspensionär 
Johan de Witt und dessen Bruder Cornelis. Dieser, 
fälsdilidi eines Mordanschlages auf den Prinzen von Oranien 
bezichtigt, ward auf die Folter gespannt, um ein Geständnis 
zu erpressen. Aber nur eines lispelten die Lippen des Ge- 
marterten wiederholt: 

»lustum et tenacem propositi virum 
non civium ardor prava iubentium, 
non voltus instantis tyranni 

mente cjuatit solida neque Auster.« 

Das waren noch jene Zeiten, da man die Alten nicht bloß las, 
sondern sie zur Richtschnur seines Lebens nahm. Und nicht 
einem oder dem andern, sondern dzn meisten ging es so, daß 
sie wie Grillparzer bekennen konnten : »Warum ich die Alten 
so liebe! Nebst allem andern auch darum: weil, wenn ich sie 
lese, ich zugleich die ganze Vergangenheit mitlese zwischen mir 
und ihnen. Wie viele Helden^ und Dichterherzen mögen bei 
diesen Biographien Plutarchs geglüht haben, die jetzt mich durchs 
glühen mit eigenen und erborgten Flammen!« 

Die ethische Bedeutung eines Dichters wird außerdem audi 
darin ersichtlich, daß man seine Worte zu Wappensprüchen, 
Wahlsprüchen, Devisen erkürt. Stellt man sich doch mit diesen 
selbsterwählten Worten gleichsam einen ständigen Mahner oder 
Warner vor Augen. Es würde viel zu weit führen , all die 
aus Horazens Werken gewählten Devisen'') hier aufzuzählen. 
Nur einige besondere seien aus der großen Zahl herausgehoben! 

Dulce et decorum est <c, III 2, 13) erwählte sich Albrecht II., 
Graf von Habsburg, zum Leitsatz. Justitiae propositique tenax 
<nach c. III 3, 1> war die Devise der Stuarts. Mors ultima 
linea rerum <ep, I 16, 79> erkor sich Albrecht von Brandenburg, 



32 Erster Teil. Moralische Wertung. 



Kurfürst von Brandenburg, der in der Reformationszeit eine 
bedeutsame Rolle spielte. Murus aeneus <ep, I 1, 60) war der 
Wahisprudi Carl Friedrichs, des Herzogs von Jülidi^Cleve 
<t 1575). Intaminatis fulget honoribus <c, III 2, 18) führte 
Johann Ernst, Herzog zu Sadisen <t 1729) im Munde. Nee 
imbellem feroces progenerant aquilae columbam <nadi c. IV 4, 31) 
hatte der Kurfürst von Brandenburg, als er zu Königsberg 1663 
die Huldigung der Stände erzwungen hatte, zum Lebenssprudi 
erkoren. Und Friedrich d. Gr. ließ, als durdi das Edikt 
vom 29. März 1764 der sogenannte Graumannsdie Münzfuß 
eine feste Gestalt erhielt, eine Denkmünze prägen mit der Um=^ 
sdirift: Redeant in aurum tempora priscum <c, IV 2, 39). ■— 

Nidit minder versdimähten es geistlidie Fürsten, dem alten 
Heiden Sprüdie fürs Leben zu entnehmen. Mit Beziehung auf 
sein Wappenbild, das den Windgott Zephyros und die Sonne 
im Sternbild des Widders zeigte, wählte Papst Clemens X. 
aus der alten Patrizierfamilie der Altieri das Wort: solvytur 
acris hiems <c. 1 4, 1). Und Anton Correr, der als 
Patriardi zu Konstantinopel starb, siegelte mit den Worten seines 
Petsdiaft: Mors ultima <ep. I 16, 79). 

Als das Studium der Antike nodi nidit im Philologiestudium 
isoliert war, sondern in lebendiger Fühlung mit der ganzen 
Bildung der Zeit stand, nahmen audi Gesellschaften und 
Korporationen klassisdie Devisen. So wählte die Kauf- 
mannsdiaft zu Bristol das bezeidinende Wort : Indocilis pau- 
periem pati <c. I 1, 18). Die Royal Society in London, der 
einst Newton präsidiert hatte , führte als Wahisprudi : Nullius 
in verba <ep. I 1, 14). Sapere aude <ep. I 2, 40) lesen wir am 
Alumnatseingang der Landessdiule St. Afra in Meißen ein- 
gegraben, aus der einst Lessing hervorging. Die Gesellsdiaft 
zur Nacheiferung zu Lüttidi <1779 gegründet) wählte sidi zum 
Wahisprudi : Utile dulci <a. p. 343). 

Aber audi berühmte Gesdilediter erkoren sidi horazisdie 
Worte zu Leitsternen. Die Familie Pitt, die den Engländern 
so hervorragende Staatsmänner sdienkte, führte als Devise : aequam 
memento rebus in arduis servare mentem <c. II 5, 2). Octavio 
Piccolomini, der bekannte Rivale Wallensteins, hatte sidi den 
ominösen Wahisprudi gewählt: Grata sume manu <ep. 111, 23). 



III. Moralische Wertung des Horaz. 33 

Michel de l'Hopital, unter Katharina von Medici zum 
Kanzler Frankreidis erhoben <1560>, hatte sidi zum poIitisAen 
Ziel gesetzt, das gänzlidi zerrüttete Staatswesen zu ordnen und 
die konfessionellen Gegensätze, die jahrzehntelang Bürger und 
Adel zerfleisdit hatten, zu versöhnen,- dazu paßte trefflidi sein 
Leitsatz; impavidum ferient ruinae <c, III 3, 7>. Babington, 
der unglücklidie Sdiwärmer, der die Königin Elisabeth ermorden 
wo'lte, um Maria Stuart zu befreien, handelte nadi seinem 
Wahlsprudi : Insolitos docuere nisus <c. IV 4, 8>. Und Graf 
Beust, der als sädisisdier und später als österreichisdier Staats^ 
mann in der Mitte des 19. Jahrhunderts von entsdieidendem Ein- 
fluß gewesen war, führte als Devise: Nil admirari <ep. I 6, 1>. — 
In früheren Tagen, als das Gedäditnis nodi stärker in An- 
sprudi genommen war als heutzutage, trifft man horazisdie 
Zitate oder Übersetzungen in den leider fast ganz versdiwinden^ 
den Stammbüchern '*') an. So lesen wir in einem Tübinger 
Stammbudi vom Jahre 1603; Dulce ac decorum est pro patria 
mori <c. III 2, 13>. Henricus Nebel, prof. jur., sdireibt 1616 
einem Gießener Studenten ins Album : Nemo est ex omni 
parte beatus <nadi c. II 16, 27>. In Altdorf lesen wir 1627: 

Grata superveniet quae non sperabitur hora <ep. 1 4, 14). 
»Darumb lustig ihr lieben Brüder, 
Ein reigs Weib bringt alß wider. 
Bringt sie es dann nidit wider. 
So seid dodi lustig, ihr lieben Brüder.« 

Durdi übermäßigen Geistesreiditum zeidinete sidi dieser Alt-^ 
dorfer Studio sidierlidi nidit aus. Otto von Guericke, 
der berühmte Bürgermeister von Magdeburg, sdirieb mcnse 
Augusto 1671 in ein Stammbudi die Horaz nadigebildeten 
Verse <nadi ep. I 16, 53): 

^>Oderunt peccare boni virtutis amorc, 
oderunt peccare mali formidine poenae.« 

In einem Jenaer Studentenalbum lesen wir 1680: principi^ 
bus placuisse viris non ultima laus est <ep. 1 17, 35). 1747 
finden wir ebenda folgenden Sprudi : 

Multa tulit fecitque puer, sudavit et alsit <a. p. 413). 

StempUnger, Horaz. 3 



34 Erster Teil. Moralisdie Wertung. 

»Ein junger Mensdi viel leiden muß. 
Eh' aus ihm wird ein Dominus«, 
vermutlidi einem vom Pennalismus gedrückten Fudisenherzen 
entpreßt. Und 1781 witzelt ein Jenaer Studio: 

»Beatus ille, qui procul — philosophis <nadi ep. II 1>, 
NB, nlsi dentis dolore laborat.« 
Ernst Moritz Arndt sdireibt in seinen »Erinnerungen aus 
dem äußeren Leben« <II73>: »Es mag sidi sdion in den hora- 
zisdien Versen, welAe idi in die Stammbüdier meiner Kommili- 
tonen zu malen pflegte, offenbaren, als da sind nil admirari und 
perfer et obdura, daß idi midi also früh sdion gegen die er- 
habensten Täusdiungen sträubte.« Und der alte Goethe 
sdirieb 1817 der Gräfin von Egloffstein ins Album: 
>AVas dem Auge dar sidi stellet, 

Sidier glauben wir's zu sdiau'n,- 
Was dem Ohr sidi zugesellet. 

Gibt uns nidit ein gleidi Vertraun» 

im Ansdiluß an die bekannten Horazverse <a. p, 180). Oder 
der Diditer ermuntert sidi selber, wenn er 1776 sidi ins Tage- 
budi notiert: aequam memento <c. II 3, 1>. 

Nidit viel anders ist es, wenn Sdiriftsteller ihren Helden 
derlei Gedanken in den Mund legen. Wenn z. B. in Hauffs 
»Liditenstein« <II 5> Herzog Ulridi ausruft: »Idi bin ein Mann 
und trage ein Sdiwert. Si fractus illabatur orbis / Impavidum 
ferient ruinae« <c III 3, 8). Oder wenn in den »Lehrjahren« 
<I c, 14> Wilhelm meint: »Wie selten ist der Mensdi mit dem 
Zustande zufrieden , in dem er sidi befindet ! Er wünsdit sidi 
immer den seines Nädisten, aus weldien sidi dieser gleidifalls 
heraussehnt usw.« <nadi sat. I 1, 1>. Oder wenn der todwunde 
Warwick bei Shakespeare <King Henry VI 5, 2) klagt: 

»My parks, my walks, my manors that I had, 
Even now forsake me,- and of all my lands 
Is nothing left me, but my body's length« 

<nadi c, II 3, 17>. 

Man stellt ferner einen Gedankenkomplex auf eine bestimmte 
Riditung ein, wenn man die Worte eines fremden Autors zum 



111. Moralisdie Wertung des Horaz- 35 

Motto wählt. Diese Bevorzugung widerfährt Horaz von 
alters her. Nur ein paar Belege! Opitz setzt vor seine 
»Poeterey-^ ebenso wie Philipp von Zesen vor seine »scala 
Heliconis^ < 1643) die Verse der ars p. 409'10/ Abbe Dubos 
gebraudit als Motto seiner berühmten »Refiexions critiques sur 
la poesie et la peinture« <1719> a. p. 361/ Gottsched für 
den »Versudi einer kritisdien Diditkunst« a. p. 309,- Diderot 
für seinen »Hausvater« a. p. 156 57,- Goethe für sein »neu^ 
eröffnetes moralisdi^politisdies Puppenspiel« a. p. 333,- Immer- 
mann für seinen »Mündihausen« a, p, 143 45. Auf dem Bilde 
des Generals Graf Moritz Lacy, im Siebenjährigen Kriege 
berühmt, von Kollomitsch <gestodien von J. E. Mansfeld) 
lesen wir als Motto die Verse a. p. 81/82. 

Daß man zu allen Zeiten den Diditungen des Horaz eine 
ethisdie Wirkung zugesdirieben hat, erhellt aus dem Dargelegten,- 
daß man nodi heutzutage an der propädeutisdien Bedeutung des 
Römers festhält, erklärt seine überragende Stellung in den oberen 
Klassen der humanistisdien und Realgymnasien. Alten^^ 
burg^'^l erwartet von der Lektüre der »Episteln« einen »tief- 
haltigen Eindrudi auf Kopf und Herz des Sdiülers und erhofft 
ebenso aus der Odenlesung die »Gewinnung einer gewissen 
Welt- und Lebensansdiauung« / Dettweiler erwartet aus der 
horazisdien Lektüre »eine ethisdi- soziale Ausrüstung« der 
Jugend für das ganze Leben,- Weißen f eis nennt die hora^ 
zisdien Episteln »moralisdie und ästhetisdic Essays«. 

2, Horaz — kein moralischer Charakter. 

Neben dieser günstigen Absdiätzung des ethisdien Wertes 
der horazisdien Diditungen läuft aber audi eine negative Wertung, 
die einerseits den heidnischen Lyriker an und für sidi trifft, 
aber audi seinen persönlidien Diditungen und Erlebnissen ent- 
springt. 

Auf zwei Anklagepunkte einigte man sidi im Laufe der Jahr= 
hunderte, die allerdings — ihre Beweiskiäftigkeit vorausgesetzt — 
geeignet wären, den »Ethicus« ein für allemal von seinem Namen 
abzusdieiden, Sie lauten: Horaz ist kein moralischer und 
kein politischer Charakter. 

Der literarisdie Klatsdi hat sidi frühzeitig mit Horaz be- 

3* 



36 Erster Teil. Moralische Wertung. 

sdiäftigt. Kein Wunder : Der Sohn eines Libertinen, aus einem 
Provinznest, war Freund des einflußreidien Maecenas ge= 
worden, Mitglied der kaiserl'dien Hofgesellsdiaft, Vertrauter des 
Augustus! Grund genug, daß Neider und Mißgünstige aller'=- 
hand Nadireden über den Emporkömmling zusammensuditen. 
Wie die Cicerokarikatur Ciceros Vater zu einem Walker madite 
— Kleon, der athenisdie Gerbermeister gab das Modell dazu 
ab — , so nennt die »Chronique scandaleuse«, deren Nieder^ 
sdilag bei Sueton zu finden i t, den Vater des Horaz einen — 
Fischhändler, Den Anhaltspunkt zu diesem Klatsdi gibt 
der Diditer selbst <ep. II 2, 60), wenn er auf sein Vorbild Bion 
verweist, der sidi bekanntlidi, wie Horaz, rühmte, sein Vater 
sei ein Freigelassener gewesen und habe sidi in den Ärmel 
gesdineuzt^^j. Ferner erzählte man sidi von der raffinierten 
Sexualität des Horaz die berüditigte Gesdiidite vom Spiegel- 
zimmer. Wir wissen heutzutage, daß derlei pikante Anekdoten 
von antiken Biographen in freier Phantasie beliebig vertausdit 
wurden,- ferner, daß man in persönlidier Verunglimpfung gar 
nidit heikel war, wie uns sogar ein so ernster Mann wie 
Demosthenes bezeugt. So erzählte man sidi die Spiegelgesdiidite 
von einem gewissen Hostius <bei Seneca, quaest, nat, I 16) und 
dem bekannten attisdien Komödiendiditer Kratinos <Sdiolion zu 
Hör, ep, I 19, 1>. Der Klatsdi übertrug sie audi auf Horaz, 
wie uns Sueton sagt- So kam es , daß des Diditers Ruf als 
Wüstling sidi in die mittelalterlidien Biographien fortpflanzte. 
Dem Notker von St. Gallen ■^^) ist Horaz ein »vitandus lubricus 
atque vagus«, Konrad von Hirschau <12, Jahrhundert) 
betont bei der Erwähnung der horazisdien Werke ^^j: »Spiri^ 
talibus in quibusdam locis lectio eius infructuosa quia viciosa 
est,« In einer von einem Möndi verfaßten Lebensbesdireibung '^'^"i 
aus dem 15, Jahrhundert lesen wir: »Explicit opus divini Fiacci 
Venusini viri ebriosissimi libidinosi Epicurei volup- 
tuosissimi lippi.,.« Derlei Weisheit kramte man dann 
audi in Sammelwerken und Lexicis aus. Bei Caelius Rhodi = 
ginus^*) liest man: »Horatium poetam alioqui nobilissimum, 
libidine adeo praefervidum fuisse ferunt, ut cubiculo etiamnunc 
uteretur speculato, quo se coeuntem intueretur.« Oder Petrus 
Crinitus fdireibt in seinem Werke »De poetis Latinis« <1. Ili): 



II!. Moralische Wertung des Horaz. 37 

»moribus fuisse dtcitur siibobscaenis«. Es genügte übrigens schon, 
wenn man ihn »Epicurus« hieß, wie Conrad vonMure^^). 
Denn wir wissen, daß man im ganzen Mittelalter bis weit über 
die Renaissance hinaus unter »Epikureer« nidit bloß Wüstlinge, 
sondern audi alle Irreligiösen und Freigeister verstand, wie uns 
u, a. Dante <HölIe 9 und 10) bezeugt -'^)/ die »epikurisdie Sau- 
herde« war im ganzen 16. Jahrhundert eine stereotype Bezeidi- 
nung für Epikureer <so bei Fisdiart, Brant u, a.>. 

Eine Kollektion von Anwürfen bringt WaltherChabot^') 
in einer vita Horati : »Etsi autem, Horati, nihil officere videretur 
isti pudori simpiicitatique tuae r; £;ij-j'r,3i? xr,? ^otuToO Yuvaixoaavi'xc 
xat Traiospaatiac . . ., versus tamen horum vitiorum indices, ut 
satis in commentariis castigati, praetermittentur : atque nos, quod 
te animadvertamus iuratum hostem avarorum . . ., istam dolentes 
sortem et vicem tuam commiserabimur.« Audi B. Averanus -*^) 
beklagt, daß Horaz seinen diditerisdien Ruhm durdi sdiledite 
Sitten verdunkelt habe, Benjamin Hederich sdireibr in seiner 
notitia auctorum <1714>: »Er liebete den Trunk und ein 
Venerisdies Leben, also daß er sidi nidit unredit selbst ein 
Sdiwein von des Epicuri Herde nennet« <S. 352>. Der gute 
Hederidi nahm den Diditer nodi so blutig ernst. 

Gottlieb Stolle, dem wir einen dankenswerten Versudi 
einer antiken Ethik verdanken , sdireibt in seiner »Historie der 
heidnisdien Morale« <1714>: »Seinem Leben nadi hat er nidit 
viel getaugt/ denn er sted^te in dem Unflat der Huren- und 
Knabenliebe biß über die Ohren« <S. 380). Zu Ode III 3,- 1-8 
bemerkt er: »Lind zweiffle idi gar sehr, daß der wollüstige 
Horatius das Original von dieser Copey gewesen« <S. 385). 
Ferner: »Horatius war von Natur nidit geitzig ,• aber sehr wol- 
lüstig,- daher er diese moralisdien Gedanken hauptsädilidi ihm 
selbst zur Regel gesdirieben. Er hat audi an untersdiiednen 
Orten sidi angestellt, als wenn er der Wollust gute Nadit geben 
wollte, es sdieint aber gar nidit, daß er diesen Vorsatz ins 
Werk geriditet« <S. 392), ). K. Zeidler meint in seinem 
großen »Liniversallexikon« <1735>: »Sein Leben anlangend, so 
soll soldies nidit viel getaugt haben : denn ob er sidi wohl einen 
Wäditer und Besdiützer der wahren Tugend genennet, so ist 
er dodi nidits weniger als dieses gewesen ,• indem er nidit allein. 



ßo Erster Teil. Moralisdie "Wertung. 



wie hin und wieder aus seinen Versen zu ersehen ist, dem 
SaufFen und Sdimaußen sehr ergeben gewesen,- sondern auA 
sogar in seinem Alter sich nidit gesdiämet Unzudit und Knaben- 
sdiändung zu treiben« <XIII 837). 

Eines der meistgelesenen Büdier zu Lessings Zeit war die 
»Historisdi^kritisdie Einleitung zu nötiger Kenntnis und nütz- 
lidiem Gebraudie der alten lateinisdien Sdiriftsteller« von Gottfr. 
Ephraim Müller (Dresden 1747). Pastor Müller, ein Zögling 
Sdiulpfortas , der siA 1735 in Leipzig den Magisterhut geholt 
hatte, sdireibt darin über Horaz zusammenfassend (III 391 ff.) : 
»Er war ein Heide, in den Erkenntnissen verfinstert und un= 
gewiß ,• in dem Leben wollüstig, unehrbar und lasterhaft.« »Horaz 
ist ohne Zweifel einer der ausgelassensten und unordentlidisten 
Wollustsklaven seiner Zeit gewesen. Er hielt auf seinen Leib 
und aß gern etwas Gutes. Auf einen guten Bissen nahm er 
audi gern einen guten Trunk. Unsere Leser werden's uns 
sdienken, die Stellen, weldie in seinen Werken diese Baudisorge 
beweisen, allhier anzuführen. Wenn sie gleidi nidit die un- 
zierlidisten darin sind, so sind sie dodi wenigstens nidnt die 
rühmUdisten für den Horaz, nodi die erbauli Asten für uns. 
Allein Horaz hat sid\ in seinem Leben und in seinen Sdiriften 
einen nodi größeren Sdiandfled angehängt. Und das war der 
einer stinkenden Geilheit und einer unmäßigen Unzucht . . , 
Wir wollen dessen liederlidie Sitten n^dit vermänteln und etwa 
sagen, Horaz sei nur ein artiger Wollüster gewesen, der 
nur ehrlidien und unsdiuldigen Ergötzungen dieses Lebens sidi 
überlassen habe. Dergleichen unrecht angebrachte 
Minderungen des Horaz könnten schlimme Folgen 
bei seinen heutigen Anhängern haben.« Dies Lirteil, 
so interessant es uns heute dünkt, galt in Gottsdieds Kreisen 
für unanfeditbar. So bringt auA der Übersetzer Grosdiuf, 
dessen »Ungebundene Übersetzung der Gedidite des Qu. 
Horatius Flaccus« <Cassel 1749) in Gottsdieds »Neuem Büdier- 
saal der sdiönen Wissehsdiaften und freien Künste« eine lob^' 
triefende Fürspradie fand — war der Verfasser dodi selbst 
ein getreuer Mitarbeiter in Gottsdieds Zeitsdiriften —, in seiner 
Einleitung die landläufigen Anklagen gegen Horaz vor, daß er 
oftmals wider die Gesetze der Ehrbarkeit verstoßen und seinen 



III. Moralische Weitung des Horaz. 39 

eigenen Versen nadi ein Säufer, Faulenzer und Wollüstling 
gewesen sei,- daß seine Weisheit und Sittenlehre nidits tauge, 
indem er gern nahm, wo er etwas bekommen konnte: nee si 
plura velim, tu dare deneges,- Scaliger nenne ihn wegen seiner 
Undankbarkeit einen »unversdiämten Hund<.<. Groschuf ver- 
teidigt ihn also: »Dieser war als ein Sohn guter Hoffnung sehr 
gelind erzogen. Die bösen Sitten der Stadt rissen ihn mit sidi 
hin . . , Große Künstler führen gemeiniglidi ein liederlidies 
Leben . . . Zu einer guten Mahlzeit gehört audi ein guter 
Trimk, und ohne halben Rausdi kann man keine tüditigen 
poetisdien Einfälle haben.« Grosdiufs Rezensent im Neuen 
Büdiersaal <VIII, 1749, I 539) — vielleidit Gottsdied selbst — 
meint dazu: ^>Er hat seine Sadie als ein treuer Sadiverwalter 
getrieben. Sie ist aber zu bös gewesen, als daß sie durdi sein 
Bemühen hätte gut gemadit werden können«. Der Pädagog 
Schelle würde <1804> die erotisdien Gedidite des Horaz 
ganz übergehen, hödistens »historisdi« bekannt madien, »um 
die Roheit der alten Sitten in diesem Punkte kennen zu 
lehren«. Das sind Ansdiauungen früherer Zeiten, wird 
man einwenden, teilweise von theologisdien Gesiditspunkten 
aus entstanden. Nun höre man aber den Berliner Literaten 
Emil Mau erhoff'-*), der gewiß nidit frömmelnder Ansiditen 
geziehen werden kann. Dieser sdireibt in seinen »Diditerisdien 
Idolen« von Horaz: »Es gehört zu den wunderlidisten Dingen, 
welche die Erfahrung je geboten hat, daß den Erziehern der 
Jugend weit und breit gerade dieser Verskünstler mit seiner 
frivolen Genußsudit und seiner niedrigen Selbstsudit als das 
geeignetste Mittel gilt, den allen Eindrüd^en zugänglidien, 
jugendlidien Sinn mit den Idealen des Lebens bekannt zu 
madien : diese Tatsadie mödite sdiier unbegreif lidi bleiben, 
würde man es jemals vergessen können, daß dieselbe auf unserer 
sdiönen Erde der Maditsphäre der Verständigkeit angehört 
und die letztere und die Gesellsdiaft eben eins sind.« Der 
Sdiluß, den Mauerhof zieht, ist so klar wie zwingend. 

Und ein moderner Sdiulmann, Dr. L, Kemmer^*^), ergeht 
sidi in ähnlidien Tiraden. »Warum müssen diese jungen 
Mensdien . . . Lalagen, Chloen, Neobulen, Chloriden, Canidien 
kennen lernen ? Man zwingt sie, diese Bekann t = 



40 Erster Teil. Moralische Wertung. 

Schäften zu machen.« Man müsse beklagen, »wie die 
Sdiiile der Germanen Thaliardie züditet . . ,, wie man in der 
Zeit der Entdedvung der Pole und der Eroberung der Luft 
die Jungmannsdiaft, die zur Tat drängt, zwei Jahre lang in der 
Geselisdiaft eines Diditers festhält, der gegen den Unter- 
nehmungsgeist eifert.« »Man muß Gott danken, wenn von der 
Kälte des egoistisdien Epikuräers <!) nidits in die warmen 
Herzen der deutsdien Jugend dringt.« 

Mandie Ästhetiker, die die Spradie und den Inhalt der 
horazisdien Diditung bewundern, bedauern lebhaft, daß leider 
seine Worte nidit mit seinem Leben harmonieren. Sdion der 
alte Borrichius^') meint in seinem Budie »Über die Diditer« : 
»Dictio ejus caste latina, ipse minime castus.« Ebenso urteilt 
Baillet^'^) in seinen »Jugemens des Savans« über Horaz: »Son 
style a partout autant de purete qu'il en paroft peu dans ses 
moeurs, dont il n'a pü s'empedier de nous faire voir la cor^- 
ruption, n'ayant pas meme fait scrupule de vouloir la communi- 
quer ä ses lecteurs.« M. Dacier^^) preist ausnehmend die 
trelflidie Philosophie und Kunst des Diditers, aber die Moral!! 
»Quand je parle des erreurs d'Horace, je ne veux point parier 
de ces exces affreux, oü la corruption de son coeur l'a plonge, 
et qu'il a avouez avec tant d'infamie, Ces endroits n'ont pas 
besoin de contreprison , ils le portent avec eux par Thorreur 
qu'ils inspirent. Je parle des certains principes plus delicats, 
qui entrent dans un Systeme et qui ne trouvent encore que 
trop de Partisans!« 

Daß der Sdiwiegersohn des Tan. Lefevre sidi über die 
vermeintlidie LInmoralität des alten Heiden entsetzt, braudit 
nidit in Erstaunen zu setzen. Aber daß der Verfasser der 
»Pucelle«, Voltaire, dem Römer vorwirft, er beleidige die 
Moral, erregt ein Lädieln. 

In den Tagen, da Voltaire die Jungfrau von Orleans in den 
Sdimutz niedrigster Komik und Obszönität herabzog, Rittertum 
und Ehre, Adel und Sittlidikeit, Patriotismus und Glauben ver- 
höhnte und bewitzelte,- da in den französisdien Salons der 
Ninons de Lenclos, de Lambert, de Tencin die lesbisdie Sappho 
und ihre Perversität zum beliebten Unterhaltungsstoff geworden 
war — ein findiger Kopf hatte »Le aventure di Saffo, traduzione 



111. Moralisdie Wertung des Horaz. 41 

dal greco nuovamente scoperto« 1783 herausgegeben — , da 
madite man sidi audi daran, das Leben antiker Diditer roman^ 
mäßig zu behandeln : oberflädilidie Gelehrsamkeit tat sidi dabei 
mit Esprit und lüsterner Erotik zu einem alles entzüd^enden 
Bunde zusammen. So hatte de la Chapelle die Liebes^ 
gesdiiditen des Catull und Tibull romanhaft zureditgeriditet,- 
der würdige Rektor Joadiim Meier von Perleberg folgte dem 
französisdien Vorbild, indem er »die Römerin Delia, das ist 
alle Gedidite des Poeten Tibullus und zum Teil des Horatius 
in einem kuriosen Roman vorgestellet« (Frankfurt 1707). in 
ähnlidiem Sinne, nur nodi pikanter, verfaßte P.-J. de la 
Pimpie^Solignac unter dem Pseudonym P. Marteau »Les 
amours d'Horace« <CoIogne 1798). Es ist zu verlod\end, aus 
dem jetzt selten gewordenen Büdilein einige Kraftstellen heraus- 
zugreifen, um einigermaßen von Ton und Geist dieses Madi= 
Werkes einen Begriff zu geben. S. 25 : II etoit d'ailleurs petit 
et gros, comme nous Tapprend Suetone ... et ces sortes de 
gens ont toujours passe pour de puissans Athletes. Cynare 
ne demandoit qu'ä descendre dans l'Arene et eile trouvoit 
Horace toujours pret ä faire assaut. Elle estimoit cela plus 
que centmille Sesterces de rente . . . 

S. 115: Horace etoit de ces gens, dont parle encore . . . 
Juvenal, qui paroissent des Catons dans leurs discours, et qui 
ne sont rien moins que de francs debaudiez dans leur conduite . . . 

S. 192: Horace n'etoit pourtant pas vieux encore,- il avoit 
rout au plus trente-neuf ans,- mais il etoit aussi use qu'un 
homme a soixante . . . 

S. 74: Voila precisement, . . . quel etoit le goüt d'Horace. 
II ne redierdioit que ces sortes de fcmmes, dont la conquete 
est d'autant plus aisee, qu'on la porte dans sa bourse, et diez 
qui la premiere heure de l'amour que Ton con(;-oit pour elles, 
est toujours immanquablement l'heure du Berger . . . 

So diditete man gelegentlidie Äußerungen, ja topisdie Wen* 
düngen der Liebeslyrik um, versdimolz sie mit eigenen pikanten 
Erlebnissen, und der Roman war fertig, Sucton weit über- 
flügelt. Horaz ward zu einem diarmanten Sdi wcrenöter, der 
die Mäddien wie Handsdiuhe wediselte und den intimsten 
Freimden Hörner aufsetzte,- zu einem Philosophen ohne Grunde 



42 Erster 1 eil. Moralische Wertung. 

Sätze, der die gegensätzlidien Systeme nadi Laune und Bedarf 
vertausdite ,• zu einem Sdimarotzer, der seinen Gönner Maecenas 
umsdiwänzelte, um ihn hinter seinem Rücken im Kreise Gleidi= 
gesinnter zu verhöhnen ,• zu einem Faulenzer, der seine Sdireiber- 
stelle an den Nagel hing, weil er jeden Tag bis zehn Uhr 
vormittags in den Federn liegen wollte,- zu einem zitterigen, 
triefäugigen Zedibruder, der sein Alter nadi dem Weinfaß be-^ 
stimmte, Oder, um dem sdion erwähnten Mauerhof das 
Wort zu geben: »Und ist <der Verständigkeit) gar erst wie 
dem Lateiner Horaz geglüd^t, den Sped^ auf dem nährenden 
Landgütdien in duftigen Wein zu tunken und zu ihrer Mast 
drei Sklaven in Bewegung zu setzen : so überkommt es sie, als 
wäre sie leibhaft Diogenes , . . Darum tut es audi so wohl, 
sie Moral predigen zu hören . , , Wenn sie sidi am Abend 
vorher an Falerner ordentlidi bene getan und der lieblidien 
Chloe oder Phillis auf duftigem Rosenlager opfernd die Zeit 
vertrieben haben, fühlen sie sidi am nädisten Morgen in ihren 
Lebensgeistern so angenehm gesdiwädit, daß sie nur nodi ge^ 
rade Kraft genug haben, sdimetternd ihr Odi profanum zu 
rufen . . , Einmal in soldier Stimmung, andern Mensdien Liebe 
zu erweisen, geben sie sodann nodi eine Lobrede auf die Ehe 
zum besten, deren Heiligkeit vor ihnen um so gesidierter er-^ 
sdieint, als sie selbst, ausgemadite Weiberfeinde, die sie sind, 
ihre Damenbekanntsdiaften auf der Straße — nidit aditend mit 
den Augenlidern zu grüßen pflegen.« 

Also Horaz ein Roue, wie man sie im Berliner Westend 
herumstreifen sieht, so ein realistisdier Jüngster, die sidi ihre 
Stoffe auf der Gasse auflesen . , . 

Indes beruhigte man sidi nodi nidit dabei, den Horaz als 

Ausbund eines Sexualpathologen und Alkoholikers hinzustellen : 

man ging nodi weiter. Dem Bilde der Epikureer, deren Gott 

nadi heute nodi nidit ausgestorbener Ansidit der Baudi ist, 

»Die vom Tode lehren. 

Daß er so Seel' als Leib verniditet« 

<Dante, Hölle 10, 13>, 
entspradi audi, daß Horaz, »einer aus der Herde Epikurs«, 
ein — Atheist ist. Zwar wollten mandie in der viel-^ 
besprodienen Odz I 34 eine Absage an den Epikurismus er=^ 



111. Moralische Wertung des Horaz. 43 

blicken — so u. a. Ph. Chr. List: »De poenitentia Horatii 
philosophica ab insolito tonitru provocata« {Dissertation Gießen 
1734> — , so daß der Diditer etwa wie Martin Luther oder 
der Jesuit Bälde durdi einen plötzlidien Donnersdilag zu einer 
Sinnesänderung bestimmt worden sei. Aber die meisten Er-= 
klärer sahen in Jenem Gedidit nidits anderes als eine ab- 
gefeimte Spötterei auf die Stoiker : so D a c i e r und Le Febre. 
Franc. BlondeP*), der wie Chan te res ne^°> in Horazens 
Werken nidits wie Bosheit und Unversdiämtheit sieht und den 
Diditer als einen religionslosen, gottlosen Spötter hinstellt, meint 
hinsiditlidi der genannten Ode, er behandle seinen Gesinnungs- 
wedisel »d'une maniere si boufonne, qu'il n'y personne qui nc 
connoisse qu'il ne parle pas comme il pense«. 

Da nun aber die epikurisdie Lehre wie die stoisdie di:n 
Selbstmord unter Urnständen billigt, ja empfiehlt, so entspridit 
es der ganzen Auffassung, die man sidi von Horaz madite, 
wenn ihn Peerlkamp <p, 234) sidi vergiften läßt — eine 
Hypothese, die H. RöhP'") (1905) wieder aufnimmt: Maecenas 
starb im September/ Horaz am 27. November 8 v. Chr. Nadi 
zwei Monaten voller Qual habe Horaz zum Gift gegriffen, um 
das Verspredien einzulösen, das er vor einem Jahrzelmt <nadi 
c. II 17) gegeben. Nun wäre der Diditer glüd^lidi audi in der 
Selbstmördered\e ! 

Gibt es nodi eine Unmoralität, der man den Römer 
nidit zieh? Er ist undankbar wie ein Hund <canicuia illa nennt 
ihn Seal ige r^^>. Ebenderselbe sagt von ihm: »Ingratus H. 
atque animo barbaro atque servili : c[ui ne a Maecenate quidem 
abstincre potuit,- siquidem cpjod animadversum est Maldiinum 
ab eo appellatum, cuius demissas notaret tunicas.« Der Päd^ 
agoge Kahlen hamm er mödite sdion deshalb den Horaz aus 
dem Gymnasium verbannt sehen, »weil ein Seitenhieb auf einen 
Lehrer (plagosus Orbilius), dem er alles verdankt, ihn als einen 
hämisdien Mensdien bezeidinet«. Er ist wie eine Fahne im 
Wind. }s. Casaubonus urteilt"^): »Quodquc longc gravius 
est, et fatetur ipse de se, parum sibi coiistat ncc fidelem vir^ 
tutis magistrum agit. Passim enim in aliena transit castra, non 
tanquam explorator, sed tanquam transfuga. Saepe stoicum 
dicas: saepe Epicureum aut Aristippeum,- saepe vero de Anyti 



44 Erster Teil. Moralische Wertung. 

et Meliti aiit Aristophanis gente prognatum . . , neque dubitan- 
dum est, qualem videmus in ipsius scriptis, talem fuisse in vita 
quoque inconstantiam. Scripsit enim sicuti vixit.« Kein Wunder, 
wenn sogar Niebuhr einem »jungen Philologen« sdireibt: »Idi 
wollte, du hättest keine so große Freude an Satiren, nidht ein-^ 
mal an den horazisdien. Wende didi zu den Werken, die das 
Herz erheben ! Wende didi ab von jenen, weldie die verädit- 
lidie und niedrigere Seite gemeiner Verhältnisse und gesunkener 
Zeiten darstellen.« 

3, Horaz — kein politischer Charakter. 

Der Kthicus des Mittelalters war, nadidem man wieder den 
ganzen Horaz kennen gelernt hatte, unter der Kritik allmählidi 
zu einem Immoralisten sdilimmster Art herabgesunken. Aber 
man fand dazu audi nodi, daß sein bürgerlidies Verhalten keines- 
wegs nadiahmenswert ersdiiene. Zunädist gab er ja selbst durdi 
das 7. Lied des 2. Budies den Tadlern eine weidlidi ausgenützte 
Gelegenheit, seine persönlidie Mannhaftigkeit in Zweifel zuziehen. 

In Suetons Lebensbild des Diditers finden wir kein Wort 
des Vorwurfes, obsdion mit Klatsdi nidit gespart wird. Audi 
die mittelalterlidien vitae, die dodi den Mensdien Horaz nidit 
sdionten, bringen die Anklage der Feigheit nirgends vor. Erst 
in den Zeiten der französisdien honnete galanterie, da man 
über Heiliges und Unheiliges die Lauge des Spottes go?>, spottete 
man audi über den Hasenfuß, der in der Sdiladit den Sdiild 
wegwarf und Reißaus nahm. So bemerkt Dacier <1681> zu 
jener Stelle <II 7>: »Queique lädie que füt cette action de jetter 
son bouclier, Florace ne laisse pas de l'avouer, pour mieux 
relever la gloire d' Auguste en rapportant les circonstances de 
sa victoire, et de la terreur qu'il avoit donnee a ses ennemis«. 
Benjamin Hederich äußert sidi nidit minder sdiarf <1714>: 
»In der fatalen Sdiladit bei Philippis hielte er sidi dermaßen 
sdiledit, daß er der Erste war, so ausriß, und weldies damals 
für eine der größten Sdiande gehalten wurde, in der Fludit 
audi sein Sdiild von sidi warfe.« Algarotti^'-*) urteilt über 
seinen Landsmann <1792>: »Dalla seconda giornata di Filippi 
die decise quella guerra, non ne riportö per dir vero grande 
onore. Alla testa della sua legione gitto via lo scudo, die nell' 



III. Moralische Wertung des Horaz. ^. 45 

antica milizia era la piu grande ignominia, e netto il campo.« 
Bayle, der sdion auf die ähnlidien Stellen bei Alkaios und 
Ardiilodios hinge^xqesen hatte <unter AIcee) — er hätte nodi 
Anakreon hinzufügen können — , sdiließt : »Horace n'aurait pas 
ete peut^etre jusqu'ä ce point, s'il n'avait en ces grands 
exemples devant les yeux.« Lessing hat bekanntlidi den 
Sdiluß gezogen : Um seinen Vorbildern audi äußerlidi ähnlidi 
zu sein, habe sidi Horaz selbst ironisierend zu einem Hasenfuß 
gestempelt, während kein Mensdi an seinem tapferen Verhalten 
bei Philippi zweifelte. Während Lessing das seitdem oft mit 
Glüd<: verwendete Sdierzmotiv in die Horazinterpretation ein^ 
führte, sudite der Rektor Heydenhahn in einem Küstriner 
Programm : »Ob Horaz von der sdiimpfiidi genommenen Fludit 
aus der Sdiladit bei Philippis freizuspredien sei« <1784> die 
Frage wieder mit philosophisdi^philologisdier Gründlidikeit aus 
der ^Velt zu sdiaffen. 

Eine andere Note bekamen diese Angriffe , als die fran^ 
zösisdie Revolution den alten Kampf zwisdien Königtum imd 
Büj-gerstaat wieder aufrüttelte. Der fanatisdie Republikaner 
Börne, dem der »Überläufer« aus Venusia ohnehin ein Dorn 
im Auge war, rief voller Ingrimm <I 15): »Er, ein Römer, ihr 
Götter ! ... Er vermodite darüber zu sdierzen, daß er in jener 
Sdiladit bei Philippi, wo Brutus und die Freiheit blieb, seinen 
kleinen Sdhild ,nidit gar löblidi' verloren ! Klein war der Sdiild . . . 
und dodi warf er ihn weg — so leidit madit er sidi die f^ludit! 
und der ein wad^rer Mann!« Audi Heine denkt auf Beifall 
redinen zu dürfen, wenn er gelegendidi der Füsilicrungen 
deutsdier Revolutionäre <Okt. 1849) aus seiner Matratzengruft 
den Pfeil absdinellt <III 103): 

»Vielleidit mit Watfen in der Hand 
Hat man den Tollkopf angetroffen. 

<Nidit jeder hat so viel Verstand 

Wie Flaccus, der so kühn davongeloften !>« 
Oder wenn er in der Einleitung zum »Don Quidiofto* bemerkt: 
»Die Gefangensdiaftsgesdiiditc <des Cervantes) widersj^ridjt aufs 
glänzendste der melodisdien Lüge jenes glatten Lebemannes, der 
den Augustus und allen deutsdien Sdiulfüchsen wcisgemadit hat, 
er sei ein Diditcr, und Diditer seien feige. «■ 



46 Erster Teil, Moralisdie Wertung. 

Es lag nahe, damit das geflügelte Wort ; »Duice et decorum 
est pro patria mori« <c. III 1, 13) in Zusammenhang zu bringen. 
Sdion Wieland hatte im »Musarion« gewitzelt <IX 11); 

»Sdiön, süß sogar — zum mindsten singet so 

Ein Diditer, der zwar selbst beim ersten Anlaß floh — 

Süß ist's und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben.« 

Und Heine prägte die witzigen Zeilen <III 31): 
»Leben bleiben wie das Sterben 
Für das Vaterland ist süß.« 

Andrerseits traf den Bürger Horaz nodi der Vorwurf, er 
sei ein politisdier Überläufer, ein Sdimeidiler und serviler Hof- 
diditer gewesen. Daß er nur durdi niederträditige Intrigen 
— etwa, wie er soldie in Satire I 9 zeidinet — sidi in die Hof-=- 
kreise eingenistet habe, will eine anonyme Brosdiüre von La 
Haye 1705 erweisen: »Le poete courtisan ou les Intrigues 
d'Horace ä la cour d' Auguste«, Am leidensdiaftlidisten läßt 
sidb L. Seb, Mercier^% der fanatisdie Rhetor der franzö^ 
sisdien Revolution und maßlose Vorkämpfer gegen den franzö^ 
sisdien Klassizismus, gegen Horaz aus: »Was ist das verädit- 
lidiste auf der Welt? Ein Diditer an einem Hofe ist es, der 
sein Genie in den Ton einer hödist sklavisdien Unterwürfigkeit 
stimmt,- der in Gediditen, die eben so erhaben als kriediend 
sind, seine eigene Niederträditigkeit unausiösdibar verewigt,- der 
des wahren Ruhms vergißt, weil er sdiändlidie Bezahlung für 
den Gesang, den er feil hat, erbettelt,- der einem Fürsten, den 
er veraditet oder fürditet, sdimeidielt,- der die Nadiwelt zu be^ 
trügen sudit, weil er sidi selbst nidit betrügen kann — dieser 
Mann, dieser veräditlidie Diditer — ist Horaz, Listig, hab- 
süditfg, empfänglldi für jedermanns Ränke, gebraudit er die 
Moral, bloß um sie zu untergraben. Unter dem Sdiein einer 
epikurisdien Sorglosigkeit sudit er seine Niederträditigkeit zu be^ 
ded^en. Im Besitz der Denkkraft eines freien Mannes äußert 
er sidi als Sklav.« In dasselbe Hörn stößt Boost <1807>*^): 
»Wenn Flaccus ein rudiloser Sdimeidiler war, indem er den 
lebenden August vergötterte <III 5), so ersdieint er als ein un=^ 
versdiämter Lügner, wenn er in der 2. Odz ^^s 4. Budies sagt: 



IV. Praktische Foli5eruiis;en. 47 

,Nidits größer, nichts besser als August, und wenn selbst das 
goldene Zeitalter der Unsdiuld, der arglosen Offenheit wieder- 
kehrte.' Hier verrät sidi der Abkömmling eines Sklaven , der 
Sohn eines Zwangbefehlträgers <porteur de contrainte): Hier 
sdiützen weder die Ehrenrettungen eines Wieland nodi Jani.« 
Auf die ganze augusteisdie Diditerzunft erstred^t Prutz*-), der 
diditerisdie Herold der demokratisdien Bewegung in der Mitte 
des 19, Jahrhunderts seinen Tadel, wenn er sagt; »Fast in allen 
Diditern des augusteisdien Zeitalters wird eine unpolitisdie, un- 
republikanisdie und überhaupt unmännlidie Zurüd^gezogenheit 
von der Bewegung des Lebens und der Gesdiidite siditbar, und 
Horaz ist das redite Muster und zugleidi der eigene Herold 
dieser Neutralität geworden.« 

Die Gegenprobe hat somit ein ziemlidies Gegengewidit von 
abspredienden und verdammenden Urteilen gebradit, und es 
wäre wirklidi zu verwundern, wenn diese versdiiedene Wertung 
des Diditers nidit audi versdiiedene praktisdie Folgen nadi sidi 
gezogen hätte. An diesen hat es in der Tat nidit gefehlt. 

IV. Praktische Folgerungen. 

Am offensiditlidisten ist die jeweilige Stellungnahme der Zeit 
zu Horaz in der Art und dem Umfang, wie die Schule sidi 
gegenüber jenem verhält, die Schule, weldie die formalen 
Vorzüge zu allen Zeiten anerkannte, wenn audi der Inhalt der 
Diditungen zu versdiiedenen Bedenken Anlaß geben modite. 

Horaz wurde bald Sdiulsdiriftsteller. Wenn nidit sdion 
früher, sidier zur Zeit Qu i n t i 1 i a n s <inst. I 8, 6),- zu } u v e n a 1 s 
Tagen lasen ihn die Knaben neben Vergil <sat. VII 225). In 
der diristlidien Sdiule wurde er verhältnismäßig spät zugelassen. 
Da klang eben dodi des Hieronymus Mahnwort an Eustodiius 
zu laut durdi : »Quis concursus Christi cum Belial? Quid facit 
cum Psalterio Horatius? . . . Nonne scandalizatur frater, 
si te viderit in idolio recumbcntcm?« Und die Gegnersdiaft 
gegen die heidnisdien Autoren überhaupt war, wie wir oben 
sahen, zu allen Zeiten vorhanden. 

Erst in der Karolingerzeit gewinnt Horaz durdi den Ein^ 
fluß der irisdien Möndie, der Erben der antiken Bildung, in 



48 Erster Teil. Moralische Wertung, 

den Schulen Eingang. Walther von Speyer erzählt in der 
»Vita et passio S, Christophori« <c. 973), daß man in Speyer 
im 10. Jahrhundert Horaz las,- an der Domsdiule zu Merse= 
bürg blühte unter dem Bisdiof Meinwerd^, dem Hofkaplan 
Ottos III. und Heinridis II. <t 1036) das Studium des Horaz 
und Vergil. Im Kloster Tegernsee wurde unter Abt Goz= 
bert <982— 1001) neben Priscian audi Statius, Persius, Juvenal 
und Horaz <der Satiriker) gelesen. Der Möndi Froumund 
<c. 1020) sdireibt <ep. IX) von Tegernsee aus nadi dem Kloster 
Altaidi im Donautal: »Si adhuc ad manus habetis librum 
H o r a t i i , rogo vos , ut eum mittatis ad describendam parti- 
culam, quae adhuc nobis deest eiusdem libri.« Der Kluniazenser 
Othio <11, Jahrhundert) zählt Horaz ausdrüAlidi unter den 
Sdiulautoren auf/ ebenso wissen wir, daß man in den Erfurter 
Sdiulen im 13. Jahrhundert neben anderen Horaz pflegte. 

Dementsprechend gehören die heute nodi nadiweisbaren 
Horazhandsdiriften ^^) der Klöster hauptsädiüdi diesen Zeiten 
an. Während aus dem 9. Jahrhundert die reidihaltigen Ver:=^ 
zeidinisse von Konstanz, St. Gallen, Reldienau, Bobbio keinen 
Horaz erwähnen, ändert sidi vom 10, Jahrhundert an das Bild. 
So finden wir aus dem 10. Jahrhundert Horaz verzeidinet in 
den KlosterbibÜotheken von Melk, Lorsdi, Toul (zwei Bände), 
Bobbio, wo dem Bande drei Satiren hinzugefügt waren,- in 
Montpellier <N. 425),- von den Pariser Handsdiriften des 10. 
Jahrhunderts stammt n. 7973 aus Fleury, ebenso n, 7971 , die 
der Möndi Herbert dem Kloster gesdienkt hatte,- ein Fragment 
der »carmina« in der Mündiener Staatsbibliothek stammt aus 
dem Kloster Sdiäftlarn <Mon. lat. 17320). — Aus dem 11, Jahr- 
hundert finden wir einen Oratius verzeidinet in Reisbach, 
St. Bertin <4 vol. : vor 1084),- aus dem 12. Jahrhundert in 
Midieisberg <2 vol.), Rouen <llll'-28), Rastede <c. 1150), 
Pfäffers (1155), Prüfening <1158), Wessobrunn, St. Amand 
<poetriae duae), St. Peters (Salzburg), Heiligenkreuz (saturae), 
Wien <Oden und Episteln), Durham (libri anglici), Ciuny (totus 
Horatius), Limoges (Oratius. epistole), Marseille (vol. Oracii),- 
aus dem 13, Jahrhundert in den Katalogen der Klöster von 
Neumünster (Würzburg), Sdieyern, Benediktbeuren , Sdilett-^ 
Stadt, Arnstein, Bamberg, Klosterneuburg, Pezau. 



IV. Praktische Folgerungen. 49 

Besonders hervorzuheben sind dabei die erklärenden Aus^ 
gaben, also für Sdiulzwed<e besonders hergeriditet. So lesen 
wir in den VerzeidinilTen von Engelberg <vor 1175): »Glose 
super sermones Oracii«,- von Corvey <c, 1200): »Glose super 
odas. Glose odarum,- von St. Amand <saec. XII>: »Glosae 
super poetriam« : von Durham: »Glosae super poetriam« ,• von 
St. Peter: »Commentarius super Oracium«, 

Wir können demnadi von einer Welle spredien, die vom 10. 
bis 12. Jahrhundert den Diditer Horaz hebt und mitträgt,- das 
zeigen die eben erwähnten Klosterkataloge,- das zeigen audi 
die übrigen Horazhandsdiriften, die aus diesem Jahrhundert er= 
halten sind, aber einzelnen Fundorten nidit mehr zugeteilt 
werden können. 

Aber mit dem 12. Jahrhundert verdrängte, wie wir oben 
sahen, der Geist der Sdiolastik die Begeisterung für die Antike : 
an Stelle der Klassiker tr'äten allmählidi das Doctrinale des 
Alexander von Villedieu und der Grecismus des Eberhard 
von Bethune,- an Stelle der lateinisdien Spradie der augustei- 
sdien Zeit und Ciceros trat ein vulgäres Latein , das allere 
dings den Vorzug des Fordebens und Sidiweiterbildens hatte. 
Duldete man überhaupt nodi heidnisdie Autoren in der Schule, 
so wurden sie »moralisiert«,- so kennen wir einen Cato, einen 
Aesopus moralizatus. Aber sogar diese Umwandlungen ver= 
wirft der eifernde Othlo, der Vorsteher der Klostersdiule von 
St. Emmeram in Regensburg. Er, der in seiner Jugend nodi 
für Lucan und Vergil gesdi wärmt hatte, sudite als Lehrer die 
vom Satan angestifteten Sdiandsdiriftsteller Horaz, Tcrenz, 
Juvenal aus dem Sdiuiunterridit zu verdrängen. In seinem liber 
metricus de doctrina eifert er gegen sie und die moralisierten 
Ausgaben ,• denn »was werden sie uns Elenden in der Todes- 
stunde, in der Stunde des Geridites nützen?« Um die Heiden 
für die Sdiule zu retten, diristianisierte oder allegorisierte man 
heidnisdie Diditungen : so wurde des Ovid ars amandi für 
Nonnen zureditgeriditet '^V Hrosvitha von Gandcrshcim ifiristi^ 
anisierte die Dramen des Terenz. Ja selbst die Grammatik wird 
auf moralische Zwedte zugeschnitten. Der »doctor Christi- 
anissimus« Jean Charlier de Ger so n verfaßte ein Büdilein 
Donatus moralizatus ■*''), das Jo. Fr. He ekel 1692 auf^ neue 

Stemplinger, Horaz. 4 



50 



Erster Teil. Moralisdie Wertung. 



herausgab. Da liest man z, B, § 11 cuius casus? <sc, homo). —' 
Nominativi et Vocativi, quia nominatur iam mortalis qui 
immortalis erat creatus, et vocatur operarius, qui aeternae 
quieti erat deputatus, — Die ganze Bewegung ging aus von 
der asketisdien Riditung der Cluniazenser und sdiließt an 
Tertullian an, 

Freilidi erreidite die Reaktion nidit mit einem Maie ihr 
Ziel,- aber im Sdiulunterridit madite sie sich am ehesten be- 
merkbar. Seit dem 12. Jahrhundert werden mehr und mehr 
die diristlidien Diditer bevorzugt: Prudentius statt Horaz, 
Avitus, Juvencus, Arator <de actibus apostolorum), Sedulius 
<pasdiale Carmen). Daneben kamen audi moderne diristliche 
Dichtungen auf: die Alexandreis des Walther von Chatillon, 
die Eclogae des Theodulus, die Proverbia des Alanus ab in- 
sulis (Alain de Lille), das biblisdie Gedidit Aurora von 
Petrus Riga. 

Namentlidi verlor sidi die Lektüre der horazisdien Oden 
fast gänzlidi. Schon Hugo von Trimberg (t 1313), der Rektor 
der Schulen an dem Kollegiatstift zu Theuerstadt (bei Bamberg), 
konnte in seinem registrum auctorum sagen (II 66) : 
»Sequitur Horatius, prudens et discretus, 
Vitiorum emulus, firmus et mansuetus,- 
Qui tres libros etiam fecit principales, 
Duoscjue dictaverat minus usuales,- 
Epodon videlicet, et librum odarum, 
Duos nostris temporibus credo valere parum.« 
Dasselbe Bild gewinnen wir aus einer Zitatenstatistik 
von Moore *'^). Demnach zählt man in der von Manitius un- 
gemein fleißig zusammengestellten Sammlung von mittelalter^ 
liehen Horazzitaten im 9., 10., bzw. IL, 12. und 13. Jahr- 
hundert in 



aus den Oden und 
Epoden 



aus den Satiren und 
Episteln 



Deutsdiland 
Frankreidi 
Italien . . 
England . 



28, 48, 24, 8 

16, 1, 30, 2 

11, 5, 2, 3 

-, -, 21, 5 



43, 74, 136, 78 

26, 34, 240, 42 

22, 19, 38, 17 

-, -, 106, 92 



IV. Praktische Folgerungen. 5J 

Im 11. und 12. Jahrhundert ist Horaz am bekanntesten, 
wenn auA der Lyriker weit zurüd<getreten ist,- mit dem 
13. Jahrhundert hört die Zitierung der Oden und Epoden fast 
ganz auf,- aber audi der Ethicus der Satiren und Episteln ist 
auffällig in der Beliebtheit und Bekanntheit 2urüd<gegangen. 
Dabei ist nidit zu übersehen, daß die meisten dieser Zitate oft^ 
wiederholte Moralia sind, zumeist in der Schule memoriert. 
Nun geht es mit dem Vergessen sdmell. Coluccio S a 1 u ^ 
tati <14. Jahrhundert) spridit nur mehr von einem Satyricus 
noster,- audi Dante weiß von Horaz nur zu sagen: »Berühmt 
durdi Spott dort oben». Boccaccio, der 1373 für seinen 
Comm.ento sopra Dante den Lehrstuhl von Florenz erhielt, 
vergleidit darin die horazisdie Lyrik mit dem biblisdien Psalter, 
spridit von einem Budi Oden <wie Hugo von Trimberg), 
kennt die Epoden überhaupt nidit mehr,- zu IV 89 madit er 
die Bemerkung : »Fu oltre a cio fatro maestro della scena !« 
Als ob Horaz ein Dramendiditer gewesen wäre! In Wirk= 
lidikeit kannte er nur die ars poetica und einige Satiren. Man 
braudit sidi darüber nidit so sehr zu wundern, wenn man sidi 
erinnert, weldi krasse Unkenntnis in literarisdien Dingen über- 
haupt eingerissen war. Der Grammatiker Smaragdus, zur Zeit 
Karls des Großen , erblidvte in den Donatzitaten : Eunudius 
Comoedia und Orestes Tragoedia zwei Autorennamen ,• 
der Grammatiker P. Virgilius Maro aus Toulouse (6. Jahr= 
hundert) unterschied zwölf Arten von Latein und setzte Vergil 
in die Zeit der Sintfliit,- der Grammatiker Petrus Elias 
<4./5. Jahrhundert?) meint, Thukydides sei ein lateinisdier 
Gesdiiditsdireiber und Diditer gewesen. Ridiard von Bury, 
der englisdie Staatsmann und Bisdiof von Durham <1287 
bis 1347), beklagt, daß beim Brande von Alexandria folgende 
berühmte Werke für immer verloren gingen : »Cadmi gramma- 
tica, Parnasi poemata, Apollitiis oracula, Jasonis Argonnu- 
tica, strategemata Palamedis!<N 

An den Hodisdiulen vcrnadilässigtc man eben audi die 
Lektüre des Horaz. In den Lektionsverzeidmissen von Prag 
<1366), \Vien<1389), Oxford <1449), Ingolstadt <1472)*V) trifft 
man dessen Namen gar nidit an , audi in Italien ist's nidit viel 
anders. Im 14. Jahrhundert wird er auf der Universität 

4* 



52 Erster Teil. Moralische Wertung. 

Bologna gar nicht gelesen,- in Padua und Florenz werden 
wenigstens einzelne Satiren und Episteln besprod^en. 

Petrarca gehört zu den wenigen erleuditeten Geistern, 
die die klassizistisdie Riditung pflegten, als dies fast ein Ver^ 
gehen sdiien und zählt zu den Seltenen, die über die artes 
hinaus audi die Autoren lasen, die das verknüpfende Band 
zwisdien Antike und Moderne festhielten. Er las audi viel 
und gerne Horaz, und zwar Sermonen und Oden,- er las ihn 
wie Cicero und Livius mit persönlidier Anteilnahme. Neben 
Petrarca verdient Greg. Corraro hervorgehoben zu werden, 
der 1437 an seinen Lehrer Vittorino sdirieb: «Mitto tibi 
Oratium tuum, qui iam decennio mecum peregrinatus est 
optimeque de me meritus est,- eumque cum in Germania essem, 
rubra tunica indui, ne eum frigora laederent^^). Man sieht, der 
Diditer ist dem Leser wieder etwas Lebendiges, Persönlidies 
geworden. 

AllmähliA fand Horaz an den Universitäten Eingang. 1466 
liest Calcilio di Sessa in Rom die Oden,- 1468 hält Antonio 
Broianigo in Verona einen Kurs über Horaz,- 1483 interpretiert 
Bern. Nuzzi in Florenz die Oden und Epoden. Aus Italien 
nahm der deutsdie Humanist Peter Luder die Begeisterung 
für den Venusiner mit heim: als erster in Deutsdiland hielt er 
1456 in Heidelberg Vorlesungen über den . römisdien Diditer. 
In Heidelberg fertigte audi Werner von Themar die erste 
deutsdie Übersetzung horazischer Sermonen. In Italien er= 
sdieint der erste Drudv der horazisdien Diditungen <etwa 1470, 
ohne Ort),- bis 1500 zählen wir bereits 60 Drudve. 1481 er= 
sdieint die Venetianer Ausgabe mit dem Kommentar des 
Porphyrio,- ihn hatte Alberto Enodie da Ascoli, als er auf 
der Handsdiriftenjagd bis zur Weidisel und zum Pregel vor- 
drang, zufällig gefunden. 1482 ersdieint zu Florenz der Horaz= 
kommentar von Landinus, der den bildenden Wert seines 
Diditers in der Widmungsepistel hervorhebt: »Oratii volumina 
huiuscemodi artificio conscripta sunt, modo recte intelligantur, 
ut eius lyricum Carmen ad iuvenile ingenium excitandum, et 
ad linguam expoliendam atque ornandam vehementer te iuvare 
possit,- Sermones et Epistulas ad mentes humanas omni labe 
purgandas et öptimis moribus informandas non tantum valere 



IV. Praktisdie Folgerungen. 53 

intelligatur, sed etiam multorum philosophonim libros doctrina 
cfiiidem exaequenr. 

Wie verhielt sidi nun die Didaktik der Humanisten zur 
Horazlektüre ? Wie man sidi in allem an antike Muster an^ 
sdiloß, so audi in pädagogisdien Fragen. Und hier war Quin^ 
tilian "*''), der Prinzenerzieher, mit seinem praktischen Handbudi 
der Pädagogik <institutio oratoria) der willkommene Führer. 
Gar bald trat in der Lektüre wieder ein LImsAwung gegenüber 
der sdiolastisdien Methode ein. NoA Lion. Bruni empfiehlt 
in seinem Buch »de studiis et litteris <c. 1490)« diristlidie und 
heidnisdie Autoren nebeneinander, wobei für die Heiden nur 
der Gesiditspunkt der Spradireinheit spridit. Indessen müssen 
bald die diristlidien Autoren den heidnisdien ganz Platz madien. 
Die Didaktiker Corraro (quomodo cducari debeant pueri : 
1430), Vegio <de educatione liberorum : c. 1450), En. Silvio 
<tractatulus ad regem Bohemie Ladislaum : 1450), Guarino 
<de modo et ordine docendi ac dicendi : c. 1458), Filelfo 
<epistula ad Math. Trivianum: 1475), Agricola <de formando 
studio : 1484), Wimpheling, Erasmus, Melanchthon, 
Sturm u. a. folgen hinsiditlidi der Lektüre in den Hauptzügen 
dem Schema Quintilians. Dabei ward auch dessen Satz <I 8, 6) : 
»alunt et lyrici, si tamen in his non autores modo, sed etiam 
partes operis clegeris,- nam et Graeci licenter multa et Horatium 
in cjuibusdam nolim interpretari« völlige Beachtung geschenkt. 

Derlei theoretische Erwägungen brechen sich denn auch, 
wenn schon langsam, in der pädagogischen Praxis Bahn. 1539 
heißt es noch in der Hamburger Schulordnung: »Horatiana, 
Plautina, similiaque ipsimet alias legant< — also las man sie in 
der Schule nicht. Zuerst finden wir Horaz in Neubrandenburg 
für die Prima erwähnt 1553: »interpretabimur selectas Elegias 
Ovidii, Eobani, Stigelii, Sabini aut iucundam oc\eu Horatii. 
1564 lesen wir im Hamburger Lehrplan: "intcrdum usurpcntur 
odae quaedam Horatii <z. B. I 22. III 2). Ähnlich ist der Be^ 
trieb 1571 in Gandersheim, 1580 im Kurfürstentum Sadisen, 
1570 kommt zuerst in Breslau der libellus de arte poetica zur 
Lesung, 1591 in Stralsund quaedam Horatii epistula. 1634 
wediselte in Hamburg Vergil und Horaz,- 1662 wurden in 
Güstrow Horatii odae selectiores et scrmoncs in der Prima gc- 



54 Erster Teil. Moralische Wertung- 

lesen,- um die Mitte des 17. Jahrhunderts heißt es audx in 
Stralsund: Prorector Virgilii Aeneida vel Horatii castiores 
odas interpretabitur. Joh, Boehme <Bohemus t 1676) bevor- 
zugte an der Kreuzsdiule in Dresden den Horaz vor Vergil 
und leitete seine Sdiüler zu deutsdien Übersetzungen an. 
Wimphelings und namendidi Sturms »Studienordnung« 
wurden fast überall vorbildlidi für die Sdiulordnungen des 
16. und 17. Jahrhunderts und gewannen audi Einfluß auf die 
namentlidi im Süden maßgebende ratio studiorum der Jesuiten»^ 
sdiulen. 

Aber man glaube ja nidit, daß sidi gegen diese Renaissance 
des Horaz und anderer heidnisdier Autoren keine Gegnersdiaft 
erhoben hätte, Namendidi die Pietisten, die Kluniazenser des 
Protestantismus, wandten sidi wie gegen die heidnisdien Sdirift^ 
steller überhaupt so audi gegen Horaz, der ja gar nidit stimmte 
zu dem angestrebten asketisdien Leben, da man gegen den 
Tanz, das Spiel, das Theater, die Kleiderpradit, sogar gegen 
das Ladien, Sdierzen und Spazierengehen in finsterem Ernst 
eiferte. Sdion 1662 hören wir, daß in Güstrow neben Budi= 
anan die Hymnen des Prudentius gegen Horaz ausgespielt 
werden. Calovius <1612'-1686> empfiehlt ausdrüddidi statt 
Horaz den Budianan oder den Horatius C h r i s t i a n u s. Rektor 
Jakob Thomas in Leipzig beseitigte an jder äeit alters bestehen- 
den Thomassdiule die Römer vollständig/ so blieb es sogar 
nodi bei seinem Nadifolger I. H. Ernesti. Cellarius in 
Halle <1702> wollte Heiden und Christen nebeneinander : neben 
Vergil und Horaz audi Prudentius, Sedulius u. a., ut ex illis 
Latlnitas pura excipiatur, ex hisce illa ad usum pium et Christi- 
anum transferatur. Lind so blieb es an den Hallesdien An« 
stalten : »die anderen Tage wird der Prudentius gelesen, sonder- 
lidi die Psydiomadiia, liber Cathemerinon und Peristephanon, als 
von weldiem Budie die Sdiolaren ihr Leben lang einen großen 
Nutzen haben und dodi daraus audi gut Latein lernen können». 
Die Walded^er Sdiulordnung von 1704 sagt: »In der Poesie 
ist zwar Vergilius und Horatius rezipieret«,- aber es sei große 
Vorsidit am Platze,- drum wird für die Prima »Prudentius, 
Budiananus und Horatius Christianus« nebeneinandergestellt. 
Was es mir diesem Horatianus Christianus für eine Be- 



IV. Praktische Folgerungen. 55 

wandtnis hat, werden wir im zweiten Teil des näheren aus- 
führen können. 

Demselben Grundsatz, wie der christianisierte Horaz, huldigt 
ein zweites Verfahren, der purgierte, ad usum Delphini her^ 
geriditete Horaztext. Sdion Carl Borromaeus "*^} hatte als Erz- 
bisdiof von Mailand <ab 1560) den kleinen Seminaristen die 
Auswahl aus Horaz vorgesdi rieben,- ebenso befahl Ignatius von 
Loyola in den Institutionen <IV c. 16) eine purgierte Ausgabe. 
Damit wird wieder angeknüpft an jene Mahnung des Origenes 
und Hieronymus , man solle mit den heidnisdien Büdiern ver^ 
fahren wie das Deuteronomium mit den kriegsgefangenen Frauen 
(ZI, 10—13), woran audi sdion Rhabanus Maurus erinnert 
hatte. Aus den Jesuitensdiulen gingen die ersten purgierten 
Horazausgaben hervor ■'^}/ D i 1 1 i n g e n , wo seit 1 564 die 
Jesuiten die Universität besetzten, gab die erste <1570) heraus,- 
unzählige folgten allerorten. Die Methode ist überall dieselbe: 
entweder werden anstößige Gedidite weggelassen, wie I 5. 6. 
IV 1. III 9 <!), 10/ sat. I 2 u. a. Oder einzelne Gedidite werden 
gekürzt, falls der Inhalt suspekt ersdieint : so streidit die Dillinger 
Ausgabe Str. 1 bei c. I 16, Vers 1 —8 bei c. I 19,- die letzte Strophe 
bei c. I 9,- von c, I 27 bleiben nur die Verse 1—8 u, ä.,- man 
sdbeut sidi sogar nidit, ohne Rüd\sidit auf das Versmaß, einzelne 
Worte wegzulassen,- so lautet z. B. c. I, 4, 9: appone: nee . . . 
sperne puer neque tu dioreas <dulces amores fällt weg). — 
Andrerseits werden anstößig ersdieinende Wörter, die man 
ohne grammatikalisdie Störungen nidit entfernen kann , durdi 
unverdäditige ersetzt,- so heißt es c. I 19, 9: 

in me tota ruens Cypris <st. Venus). 

c, I 22, 23: dulce ridentes Charites amabo <st. Lalagen), 
Dulce lo(p.ientes. 

c. I 9, 15: nee earos sodales <st. amores) 

Sperne [)uer neque sperne ludos <st. tu dioreas). 

In dieser Weise stutzte und verballhornte man audi die Satiren 
und Episteln, Das ist ja Johannes Ballhorn , der heute nodi 
unsere sdiönen Volkslieder für die Jugend verhunzt, statt »Lieb 
und Mai« »Sdierz und Mai-.*; korrigiert, die zweite Strophe von 
Eidiendorffs »Frohem Wandersmann*- wegläßt, weil vom 



56 Erster Teil. Moralische Wertung, 

»Kinderwiegen« die Rede ist, für »Liebdien« oder »Buhle« 
Onkel oder Tante einsetzt. 

Im ganzen sind die purgierten Text-Horazausgaben ziemlich 
selten geworden und beschränken sidi auf die Weglassung un- 
geeigneter Studie, 

Aber daß die ^te Weise sidi nodi hält, zeigt die Ausgabe 
von }. F, Bergier; »Horatius Christianus seu Horatii odae a 
scandalis purgatae, a scopulis expeditae, et sale Christiano 
conditae« <Salins 1886). 

Wenn man auch heutzutage nicht mehr den Horaz christiani- 
siert oder »verbessert«, so wird er doch noch in Schulausgaben 
arg gestutzt. Noch Alberti <»De Horatii odarum cum pueris 
tractandarum ratione«, Schleiz 1821> läßt zur Lektüre nur die 
carmina sacra und die Oden, die sich auf Jahreszeiten, auf 
Gleichmut und Zufriedenheit, auf den Staat, Mäcenas und 
Augustus beziehen, zu, }. Steiner, <Ȇber Ziel, Auswahl 
und Einrichtung der Horazlektüre«, Wien 1881) verwirft unter 
103 Liedern 35, darunter II 9, II 11 ,- II 12 wegen der bösen 
Zeile: dum flagrantia detorcjuet ad oscula ! Auch O. Alten- 
burg {Programm von Wohlau, 1893 und 1894) billigt nur ein 
paar Liebes- und Trinklieder, Th. Mutschky {»Bemerkungen 
zur Lektüre des Horaz«, Progr. G, Krotosdiin 1904) streidit 
I 5. 13. 16. 19, 23. 25. 33,- II 4. 5, 8,- III 7, 10. 15. 20. 22. 
26. 27/ IV 13. W. Gebhardi <» Ein Kanon der horazischen 
Lyrik für die Schule«, N, Jahrb. für Phil. 1880, S. 161-182) 
tilgt nur II 4. 5. 8,- III 10. 11, 14, 22,- IV 1 und 10, Wen 
das laborantes utero puellae in III 22 stört, der steht auf dem 
Standpunkt der Mädchenschuldirektion, die Goethes »Hermann 
und Dorothea ausschließt, weil von einer Wöchnerin die Rede 
ist. Vergesse man doch nicht, daß bei der Horazlektüre im 
Durchschnitt über 17 Jahre alte Jünglinge in Betradit kommen, 
denen durch die neuen Schulordnungen der Besuch aller öffent- 
lidien Versammlungen erlaubt ist,- denen gegenüber eine Vogel- 
straußpädagogik sicherlich nicht mehr am Platze ist, da sie in den 
modernen Theaterstücken hundertmal mehr Erotik kennen lernen 
als im ganzen Horaz. 

Daß man bei der Lektüre unter den Satiren I 2 wegläßt, versteht 
sich, auch bei II 7 läßt sich ein Verdikt begründen. LInter den Episteln 



V. Objektive Würdigung. 37 



läßt sidi keine aussdieiden. Wenn man das Nibelungenlied 
liest oder Hebbels Nibelungendrama, dann darf man audi vor 
der Reise nadi Brundisium nidit zurüdxsdired-cen oder vor Sat. I 9 
<wegen des Verses 46>. H f m i 1 1 e r < Vom alten Gymnasium«, 
1917, S. 27> hat meine Zustimmung, wenn er sagt: »Die 
Lektüre des Phaidros sdieitert mandimal an der Zimperlidhkeit 
und Ungesdiidilidikeit, mit der die Sdiule Tatsadien nidit nur 
des antiken Lebens, sondern des Lebens überhaupt vertusdit 
und mandie Autoren und Werke in weitem Bogen vermeidet, 
als ob nidit diese von den Sdiülern durdisdiaute Ängsdidikeit 
gerade das Gegenteil von dem erreidite, was sie in wohU 
meinender Hilflosigkeit bezwed^t. Ist es nidit lädierlidi, in einer 
Zeit, die den Eulenburgprozeß mit all seinen Einzelheiten und 
den Paragraphen Hundertimdfünfundsiebzig als geflügeltes Wort 
erlebte, den Phaidros als bedenklidi von der Lektüre aus^ 
zusdiließen? Kindisdi, an einem Kabinettstüd<, wie des Horaz 
Reise nadi Brundisium, gesdiämig vorbeizugehen, obgleidi jedem 
Oberprimaner der Inhalt der einzigen anstößigen Zeile zum 
mindesten eine Idee, vielen sogar bereits eine Erfahrung sein 
dürfte. - 

V. Objektive Würdigung. 

Wir haben nun in rasdiem Fluge die Zeiten durdilaufen, 
um zu erfahren, wie sie sidi zur Moral des Diditers verhielten. 
Wir sahen, daß die Verdammungsurteile den Lobeserhebungen 
nidit nadistehen, daß aber heutzutage die Wertung der Horaz* 
diditungen vom ethisdien Standpunkte aus eine günstige ist, 
wennsdion dabei einzelne Satiren und Episteln in den Vorder* 
grund treten. 

Damit sind wir von selbst zu der Kernfrage angelangt : 
was hält eine objektive, tendenziöse Würdigung \on der Ethik 
des Horaz? 

Quintus Horatius Flaccus ist am 8. Dezember 65 v. Chr. 
geboren, zwei jähre vor Augustus, fünf Jahre nadi Vcrgil. Sein 
Vater, ein Freigelassener, besaß in dem süditalisdicn l^nd* 
städtdien Venusia <heute Venosia) ein mageres ürundstüik. Hier 
wudis der Kleinstadfjunge in herrlidier Natur auf, kletterte an den 
Hängen des 1400 m hohen Geiersberges <Voltur) herum, freute sidi 



58 Erster Teil. Moralische Wertung. 

am Rausdien des wilden Ofanto: hier liegen die Wurzeln zu 
den heimatlidien Bildern und Vergleidien, die der Diditer später^ 
hin gerne einflidit. 

In die Klippsdiule des Flavius gingen die hodinäsigen Buben 
der Herren »Bezirksfeldwebel« — der Honoratioren der Militär- 
kolonie, um dort die Anfangsgründe des Lesens, Sdireibens und 
Redinens zu lernen,- Horaz war dieser Sdiule fern gehalten. 

Als der Junge größer wurde, siedelte der verständige Vater 
nadi Rom über, um seinem Sohne, dessen Begabung er riditig 
einsdiätzte, eine bessere Bildung angedeihen zu lassen. Dann 
gings nadi Athen, zur Hodisdiule der Philosophie und Rhetorik. 
Wie ein Blitz traf die jungen Römer in der Ferne die Nadi- 
ridit von der Ermordung des »Tyrannen« Cäsar <44>. Und 
als vollends einer der Cäsarentöter, Brutus, selbst nadi Athen 
kam, da sdiarte sidi um ihn die begeisterte Jugend, allen voran 
der junge Cicero , Messala und der 21 jährige Horaz. In 
revolutionären Zeiten verlieren die herkömmlidien Vorsdiriften 
ihre Bedeutung: so ward denn audi Horaz gleidi zum Offizier 
befördert und folgte dem Brutus auf den Streifzügen in Maze= 
donien imd Kleinasien, während drüben auf heimisdiem Boden 
die Sdiladit bei Mutina das zweite Triumvirat zeitigte. Was 
Horaz hier erlebte, fand teilweise in den Did\tungen eine Stätte. 
Nun kam der Tag von Philippi : Die Truppen des Brutus <und 
mit ihnen Horaz) erstürmten das feindlidie Lager des kranken 
Octavian, während Antonius das Lager des Cassius besetzte, 
so daß sidi dieser verzweifelt den Tod gab. Zwanzig Tage 
nodi lagen sidi die beiden »siegreidien« Heere gegenüber,- da 
erzwang Antonius den Sieg: Brutus stürzte sidi in sein Sdiwert, 
das Heer floh. Während mandie Freunde des Horaz mii Sex. 
Pompeius gegen die Cäsarianer weiterfoditen, kehrte er selbst 
»flügellahm« nadi Rom zurüde, um zu erfahren, daß sein Heimat- 
gut expropriiert war ^ , d, h, den siegreidien Veteranen der 
Triumvirn überwiesen. Mit dem Reste des väterlidien Ver= 
mögens — war sein Vater den Proskriptionen des Jahres 43 
zum Opfer gefallen ? — kaufte er sidi in die Zunft der »Scribae 
quaestorii« (Redinungskommissäre) ein <39). 

Nun zirkulierten bald seine ersten Spottverse in Freundes- 
kreisen, unter denen sidi Varius und Vergil befanden. Diese 



V. Objektive Würdigung. 59 

empfahlen den 27 jährigen Dichter dem einflußreidien Maecenas. 
Nadi neunmonatlidier Prüfungszeit nahm ihn dieser in seinen 
Künstler^ und Sdiriftstellerkreis auf, sdienkte ihm später <32> 
einen Gutshof in den Sabinerbergen ganz in der Nähe von 
Rom und madite somit den Dichter frei. Von nun ab ver= 
bradite er sein Leben sorgenlos, bald in Rom, bald auf seinem 
Meierhof, bald in einem Bade. Am 27. November 8 v. Chr. 
starb er im 58. Lebensjahre, wenige Monate nach dem Hin- 
scheiden des Maecenas. 

Das ist der Lebenslauf des Dichters, mit Ausnahme der 
zwanziger Jahre ohne aufregende Ereignisse, einfach, ohne Pathos. 

Was wir von seinem Leben, seiner Lebensanscbauung, seinem 
Tun und Treiben, seinem Charakter wissen, stammt fast aus^ 
nahmslos aus seinen Werken , die »wie eine Votivtafel« ihn 
selber schildern. Denn den Hintertreppenklatsch Suetons von 
dem famosen Spiegelzimmer glaubt heutzutage, seit man die 
Klatschsucht griechischer und römischer Literarhistoriker und Ge- 
schieh tschreiber erkannt hat, kein Ernsthafter mehr. Aber was 
hat man audi alles aus den horazischen Versen herausgelesen, 
was in sie hineingeheimnißt! 

Zunädist vergaß man häufig ganz, daß wir in den Dichtungen 
des Horaz nicht einen fertigen, sondern einen reifenden 
Charakter sehen, der an seiner Selbstvervollkommnung arbeitet. 
Dank der verständigen Erziehung seines Vaters hat er beizeiten 
gelernt, fremde Fehler zu beobachten, deren Folgen ins Auge 
zu fassen und darnach sein eigenes Verhalten einzustellen. Er 
kennt aus Unterricht und Lektüre die philosophischen Systeme,- 
am meisten spridit ihn die Lehre Epikurs an, wie sie Lu- 
cretius darstellte, wie er sie im Verkehr mit Philodenios 
aus Gadara, dem angesehensten Haupte des Epikurismus in 
Rom, kannte, wie er sie im LImgang mit Maecenas und Vorgil, 
der den berühmten Epikureer Siron zum Lehrer gehabt hatte, 
vertiefen konnte. In jüngeren Jahren macht es dem Dichter nodi 
Spaß, die stoisch-kynische Philosophie lächerlich zu niadicn, zu- 
mal die Sekte der Se.Ktier in Rom mit ihren praktisch^othischcn 
Lehren großen EinHuß gewonnen hatte und mehr die »Religion« der 
Ungebildeten vertrat. Später wird er milder, toleranter, weiter- 
blickend ,■ sieht er dodi ein, daß beide Sdiulcn in mandien Zügen 



60 Erster Teil. Moralisdie Wertung. 

wahlverwandt waren : in beiden hatte allmählidi die praktisdie 
Ethik die metaphysisdien und erkenntnistheoretisdien Probleme 
der Akademiker und Peripatetiker ganz in den Hintergrund ge- 
drängt,- die i'jfiatixovta <GlüdiseIigkeit) des Individuums ist beiden 
die Hauptsadie. Wie sehr Zenons und Epikurs Lehre auf die 
Massen wirkte, erkennt man aus den Grabinsdiriften um die Wende 
des 1, Jahrhunderts, die zumeist stoisdi oder epikurisdi getönt sind. 

An Epikur selbst mußten dem zur Reflexion und Didaktik 
neigenden Diditer sdion die präditigen, knapp formulierten Sen- 
tenzen gefallen, die an Tiefe und Mensdienkenntnis selbst die 
Aussprudle seines Zeitgenossen Menandros übertreffen. Und 
den durdi die langen Bürgerkriege zermürbten und zersdilagenen 
Gemütern wurde von selber das Ziel der epikurisdien Lebens- 
ansdiauung, die axczpacia, das nil admirari das einzig erstrebens- 
werte. Ist es dodi nodi in allen Zeiten so gewesen, daß über- 
mäditige politisdie Umwälzungen oder Kriege eine intensive 
Anspannung der geistigen Kräfte zur Folge hatten. Das Ideal- 
bild des Weisen fällt bei Epikur und der kynisdien Stoa zu= 
sammen: er bleibt sidi in allen Lagen des Lebens treu, ver^ 
bannt alles leidensdiaftlidie Pathos,- er bleibt am liebsten Hage^ 
stolz, zieht die Einfadiheit allem vor,- er ist niemals den Volks= 
massen mit ihren wankelmütigen Launen und unvernünftigen 
Bestrebungen gefällig, liebt die aristokratisdie Einsamkeit, die 
wahre Unterhaltung des Weisen, 

Nadi diesen Grundsätzen läßt sidi die ganze Lebensauffassung 
und Lebensführung des Horaz bemessen und verstehen. Ihm 
ist es aber nidbt wie Lucretius darum zu tun, für das philoso= 
phisdie System Epikurs Propaganda zu madien , oder wie ky=- 
nisdie Bußprediger den lieben Mitmensdien die Hölle heißzu- 
madien,- er stellt sidi nidit auf das Podium des Idealweisen, 
sondern nennt sidi unum de multis. Aber er stemmt sidi gegen 
die Massenmoral der Herde <ep. I 1, 70>. 

Von der Höhe der <ztc(p'z;iof , die er nadi den Stürmen der 
Jugend durdi weise Selbstbestimmung und Mensdienerfahrung 
sidi errungen, sieht er mit verständnisvollem, aber überlegenem 
Lädieln auf das eitle Hasten der großen Masse herab, die in 
eingebildeten Gütern, Titeln, Würden, in entnervenden, ent= 
würdigenden und sorgengebärenden Genüssen, in äußerm Sdiein 



V. Objektive Würdigung. 5| 

und Tand das wahre Glüd-; vergeblidi erjagt. Aber er predigt 
nidit öffentlidi "Wasser und trinkt heimlidi Wein, Horaz ist 
tatsädilidi jeder Hoffart abhold. In seinem einfadien Haus^ 
wesen lebt er ohne Prunk,- jeder unnütze Aufwand ist ihm zu^ 
wider,- über die Grenzen seines Standes und seiner Mittel 
hinauszutraditen , liegt ihm ganz fern, Geflissentlidi betont er 
seine geringe Abkunft und sagt aufriditig, hätte er die Wahl, 
würde er keinen zum Vater sidi wünsdien als seinen treuen 
Jugendwart, Wie Rousseau beklagt er die unheilvollen Folgen 
der Kultur — das Verdrängen des bodenständigen Bauern — 
und ruft dem Städter zu : Zurüd\ zur Natur ! Zur ländlidien 
Einfadiheit ! Er fühlt sidi am wohlsten auf seinem Landgut, 
wo er gelegentlidi selbst zu Had^e und Spaten greift, liebe 
Freunde aus der bäuerlidien Umgegend zu frugaler Kost, gutem, 
selbstgebautem Landwein und vernünftigen Gesprädien einlädt, 
die Feste mit den Landleuten des Gaues mitfeiert, nadi altem 
Braudi, Hier erholt er sidi vom Lärm und Tosen und von der 
Unnatur der Großstadt, wenn im heißen Sommer der Talgrund 
der Licenza von angenehmer Kühle durdiweht ist. Ungern ver-^ 
tausdit er das Land gegen die Stadt mit ihren lästigen Ver^ 
pfliditüngen. Der Kleinstädter ist in Horaz wieder zum Durdi= 
brudi gekommen : seine Sdiwärmerei für das Landleben ist nidit 
anempfunden wie bei Tibull und bei den Sdiäferpoeten des 
17. und 18, Jahrhunderts, nidit gekünstelt wie bei den Bukolikern 
Alexandrias / ihm liegt sie im Blut. 

LInverständlidi ist ihm das römisdie Großstadtlaster, die 
ambitio. Wenn audi das Drängen zu den Magistraten mir 
dem Beginn der Monardiie von selbst nadiließ, so kam dafür 
die Sudit, zu einem höheren Stand zu gelangen. Und da seit 
Augustus zum Eintritt in den Senatoren- und Ritterstand in 
der Hauptsadie der Nadiweis eines bestimmten Vermögens 
<1 Million bzw. 400000 Sesterzen 220 bzw. 90 Tausend 
Mark) erforderlidi war, konnten bei dem plutokratisdien System 
Kauflcute, Bankiers, Staatspäditcr audi von niederem Herkommen 
sidi diese Würden erkaufen, Horaz zeigte wiederum durdi die 
Tat, daß er nidit bloß gegen die ambitio sdirieb,- er verziditete 
auf die angebotene Stelle eines kaiserlidien Geheimsekretärs, 
ebenso wie auf jede politisdic Einmisdiung. 



62 Erster Teil. Moralische Wertung. 

Gleich widerlich ist ihm die Geldgier, die damals weder 
vor Korruption noch Erbschleicherei zurückschrecivte. Im Gegen- 
satz zum Glauben der Masse hält er geringe Habe für keine 
Schande und kämpft mit Spott und Ernst gegen die avaritia. 
Der mußte ein reines Gewissen haben, der offen vor aller Welt 
sagen konnte <s. I 6, 68> : »Necjue avaritiam neqpue sordis nee 
mala lustra obiciet vere cjuiscjuam mihi«. Er selbst setzte den 
Augustus testamentarisch zum Erben ein: Sdimeichlern war er 
nidit zugänglidi. 

Indes ist Horaz beileibe kein Tugendspiegel. Einen Fehler 
gesteht er unumwunden ein: den Jähzorn. Er kennt die 
Folgen des cholerisdien Temperamentes — hat sie vermutlich 
öfter wie einmal verspürt — und warnt davor, weiß aber ebenso- 
gut, daß es sich nicht ganz unterdrüci\en läßt. 

Ebenso hatte der Dichter in jungen Jahren der »Venus 
damnosa« reichlichen Tribut gezollt und sagte damals : »Parabilem 
amo Venerem facilemciue«. Hierin eine besonders laxe Sexual- 
ethik des Horaz zu sehen, wäre ungerecht. Mit dem Verfall 
der ehelidien Zucht kam das Dirnentum in hellenistisch^römischer 
Zeit immer mehr in Schwung. Wie in Alexandria, Rhodos, 
Athen war es in Rom geworden : griechische Halbweltdamen, 
ehemalige Sklavinnen, Libertinen hielten ihre -Reize feil, An^ 
gesehene Männer zeigten sidi offen mit ihren Mätressen, und 
Cicero redet mit sichtlichem Unbehagen von einem Sdimaus bei 
Antonius, wo des:en Geliebte, eine stadtbekannte Schauspielerin, 
teilnahm. Die Beteiligung der Frauen an den freien Gelagen 
der Männer, ihre Anwesenheit im Zirkus, bei den höchst an^ 
stößigen Pantornim.en, bei den bluttrünstigen Fechterspielen, ihr 
freier Verkehr auf der Straße, auf d^n Promenaden, in den 
Bädern leistete gewollter Liederlichkeit Vorsdiub. Gewiß war er 
der Lebewelt voraus : die geheiligten Familienrechte blieben von 
ihm jederzeit unangetastet und des Vaters Mahnung: ne se^ 
querer moechas blieb ihm als Grundsatz in der Seele gewurzelt. 
Nidit etwa aus ethischen, sondern aus rein epikurischen Oppor^ 
Lunitätsgründen , im Hinblick auf die Unannehmlichkeiten und 
Gefahren. In dieser Anschauung begegnet er dem alten Cato 
wie dem toleranten Epiktet, der <endi, 33) zwar empfiehlt, 
sich der ehebredicrischen und ungesetzlichen Verbindungen vor 



V. Objektive Würdigung. 53 

der Ehe zu enthalten, aber die nidit für tadelnswert Iiält, weldie 
hierin weniger streng denken. Hier begegnet er sogar nodi dem 
diristlidien Bisdiof Gregor von Tours <H{st. Fr. VIII 19>, der 
im Hinblidv auf einen Geistlidien, der wegen Ehebrudis vom be^ 
feidigten Mann ersdilagen worden war, sagt: »Das möge allen 
Geistlidien zur Warnung gereidien, sidi nidit gegen die Be- 
stimmungen der Kirdiengesetze mit fremden verheirateten Frauen 
abzugeben , und sidi mit soldien Weibern zu begnügen , um 
derentwillen sie kein Vorwurf treffen kann«. Freilidi 
als er älter geworden, bezeidinet er die lod\ende Sinnlidikeit und 
den berausdienden Trank der Wollust als »Sirenum voces et 
Circae pocula«, die den Freien zum unreinen Hund oder 
sdimutzigen Sdnwein einer Dirne erniedrigen, den zahnlosen 
Alten zu einem veräditlidien Amante herabdrüd^en. Später 
bildete er auf die Jugendeseleien wie auf eine überstandene 
Krankheit zurüd\, ohne Bitternis, ohne P.eue,- aber er ist darüber 
hinaus und mödite andere freundsdiaftlidi warnen. 

Und wieder ist es die kemhafte, natürlidie Ländlidikeit mit 
ihrer ursprünglidien geistigen und körperlidien Gesundheit, die 
Horaz angesidits der großstädtisdien Unnatur und Fäulnis 
zurüd^sehnt. Sdion zehn Jahre vor der Lex Julia über den Ehe- 
brudi hatte der 37 jährige Diditer in seinen Römeroden seinen 
Landsleuten ein ernstes Wort über das Fehlen der alten Römer- 
tugenden zugerufen, sie gewarnt, daß nunmehr sdion in früher 
Jugend das Mäddien die Künste der Koketterie übe, um später 
als Frau den Gatten zu betrügen. Wenn Livius in romantisdier 
Stimmung sidi in die sdiönen Tage der sittenreinen Vorzeit 
zurüd<träumt, die Helden gebar,- wenn Vergil seinen Zeitgenossen 
in der Aeneis ein nadiahmenswertes Gesdiledit voller pietas dar^» 
stellt,- wenn Tibull sidi in das saturnisdie Zeitalter der Einfadi-» 
heit und ländlidien Llnsdiuld zurüdcversetzt : so rüdu Horaz mit 
herber Strenge die sdiid<salsdiweren Tage Hannibals in den 
Vordergrund, da ein in der Zudit biederer Väter und ehrbarer 
Mütter erwadisenes Gesdiledit die Heldentaten vollführte zum 
Heile des Vaterlandes, oder er gemahnt an die Kcusdihcit und 
Natürlidikeit nordisdier Völker, die schon an die 'lore des 
Römerreidies mit vcrnehmlidiem Si+>lägel gepodit hatten. 

Wer soldi wuditigc Worte findet und ausspridit, der darf 



64 Erster Teil. Moralische "Wertung, 

nidit im Rufe eines sittlidi Angefaulten gestanden sein, wollte 
er sich nidit unauslöschlichem Spotte preisgeben,- der fühlte in 
sich die Mission, gleich Tyrtaios und Solon mitzuarbeiten an der 
inneren Gesundung des neuen Staates. 

Aber die Mädchen, deren Namen man an den Fingern kaum 
herunterzählen kann? Seit wir tieferen Einblid^ bekommen haben 
in das Fortwirken erotischer Motive, sehen wir auch, wieviel 
Anempfindung, Nachbildung in der horazischen Liebeslyrik mit^ 
unterläuft. Wie der Minnesang der Trouveres und deutschen 
Minnesinger nur in ganz seltenen Fällen Erlebtes darstellt,- wie 
Anakreon, der typische Sänger des Weines, nach glaubhafter 
Quelle gar kein Zecher war,- wie Ovid die Gegenstandslosigkeit 
seiner Amores zugesteht,- wie der gepuderte Kanonikus Gleim 
immer von Wein singt und gar keinen trank,- wie der steife 
Justizrat Uz auch nicht im entferntesten dem Don Juan seiner 
Lieder ähnelt,- so waren sicher auch dem Horaz seine Lydia, 
Neobule, Leuconoe, Lalage usw. >^ Namen, die in sein Silben- 
maß, Charaktere, die in seine jetzt gewählte Situation paßten, 
vielleicht Griechinnen, die er nie gesehen hatte, geistig aber sah 
und darstellte«, wie schon Herder meinte. Oder sie waren Ver- 
körperungen verschiedener Eigenschaften und Launen der einen 
oder andern Geliebten, wie wir das in Heines »Neuem Buch 
der Lieder« wahrnehmen. Und so steht es auch mit dem »Zecher« 
Horaz. Ebensowenig wie man Bodenstedt wegen seines trinkfrohen 
Mirza Schaffy mit Grabbe oder Günther zusammenstellt, darf 
man Horazens Trinklehren wörtlich nehmen. Natürlich hat er 
niemals ein gutes Glas verschmäht,- aber in reiferen Jahren mag 
er den unsinnigen Komment nicht mehr und überschüttet die 
Gourmands und Schlemmer, die ihren ganzen Witz zu kulina^ 
rischen Entdeckungen verbrauchen, mit Hohn und Spott, 

Bleibt noch seine Feigheit,- denn was man von seiner 
Undankbarkeit, Boshaftigkeit , Scheelsucht faselte, entstammt 
mißverstandener Interpretation, Gewiß hat Horaz die Flucht 
bei Philippi mitgemacht, hat seinen Schild gelassen, wie er selbst 
bekennt. Man könnte ja im Notfall zur Militärpraxis der 
Römer seine Zuflucht nehmen, die hinsichtlich der Flucht im 
Kampfe sagt (Digesta 49, 16, 6): »qui in acie prior fugam 
fecit, spectantibus militibus, propter exemplum, capite puniendus 



V. Objektive Würdigung. 65 

est. Daß Horaz bei der allgemeinen Flucfit mit fortgerissen 
wurde, wird aber nidit bezweifelt. Aber wir legen auf etwas 
anderes viel mehr Wert: Kann der Mann, der in der zweiten 
Römerode die Jugend Roms auffordert, sidi im rauhen Kriegs^ 
dienst zu üben, und die Mannestugend preist, die den Tod fürs 
Vaterland süß und ehrenvoll erklärt, kann dieser Mann selber 
ein Feigling gewesen sein , sidi in ein und derselben Gedidit^ 
Sammlung bald als Memme, bald als Herold der Tapferkeit 
hinstellen? Ganz unmöglidi. Er floh mit den anderen Tausenden, 
als weiterer Widerstand vergeblidi war. Aber er gehörte nid^r 
zu jenen anderen Prahlhänsen , die nadi der Niederlage die 
Proskynesis vor den Siegern maditen. Daß Horaz ^ ohne 
zwingenden Grund — überhaupt die Niederlage bei Philippi 
erwähnt, mag eher als eine feine Sdimcidielei für den Sieger, 
Oktavian, empfunden werden. Oder sind Rennenkampf und 
Nikolajewitsdi deswegen Feiglinge gewesen, weil sie Hals über 
Kopf vor Hindenburg flohen ? 

Am meisten hat wohl der politische Standpunkt des 
Diditers Kritik erfahren. Er hatte den Tag von Philippi mit= 
erlebt, trennte sidi von den Anticäsarianern, sobald Brutus, dem 
er sidi persönlidi verpfliditet hatte, dahingegangen war. Weil 
er erkannte, daß Brutu's' Sadie eine verlorene war — nie haben 
Führer einer Revolution kopfloser und unentsdiiedener gC' 
handelt wie Brutus und seine Genossen — , ging er nidit wie 
andere ins Lager der Pompejancr über. Vielleidit gingen ihm 
audi bei dem Zweikampf zwisdien Antonius und Oktavian die 
Augen auf, daß es sidi wiederum einmal um einen Ent- 
sdieidungskampf zwischen Orient und Okzident handelte. Und 
der Eintritt in den Kreis des Maecenas mußte seine politische 
Stellungnahme entsdieiden. Aber nodi lange hören wir nichts 
von einer Lobpreisung Okfavians. Erst die Tage nach der 
Sdiladit bei Aktium, die Tätigkeit des klugen und maßvollen 
Oktavian, der kraftvoll nadi außen nadi den entsetzlichen Zeiten 
der Bürgerkriege endlich die schönen Tage des fTiedcns und 
damit Sidierheit und Wohlstand dem Reidie schenkte, mußte 
auch in dem ruhig denkenden Dichter die allgemeine Ansicht 
bestärken, daß Augustus in der Tat ein »Vater des Vater- 
landes« war. 

Stemplinger, Horaz. ^ 



66 Erster Teil. Moralische Wertung. 

War Horaz ein würdeloser Sdimeidiler? Man vergleiche 
mit ihm die Servilität alexandrinisdier Hofpoeten, die bettelhafte 
Sdiweifwedelei , wie sie der Verfasser des Panegyricus in 
Messalam, wie sie Statins, Martialis u. a. bekunden, und man 
erkennt den Abstand zwisdien männlidier Höflidikeit und kriechen* 
der Knechtseligkeit. Man vergleiche mit ihm die maßlosen 
Apotheosen italienischer Humanisten, gegen die sogar Ariosto 
mit der Verherrlichung des Hauses Este noch angenehm ab* 
sticht! Man lese die Selbstcharakteristik des Manuel Philes 
<um 1330): »Ich will ein Hund sein, treu ergeben meinem Herrn, 
und nach den Brocken, die vom Tische fallen, spähn!« Mathias 
von Kemnat vergleicht sein Verhältnis zu Friedrich dem 
Siegreichen von der Pfalz <1425— 1476) also: »Nu sehen wir 
doch, das die unvernünftigen tier selber . . . und vormals die 
Hunde underweilen mit beweglichkeit des Schwantzes . . . etwan 
mit Wintzelung oder sunst mit welcher Bedeutung des leibes 
sie dan mögen, iren Herren sich etwan zu gelieben.« Man ver- 
gleiche mit Horaz die mehr oder weniger plumpen Schmeidieleien 
der Hofpoeten Ludwigs XIV., ja lese Alfred de Mussets 
Feiergesang zur Geburt des Grafen von Paris! Wenn er die 
Stiefsöhne des Kaisers als Helden feiert, so tut er es, weil sie wirkliche 
Verdienste hatten. Sind Goethe, Grillparzer, Greif, Wilden* 
bruch »Hofdichter«, wenn sie bei Hof* oder Nationalfeiern ein 
Gelegenheitsgedicht spendeten, das in den Preis des regierenden 
Hauses ausmündet? Aufgaben, denen er sich entziehen konnte 
— wie ein Epos zu diditen über die kaiserlichen Taten u. ä, — , 
verstand er mit feiner Würde abzulehnen. Niemals hören wir 
eine Schmeichelei über die Damen des Kaiserlichen Hofes ,• weiß 
er doch auch, etwaigen Zumutungen seines Gönners Maecenas 
mit feinster Urbanität zu begegnen. 

Aber der ehemalige »Republikaner« ! Nimmt man es dem 
Demokraten Freiligrath übel, daß er den Kronprinzen Friedrich 
in einem prächtigen Liede feiert <i870>, er, der 1848 nach dem 
Blute des preußischen Königs lechzte? Oder dem Barrikaden* 
kämpfer Rieh. Wagner, daß er später im Schatten königlicher 
Gunst seiner Kunst lebte? Sind vernünftige Sinnesänderungen 
ausgeschlossen, ein Charakterfehler ? Mußte der spätere Finanz* 
minister Miqiiel der Kommunist seiner Studentenjahre bleiben? 



V. Objektive Würdigung. 57 

Aber die Aporheosieru ng des Augiistus ! Man darf 
nie vergessen, daß die Vergötterung des Königs sdion im 
Orient sdiließlidi zu einer zermoniellen Hoflidikeitsbezeugung 
herabsank. So war die ^^Vergötterung« sdion früher dem Mar^ 
cellus in Syrakiis, dem IaicuIIus in Kleinasien, dem Flaminius 
in Chalkis, dem Cicero in Asien angetragen worden. Und 
aiidi dem Julius Caesar hatte man in Rom eine Bildsäule mit 
der Insdirift : »Dem unbesiegten Gotte« aufgestellt. Augustus 
ließ sidi in Ägypten als Nadifolger der Ptolemaier die diesen 
gezollten Ehren gefallen,- hat sidi an den Parlamentsstätten des 
asiatisdien Landtages zu Pergamon und Nikomedeia Tempel 
errichten lassen. Gab es nun für den hohen Stil der Poesie 
eine willkommenere Gabe als die sdion von den alexandrinisdien 
Poeten gepHegte Übertragung götdidier Attribute auf den 
Herrsdier, ein Verfahren, das zudem einem alten Volksbraudi 
entgegenkam? Und wenn eine Insdirift aus Halikarnassos sagt: 
»Die ewige und unsterblidie Natur des Alls hat den Mensdien 
in unserer glüd^lidien Lebenszeit das hödistc Gut , den Cäsar 
Augustus, gesdienkt, den Vater seines Vaterlandes, der gött- 
lidien Roma, den väterlidien Zeus und Heiland des ganzen 
Mensdiengesdiledites, dessen weise Vorsehung die Gebete aller 
nidit nur erfüllte, sondern nodi überbot. Denn in Frieden leben 
Erde imd Meer, die Städte blühen in Gesctzlidikeit, Eiintradii 
und Fruchtbarkeit,- alles Gute steht in Blüte und bringt reichen 
Ertrag/ mit guter Hoffnung für die Zukunft und mit WohU 
gefallen an der Gegenwart sind die Menschen erfüllt' — drüci^t 
Horaz in seinen hodigestimmten Liedern die Dankbarkeit über' 
triebener aus? Und hatte nidu schon der Altmeister römischer 
Poesie, Ennius, neben Romulus auch Scipio in den I iimmel er-» 
hoben? Wir übersdiätzen in unserem Anschauungskreise die 
topische Verwendung der Apotheosierung \icl zu sehr, wenn 
wir darin mehr sehen als eine gesteigerte menschliche l iuldigung. 

Fassen wir das Charakterbild des Diditers zusammen, so 
sehen wir in ihm einen ganzen Menschen mit Fehlern und 
Gebrechen, der sidi durdi Lebenscrfahrimg und Lektüre zu 
einem abgeklärten politisdien und i)hiIosophischen Standpunkt 
emporringt, der mit sieghaftem Humor über sidi und andere 
spotten kann, ohne daß ihn <li.' Ci.iIIc r'i einem eifernden 



58 Erster Teil. Moralische Wertung. 

Polterer macht, der mit tiefem Ernst die Grundsdiäden seiner 
Zeit und seines Volkes erkennt und mannhaft ausspridit, der 
für das allgemein mensdilidie Fühlen und Wollen einen so 
knappen, sdilagenden Ausdrud\ gefunden hat, daß er unveraltet 
den wandelnden Gesdimack, die veränderten Zeitverhältnisse, 
die umgestalteten ethisdien Ansdiauungen überdauerte. Der 
sittlidie Kern seiner Diditungen hat ihn zum Liebling der frömmsten 
und der kirdienfeindlidisten Kreise gemadit,- seine Lebens^- 
ansdiauung, daß nur die innere Zufriedenheit glüd^lidi madit, 
daß alles äußere Glüd^ wie Sdiaum zerfließt, daß das Leben 
uin des Lebens willen sdiön und lebenswert sei, diese Real^ 
Philosophie mag jugendlidien Sdiwarmgeistern nüchtern und 
sdiwunglos, einseitigen Idealisten philisterhaft und banal, blinden 
Theoretikern sogar trivial ersdieinen,- daß sie dem allgemein 
mensdilidien Empfinden völlig entspridit, beweist die un versiege 
lidie Wirksamkeit der horazisdien Diditung. 



Zweiter Teil. 

Ästhetische Wertung. 



I. Qiierelle des anciens et des modernes. 

Sobald eine nationale Literatur und Kunst sich ihrer Mündige 
keit bewußt zu werden beginnt, sobald sie aus den Fesseln der 
Nadibildung sidi befreien zu können glaubt, beginnt das Selbst^ 
bewußtsein sidi zu regen, fängt man an, Vergleidie zu stellen. 

In der Regel führt man die Querelle des anciens et des 
modernes auf Cartesius zurück. Mit Unrecht. Die ersten 
Vorpostenkämpfe beginnen schon in jenen Zeiten Roms, als die 
extremen Nationalisten mit allen Mitteln sich gegen den lang- 
sam vordringenden Hellenismus wehrten. Und als es zu dem 
friedlichen Kompromisse kam, der die ganze Entwickelung der 
hellenisch-römisdien Kultur begleitet, da suchte man die gegen^ 
seitigen Vorzüge abzuwägen, Cicero <Tusc. II 1> gibt dieser 
Wertung Ausdruck, wobei der nationalistisdie Einschlag nicht 
zu verkennen ist. Meum semper iudicium fuit omnia nostros 
aut invenisse per sc sapientius cjuam Graecos, aut acccpta ab 
illis fecisse meliora, cjuae quidem digna statuissent, in cjuibus 
elaborarent. nam mores et instituta vitae resque domesticas ac 
familiäres nos profecto et melius tuemur et lautius,- rem vero 
publicam nostri maiores certe mclioribus temperaverunt et in^ 
stitutis et legibus. Quid loquar de re militari? in qua cum virtutc 
nostri multum valuerunt, tum plus etiam disciplina. lam illa, 
cjuae natura, non literis assecuti sunt, neque cum Graecia iiccjue 
ulla cum gente sunt conferenda. cjuae eniin tanta gravitas, c|uae 
tanta constantia, magnitudo animi, probitas, fides, cjuae tam 
excellens in omni genere virtus in ullis fuit, ut sit cum maiori^ 
bus nostris comparanda? doctrina Graecia nos et omni litera^' 
rum genere superabat, in quo erat facile vincerc non rcpU' 
gnantes. 

Mit großer Geschiddichkeit sind die unleugbaren Vorzüge 
der bodenständigen römisdien Kultur herausgehoben , ist die 
zweifellose Superiorität des griechischen Schrifttums zugestanden. 

Das ist für die Folgezeit das Modell, nur «sucht man audi 



72 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

die eigenen Sdiwädien zuungunsten der antiken Überlegenheit 
zu verded^en oder gar zu Vorzügen aufzublasen. 

Schon in der sdioiastisdien Blütezeit regt sidi kräftiger Wider- 
sprudi gegenüber dem Autoritätsglauben der Antike. Job. 
Saresberiensis <c. 1110^1180) verrät uns in seinem 
Ethicus diese Strömung, wenn er einen der »modernen« Ver^ 
äditer der Antike ausrufen läßt: 

»Cur veterum nobis dicta vel acta refert? 

A nobis sapimus, docuit se nostra iuventas, 

Non recipit veterum dogmata nostra, cohors«. 

Zum ersten Male taudit hier meines Wissens der Gedanke 
auf, daß die eigene Zeit sidi selbst genügt, daß sie des Gängel- 
bandes der antiken Autoren nidit mehr bedürfe. Natürlidi 
waren aber dies nur vereinzelte Rufe. 

Aber audi der Frühhumanismus zeitigte derartige An- 
sichten. Fran^. Hab er t, der u. a. auch die horazisdhen Ser^ 
monen zum erstenmal ins Französische übertrug (1549), meint 
in seiner Sdhrift : »Les divins Oracles de Zoroastre« (1556, p. 41) : 
»Idi sehe gar nicht ein, warum gerade die französischen Dichter 
den alten Dichtern nachstehen sollten. Unsere Zeit, namenriich 
die Epoche Heinridis des unbesiegbaren Fürsten, hat Rhetoren, 
Dichter, Philosophen hervorgebracht, die sich den Alten kühn 
an die Seite stellen können,- ich denke nur an Dichter wie Gl. 
Marot, Saint=GeIais , Ronsard, Dubellay, Olivier, de Magny, 
an Philosophen und Philologen wie Budaeus, Gallandius, P. Ra- 
mus, Regius, Coclus, Carpentarius , Salligneus, Damesius, 
Hector.« Man muß heutzutage lädieln, wenn man diese Namen 
liest, deren Mehrzahl sogar Literaturkundigen unbekannt ist. 

Geradezu umwälzend wirkte aber die Poetik des Jul, Caesar 
Scaliger <1561>, der das »große Zeitalter« »der normativen 
Literatur in Europa begründete« <Borinski>, für Jahrhunderte die 
Erkenntnis des Homer verschüttete, das Studium des Griechischen 
gegenüber der römischen Literatur auf Generationen hinaus 
zurückdrängte, auch die Poesie in die Ketten des formalen Realis^^ 
mus schmiedete, mit der nüchternen Empirie des Anatomen und 
der marktschreierischen Rechthaberei eines ästhetischen Quack^ 
saibers eine konventionelle Norm aufstellte, nach der sich alles 



I. Qucrelle des anciens et des modernem. 73 



zu riditen habe : »Non omnia ad Homerum referenda tanquani 
ad normam, sed et ipsum ad normam«. Was keinem Römer 
beigefallen war, Homer hinter einen römisdien Epiker zu stellen, 
nicht Cicero, nidit Horaz, nidit Quintilian, das bradite der Arzt 
von Agen zuwege ; Homer ist ihm ein »Lügner«, ein »Affe der 
Natur«, ein »Altweibergesdiiditenerzähler«, ein Darsteller gött- 
lidier und mensdilidier Dinge vom Gesiditswinkel eines Sdiweine* 
hirten aus, Audi ohne Homer hätte Phidias wissen müssen, 
daß Zeus Brauen und Haare hat. »Und vielleidit wäre uns 
jenes Bild lädierlidi, wenn wir es nodi besäßen. ■.< Was ist gegen 
ihn Vergil! Er, der die Metaphysik des Aristoteles kennt, 
der in der Geographie besdilagen ist, der in Aeneas den * Ideal' 
menschen« schuf, gegen den Homer sieb verhält wie ein Bauern^ 
weib zu einer vornehmen Dame. 

Durch seine 3ü-,'/.pi3'.c des Homer und Vergil, der Griechen 
und Lateiner hat der Poetiker Scaliger den Weg geebnet für 
die Nachfolger: hatte er den Homer aus dem Wege geräumt, 
beseitigen andere dessen vermeintlichen Überwinder — Vergil. 

Zum erstenmal geht Alessandro Tassoni im zehnten Buch 
seiner »Pensieri diversi« <1612> näher auf die Frage ein, ob in 
Wissensfchaften und Künsten die Alten wirklich die Modernen 
übertreffen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß der Vorzug den 
Modernen unbedingt zuzubilligen sei in den exakten Wissen^ 
schalten, der Industrie und Landwirtsdiaft, im Reich der Künste 
ohne Zweifel in der Beredsamkeit und Malerei. Ferner sei die 
moderne Poesie reichhaltiger in den Formen : der dramatischen 
Poesie habe die Moderne als neue Gattung die Pastorale hinzu* 
gefügt, der episdien die Satire <in Dantes Inferno), das komisdie 
Epos, In der Tragödie seien die Alten Meister, in Satirc und 
Lyrik seien die Modernen überlegen, Homer sei geschmac-klos, 
Vergil sei von Ariosto und Tasso überflügelt, diese beiden 
würden in kommenden Jahrhunderten alle Alten verdrängt 
haben. 

Die These, welche lassoni ästhetisdi zu begründen versucht 
hatte, will Francis Bacon von Verulam philosophisch erhärten. 
Der Satz, den Piaton ägyptischen Priestern in den Mund legt: 
"V.'KKr,vz; 7£l -olI<jU hzz, --iptov Ik "Wflr,^ o-Vx eötiv <Tim. c. 3), 
wird für lange Zeit zum Ausgangspunkt des Dogmas, die 



74 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Antike sei im großen Menschheitsleben die naive, unentwid^elte 
Kindheitsstiife. So lehrt denn audi Bacon im »Novum Organum« 
<1620>: »Die Weisheit, die wir von den Griedien übernommen 
haben, ersdieint uns ein Kind der Wissensdiaft ,• sie ist wie ein 
Kind fertig zum Sdiwatzen, unkräftig und unreif zum Zeugen. , . 
Die Welt ist im Lauf der Zeiten älter, umfassender, reidier 
geworden.« »Unserer Zeit kommt das höhere Alter zu, nidit 
den sogenannten Alten ,• und wie wir größere Einsidit in mensdi= 
lidie Angelegenheiten und ein reiferes Urteil von einem älteren 
Manne als vom Jüngling erwarten, ... so muß man audi billig 
von unserer Zeit mehr als von den Alten erwarten.« Über 
Pascal, Voltaire, Herder bis in die neueste Zeit herauf wirkt 
diese Ansdiauung, die zugleidi eine Überlegenheit der Moderne 
in sidi sdiließt, fort, wenn z. B. nodi Arthur Rößler <1904> 
in seinem Budi »Seele der Gotik« jemanden von den Griedien 
sagen läßt : »Sie waren zu stumpf, um den Reiz der Individualität 
spüren zu können. Ihre gerühmte Heiterkeit ist wie des Kindes, 
das von heimlidiem Leben, dem geheimnisvollen Leib und der 
verborgenen Seele nidits weiß ... sie kannten die Sehnsudit 
nidit ^)«, nebenbei erwähnt Behauptungen, die samt und sonders 
jeder tieferen Kenntnis des Griedientums entraten. Descartes 
zieht aus diesen Prämissen gleidi die. äußersten 'Sdilußfolgerungen, 
wenn er in seinem »Discours de la methode« <1637> die Meinung 
vertritt, Griediisdi und Lateinisdi zu verstehen, sei für einen 
gebildeten Mann nidit mehr Pflidit als Sdiweizerdeutsdi oder 
Niederbretonisdi. 

Hand in Hand mit dieser Llntersdiätzung des Altertums geht 
natürlidi die Geringsdiätzung der alten Sdiriftsteller, vor allem 
Homers. Hatte sdion Scaliger reidilidi viel Mißaditung über 
den Alten ergossen, der immer nodi seiner Übersdiätzung Ver^ 
gils stark im Wege stand, so sparten spätere ebenfalls nidit mit 
den sdiärfsten Ausdrüd^en. Tassoni nannte ihn einen armen 
Vagabunden, Boisrobert, ein Günstling Ridielieus, verglidh 
ihn in einer Akademierede <1635> mit einem Winkelpoetaster. 
Malebrandie <de la redierdie de la verite 1674) spottet seiner, 
der die Helden sdinellfüßig nenne, als habe er es mit Jagdhunden 
zu tun usw. Kein Wunder, wenn audi Leibniz <1667>") 
meint, aus einer Zeitungssammlung von zehn Jahren lerne man 



I. Querelle des anciens et des modernes. 75 

mehr als aus hundert klassischen Autoren, und sidi zu den 
Versen versteigt: 

Was lobt man viel die Griedien, 
Sie müssen sidi verkriedien. 

Wenn sidi die teutsdie Muse regt. 
Was sonst die Römer gaben, 
Kann man zu Hause haben, 

Nadidem sidi Mars bei uns gelegt. 

Horaz in Fleming lebet, 

Im Opitz Naso sdiwebet. 

Im GreifF Senezens Trauerfpiel. 

Nur Maro wird gemisset, ■ 

Hier hat man eingebüsset, 
Eneis uns nidit weidien will. 
Aber während man in all diesen Äußerungen entweder nur 
einzelne Angriffe gegen die Antike zu erbli^Nen hat oder An- 
sdiauungen , die keine weiteren Kreise zogen , beginnt Jean 
Desmarets <1670> mit seinen comparaisons de la langue et de la 
poesie francpaise avec la grecqiie et la latine. Et des poets grecs, 
latins et fran^ais jenen Feldzug gegen das Altertum, der zu einer fast 
europäisdien Koalition erstarkt. Homer wird ebenfo herunter^ 
gerissen wie Vergil, Die Franzosen übertreften in der Erfindung 
alles bisher Dagewesene, Sie verherrlidien nidit das Laster wie 
die Alten, sind äußerst anständig und diristlidi, der Vollkommen^ 
heit nahe, wenn nidit sdion vollkommen. Eine Nebeneinander- 
Stellung lateinisdier und französisdier Diditerstellen soll die 
Überlegenheit des französisdien Genies allen Kulrurmcnsdicii 
sinnenfällig madien. 

Nun war der Boden hinlänglidi vorbereitet, um die Saat 
des vielgepriesenen Charles Perrault aufsprossen zu lassen. 
Ihm glüd<te es sd^on mit seinem — herzlidi unbedeutenden — 
Gedidit: »le siede de Louis le Grand*, das er in der Akademie 
am 27. Februar 1687 vorlas, die ganze litcrnrisdic Welt in 
zwei Parteien zu spalten, eine ästhetisciic These zu einer inter- 
nationalen Kulturfrage zu erhebet!, die bis in unsere 1 agc her- 
auf nodi fortklingt. 

In dem Gedidit hatte Perrault in dithyrambisdiem Tone 



76 ^>x'eiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

auseinandergesetzt, das ganze Altertum sei durdi das Zeitalter 
des Louis XIV überholt, sowohl in kriegerisdier wie in künst- 
lerisdier Hinsicfit. Was aber das Gedidit nur andeuten konnte, 
das führt er in seinem weitläufigen Budie »Parallele des Anciens 
et des Modernes« <1688'— 1697) aus. In vier Dialogen wird die 
These des langen und breiten abgewandelt, beleuditet, erhärtet. 
Ein Abbe <== Perrault), ein Chevalier, der die Offensive gegen 
die Antike vorträgt, und ein President, der die Defensive ver- 
tritt, tragen die Kosten der geistreidien Unterhaltung. Der 
erste Dialog behandelt die Vorurteile gegenüber der Antike. 
Da Wissensdiaften und Künste nidits anderes seien als ein 
ständiges Zuwadisen von Regeln und Reflexionen, so müßten 
selbstverständlidi spätere Zeiten immer den früheren überlegen 
sein. Dem Verherrlidier des siecle de Louis XIV ist diese 
Zeit nidit das Mannesalter, sondern das Solstitium, Im zweiten 
Dialog führt der Verfasser seine These durdi hinsiditlidi der 
bildenden Künste, im dritten Dialog hinsiAtlidi der Beredsamkeit, 
im vierten Dialog hinsidbdidi der Poesie. Die Poesie der 
Alten ist eine kindlidie. Diesen Satz weist er an Homer nadi, 
den er zwar im Urtexte nidit zu lesen vermodite,- aber in 
guten Übersetzungen verstehe man ohnehin jeden Autor viel 
besser, sowohl was die Spradie als was Gefühle und Gedanken 
betreffe. Diejenigen, weldie immer behaupteten, m.an müsse 
zum selbständigen Urteil den Urtext selbst lesen können, nähmen 
dieses Privilegium nur in Ansprudi, um dem Gegner mit einer 
Waffe zu parieren, die dieser nidit gebraudien könne. Was 
Perrault über Homer zu sagen hat, stammt nidit aus seiner 
Mühle. Er redet audi viel von Aristoteles, dem er vorwirft, 
daß er die Lädierlidikeit begangen habe, aus der diditerisdien 
Praxis die Regeln abzuleiten ,• Aufgabe eines editen Philosophen 
und Ästhetikers sei es, dem Diditer Regeln zu geben, nidit 
umgekehrt. Damit ist Scaliger überboten, der Poet wird in 
die Zwangsjadie des Merkers eingespannt. Wie Tassoni zählt 
er dann die neuen Gattungen auf, weldie die Moderne er^ 
funden habe: die Oper, die galante Poesie, die Burleske, 

Perrault vereinigte das Gehaben eines oberflädilidien Ge- 
lehrten und den Byzantinismus eines Hofmannes mit der Fähig= 
keit, seine Gedanken in sdiillernder Rhetorik vorzutragen, be= 



1. Querelle des anciens et des modernes. 77 

stach die Eitelkeit seiner Zeit mit der Lobpreisung der jetzt 
erreiditen Kulturhöhe/ gewann alle, die von Boileaus Satiren 
sidi getroffen fühlten, hinderte viele Sdimeichler und Liebediener 
des Hofes, das Zeitalter des »Sonnenkönigs« der Antike nadi- 
zusetzen, und verblüffte die Masse, weil er alles bisher gegen 
die Alten Gesagte in einem Brennspiegel zusammenfaßte, freilidi 
ohne audi nur anzudeuten, daß er alles aus zweiter Quelle 
sdiöpfte. 

B o i 1 e a u , der anerkannte Vertreter des französisdien 
Klassizismus, der in seiner art poetique ganz auf den Alten 
fußte, in seinen Episteln und Satiren in den Spuren seines ge- 
schätzten Horaz wandelte, bekämpfte 1694 in den Reflexions 
critiques de quelques passages de Longin den vierten Dialog 
Perraults, audi auf Einzelheiten eingehend. Der maßvolle 
Kenner der Antike verrät sidi in jeder Zeile. Vor allem stellt 
er den Grundsatz auf, nur das Urteil der Jahrhunderte sei 
maßgebend/ daß Homer, Piaton, Cicero, Vergil fast zwei Jahr- 
tausende lang überdauerten, beweise allein sdion ihre wunder^ 
same Kraft. Wir sollten sie nidit mit Neueren vergleidien 
— vieles sei gar nidit zu vergleidhen — , sondern nur unter- 
sudien, worin ihre unverv^'üstlidie Lebenskraft bestünde. Ferner 
stellt Boileau fest, Perrault formuliere seine Frage ganz falsdi. 
Es gäbe gar keinen Zweifel, daß mandie antiken Autoren von 
modernen übertroffen würden. Die Alten würden nidit deshalb 
hodigesdiätzt, weil sie alt seien, wie Perrault weismadien will. 
Große Autoren werden immer fortwirken , das ist Boileaus 
Glaubensbekenntnis, ob sie nun mit Patina überzogen sind 
oder nidit. 

Scaligers Geist harte in Perrault einen neuen Sieg errungen. 
Da nadi diesem die Kunst mit der Menge der Regeln höher 
steigt, wudis mit der Abwendung von der Antike der RcgeU 
zwang im französisdien KJassizismus immer mehr, ein 2l,wang, 
den LInkundige dem Aristoteles und Horaz und Quintilian und 
Longin in die Sdiuhe zu sdiieben versuchten, aber mit Unrecht. 
Bis nidit Lessings und seiner Nadifolger Kritik, auf der tieferen 
Kenntnis der Antike fußend, das Merkertum Scaligers zerzauste, 
herrschte jenes Regeljoch. 

Fönten eile hatte gleidi nadi dem Erscheinen der Parallele 



78 ^.weiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

Perraults in seiner Dissertation sur la nature de i'Eglogue eine 
Digression sur les Anciens et les Modernes <1689> angefügt, 
in weldier er u. a, den Satz ausspridit, nidits verhindere mehr 
den Fortsdiritt als die übermäßige Bewunderung des Früheren, 
Alten. Während das Denken der Alten nodi unentwid^elt sei, 
habe es in seinem Zeitalter die Vollendung erreidit. Im ganzen 
überträfen die Römer in Beredsamkeit und Poesie die Griedien, 
weil sie eben die Moderneren seien. Die Mensdienkultur habe 
jetzt ihr männlidies Alter erreidit, das nie mehr aufhören 
werde — eine These, die offenbar nur den Zeitgenossen zuliebe 
völlig aus dem logisdien Rahmen herausspringt. 

St.-Evremond warnt in seinem Aufsatz »Sur les poemes 
des Anciens« vor allem vor der Nadiahmurg Homers. Die 
Mensdien Homers seien nur Drahtpuppen in den Händen der 
Götter,- die gepriesenen Helden Adiilleus und Odysseus seien 
nur der Spiegel jener barbarisdien Zeiten, da es nodi keine 
Moral, keine Staatskunst, keine geordneten mensdilidien Ver- 
hältnisse gab, da man '- wie überhaupt in der Diditung der 
Alten — den Hörern und Lesern phantasievolle Lügen und 
Märdien bot anstatt nüditerne Wahrheiten, La Motte er- 
gänzt 1713 in seinen »Reflexions sur la critique« St.^Evremonds 
Erörterungen. Ihm ist alles, was nidit mit den Empfindungen 
seiner Zeit im Einklang steht, fehlerhaft und stümperhaft. Wie 
es Homer hätte madien sollen, zeigt er an seiner Über- 
setzung <1713), Die 24 Gesänge werden auf die Hälfte ge- 
stutzt, daneben mit eigenen »Verbesserungen« verziert und 
versdinörkelt. Bei Homer erklärt Agamemnon ohne Spur von 
Sentimentalität, er wolle die Chryseis als Sklavin und Bett^ 
genossin mit nadi Argos nehmen. Das entspridit dem Fran=^ 
zosen nidit/ er läßt den König ein süßlidies Geständnis seiner 
Liebe ablegen. Der Adiilleussdiild wird neugezeidinet : nur die 
Hodizeit des Pcleus, das Urteil des Paris und der Raub der 
Helena finden sidi darauf, da ja die Bilder Homers in gar 
keinem Zusammenhang zu Adiilleus stünden. Und wie ist der 
Absdiied Hektors von Andromadie verballhornt! Natürlidi 
wer diesen Homer ohne Kenntnis des Urtextes las, mußte über 
die allgemeine Bewunderung dieses Diditers den Kopf sdiütteln. 

Aber Hou dar de la Motte läßt den Sdiatten Homers bei diten: 



1. Querclle des anciens et des modernes. 79 

»Mon siecle eut des dieux trop bizarres, 
Des Heros d'orgueil infectes. 
Des rois indignement avares, 
Defauts autrefois respectes,- 
J'adoucis tout avec prudence, 
Que de I'exacte bienseance 
Ton ouvrage soit revctu.« 
Lind so versteigt sidi der »Verbesserer« zu dem Seibstlob : 
»Homere m'a laisse sa muse. 
Et <si mon orgiieil ne m'abuse) 
Je vais faire ce qu'il eüt fait.« 
Natürlich sdiwiegen die Verehrer und Kenner der Antike 
nicht. Abgesehen von Boileau, verfaßte gleich nach jener 
denkwürdigen Sitzung in der Akademie, als Perrault den Kampf 
eröffnete, La Fontaine einen poetischen Brief an den Bischof 
Huet, in welchem er seine Stellung zur Antike kundgibt: 
"Quelcjues imitateurs, sot betail, je l'avoue, 
Suivent en vrais moutons les pasteurs de Mantoue. 
}'en use d'autre sorte,- et me laissant guider 
Souvent ä marcher seul Jose me hasarder, 
On me verra toujours praticjuer cet usage. 
Mon imitation n'est point un esciavage.« 

Schmerzvoll sehe er, daß man diesen IIt^ao? gegenüber dem 
Altertum verlasse, verschmähe, unterdrücke. Aber in seinen 
Händen bleibe stets Terenz, Horaz bleibe stets sein Lehrer und 
Berater, Homer und Vergil seien die Götter des Parnasses. 

Auch Longepierre betont in seinem »Discours sur ics 
auteurs« <1687>, den Alten verdanke er die schönsten Stunden 
seines Lebens, und die Hauptursache des Lärmes gegen sie sei 
der Umstand, daß die wenigsten Schreier sie wirklich kennten, 
außer in schlechten Übersetzungen. Lind in demselben Sinne 
äußern sidi Gedoyn, Dan. Huet, Jdcque de Tourrcil, 
Anne D a c i e r , in England G. T e m p 1 e , D r y d c n , S wi ft u. a. 

Im Grunde genommen ist der ganze Streit der Anciens et 
Modernes eine Folge der unbegrenzten Eitelkeit der franzö- 
sischen Nation, die nicht bloß in politischer, sondern auch in 
kultureller Hinsidit alles bisher Dagewesene überragen wollte. 



so Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Sagte Ludwig XIV.: «L'etat c'est moi«, so rief die Nation: 
»La civilisation c'est moi«. Zum zweiten verband die italienisdien 
und französisdien Stürmer die gemeinsame pensee romaine, die 
von der römisdien Literatur ausging und, wenn überhaupt etwas 
von der Antike, nur jene Vertreter, allen voran Vergil, gelten 
ließ, die Griedien aber, also deren Haupt und Quelle Homer, 
niederdrüd^te und veraditete. 

Sobald der Hellenismus Boden gewann, sobald man all^ 
mählidi erfaßte, daß die Quellen der römisdien Literatur dort 
zu sudien seien, sobald man von den lateinisdien und modernen 
Übersetzungen des Aristoteles, Homer, Longin u. a, weg sidi 
zu den griediisdien Texten selbst wandte, ebbte der Streit ab, 
verhallte die Querelle"'')- 

Den Todesstoß versetzte ihr der feinsinnige Ästhetiker 
Jean-B, Dubos in seinen »Reflexions critiques sur la poesic 
et sur la peinture« <1719>, deren einen Absdmitt »Von den 
theatralisdien Vorstellungen der Alten« bekanntlidi Lessing 
(1755) übersetzt hat, ein Werk, das auf die Gedankengänge 
Lessings von bestimmendem Einfluß war. Dubos geht von 
der Grundfrage aus: Warum und wie wirken die Künste 
auf uns? Mit überzeugender Kraft spridit er die Überlegenheit 
des Genies über alle Regeln aus: es ist wie eine Pflanze, die 
von selber sproßt, aber natürlidi der Nahrung, des Lidites, der 
Wartung <d, i. tedinisdies Wissen und Können) bedarf, Ein^ 
dringlidi wird das falsdie Dogma von dem ewigen Fortsdiritl 
der mensdilidien Kultur dargelegt. Wir wissen jetzt, daß in 
»anderthalb Jahrtausenden eine <die antike) Kultur den ganzen 
Kreislauf der Entwid<;elung« durdigemadit hat. Dabei erinnern 
wir an Gumplowitz, der eine typisd^e Periodizität der ge= 
sdiiditlidien Vorgänge annimmt,- wir denken an Nietzsches 
Lehre von der Wiederkehr des Gleidien. Den Kritikern der 
Alten sagt Dubos mandi bittere Wahrheit. Der »Raison«, 
dem Götzen, dem seit Scaliger so viele Ästhetiker und Kritiker 
zum Opfer gefallen, stellt er den »einzig riditigen Maßstab« 
bei der Beurteilung diditerisdier Werke gegenüber, »den sedisten 
Sinn«, die Empfindung <sentiment), wie ja audi Goethe 
die Regel aufstellte, erst den Sdiriftsteller lesen, dann die Ein- 
leitung dazu, ihn aber mehr fühlen als lesen und messen. 



I. Querelle des anciens et des modernes, gl 

Die Herrschaft der Raison, urteilt Dubos, zerstört unsere Kultur. 
Sie schließt aus der Mehrung unserer Kenntnisse zu Unrecht 
auf eine höhere Entwici^lung unseres V^erstandes. Die größten 
Entdeckungen und Erfindungen in den Naturwissenschaften sind 
dem Menschen durch einen glüddichen Zufall in den Schoß ge-- 
fallen, Sie beweisen keinesfalls, daß wir jetzt schärfer denken 
als die Alten. Außerdem sind uns viele Kenntnisse der Alten 
verloren gegangen. Dubos ahnt hier Richtiges,- je tiefer wir 
in die Gebiete eindringen, die der moderne Philologe oft als außer 
seinem »Fach« liegend beiseite läßt (Technik, Naturwissen- 
schaften, Chemie,- vgl, Di eis, »Antike Technik«) — ganz im 
Gegensatz zur Renaissance — , desto mehr wird uns die Er- 
kenntnis aufgehen, daß der antike Mensch auch beobachten 
konnte und die Natur in seine Dienste zwang, insofern er ihrer 
bedurfte. 

Trotzdem Dubos die ganze Fragestellung, ob die antiken 
Autoren besser seien als die modernen, als absurd nachgewiesen 
hatte, finden sich immer wieder Leute, welche sie beantworten 
wollen. »Voltaire-, sagt Hcttner, ^kennt die Alten nidit 
und spricht daher von ihnen immer nur mit jener selbstgefälligen 
Überhebung, welche einzig der Unwissenheit eigen ist. Nach 
seiner Ansicht wiegt die »Mandragola<'' Macchiaveilis den ganzen 
Aristophanes auf, der »Rasende Roland« die Odyssee, das 
»Befreite Jerusalem« die Iliade, nach einigen Jahrhunderten, 
meint er, werde man gar nicht erst solch unnütze Vergleiche 
anstellen. 1768 schreibt er an Horacc Walpole, alle griechischen 
Tragödien seien gegen Corneille und Racine Schülerarbeiten, 
Paris habe viel mehr Menschen von Bildung und Geschmack, 
als Athen jemals besessen hätte. Die griechischen T ragödien 
läßt er ringenu sagen, »waren gut für die Griechen, wer aber 
die Iphigenie, die Phädra, die Andromache, die Athalic der 
Franzosen kenne, kann an ihnen weder Entzückun)^: noch 
Rührung empfinden«. 

Und so fand denn auch diese Aufklärung Eingang in die 
Pädagogik. Der vielgenannte Trapp erklärt <1780>: »Deutschland 
ist einem Deutschen wichtiger als Rom und Griechenland, das neue 
Rom wichtiger als das alte, der Dreißigjährige Krieg wit+itiger 
als der Peloponnesische. Wo haben wir denn nicht nur einen 

Slemplinger, Horaz. 6 



S2 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

lateinisdien Shakespeare, Voltaire, Ridiardson <!>, sondern auch 
einen lateinisdien Lessing und Klopstod^ ? Wie viele der sdiönsten 
Studie des Altertums wiegt nidit der einzige »Nathan der 
Weise* auf!« Audi Jean Paul ruft einmal aus: »Wozu über^ 
haupt dem Alten und Ausländisdien den Vorzug vor den 
Modernen und Einheimisdien einräumen? Nur an den 
eigenen Diditern, an der eigenen Gesdiidite erbaue sidi die 
Jugend !« 

Es wäre verwunderlidi , wenn dieser Standpunkt bei den 
Griedien und Römern haltmadite, E, von Wolzogen^) hat 
die Querelle audi auf unsere »alten« deutsdien Klassiker aus^- 
gedehnt. Er hält es für eine absonderlidie Tatsadie, daß die 
modernen Autoren auf das Publikum im allgemeinen viel 
sdiwädier wirkten als die gemeinhin als »Klassiker« bezeidineten 
Diditer, obsdion dodi die Tedinik der Alten von den Modernen 
weit überholt sei. Denn die Durdisdinittsqualität der heutigen 
Literatur halte »gleidien Sdiritt mit der allgemeinen Aufwärts^ 
entwidlung unserer Kultur«. Meyrink und Ewers erzählten 
ihre gruseligen Gesdiiditen »mit größerem Raffinement und in 
besserem Deutsdi« als A. Th, Hoff mann,- Goethe stehe 
als Erzähler an LInterhaltsamkeit und Flottheit hinter jedem 
heutigen Durdisdinittsromansdiriftsteller zurüd^,- H. von Kleist 
würde es heute gar nidit mehr fertig bringen, seine Primaner- 
dramen einem unbefangenen Bühnenleiter aufzudrängen. Nie^ 
mand — außer E. von Wolzogen — habe aber den Mut, 
diese Tatsadie öffentlidi festzustellen und den armen Modernen 
zu helfen. Man vermißt nur nodi Wedekind und Strindberg, 
die sidierlidi an Bühnentedinik und Tragik Sdiiller längst über= 
flügelten, und G. Hauptmann, dem ein Shakespeare kaum das 
Wasser reidien könne. — Wiederum hören wir also das alte 
Mißverständnis, weldies die Entwid^Iung der geistigen Kultur 
und den Fortsdiritt der manuellen und masdiinellen Tedinik 
verwediselt. Weil der Feuertelegraph längst vom elektrisdien, 
der alte primitive Holzpflug vom Dampfpflug, die Dampf- 
masdiine James Watts von den neuesten Sdinellzugslokomotiven, 
die Katapulten der Römer von Krupps und Skodas Riesen- 
gesdiützen übertrotfen und überflügelt sind, darum sind audi 
die Dramen des Sophokles, die Ideen Piatons, die Gesdiidits^ 



Absdiätzige Beurteilung des Horaz. 83 

werke des Thiikydides und Tacitus, ja Goethe, Mommsen, 
Kant von X und y der jüngsten Zeit überholt, 

Hauptsädilidi aus derlei falsdien Voraussetzungen heraus 
entspringt immer wieder, audi in diesen Tagen des Weltkrieges, 
der Kampf gegen die sogenannten humanistisdien Studien.' Mit 
der Antike wird audi heutzutage vielfadi der alte Herdersdie 
Gedanke abgelehnt,- »durdi Aufgehen des Vorhildes im Nadi- 
bilde, dem entspredienden Fordeben in der organisdien Kraft, 
des Fremden im Eigenen« vollziehe sidi die Erziehung der 
Mensdien und der Mensdiheitskultur. Goethe sagt so sdiön : 
»Es gibt kein Vergangenes, das man zurüd^sehnen dürfte,- es 
gibt nur ein ewig Neues, das sidi aus den erweiterten Ele- 
menten des Vergangenen gestaltet, und die edite Sehnsudit muß 
stets produktiv sein, ein neues Besseres zu sdiaften.w Die 
großen Geister aller Zeiten und aller Völker sind ein Gemein- 
gut der Nadistrebenden, von denen das sdiöne Wort des 
Isokrates gilt; Uüxsti 'fsoxtsov tocjt ia-:''. zspt <'v iTspoi roo- 
Tspov ctfyTjXaaiv, 'x'/X auLEtvov i/eivojv it-iiv rsipaTsov. Und wer 
wirklidi nadi Gipfelhöhen strebt, der sagt wie der greise 
Goethe : 

»Wir fragen nidit in eigensinn'gem Streite, 
Was dieser sdiilt, was jenem nur gefällt: 
Wir ehren froh mit immer gleidiem Mute 
Das Altertum und jedes neue Gute.« 



II. Abschätzige Beurteilung des Horaz. 

Daß die Kritik an den horazisdien Diditungcn sdion zu Leb^ 
Zeiten des Diditers einsetzte, wissen wir von ihm selber. Man 
mäkelte an Form und Inhalt,- man sagte, seiner Diditung fehle 
Kraft und Saft, und man könne ohne Mühe Tauscndc sokber 
Verse zusammensdireiben. Andere stießen sidi an der .sdiarfcn 
Kritik des Lucilius und älterer Meister, überhaupt an der Satire. 
Andererseits fanden die carmina nidit den erhofften Erfolg, und 
eine tiefe Verstimmung des Diditers darüber klingt aus der 
Epistelsammlung des Jahres 20 heraus. 

Nadi diesen kritisdien Stimmen, die sowohl der gesteigerten 

literarisdien Tätigkeit der augusteisdien Zeit wie dem Neid, 

6* 



g4 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

der Eifersudbt, dem literarisdien Klüngelwesen jener Tage ent^ 
sprangen, hören wir Jahrhunderte lang nidits mehr von einer 
ästhetisdien Verurteilung des Horaz, Insofern er, eben als 
Heide, nidbt von vornherein vom christlichen Standpunkt aus 
abgelehnt wurde, genießt er als Dichter und Ästhet eine Autorität 
wie Aristoteles. 

Erst der Humanismus weckte wieder die Kritik. Den Reigen 

eröffnet der ärztliche Literaturpfuscher Jul. CaesarScaliger 

(Poetice 1561), der wie die großen Scharlatane jener Zeit seine 

Urteile in die Menge wirft, als wären es Dogmen, der mit 

seinem ästhetiscfien Unverstand und seiner rationalistischen 

Systematisierung zu den Begründern der französisch = klassi^ 

zistischen Poetik zählt. Was eine richtige Poetik sei, will er 

zeigen,- nam et Horatius artem, quam scripsit, adeo sine ulla 

docet arte, ut satyrae propius totum illud opus videatur, schreibt 

er seinem Sohn Sylvius <p. VIII>. Des Römers »ineptum iudicium« 

stellt er wiederholt an den Pranger,- seine Dichtungen greift er 

im Hypercriticus schonungslos an,- er spottet, daß Horaz über 

Nachahmer sich entrüste, er, der selber nichts als Nacfiahmer 

sei. Zwar treten versdiiedene Humanisten gegen den literarischen 

Anatomen in Agen auf, wie Wallins <Poemata p, 224>, C. Joh. 

Vossius <de poetis Latinis p. 29>, besonders Bern. Par^ 

thenius (comment. 1584>. Aber der Vertreter der exacte 

bienseance, der Erfinder des Naturdiciiters Homer und Kunst=, 

diditers Vergil, der gegenüber der horazischen Frage, ob die 

Komödie wirklich zu dichterischen Erzeugnissen zu rechnen sei, 

in seiner apodiktischen Weise erklärt: »Tantum abest ut co- 

moedia poema non sit, ut paene omnium et primum et verum 

existimem«, Scaliger wird der Eidhelfer vieler und vor allem 

des grand siecle. So meint auch Verdier'*), der die antiken 

Autoren wie Scaliger einer Generalmusterung unterzieht, von 

Horaz: »Horatius in lyricis cjiiidem apud Latlnos primas tenet, 

in hexametris duriusculus esse videtur. Versus enim ut pluri-^ 

mum inexculte per monosyllabas desinere facit, cjuo nihil absur-^ 

dius, ut iilum: nascetur ridiculus mus . . . de poetica 

arte multa praecipit, cjuae ipse non observat.« VonTassoni 

erzählt Erythraeus^), er habe einmal bei einer Wagenfahrt 

bemerkt, niemand sei der Name Diditer mit größerem Unrecht 



Absdiätzige Beurteilung des Horaz. 85 

zugebilligt worden wie Vergil und Horaz ,• denn sie hatten weder 
Geist nodi literarisdie Bildung, und inhaltlid^ fehle ihnen jede 
Erfindungskraft/ sie seien wie Kinder, die zum ersten Male 
Verse drediseln lernten. St. Evremond <VI 149) spridit 
dem Horaz wenigstens nidit alle und jede Begabung ab : ^'Je 
m'expliquerais volontiers sur les ödes d'Horace, si les grandes 
beautes de quelques^unes ne m'obligcaint ä garder un silence 
respectueux pour beaucoup d'autres.« August Buchner, der 
Wittenberger Professor der Poesie und Rhetorik,- tadelt in seiner 
»Anleitung zur Poeterey« <1665> an Horaz die »pedestren 
Verse der Satiren und knüpft damit wieder den Faden der 
Scaligersdien Poetice an. Perraul t besdiäftigt sidi in seiner 
Parallele ausführlidi mit den Oden <p. 113—128) und Satiren 
<150— 160) des Horaz, So urteilt er über c. I 22 (integer vitae) 
p. 120: »Je demeure d'accord que la bonne conscience donne 
de la fermetc dans les perils,- mais je voudrois c[ue cette bonne 
conscience fust fondee sur autre chose que sur la fidelite qu'on 
garde ä une maistresse parce qu'elle rit et qu'elle parle agre= 
ablement.« Auf dieser Höhe stehen audi die andern ästhetisdien 
Erörterungen. 

Eingehend begründet B. Florett i <1695>'"') sein Urteil, das 
sidi mit dem Bonciaros in einem Brief an En, Spennacdiio 
über die Episteln des Horaz ded<t: »Optimas <centurias) obruit 
superfliuens multitudo, non dixerim profecto rudium aut inele« 
gantium, sed me.diocrium et minus bonarum. Sed ille vel 
fama et fiducia ex ante datis vel faventium plausu id fccit.* 
Fioretti entrüstet sidi über seine »verleumderisdie und unmora* 
lisdie Satire«,- über die Oden urteilt er, er habe zu viel ge^ 
sdirieben, zu wenig gefeilt, zu wenig überdadit,- er verdiene 
nidit den Ehrenplatz unter den Musen. Seine Vergleidie und 
Metaphern seien vielfadi niedrig, trivial, kindisdi,- die Stoffe 
zum Teil entlegen, zum Teil obszön , zum Teil saririsdi. Das 
6, Budi der Aeneis Vergils wiege eine Million horazisdier Lieder 
auf, C. I 3 sei mittelmäßig, 4 ordinär im Ausdruc-k und un- 
angemessen im Vorwurf , 9 sei häßlidi, 11 das sdilcditestc Ge* 
didit von allen. Was sei das 17. Lied wert? Wenig. Viel 
fehlt dem 18. Lied, 20 sei gar nidits, 27 eine dithyrambisdic 
Gaukelei. 32 verdiene gar keine Erwähnung. II 4 sei die 



86 Zweiter Teil. ÄsthetisAe Wertung. 

Ballade eines Kindes,- III 12, 18, 22, 28 seien invita Minerva 
abgefaßt,- den Epoden 6, 7, 10, 11 fehle jeder poetisdie Sinn,- 
III 21 mit spaßhaftem, lustigem Inhalt, sei im gleidien Ton wie 
eine Ode auf Augustus. So finde er häufig den rediten Ton 
nidit. (Hier trifft Fioretti tatsädilidi eine Sdiwädie der hora^ 
zisdien Formgebung, die C r u s i u s ') wirksam heraushebt : »Die 
Eigenart, audi die eigenartige Sdiwädie der horazisdien Lyrik 
wird erst verständlidi, wenn man sidi über die Voraussetzungen 
(seiner metrisdien Auffassimg) klar geworden ist. Vor allem die 
unverkennbare Willkür, mit der oft genug diese melodisdi-musi^ 
kalisdien Strophen angewandt werden, etwa wie man organisdie 
und struktive Bauglieder der hellenisdien Ardiitektur rein de= 
korativ zu verwenden begann. Mandiem sdiliditen Stoffe — 
z. B. dem vom Unglüdvsbaum — würde, nadi unserem Ge^ 
sdimad^, ein einfadieres Gewand besser stehen,«) 

Aus dieser Kritik heraus, die bei Scaliger zu dem Grund- 
satz verführte, »non omnia ad Homerum referenda tanquam ad 
normam, sed et ipsum ad normam«, d.h. zur Scaliger-Norm, 
wurde der englisdie Philologe Ridi. Bentley verleitet, einen 
Normalhoraz zureditzustutzen getreu dem Motto: »Nobis et 
ratio et res ipsa centum codicibus potiores sunt. Diese Kritik 
zeitigte audi die merkwürdigen Bestrebungen H o f m a n n^Peerl -- 
kamps (1834) und seiner Anhänger. Peerlkamp hatte sidi in 
einen Ideal-Horaz hineingesponnen, von dem er zu c, I 16, 13 
sagt: »Ecpjidem Horatium non agnosco nisi in illis ingenii monu- 
mentis, quae tarn apta et rotunda sunt, ut nihil demere possis, 
quin elegantiam minuas.« Gleidiwie Tietze in seiner Florus- 
ausgäbe (1819) alles wegstridi, was seiner Hypothese «Florus, 
ein Zeitgenosse des Augustus» widerspradi, so dekretierte der 
Holländer alles als unhorazisdi, was seiner subjektiven Ästhetik 
sidi nidit fügte. Und was Fr. Guyet (1575— 1655) seinerzeit 
in seinem Handexemplar des Horaz nur tastend vorgemadit 
hatte, das führte Peerlkamp großzügig und rüdvsiditslos durdi. 
Ein Troß von kleineren und größeren Geistern stürzte sidi auf 
den Ausbau dieser fruditbaren Hypothese,- so Fr. Martin 
(Posen 1844), S. Dyckhoff (Mündien 1857), G. Linker 
(1856), N. W. Ljungberg, K. Lehrs (1869) u. a. Am aus- 
führlidisten verfidit O. Fr. Gruppe seinen Streidiwahn (Minos, 



Absdiätzige Beurteilung des Horaz. 37 

Über die Interpolationen in den römisdien Diditern mit beson- 
derer Rücksidit auf Horaz, Virgil und Ovid, 1859,- Aeacus, 
Über die Interpolationen . . . mit besonderer Rüd^sidit auf Horaz, 
1872). Die letzten Kreise zog diese grundverfehltc Methode 
no&i in der jüngsten Zeit im Versudi F. Teiclimüllers, 
das »Nidithorazisdhe in der Horazüberlieferung« (Berlin 1911). 

All diese Besserwisser überboten sid» gegenseitig in ihren 
Ansiditen von Schönheit imd Klassizität, und ganze wie halbe 
Gedidite fielen ihrem kritisdien Messer zum Opfer. Spaßhaft 
\c'irkte nur, wie die einen in Grund und Boden verdammten, 
was die andern über alle Kritik erhaben fanden. Man meint, 
der alte Fioretti sei wieder auferstanden, wenn wir Lchrs 
hören zu c. I 34: »Ein unklarerer Gedankenwirrwarr ist nie er^ 
hört worden«,- zu c. II 20: >^AI1 das Zeug soll von Horatius 
sein? Es ekelt midi wirklidi an, zu verweilen.« Oder wenn 
Gruppe einmal <zu epod. I 19 — 34) ausruft: »Was müßte 
Horaz für ein elender Diditer imd jämmerlidier Mensdi sein«», 
wenn er das gedadit hätte ! 

Kehren wir wieder zu jenen Beurteilern zurück, die den 
Horaztext, wie er vorliegt, als etwas Gegebenes und Sidieres 
annehmen! Viel bemerkt ist Goethes Urteil, das er in einem 
Brief an Riemer (November 1806) ausspradi : x^Scin poetisches 
Talent anerkannt nur in Absidit auf tedinische und Sprach- 
Vollkommenheit, d. h. Nachbildung der griechischen Metra und 
poetischen Sprache , nebst einer furchtbaren Realität ohne alle 
eigentliche Poesie, besonders in den Oden.^^ In dieselbe Kerbe 
schlägt Hegel '^l: »Horaz ist besonders da, wo er sich am 
meisten erheben will, sehr kühl und nüchtern und von einer 
nachahmenden Künstlichkeit, welciie die mehr nur 
verständige Freiheit der Komposition vergebens zu verdecken 
sucht.« 

Wenn nun ein Dichter wie Goethe und ein Philosoph wie 
Hegel ein derartiges Verdikt fällten, war es schwer, dagegen 
aufzukommen, zumal bei der fortschreitenden Beschäftigung mit 
griechisdier Sprache und Literatur die Ansicht immer mehr 
durchdrang, Horaz verdanke sein Bestes nur der Nachahmung 
der Griechen,- und daß die griechischen Originale bis auf ein 
paar Reste verloren gingen, habe seinen Ruhm begünstigt. So 



Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 



mehren sich die abschätzigen Urteile mit der Zeit, Ad. Stahr') 
erklärt <1840>: '>Eln Diditer im höchsten Sinne des Wortes 
war er nicht, sowenig als überhaupt Rom je der Boden einer 
schönen, großen und freien Kunst gewesen ist.« Der Literar- 
historilter W. Teuf fei*"), der namentlich unter den Philologen 
fast kanonisches Ansehen genoß, verdammt »die horazisdie 
Lyrik als eine Treibhauspflanze« und meint, »Horaz hat immer 
etwas von einem Philister an sich«. Dem Musiktheoretiker 
Rieh, Wagner (VIII 146> sind die horazischen Oden »pro- 
saische Geziertheiten der ars poetica«,- »auch sie heißen Dichter- 
werke, und bis in alle Zeiten hat man sidi mit der Ausfüllung 
von Silben-, Wort- und Versschemen abgecjuält in der Meinung, 
wenn dies nur wie recht glatt abgegangen aussähe, in den 
Augen anderer und endlich wohl auch in seinen eigenen »wirk= 
lieh ,gedichtet' zu haben«. Nach seiner ganzen Auffassung von 
der rein »tedmischen« Fertigkeit der Römer '- »der Römer 
konnte Virtuos werden, nicht Künstler,- jede Virtuosität inter^ 
essierte ihn, keine Kunst« — äußert sich Wagners Schwieger^ 
söhn, H. St. Chamberlain^M dementsprechend über den 
Venusiner: »Die Gedichte des Horaz sind technische Meister- 
stücke. Abgesehen vom historisch=pittoresken Interesse als 
Schilderungen eines entschwundenen Lebens, fesselt uns bei 
diesen Dichtungen lediglich die Virtuosität. Die »Lebensweisheit«, 
wirft man mir ein? |a, wenn eine so alltägliche, nüchterne 
Weisheit nur nicht überall besser am Platze wäre, als im 
Zauberreidi der Kunst, deren weit offene Kindesaugen aus 
jedem hellenischen Dichterwerk eine so ganz andere Weisheit 
künden als die, welche dem Horaz und seinen Freunden 
zwischen Obst und Käse einfällt. Eine der echtesten Dichter- 
naturen, die je gelebt, Byron, sagt von Horaz: 

»It is a curse 

To unterstand, not feel thy lyric flow, 

»To comprehend, but never love thy verse.« 

Was ist das für eine Kunst, die nur zum Verstand, nie zum 
Herzen redet? Es kann nur eine künstliche Kunst sein, eine 
Technik : käme sie von Herzen , sie würde auch zu Herzen 
gehen <\ 



111. Dichter und Kunstriditer über Horar. §9 

Ist's iintef soldicn Umständen vciv^'underlich, wenn audK 
Pädagogen dies Yerdammungsurteil untersdireiben ? So ist dem 
Dr. }ul. Schultz'-) »Horaz ein lederner Gesell«, und 
G. Friedrich'") urteilt in einem angesehenen pädagogisch^ 
philologisdien Fadiblatt <1913>: ^>Im Falle des Horaz hat die 
Mitwelt, die seine Oden, insofern sie Gedidite sein sollten, ab^ 
lehnte . . ., einmal riditiger geurteilt als die Nadiwelt. Nein, 
in den Dichtungen des Horaz fehlt die Poesie... 
An diditerisdier Beanlagung steht er hinter Catull, Lucrez, 
Ovid, Vergil und dem späten Prudentius ebensoweit zurüd<, 
wie er sie an Auffassung, in der Befähigung, die Dinge in 
ihrem eigenen Lidit zu sehen , übertrifft . . . W'^ie der Poesie, 
ermangelte Horaz der Tiefe. •>< 



III. Dichter und Kunstriditer über Horaz. 

Wir haben den Diditer und Ästhetiker hioraz vor den 
Riditerstuhl der Jahrhunderte gefordert: die Einv^ernahme der 
ungünstigen Zeugen ist zu Ende. 

Audiatur et altera pars. Sind aber audi wirklidi andere 
Stimmen da, weldie Gehör verdienen? Bei diesem Aufruf 
entsteht ein beängstigendes Gedränge. Zeugen melden sidi 
von den ersten Jahrhunderten n. Chr. bis in unsere Tage. 
Bevor wir zum Gesamturteil sdireitcn, mögen audi diese Aus^ 
sagen vernommen werden,- aber nidu wahllos alle, die etwa 
von Berufs wegen mit dem Diditer zu tun hatten oder kritiklose 
Bewunderer alles Alten und Früheren , sondern nur Zeugen, 
die im Gebiet der Poesie und Ästhetik eine Bedeutung gc 
Wonnen haben ! 

Daß Diditer wie Vergil, Varius, libull und Ästhetiker wie 
Asinius Pollio und Maecenas den Horaz hodisdiätzten, wissen 
wir von ihm selbst,- daß Vergil dem jüngeren Freunde durdi 
den Anklang seiner 4. Ekloge .m dessen 16. F.podc <V. 49> 
eine feine Aufmerksamkeit erwies, ist bekannt. Ob nidit audi 
sein Sdiulkamerad Domitius Marsus, ferner C. Valgius Rufus 
und andere poetisdie Freunde ihm irgendwie huldigten, wissen 
wir bei dem Verluste ihrer Werke nidit. Ovid nennt den 
älteren Horaz nur einmal (trist. IV 10, 49) mit dem frostigen 



90 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Beiwort: »numerosus <metrenreidi>' ,- er übergeht ihn ganz bei 
der Aufzählung lesenswerter römisdier Dichter in der »ars 
amandi« <III 333 fF.> wie in dem Diditerkatalog der Tristien 
<IV 16). Die ablehnende Stellung, die Horaz der elegisdien 
Diditung und der Person des Properz gegenüber einnahm, wird 
wohl durdi dieses auffällige Totsdiweigen quittiert worden sein. 
Aber daß sein Name zugkräftig gewesen sein muß, erhellt daraus, 
daß nodi zu Suetons Zeiten <t 140) Fälsdiungen unter dem 
Namen des Diditers in Umlauf waren , von denen sidi zwei 
Lieder erhalten haben. Wie sehr aber Horaz in dem allgemeinen 
Ansehen stieg, beweist seine Aufnahme unter die Schul- 
autoren: Quin tili an beriditet uns <inst. or. I 8, 6>, daß er zu 
seiner Zeit in den Sdiulen interpretiert wurde,- nadi Juvenals 
Zeugnis <sat, 7, 225) standen die Büsten des Vergil und Horaz 
in den Sdiulzimmern, Für die »klassisdie« Bedeutung des Diditers 
spridit audi, daß der große römisdie Philologe M. Vaierius 
Probus aus Berytos neben Lucretius und Vergilius uns audi 
den Text des Horaz in einer kritisdien Ausgabe überlieferte. 

Von Zeit zu Zeit hören wir immer wieder das Lob des 
Augusteers erklingen ^*). Der Panegyrist des Piso <v. 227) 
rühmt an ihm das Anmutige <gracilis Hörati), der Epiker 
S t a t i u s <silv. I 3, 100), spridit mit Hodiaditung von der 
größeren lyrisdien Begabung des Horaz,- der jugendlidie 
Satiriker Persius <s. I 116) hebt die Gesdieitheit seines Vor= 
bildes hervor,- der witzige arbiter elegantiarum , Petronius 
<s. 118) führt, als er von der Vermeidung gewöhnlidier Aus- 
drüdie spridit, als griediisdie Muster Homer und die Meliker, 
als römisdie Muster Vergil und Horatius an, dessen curiosa 
felicitas, d. i. Sorgfalt und spradilidies Glüd\, er besonders 
preist. Der jüngere P 1 i n i u s <ep, I 9, 22) lobt bei einem 
Nadiahmer des Horaz, daß er mit Glüd^ die Vorzüge seines 
Meisters : reidie Mannigfaltigkeit und Gewandtheit erreidie. 
T a c i t u s nennt in seiner Studie über den Verfall der römisdien 
Beredsamkeit Horaz wiederholt <c. 23 u. 20) neben Vergil 
und Lucan und läßt seinen Spredier sagen , dadurdi , daß 
die Redner seiner Zeit ihrem Ohr und Urteil folgten, nidit 
dem des Lucilius oder Lucretius, sei ihre Spradie sdiöner und 
sdimud^voller geworden. Q.u i n t i 1 i a n , der erste öffendidie 



III. Dichter und Kunstriditer über Horaz. 91 

Lehrer der Rhetorik in Rom, der erste Verfasser einer institutio 
oratoria, sdireibt in dem literarhistorisdien Abriß des zehnten 
Budies <1, 96>, unter den römisdien Lyrikern verdiene fast nur 
Horaz gelesen zu werden,- denn er erhebe sidi mandimal zu 
lyrisdiem Sdiwung, sei ungemein anmutig und reizvoll und in 
der Kühnheit des Ausdrud\s und der Wortfügungen in den 
Satiren sei er im Vergleidi zu Lucilius viel sauberer, reiner 
und — dabei betont er seine Objektivität ausdrüd\iidi — über- 
ragend. Wiederholt zitiert er horazisdie Sätze zur Erläuterung 
seiner theoretisdien Ausführungen. 

Im 2. und 3. Jahrhundert werden die Stimmen, weldie un- 
serem Diditer gelten, selten,- natürlidierweise, denn jetzt war 
die ardiaistisdie Riditung, ein Ableger der sogenannten zweiten 
griediisdien Sophistik, zum Durdibrudi gekommen: Lucilius, 
Naevius, Plautus, Ennius werden durdiweg den Augusteern 
vorgezogen, So ist es gar nidit verwunderlidi, wenn Fronto, 
der der ganzen Riditung den Stempel aufdrüd\tc, den Horaz 
ganz frostig einen »bemerkenswerten Diditerv< <ep. p. 23) nennt, 
ist dodi Horaz ein abgesagter Gegner der ardiaisdien Diditer! 
Immerhin hat man ihn, wenn audi nidit mehr so häufig wie in 
den früheren Jahrhunderten, nadigeahmt. 

Erst im ausgehenden Altertum, als sidi das Christentum 
die Waffen der Rhetorik aus dem Arsenal der klassisdien 
Literatur holte, kommt Horaz wieder zu Ehren. Der Diditer 
der »Mosella«, Ausonius <id. IV 56> von Bordeaux, rühmt 
die Rhythmik der horazisdien V^erse,- der Kirdicnvater 
Hieronymus hebt den hohen Ernst des Diditer.s hervor 
<I A p. 342), nennt ihn einen sdiarfsinnigen und kenntnisreidien 
Mann <p. 308>, stellt als Muster antiker Lyrik Pindar und 
Horaz hin <VI A p. 224) ,- Apollin aris Sidonius, der 
poetisdie Bisdiof von Clermont, preist den Venusiner in seinen 
Gediditen und Briefen wiederholt. 

Das ganze Mittelalter, soweit es überhaupt 1 ioraz 
kannte, sah in ihm den Moralisten, wie der Beiname 
«Ethicus« verrät. Aber eine umfassende Würdigung konnte 
erst wieder der erstarkte Humanismus bringen. Es wäre 
aber eitle Zettelkastenarbeit, wollte man all die Stimmen vcr* 
nehmen lassen, die über Horaz sidi lobend äußern . Nur 



92 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

ein paar Vertreter einzelner Nationen mögen zum Wort 
kommen ! 

Von seinen näheren Landsleuten ruft PietroMetastasio 
in seiner *Riposta ad Orazio« <ep. V 1. I>: 

»Venosino cantor,- sei tu? t'ascolto! 

D'un si vivace 
Splendide color, d'un si fecondo 
Sublime immaginar, d'una si ardita 
Felicitä sicura 
Altro mortal non arridii natura.« 

Fulvio Testi, den Leopardi »il nostro Orazio« nennt, 
preist ^^) sein Vorbild als »grandissimo emulator di Pindaro«, 
*osservando diligemente le frasi, le sentence, le digressioni^. 
egli altri lumi di'egli o prese dal greco o inventö col proprio 
ingegno.« 

Die Franzosen waren von jeher Verehrer der horazisdien 
Muse, Marot verspridit <II 161> dem Monseigneur de Belle«- 
ville ein poetisdhes Kunstwerk, an dem selbst Horaz nidits 
aussetzen könnte. Montaigne^"), dem unter den Römern 
Vergil, Lucrez, Catull und Horaz den ersten Rang einnehmen, 
begründet sein Urteil hinsiditlidj des letzteren ausführlidier : 
»Horace ne se contente point d'une superficielle expression, 
eile le trahiroit, il veoid plus clair et plus oultre dans les 
dioses,- son esprit crodiette et furette tout le magasin des mots 
et des figures pour se representer,- et les luy fault oultre l'ordi-^ 
naire, comme sa conception est oultre Tordinaire.« La Motte, 
der sidi bekanntiidi über mandie antike Literaturgröße, wie 
z. B, Homer, sehr absprediend äußerte, weiß über Horaz 
folgenden Preis '') : 

Qu'Horace connut bien I'elegance Romaine! 
II met le vrai dans tout son jour. 
Et l'admiration est toujours incertaine 

Entre la pensee et le tour. 
Sublime, familier, solide, enjouee, tendre, 

Aise, profond, naif et fin, 
Digne de l'univers, l'univers pour i'entendre 

Aime ä redevenir latin. 



lil. Didirer und Kunstriditer über Horar. 93 

St. E V r e m o n d ^'^ vergleidit in einem Brief Malherbe und 
Horaz <c. I 3> und sagt dabei : »La beaute de son genie lui 
donne un privilege pour des hardiesses heureuses . . ., que notre 
imagination genee par un scrupule de justesse ne se permet 
pas ... Je pense qu'on n'a jamais vu ä aucun poete un coeur 
si tendre, et un esprit si libre dans le meme temps.* 

Dacier betont in dem Vorwort zu seiner Übersetzung 
<1681> die pädagogisdie Bedeutung des Diditers : 

»Je suis persuade que de tous les dons des muses, ä tour 
prendre, j'excepte toujours Homere, les plus u t i 1 e s ce sont 
les poesies d'Horace. C'est un grand poete, un grand philo^ 
sophe, et un grand critique ... de tous les poetes, c'est l'unique 
qui seul puisse former un honnete homme et un galant 
homm.e . . . L'homme public, l'homme prive, le magistrat, le 
guerrier, les sujets, les rois, en un mot toutes les conditions, tous 
les äges y trouvent les preceptes les plus importants et les plus 
necessaires pour leur etat.« 

Fenelon läßt in seinen »Dialogues des Morts« Vergil die 
Vorzüge des befreundeten Horaz also zusammenfassen : 

»Ce que vous avez de merveiileux, c'est la variete. Vos 
ödes sont tendres, gracieuses, souvent vehements, rapides, 
sublimes. Vos satires sont simples, naives, courtes, pleincs 
de sei,- on y trouve une profonde connaissance de l'homme, 
une Philosophie tres serieuse, avec un tour plaisant, qui redressc 
les moeurs des hommes et qui les instruit en se jouant. Votre 
art poetique montre que nous aviez toute l'etendue des 
connaissances acquises, et toute la force de genie necessaire 
pour executer les plus grands ouvrages, soit pour le poeme 
epique, soit pour la tragedie.« 

Am meisten Gewidit hatte für lange Zeit das Wort V o i ' 
taires, der zwar die Moralität des Diditers stark belastete, 
aber seinen ästhetisdien Vorzügen in der bekannten »Epfrrc a 
Horace« hohes Lob zuspridit : 

»Ce monde, tu le sais, est un mouvant tablcau, 
Tantot gai, tantöt triste, eternel et nouveau. 
L'empire des Romains finit par Augustule,- 
Aux horreurs de la Fronde a succcdc la Bulle, 
Tout passe, tout perit, hors ta gloirc et ton nom : 



94 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

C'est lä le sort heureux des enfants d'Apollon, 

Tes vers en tout pays sont cites d'äge en äge . . , 

J'ai vecu plus que toi,- mes vers diireront moins,- 

Mais au bord du tombeau je mettrai tous mes soins 

A suivre les le^ons de ta philosophie, 

A mepriser la mort en savourant la vie, 

A lire tes ecrits pleins de gräce et de sens, 

Avec toi Ton apprend ä souffrir Tindigence, 

A jouir sagement d'une honnete opulence, 

A vivre avec soi^meme, ä servir ses amis, 

A se moquer un peu de ses sots ennemis, 

A sortir d'une vie ou triste ou fortunee 

En rendant grace aux dieux de nous l'avoir donnee.« 

Und unsere deutschen Di diter und Ästhetiker ? L e s s i n g 
rühmt Horaz als den »philosophisdien Diditer, der Witz und 
Vernunft in ein mehr als sdiwesterlidies Band bradite und mit 
der Feinheit eines Hofmanns den ernstlidisten Lehren der 
Weisheit das gesdimeidige Wesen freundsdiaftlidister Erinne^ 
rungen zu geben wußte und sie entzüd^enden Harmonien an- 
vertraute, um ihnen den Eingang in die Herzen desto unfehl- 
barer zu madien.« Herder wendet sidi in den »Briefen über 
das Lesen des Horaz« <2, Brief) gegen die Veräditer und 
Verkleinerer des horazisdien Ruhmes: 

»Hödist albern sind die Aussprudle der neueren Poesie- 
schöpfer, wenn sie dem Römer den Namen eines Diditers ent^ 
weder ganz abspredien oder ihn deswegen tief herabsetzen, weil 
sidi aus ihm nidit wie aus Homer malen lasse , . ,«, und weist 
auf die horazisdie Spradie hin <I 52) : »Horaz ist seiner Spradie 
ganz Meister. Seine Periode wird ein Gemälde, wo jedes Wort, 
jedes triftige Beiwort, an denen er glüd^lidi ist, eine Figur aus- 
madiet, die Anordnung dieser Figuren erhebet dabei das ganze 
Gemälde,- man versudie es, Wörter aus ihrer Stelle, aus ihrer 
Region zu rüdien, imd das Bild leidet allzumal, dies ist ein 
OdendiAter, der in jedes Wort Bedeutung legt. In der Tat, 
es kommt mir vor, daß Horaz den Griedien das meiste unter 
den lateinisdien Diditern abgelernt, seine Freiheit in Bildung 
sdiöner Gräzismen, und sein wirklidi griediisdier Wohlklang 



III. Dichter und Kunstriditer über Horaz. 95 

wurden uns in der sdiwersten Gattung der Gedidite zeigen 
können, wie man eine andere Spradie nadizuahmen hätte, wenn 
nidit Alcäus und Sappho und die übrigen lyrisdien Gedidite 
verloren wären.« 

Wieland, den Goethe einen wahrhaften Geistesverwandten 
des Römers nennt, der in kongenialen Übertragungen den 
Plauderer dem deutsdien Volke zum erstenmal allgemein näher 
bradite, meint, daß »dessen Brief an die Pisonen billig allen 
Diditern und Kunstriditern für ein Gesetzbudi gilt« <31, 278),- 
ihm ist Horaz »der eleganteste Sdiriftsteller aus dem politen 
Zeitalter Augusts« <14, 161), »einer der geistreidisten Sdirift^ 
steller des Altertums« überhaupt <36, 147>, »dem 18 Jahrhun- 
derte nidits von der Sdiönheit und Anmut rauben konnten, 
wodurdi er die Edelsten seiner Zeit bezauberte« (»Satiren« V>. 
Er bemerkt späterhin im Vorberidit zu den neu aufgelegten 
»moralisdien Briefen«, einem unreifen Jugendwerk <31, 278): 
»Wenn Gedidite dieser Art leisten sollen, was man von ihnen zu 
fordern bereditigt ist, so muß ein reifer und durdi Erfahrung ge- 
bildeter Verstand, ein gereinigter Gesdimad<, Kenntnis der Welt, 
tiefe Einsidit in die moralisdien Dinge, Feinheit des Witzes und die 
Gabe des sanften sokratisdien Spottes, der durdi Nadisidit und 
Gefälligkeit gemildert wird,- kurz, so müssen die Eigensdiaften, 
die den Philosophen imd den Weltmann ausmadien, mit den 
Talenten der Diditkunst in ihrem Verfasser vereinigt sein, d. i. 
man muß ein Horaz sein, um poetisdie Briefe zu sdireiben wie 
Horaz.« Damit stimmt das Lob überein, das er gelegentlidi 
einmal einstreut <32, 27> : 

»Wer unentzüd\t von dir, Horaz, geblieben. 
Wer nidit die Grazien in deinen Briefen fühlt. 
Den bannet weit von Eudi, Ihr Sdiönen!« 

Goethe, der an dem Oden*Dichter mandierlei aus^ 
zusetzen hat, lobt an der ars poetica »die Goldsprüdie dieses 
unsdiätzbaren Werkes« <23, 28) und meint: »Die Präzision des 
Horaz nötigte den Deutsdien, dodi nur langsam, sidi ihm glcidi- 
zustellen« <23, 46). Ediermann gegenüber bemerkt er einmal 
<29. I. 1827), er werde durdi Beranger »immer an den Horaz 
und Hafis erinnert, die beide audi über ihrer Zeit standen und 



96 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

die Sittenverderbnis spottend und spielend zur Spradie braditen.« 
Bekannt ist die Beurteilung des Horaz durdi Schiller, Nadi 
ihm könnte man ihn »als den wahren Stifter der sentimen^ 
talisdien Diditungsart nennen, so wie er audi in derselben ein 
nodi nidit übertrofFenes Muster ist«. Der augusteisdie Diditer 
vereinigt nadi seiner Ansidit beide Empfindungsweisen des 
Sentimentalen: die satyrisdie und elegisdie. All die Eigen- 
sdiaften eines wahrhaft sentimentaiisdien Diditers, die Be= 
geifterung, Energie, Geist und Adel vermißt er bei Ovid, teilt 
sie aber -— unausgesprodien — »dem nodi nidit erreiditen 
Muster« zu. Und wenn er in seinen Ausführungen über die 
Satire Horaz nidit nennt, so ist dodi aus allem ersiditlidi, daß 
er ihn zum Hauptvertreter der scherzhaften Satire zählt, 
die »nur sdiönen Seelen gelingt, in denen das Ideal als 
Natur, also gleidiförmig wirkt.« 

Greifen wir unter den neueren Diditern nodi Geibel her= 
aus, der im »klassisdien Liederbudi« Übersetzungsperlen der 
horazisdien Muse uns sdienkte, dessen eigene Diditungen viele 
Anklänge an den geliebten imd bewunderten Alten enthalten. 
»Horaz«, sagt er ^'•'j, »ist zwar kein Diditer, der sidi neben 
Homer, Dante und Shakespeare nennen ließe, kein Ursprünge 
lidier Genius von überwältigender Größe, aber der hochbe = 
gabte Sohn eines feingebildeten Zeitalters und der 
liebenswürdigste Begleiter für das Leben,- ein 
fromm es Weltkind voll lächeln der Weisheit /immer 
klar und wahr, heiter und anmutig, in seinen ersten 
Liedern oft sdiwungvoii und stets von bezauberndem Wohl- 
laut.« 

Der Philosoph Schopenhauer, dessen ästhetisdie Urteile 
auf umfassender Kenntnis moderner und antiker Literatur be- 
ruhen, sdiätzt Horaz <IV 458) »den Diditer der Lebensweisheit« 
hodi ein. »Mandien MeisterstüAen der lyrisdien Poesie«, sagt er 
<II 506 f,>, »namendidi einigen Oden des Horaz (man sehe z, B. 
die 2. des 3. Budis) ist vorgeworfen worden, daß sie des 
rediten Zusammenhanges entbehrten und voller Gedankensprünge 
wären. Allein hier ist der logisdie Zusammenhang absidididi 
vernadilässigt, um ersetzt zu werden durdi die Einheit der darin 
ausgedrüditen Grundempfindung und Stimmung, als weldie ge- 



IV. Horaz als Meister. Qf] 



rade dadurch mehr hervortritt, indem sie wie eine Sdinur durdi 
die gesonderten Perlen geht und den sdinellen Wedisel der 
Gegenstände der Betraditung so vermitteh, wie in der Musik 
den Übergang aus einer Tonart in die andere der Septimen^ 
akkord, durdi weldien der in dem fortklingenden Grundton zur 
Dominante der neue Ton erraten wird.« Und wie äußert sidi 
sdiließiidi Fr. Nietzsche, der beste Stilist neuerer Tage? 
»Bis heute habe idi an keinem Diditer dasselbe artistisdie Ent- 
züd^en gehabt, das mir von Anfang an eine horazisdie Ode gab. 
In gewissen Spradien ist das, was hier erreidit ist, nidit einmal 
zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort als 
Klang, als Ort, als Begriff, nadi redits und links und über das 
Ganze seine Kraft ausströmt, dies minimum in Umfang und 
Zahl der Zeidien, dies damit erzielte maximum in der Energie 
der Zeidien — dies alles ist römisdi und, wenn man mir glauben 
will, vornehm par excellence« <X 343). 

IV. Horaz als Meister. 

1. Die Ars poetica. 

Daß man Horazens Brief an die Pisonen als Lehrbudi der 
Poetik auffaßte und in eine Reihe mit der Poetik des Aristoteles 
stellte, war ein Grundirrtum, der heute nodi nidit ganz aus allen 
Köpfen vertrieben ist. Von dieser Erwägung aus ist audi 
Goethes Bemerkung in den »Tagest und Jahrheften 1806« 
wohlverständlidi : »Dieses problematisdie Werk wird dem einen 
anders vorkommen als dem andern und jedem alle zehn Jahre 
audi wieder anders.« 

Aber eins steht fest : Die sogenannte Ars poetica wurde die 
Fibel der Kunstriditer aller Zeiten. So nennt ihn Dante-") 
»Magister noster«, Goethe spridit von den »Goldsprüdien des 
unsdiätzbaren Werkes« <23, 38), Oeser-') von den »wahrhaft 
goldenen Sprüdien über Poesie und Niditpoesie«. 

Ähnlidie Zeitumstände erklären die Abfassung der horazisdien 
Epistel und das Wiederaufleben ihrer Bedeutung. Wie im Rom 
des Augustus der Pantomimus allmählidi alle andern ästhetisdien 
Interessen versdilang, so überwog um die Wende des 15. Jahr- 
hunderts das Kunstinteresse das poetische völlig. Wie 

Stemplinger, Huraz. 7 



98 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

damals alle Welt diditete und der Dilettantismus Triumphe 
feierte, so umsdiwirrte den Papst Leo X. ein zudringlidier 
Poetensdiwarm, der nadi dem Titel ardiipoeta ledizte. Wie dort 
eine gewisse Formlosigkeit im Bau der Verse, in den Stilformen 
einriß, so vermisdite die Zeit des 15. Jahrhunderts die Unter- 
schiede zwisdien Malerei und Poesie, und die poetisdie Burleske 
Bernis und seiner Nachfolger zog Richtiges und Falsches wahl- 
los in den Staub. 

Da war denn die Zeit gekommen, feste Normen auf^ 
zustellen und der Poesie gegenüber andern Rivalen einen trag- 
kräftigen Unterbau zu versdiaffen. In unmittelbarem Anschluß 
an Horaz — Aristoteles' Poetik wurde merkwürdigerweise erst 
später »entdecitt« — entstanden die drei Bücher der »Poetica« 
des Bischofs von Alba, M. Hieronymus Vida (1527 ver^ 
öfFentlicht), die zahlreidie Auflagen (noch Klotz gab sie 1766 
neu heraus) und Übersetzungen in alle Kultursprachen erlebten 
<Batteux, Montoni, Pitt). Wie Horaz seine Ars den Pisonen 
widmete, so Vida dem Dauphin Franz von Frankreich, der 
damals gerade als Geisel Karls V. in Spanien weilte. Hatte 
Horaz Homer als Muster aufgestellt, so. Vida Vergil. Hatte 
jener besonders der Tragödie das Wort geredet, so betonte 
dieser in erster Linie das Epos, das ja der ganzen Renaissance 
als Krone der Poesie erschien. Mit Horaz stellt Vida Vernunft 
und Selbstkritik der überwuchernden Phantasie zur Seite,- gleich 
ihm erklärt Vida als Hauptgegenstand der Dichtung die Dar- 
stellung der Natur, d. h. die richtige Zeichnung der Charaktere, 

Während Viperanis' Poetik"") <»De poetica libri tres«, 
1558) nichts anderes ist als ein Kommentar zu Horaz, wird 
Vida, neben Horaz und — später — Aristoteles, der Ausgangs- 
punkt für die in rascher Folge erscheinenden Poetiken der Re- 
naissance. So die »Defense et Illustration de la langue fran- 
^aise« <1549) des Du Bellay, das Programm der »Pleiade«,- 
die »Art poeticjue« des }. Pelletier <1555), der 1541 den 
horazischen Brief an die Pisonen zum erstenmal ins Französische 
übertragen hatte,- so der »Abrege de Tart poeticjue francpoyse« 
des P. Ronsard <1584), in dem Vorwort seiner Franciade, 
der V. 309 der Ars p, als Motto wählt und in der formlosen 
Aneinanderreihung von Gedanken der kunstvollen Zwanglosig- 



IV. Horaz als Meister. QQ 



keit des römischen Plauderers nahezukommen glaubte. J. Vau = 
quell n nennt selbst als Quellen für seine »Art poetique« 
<1605> neben Vida und Minturno <1564) audi Aristoteles und 
Horaz. Trotz der vielfadien Angriffe auf Horaz benützt audi 
J. C. Scaliger in seiner »Poetice« <1561> ihn neben Aristoteles,- 
audi bei den »Poeticae institutiones« des G, J, Vossius <1647> 
ist der Römer Pate gestanden. Die überwiegende Bedeutung 
Scaligers namentlidi für die negative Homerkritik und für das 
Überwiegen der pensee Romaine in Vergil fand erst in 
Boileaus »art« ein Gegengewidit, der die von Scaliger nidit 
gewollte — er nörgelte ja an Aristoteles ebenso »hyperkritisdi« 
herum wie an Horaz — , aber eingeleitete Übersdiätzung der 
aristotelisdien Poetik einzudämmen versudite. Ihm sdieinen 
dessen Regeln nur dann gültig, wenn sie mit dem Römer (und 
Vida) übereinstimmen. 

Während Opitzens »Poeterey« <1624> auf den Grund= 
Sätzen der Plejade aufgebaut ist, sdiließt sidi Gottsched 
in seinem Versudi einer »Critisdien Diditkunst« (1730) eng an 
Boileau an, dem hinwiederum in einzelnen grundsätzlidien 
Fragen Brei tingers »Critisdie Diditkunst« <1740> entgegen- 
trat. Moditen aber all diese Lehren des Diditens — und gar 
mandie minder widitige sind hier übergangen — in diesem oder 
jenem Punkte sidi widerspredien, Homer oder Vergil vorziehen, 
Phantasie oder ratio als Vorbedingung bezeidinen : in einem 
stimmen sie allzumal überein, daß die Ars poerica des Horaz 
das grundlegende Budi der Poesie ist, mit dem sidi jede Ästhetik 
auseinanderzusetzen habe. Und so entnehmen sie alle dem 
Römerbrief die Motti oder einzelnen Verse als Belegstellen. 

Man blättere Tagebüdier und Briefsammlungen der Jahr- 
hunderte durdi, man lese prosaisdie Werke unserer Meister: zu 
Tausenden ließen sidi die Zitate sammeln, die aus der hora- 
zisdien »ars« stammen. Man findet sie, wo man sie gar nidir 
sudite, so, wenn Dante sagt <parad. 23, 64): 

Ma dii pensasse il ponderoso tema, 

E l'omero mortal die se nc carca, 

Nol biasmerebbe se sott'esso trema <= V. 38 tf.). 



So lesen wir bej Logau (111 4, 30): 



100 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

»Zeiten fordern wieder, was die Zeiten gaben. 
Drum ist's nur gelehnt, was wir Mensdien haben.« 

Goethe läßt in den »Lehr^ und Wanderjahren« <II 4> sagen, 
daß »die Jahre, die zuerst eine sdiöne Gabe nach der andern 
bringen, sie alsdann nadi und nadi wieder entziehen«. V. 175 f. 
gab beiden die Anregung, Ebenso klingen die Horazverse <180f,> 
in Goethe wieder, wenn er der Gräfin Caroline von Egloff^ 
stein 1817 ins Stammbudi sdireibt: 

»Was dem Auge dar sidi stellet, 
Sidier glauben wir's zu sdiau'n,- 
Was dem Ohr sidi zugesellet. 
Gibt uns nidit ein gleidi Vertrau'n.« 

Den Vers 408 paraphrasiert Geibel <V 33) sdiön, ohne daß 
viele Leser es ahnen : 

»Nidbt die Natur bloß madit den Poeten, es madit ihn die 

Kunst audi,- 
Fülle des Wesens allein reizt, dodi ermüdet sie bald. 
Nur soviel du gestaltend bezwangst vom inneren Reiditum, 
Mag, Jahrhunderte durdi, ruhig im Wedisel bestehn.« 

Fein modernisiert J.^B. Rousseau <II 116> die Verse 341 ^34Z: 

»Du senateur la gravite s'ofFense 
D'un agrement depourvu de substance : 
Le courtisan se trouve effaroudie 
D'un serieux d'agrement detadie.« 

Wieland spielt <5, 187) an die Verse 339 fF. an, wenn er 
scherzt : 

»Die Zeiten sind vorbei . , . 
Da Löwen sich, wenn seine <d. i. Apolls) Leier klang, 
Entzüci^t zu seinen Füßen schmiegten,- 
Da Steine, wie beseelt von seinem Zaubersang, 
Sich tanzend ineinanderfügten«, 

eine Reminiszenz, die wir auch bei Goethe antreffen, wenn 
er <»Was wir bringen«) vom Knaben Phantasos mit Fort^ 
spinnung des Horazgedankens sagt: 



IV. Horaz als Meister. JQ! 



»Wie von Apollos Leier aufgefordert, 
Be^57egt 211 Mauern das Gestein sidi her. 
Und, wie zu Orpheus Zaubertönen, eilt 
Ein Wald heran und bildet sidi zum Tempel,« 

Ebenso versted<t liest sidi eine hübsdie Reminiszenz bei 
Mörike <II 96>, wenn er über einen »neuen Poeten« spöttelt 
<=a. p. 441>: 

»Jetzo hat er ein griediisdies Epos, 
Hör' idi, die Argonauten, heroisdie Form, auf dem Ambos.« 

2. Die Lieder, 
Mit dem Namen Horaz ist unauflöslidi das Wort »Ode« 
verbunden. Er selbst hat seine Lieder nie »Oden« genannt, 
audi die Handsdiriften kennen nur »carmina«. Die Form der 
horazisdien »Oden«, vielfadi mit den pindarisdien Rhythmen 
gleidigestellt, wurde natürlidi zunädist von den Neu = 
iateinern ■^■'') übernommen. Abgesehen von einzelnen ver^ 
streuten Oden in den Gediditsammlungen des Pontanus <]514>, 
Joh, Aurelius Augurellius (1505), Joh. Secundus, in 
dessen Werken <1541> sidi ein ganzes Budi »Odae« findet, hat 
Conrad Celtis <carm. 1513) im engen Ansdiluß an Horaz 
vier Büdier Oden, ein Budi Epoden und ein »Carmen saccu= 
lare« veröftentlidit. Sein Ehrgeiz ist es, für die Deutsdien das 
zu werden, was Horaz unter den römisdien Lyrikern war 
<epod, 12): 

»In lyricis princeps superans sed Horatius omnes. 
De fönte Graio cuncta vatis laus erat. 
Inter Germanos mea sie rogo carmina durent, 
Ut Italis Horatius sub fmibus.« 

Er hat die Odenbüdier der nadifolgenden Humanisten auf 
dem Gewissen , die mit immer neuen Variationen Mosaiken 
aus Horaz, Catull, Properz und der griediisdicn Anthologie 
zusammensetzten, wie Joh. Salnionius Macrinus <carm. 
libr. VI. Par, 1530), G. Fabricius <odarum 1. III, Basil. 1552), 
Br. Seidelius (poematum I. VII mit drei Büdicrn Oden, 
Bas. 1554), Jan, Douza <odarum Britannicarum liber, Lugd, 



102 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

B. 1586>, Nie od. Frisch lin <opera poet., darunter drei 
Büdier Oden, Argent, 1598—1601), L. Torrentius (poemata, 
darunter zwei Büdier Oden, Antv. 1594) u. a. 

Unter den vielen Neulateinern erheben sidi nur einige 
wenige zu wirklidi überragender Bedeutung: Math. Gas. 
Sarbiewski <lyricorun 1. IV, epod. 1. I. Colon. 1625 u. v.), 
Jac, Bälde <lyricorum 1. IV et epod. 1. I. Col. Üb. 1645 u, v>. 
Mit ihnen wetteiferte — mit derselben absiditlidien Anlehnung 
an die horazisdie Budieinteilung — Sim. Rettenbacher, der 
Kremsmünsterer Benediktiner, dessen Lyrica erst 1893^^) 
veröfFentlidit wurden, ferner Nie. Avaneinus (Vienn. 1670), 
Benedict US a St. Josepho <Vars. 1694) u. a. Die letzten 
Ausläufer neulateinisdier Horazianer bilden C. A. Klotz 
<earminum 1. unus, Lips. 1759), Jan. Helvetius (poemata, 
Lugd. 1782), }oh. Premlechner <lucubrationes poetieae, 
Vind. 1789), letzterer in einer Zeit, da sdion Goethe und 
Schiller ihre Meisterwerke der Welt gesdienkt hatten. 

Man kann über jene neulateinisdien Versudie nidits Besseres 
sagen, als was Herder <I 404 f.) sdiarf, aber riditig gesprodien 
hat : »Wenn nidit die fremde Spradie Gewalt leidet, so tut sie 
Gewalt an. Wie kann idi eine Sprache aus zehn oder zwölf 
Sdiriftstellern ganz, in ihrem ganzen Umfange, mit aller ihrer 
Stärke, Würde und Reiz lernen? . . . Gedidite sdireiben und 
horazisdie Oden sdireiben/ vielleidit die hödiste, sdiwerste und 
künstlidiste Art des Vortrages. Nun setze idi wirklidi ein 
Genie, von der Größe als Horaz in seiner Spradie war: es 
hätte allen inneren Reiditum, Fülle, Größe und Feuer der Ge- 
danken in seinem Lande, nadi seiner Kultur, nadi der eigene 
tümlidien Wendung seines Geistes : dieser Horaz von einem 
würdigen Gegenstande aufgefordert, von der Muse gesalbet, 
von edlem Feuer durdidrungen , greift nadi der Leyer des 
Venusinisdien Diditers,- er würde Horaz sein, aber nun singt 
er in Horazens Spradie. Sogleidi wird der Gedanke vom 
Ausdrud^e gefesselt,- das Bild soll in seiner Sdiönheit ersdieinen, 
und hat Fled^en, die den Glanz besdiimpfen ,• es soll reidi an 
Nebenbegriffen sein, und wird gezerret,- es soll mit einem Mal 
überrasdien, und sdilägt uns ins Antlitz,- es wird mit Putz 
überladen und ersdieint klein ,- Gedanke und Ausdrude sind wie 



IV. Horaz als Meister. 103 



jene zusammengewachsene Mißgeburt, die mit einem Haupt 
lacht, mit dem andern weinte, mit dem Rücken aneinander stieß, 
sich fortzerrete und auf einer Stelle blieb.« 

Dieses Mißverhältnis zwischen Heimatboden, Muttersprache 
und fremder Sprache fühlten auch die nationalgesinnten Huma^ 
nisten. Der erste, der Kanzonen nach dem Vorbild horazischer 
Oden in seiner Muttersprache verfaßte — horazische Wendungen 
und Gedanken hatten schon vor ihm Petrarca und Dante um= 
geprägt — war Bern. Tasso <Rime, Venez. 1555). Ihm eiferten 
nach Lud. Paterno <1560> und Jac. Marienta <1564>, Aus^ 
drüd<lich betont die bewußte Nachahmung Ferr, Carrafa in 
seinen sei libri sopra vari e diversi soggetti ad imitazione de' 
Poeti Lirici Greci e Latini <1580>. Unter den italienischen 
Humanisten sind außerdem hervorzuheben Gabr. Chiabrera 
(canzoni 1. I e II, 1586 und 1587), Fulv. Testi <Poesie lirice, 
1627). Von ihm urteilt Leopardi : »Wäre er in einem weniger 
barbarischen Zeitalter geboren worden, und hätte er Muße ge= 
habt, seinen Geist mehr zu bilden, so wäre er unzweifelhaft 
unser Horaz geworden und vielleicht wärmer, ungestümer und 
erhabener als der Lateiner«. Unter den späteren Horazianern 
seien noch genannt: »Pari ni <1729— 1799), Cerretti <1738 bis 
1808), Cassoli <1749-1812>, U. Foscolo <1778-1827> 
und Fantoni <t 1807)«. 

In Frankreich hatte }. Pelletier, der in seinen Poesien 
<(£uvres poct. 1547) auffallende Anlehnungen an die horazischen 
Lieder aufweist, die Führer der französischen Plejade, Du 
Bellay und Ronsard, zur Ode begeistert. Du Bellay hatte 
früher selbst in lateinischen Versen sich versucht. Nun aber 
erscholl die Chamade: raubt die Schatzkammern der Antike 
aus, um die nationale Dichtung zu bilden, zu bereidiern , zu 
vervollkommnen ! So ruft er Jung-Frankreich zu <I 39) : »Chante^ 
moy ces Ödes, incognues encor' de la Muse Fran(,oysc d'un 
Luc bien accordc au son de la Lyre grecque et Romaine et 
qu'\\ n'y ait vers, oü n'apparoisse cjueique vestige de rare et 
anticjue erudition '.^^ — Ronsard rühmt sich seinerseits, die 
horazisdie Ode in Frankreich eingeführt zu haben <II 474): 
»J'allai voir les etrangers, et me rendi familier d' Horace 



104 Zvc^eiter Teil. Ästhetische Wertung. 

et . . , osai le premier des nostres enrichir ma langue de ce 
nom Ode«. Seine Gedidite teilt er in fünf Büdier — ent= 
sprediend dem römisdien Vorbild — ,• nur die Epoden ver- 
nadilässigt er ganz. Ronsard ist audi der erste, weldier die 
pindarisdien Gesänge nadizubilden versudit und so — nadi 
fälsdilidier Auslegung — Horaz-Pindar in sidi wieder aufleben 
lassen will. 

An Nadieiferern fehlt es audi in Frankreich nidit,- wir er* 
innern nur an Ch. Fontaine <Odes 1557), Oliv. Magny 
<Odes 1559/ audi in fünf Büdiern), Gill. Durant <CEuvres 
mit zwei Büdiern Ödes 1594), Nie. Rapin <1610: in antiken 
Maßen!), La Motte <Odes 1707), J. B. Rousseau <1742 
und 1748). Audi die Oden Racines und die 18 Oden 
Voltaires mögen nidit unerwähnt bleiben. 

Die Bewegung der Plejade fand in Deutschland stür- 
misdhen Widerhall, als Malherbe seines Landsmanns Ronsard 
Lorbeeren sdion tüditig zerzauste. Die deutsdie Renaissance- 
welle ging von Heidelberg aus. Dort hatte sdion 1456 
Peter Luder die ersten Vorlesungen über Horaz gehalten,- 
dort hatte Werner vonThemardie ersten deutsdien Horaz- 
übersetzungen versudit,- dort hatte sidi um Paulus Melissas 
Jung^Deutsdiland gesdiart, der »deutsdien Muse und Poeterei 
Kleinod von Griedien und Römern zu gewinnen«, Weckherlin, 
im Englisdien und Französisdien so gut zw Hause wie im 
Deutsdien, hatte sdion einige Oden in der »horazisdien Weise« 
gebaut. Aber bald riß der junge Sdilesier M, Opitz die 
Führung der Geister an sidi. In Heidelberg war er mit der 
Renaissance der Plejade bekannt geworden,- mit jugendlidier 
Begeisterung nahm er die Theorien Ronsards auf,- fast mit den- 
selben Worten wie Du Bellay verkündigt er in seiner «Poeterey« 
<1624> das Programm der nationalen Humanisten. Zum ersten- 
mal ersdieint der Name »Ode« auf deutsdien Gediditen von 
Opitz. Nadi dem Vorgang der Franzosen durdi tränkt er seine 
Poesien mit antikem Gehalte: insbesondere sind horazisdie 
Wendungen, Gedanken überall eingestreut, umgebogen, para- 
phrasiert. Fleming teilt seine poemata nadi alter Weise in 
fünf Büdier,- Gryphius, Günther, Schlegel u. a. streuen 
Oden in ihre Diditungen ein. »Horazisdie Oden« gab Gotth. 



IV. Horaz als Meister. 105 



S. Lange <1747> heraus. Aber erst Ramler und Klop- 
stock gelang es, der deutsdien »Ode« allgemeine Anerkennung 
zu sidiern. 

Merkwürdig ist aber die Auffassung, die man im Lauf der 
Zeiten von dem horazisdien Carmen gewonnen hatte. Dies 
zeigen sdion die gewundenen Definitionen der Ode , die sidi 
bis in die jüngsten Poetiken herein finden. Teils verquid<te 
man das horazisdhe Lied mit dem pindarisdien Chorgesang und 
fand in dem Dispositionslosen, ja Sdiwerverständlidien <»Ge* 
dankensprünge«) das Wesen dieser lyrisdien Gattung. Teils 
sudite man durdi hoditönende, pompöse Worte, gesdiraubte 
Wort- und Satzstellung , eigenartige Satzverknüpfung den 
»Oden« etwas Erhabenes, Hyperpoetisdies zu verleihen. Da- 
bei übersah man aber völlig, daß Horaz nidit bloß ernste, 
sondern audi humoristisdie Stoffe behandelt. Infolge jener ver- 
kehrten Auffassung wurde die »horazisdie Ode« namentlidi 
zum Preise von Kaisern, Königen, Fürsten, Gönnern, bei feier- 
lidien Anlässen (Empfang, Absdiied, Hodizeit, Taufe, Be- 
gräbnis u. dgl,> angewendet. Sdiließlidi wurden aber audi 
minder festlidie Gelegenheiten von den »Odendiditern heran- 
gezogen,- so wenn L N. Reichel »Die Rose, eine moralisdie 
Ode« verfaßt <Zwid^au 1754), ein Erlanger »Das Pfarrweib 
auf dem Lande, in einer Ode besungen« darstellt (1767), oder 
wenn einer eine »Ode auf das eisenadiisdie Doppelbier« (Franko 
fürt 1757) diditet. Damit war der Sdiritt zur Parodie der Ode 
nidit mehr weit, der in der Tat gemadit wurde. 

Horaz hat die kunstvollen Rhythmen des aitgriediisdien 
Melos zum größten Teil zuerst in Rom eingeführt, wobei es 
ihm gelang, versdiiedene Rhythmenkomplexe frei zu sdiaffen. 
Die von ihm meisterlidi gebrauditen Versformen und metrisdien 
Systeme fanden bald lebhafte Nadifolgen. So erwähnt er selbst 
<ep. I 3, 9) einen jungen Diditer Titius, der in Pindars Weise sidi 
versudit/ Sueton nennt den berühmten Qu. RemmiusPalaemon, 
der in »versdiiedenen und nidit gewöhnlidien Metren« diditete. 
Wir haben davon nidits mehr erhalten. Aber wir sehen nodi, 
wie Seneca in seinen Chorliedern, Prudentius, Paullinus, Au* 
sonius, Severus, Luxorius u. a. horazisdie Metren weiterpflegen. 



106 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Durdi Vermittlung des diristlidien Dichters Prudentius er- 
hielten sidi einzelne horazische Rhythmen auch im Mittelalter,- 
so stehen im römisdien »Brevier» vier Hymnen in horazisdien 
Maßen,- im 12. Jahrhundert didbtete der Tegernseer Möndi 
Mete 11 US seine Oden zum Preis des heiligen Quirinus in den 
Maßen des Römers,- unter die geistlidien Kirdiengesänge fanden 
alkaisdie Strophen wie »Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit« 
oder sapphisdie wie »Christe, du Beistand deiner Kreuzgemeine« 
Aufnahme. 

Wie aber die ganze horazisdie Rhythmik bei den Neu- 
lateinern und Humanisten aufs neue erstand, bedarf keiner be- 
sonderen Hervorhebung. 

Aber audi in den modernen Spradien versudite man die 
horazisdhe Metrik in die Poesie einzuführen. Ronsard aller- 
dings verwendet nur zweimal das Sapphikum,- erst Bai f unter- 
nahm es, in seinen »Etrenes de poesie franzoese au vers me- 
zures« <1534>, die metrisdi-quantitierenden Verse in die franzö- 
sische Literatur zu verpflanzen. Indes hing keiner dieser Neuerer, 
weder Baif, noch d'Aubigne und Passerat so hartnäckig an 
dieser Verirrung fest, wie Nie. Rapin in -seinen vers mezures 
<1610>, der zu den horazischen Metren auch noch den Schluß- 
reim fügte. Und er fand sich belohnt durch ebenso be- 
geisterte Nachfolger: Scaevola de Sainte-Marthe ahmt 
den Meister schwärmerisch nach, ebenso sein Neffe Gallier. 
Js, Gasaubonus, der berühmte Philologe, der in seinem auf- 
sehenerregenden Buch »De satyrica Graecorum poesi et 
Romanorum satira:< <1605) dem römisdien Dichter neue Ver- 
ehrer gewann, rühmte von Rapins Versuchen : »sunt . . . nobis 
ab illo Eii.[ji£tp(üc cjuaedam odae ostensae, excjuisitissimae ele- 
gantiae atcjue sfjLtxsXeaxato'.t. Regnier erklärt in der bekannten 
Satire gegen Malherbe, er verehre Rapin als wahren Pfadfinder. 
Indes die Geschichte hat seinen Gegnern S i b i 1 e t und H a r 1 a y 
recht gegeben. 

In deutschen Kreisen versuchte man ebenfalls die hora- 
zischen Metren, so Fleming, Gryphius, Tschern ing, 
Zesen. Schaevius führte in Morhofs »Unterricht von der 
deutschen Sprache und Poesie« <1718> die sogenannten 17 Parade- 
oden des Horaz in den verschiedenen Metren vor. Dem 



IV. Horaz als Meister [QJ 



Italiener P. Abriani <1680> gebührt das Lob zum erstenmal, 
sämtlidie Oden im Versmaß des Originals übertragen zu haben. 

Wir können uns die Entwid\lung der deutsdien Literatur 
gar nidit mehr ohne Gewinnung und Beherrsdiung der hora- 
ziscben Formen denlien, die wir allen andern voraus Klop^ 
stock zu danken haben. »Nidit nur begann unsere Diditung 
mit dieser Aneignimg der antiken Formen durdi ihre Über= 
Setzungskunst eine unvergleidilidie Weltliteratur in deutsdier 
Spradie herzustellen . . ., erst durdi Aufnahme der antiken Vers= 
formen in die eigene Spradie gewann unsere Diditung die un= 
mittelbare Fühlung mit den antiken Mustern, Und damit war 
wenigstens ein erster Sdiritt getan, der lästigen und wenig zu= 
verlässigen französisdien Vermittelung endlidi entraten zu können. 
Ja, audi der Antike selbst gegenüber . . . gewannen wir für 
die Zukunft größere Selbständigkeit, sobald wir ihre diditcrisdien 
Formen erst in unserer eigenen Spradie tedinisdi beherrsdicn 
lernten« <M. Kodi>. 

Klopstod^s Nadifolgern <Ramler, Platen, Geibel, Leurhold) 
gelang es, das Starre und hierbe des »Sdiulnjeisters in Ham- 
burg« durdi fortwährende Feile zu mildern und die antiken 
Formen mit bewundernswerter Vervollkommnung zu meistern. 

Bei Alkaios, Sappho, Anakreon war Wort und Musik nodi 
in eins versdimolzen ,• audi Horaz hält wenigstens dem Wort- 
laut nadi die Fiktion aufredit, als ob er sidi seine Lieder ge- 
sungen dädite <c. IV 9, 4>: verba loquor socianda chordis <vgi. 
ep. II 2, 86), und das Säkularlied wurde tatsädilidi \on einem 
Chor von Jünglingen und Jungfrauen vorgetragen. Aber wir 
wissen nidit, wer dazu die Melodie erfand. War sie eine alte, 
überkommene Weise? Hat der Diditer selbst die Melodie dazu 
gesdiaffen ? 

Außer Zweifel steht, daß man im Mittelalter horazisdic 
Lieder sang. Das beweisen die alten Kompositionen, die sidi 
aus Klosterbibliotheken auf unsere Zeit herüberretteten-"». 

Aber systematisdi wurde die Vertonung der Oden erst in 
der Renaissance aufgenommen. Wie man sidi in den italicnisdien 
Humanistenkreisen des 16. Jahrhunderts bemühte, das antike 
Musikdrama wieder ins Leben zurüdvzurufen — daß die antike 



108 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

Tragödie in der Hauptsadie ein Singspiel war, ist jetzt längst 
erkannt — , so veranlaßte der »deutsdie Horaz« Conrad 
C e 1 1 i s einzelne Tondiditer, die horazisdien Odenmaße musikalisdi 
wieder zu erfassen. Mit riditigem Gefühl sdilossen sidi jene 
Komponisten an die antike Rhythmik, wie sie in dem gregoria^ 
nisdien Kirdiengesang fortlebte, an, vermieden die seit dem 
15. Jahrhundert einsetzende Allmadit der Durtonart ebenso wie 
den Taktstridi, den natürlidien Feind der antiken Melik. 

Den Reigen eröffnet der Augsburger P. Tritonius^'^j, der 
zu den 22 versdiiedenen horazisdien Odenmaßen vierstimmige 
Gesänge setzte (1507), später <1534> von L, Senfl"^), dem 
berühmtesten Sdiüler Isaaks in neuer Harmonisierung heraus- 
gegeben. Das Beispie! fand freudige Nadifolge. So vertonte 
|, Cocheus"'*) c, I 6<1511>, ein sonst unbekannter Mi chael"'-*) 
wiederum 21 versdiiedene Maße <1526>, ebenso Joh, Mur = 
melius^*^) <1531). O, Hofhaimer^'), der Hoforganist Kaiser 
Maximilians L, komponierte 19 Horazoden <1537), Benedict 
Dux^^) »alle Horazoden« — wohl audi nur die typisdien 
Metren <1539>/ die Kompositionen sind versdiollen — ,• ebenso 
der Sdiweizer J. Frisius^^j <1554>. 

Im Gegensatz zu diesen vierstimmigen Gesängen, die dem 
polyphonen Gesdimadi der Zeit entgegenkommen, ohne die 
antike Rhythmisierung aufzulösen, glaubte Hansjudenkünig^*) 
durdi Unisonogesang mit Lautenbegleitung <1523> der alten Vor- 
tragsweise näher zu kommen. 

Völlig in Widersprudi mit den Versudien des Tritonius, 
Senfl, Hofhaimer, deren er mit unverhohlener Bitterkeit gedenkt, 
stellt Glareanus^'), der Musiktheoretiker der Renaissance, 
einstimmige Sätze auf <1547> mit der prononzierten Melodik des 
gregorianisdien Kirdiengesangs, 

All diese Kompositionen haben trotz der versdiiedenen Auf- 
fassungen das eine gemeinsam; sie verfolgten den pädagogisdien 
Zwed<, die sdiwierigen Rhythmen mit Hilfe der Musik den 
Sdiülern leiditer beizubringen. R, v, Lili encron"''), der treff- 
lidie Kenner alter Musik, meint hierzu : »Wir erfahren, . . , daß 
die Oden im 16, Jahrhundert in den humanistisdien Sdiulen viel 
gesungen worden sind und sidi als ein nützlidies und sehr be- 
liebtes Lehrmittel erwiesen haben. Sollte das nicht heute 



IV. Horaz als Meister. JQQ 



noch ebenso wohl geschehen können?,.. Die Fremde 
artigkeit der alten Tonsätze wird, zumal bei der Vorliebe unserer 
Zeit für das historisdie Kostüm, die Sdiüler eher anziehen als 
abstoßen, weil ihr ardiaistisdies Gepräge dem antiken Klang 
der Verse besser entspridit, als irgendeine moderne Musik es 
könnte.« 

Aber diese taktfreien Kompositionen überdauerten nur in 
wenigen Ausnahmen die Mitte des 16. Jahrhunderts. Wir 
treffen sie nodi an in den Chorliedern der Sdiulkomödie 
»Almansor« des Grimmenser Sdiulr^ktors M. Hay necci us""^') 
<1582>, in dem »Libellus sdiolasticus« <1607> des Laur. Sti = 
phelius^^j <»harmoniae ad omnes odas Horati«) und in den 
Collectanea des Statius Olthof^'') von Osnabrüd< <1619>, 
der auf Veranlassung des Humanistenlehrers Nath, Chytraeus 
<t 1598) sieben Oden des Horaz vertonte. 

Die »moderne« Satzweise überwudierte in Bälde die anti^ 
kisierende,- der Rhythmus des Verses wurde in die ihm ganz 
unnatürlidie Zwangsjad^e der musikalisdien Taktgliederung hinein^- 
gepreßt und somit die ganze Dynamik der antiken Wortquantität 
zerstört. Fast zur selben Zeit, als Tritonius seine Weisen ver^ 
faßte, hören wir das integer vitae im */* Takte (vierstimmig) 
von M. Pesentus*") und einstimmig im - 4 Takt mit Lauten- 
begleitung (ganz opernmäßig) von FranciscusBossinensis^') 
(1504). In Frankreidi vertonte Gl. Goudimel, der audi 
Ronsards Oden und Sonette in Musik gesetzt hafte, die ver-^ 
sdiiedenen Metren des Horaz (1555)*-). 1570 wurde eine heute 
wenig bekannte fünfstimmige Komposition der 2. Epodc von 
dem berühmten Orlando di Lasso '*^), gedruckt, im Stile 
palestrinisdier Kontrapunktik. 

Andrerseits ersdiienen Kompositionen von einzelnen I ioraz- 
liedern für Gesang und Instrumentalmusik. So setzte Jos. Ant. 
Paganelli sechs Horazoden für Sopran und Streichinstrumente 
(1740), J. A. Hiller c. I 26 für Chor und Klavier (175S), 
B, Hahn c, I drei Oden für eine Stimme und Klavier (1783 
und 1785)/ Philodor Fr. A. Dancian das carmen saeculare 
für vier Singstimmen mit Ordiestcrbegleitung (1787), Chr. Lr. 
Ruppe vier Oden für eine Singstimme mit Klavier (1816). 
Von all den älteren Kompositionen erhielt sidi nur das vier' 



110 Zweiter Teil. Ästhetisdhe Wertung. 

Stimmige »Tafellied« <c, I 22> des prakt. Arztes Ferd. Fleming 
<t 1813) in den studentisdien Kommersbüdiern bis zur Stunde, 
das sogar der Satz des Peter Cornelius^*) <c. I 30> für 
Männerdior nidit verdrängen konnte. 

Der erste, der in neuer Zeit wieder an die Bestrebungen 
der Renaissance anknüpfte, ist der berühmte Baliadenkomponist 
Carl Loewe^^), Wir besitzen von ihm »Fünf Oden des Horaz 
für Männerstimmen« <op. 57> vom Jahr 1836 <c. I 16: Str. 1, 2, 
4, 7/ III 3: Str. l'-'3,- III 19: Str. 8-14,- III 12 und III 13). 
Von den drei ersten sagt Hirschberg**"'), der kundige 
Herausgeber : »Ihnen gemeinsam ist der Ausdrud< von Hoheit 
und Feierlidikeit, wodurdi sie sidi der würdigen Hahung des 
Kirdiengesanges nähern . . . Plastisdi und mäditig stehen diese 
drei Gesänge da, mustergültige Beispiele dafür, wie didaktisdie 
Gedidite des Altertums in Tönen gegeben werden müssen.« 

111 12 vergleidit er mit dem berühmten Figaroterzett,- III 13 
entzüdite ganz besonders den damaligen Kronprinzen Friedridi 
Wilhelm, der dem Meister am 1. März 1838 eigenhändig 
dankte. 

Im Juli 1845 komponierte er das »Carrnen saeculare« zum 
Wediselgesang für Sopran und Alt <virgines> und Tenor und 
Baß <pueri), eine Frudit seiner eingehenden musikhistorisdien 
Studien, in denen er der Musik des Altertums besondere 
Aufmerksamkeit widmete,- eine alte »Originalmelodie« wird in 
frisdier Harmonisierung geboten. Für die Sdiule war sie be* 
stimmt,- aber bis 1915 sdilummerte sie ungehoben in der Ber= 
liner Nationalbibliothek *'j, 

3. Satiren und Episteln. 

Die Satiren und Briefe des Horaz sind in ihrer Bedeutung 
für die römisdie Literatur erst jetzt erkannt. Während aber 
seine Liederformen sdion von zeitgenössisdien Diditern Nadi-^ 
ahmung erfuhren, hören wir dergleidien von den Episteln nidits. 
Dagegen fand die Satire in Persius und Juvenalis bedeutende, 
wenn audi andersgeartete Nadifolger : denn Horaz führte die 
ladiende Träne im Wappen, jene beiden sdiwangen die Geißel 
und Rute. 

Lind so kam es, daß namentlidi der rigorose Juvenal im 



IV. Horaz als Meister. 



ganzen Mittelalter die Satire und Epistel des Horaz verdrängte. 
Von diesem blieben nur einzelne Merkverse aus den Florilegien 
in der Sdiule erhalten,- aber Juvenal wirkte als Ganzes weiter, 
weil er den diristlidien Erziehern durdi seine maßlosen In- 
vektiven gegen die römischen Laster und Gebredien gleidisam 
zum Bundesgenossen im Kampf gegen das Heidentum wurde. 
So erklärt es sidi audi, daß die neulateinisdie Satire bis in die 
Früh- und Hodirenaissance herauf einen fredien , sdionungs^ 
losen, oft sdimutzigen Ton annimmt, der sidi von der horazisdien 
Feinheit meilenweit entfernt. Vor jener Satire warnt S ca 1 i g e r 
<III, 97): »Ut ne, dum vitia insectamur, eas ponamus voces, 
e quibus qui legunt evadant deteriores.« Im selben Sinne lehrt 
Opitz <c, 5>, zu einer guten Satire gehörten »die Lehre von 
guten Sitten und ehrbarem Wandel und höfflidie Reden und' 
Sdiertzworte«. Damit wird die horazisdie Satire der juvena« 
lisdien vorgezogen. Die horazisdie Satire, weldie »ladiend sehr 
ernsthaft sein kann«, wurde den Italienern von Ariosto ge- 
sdienkt, der nadi dem Zeugnis seines Sohnes Virginio den 
Römer ganz besonders liebte. Wie sein Vorbild atmen diese 
sieben Satiren geläuterte Lebensweisheit und Ernst, Ironie gegen 
die irdisdien Genüsse, feinsten Hohn und tiefstes Wohlwollen. 
Ernster, aber dodi audi horazisdien Geistes sind die 
sieben Satiren des neapolitanisdien Malers Salvator Rosa, 
der alle Sdiwädien der Zeit trifft, nidit bloß die Marinisten 
<»musikalisdie Frösdie«). 

Und nun folgen die Alamanni, Capilupi, Doni, Menzini, 
Caporali, Frugoni , Curio, Sarzoni, Bondi, Rossi , Parini, 
Gozzi usw. Aber nädist dem übertriebenen Nationalsclbst- 
gefühl, dem Mangel an Philosophie und gediegener Welt* 
ansdiauung muß das ewige Einerlei und die ermüdende Weit'' 
sdiweiHgkeit jeden Nidititaliener anekeln,- sie sind teils Juvcnalc, 
teils Pasquinos, keine Horazianer. 

Horazisdien Geist atmen die Satiren und Iipistcin <lcs 
Renaissancefranzosen Cl. Marot, der in reizender Lln- 
gezwungenheit und liebenswürdiger Causcric (»style marotiquc«) 
Ernst und Humor spielen läßt, namcntlit+i in seiner Satirc »Die 
Hölle«, weldie seine Gefängnishaft launig sdiildcrt. Du Bcilay, 
der die horazisdie Ode eingeführt zu haben sidi rühmt, eifert 



112 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

ihm auch in der Satire nach : sein »Hofpoet« ist prächtig ge^ 
lungen. Als Satiriker errang sich der Kanonikus M, Regnier 
den Ruf eines der besten. Wie Horaz, dessen Verse er häufig 
wörtlich übernimmt, greift er keine hervorragenden Persönlich- 
keiten an, sondern charakterisiert Typen, wie den Pedanten, den 
Schwätzer, den schmarotzenden Dichter, die Betschwester, den 
Grandseigneur u. dgl., ailes mit ursprünglicher Frische und 
sprachlicher Grazie. Boileau gilt für den berühmtesten 
Satiriker: die Franzosen nannten ihn ihren Horaz, dem er 
einzelne Sentenzen und Wendungen wörtlicii entlehnte. Seine 
zwölf Satiren sind Perlen des Stils, wie z. B. die zehnte gegen 
die Frauen, die an Racine gerichtete siebente,- aber es fehlt ihm 
das, was das römische Vorbild auszeichnet: vis comica und 
Humor. Beides vereinigt Voltaire, dessen »Le pauvre diable«, 
»Le Mondain«, »Le Russe ä Paris«, »Micromegas« ganz Europa 
entzückten.- 

In Deutschland schloß sich der Satiriker Joachim Rachel 
enger an Horaz an, während Lichtenberg u, a. mehr dem 
englischen Pamphletisten Swift u. a. folgten,- auch Rabener, 
der in seiner Abhandlung über den Mißbrauch der Satire ge- 
wisse Regeln aufstellte : es sei verwegen, Fehler der Oberen 
zu geißeln, die Satire dürfe nur Torheiten züditigen, aber ohne 
hämisdie Seitenblicke, dürfe Altgewohntes und Altehrwürdiges 
nicht angreifen. Rabeners weitschweifige und uninteressante Art 
läßt an Horaz gar nidit denken. 

Die horazische Epistel ahmt zum erstenmal Petrarca in seinen 
67 epistole nach, in denen der Mensdi in seiner ganzen Fülle zum 
Vorschein kommt,- im Französischen eiferten Boileau <in seinen 
zwölf epttres) und J.^B. Rousseau dem Römer vielfach mit Glück 
nach/ im Deutschen versuditen sicfi Hagedorn, Gleim, 
Geliert, Wieland, Tiedge, Goethe, Rückert und Gott- 
schall teilweise mit großem Erfolg in der poetischen Epistel. 

V. Horaz als Mustei-. 

1. Übersetzungen. 
Einer der ersten Versuche, einen beliebten fremden Autor 
der Mitwelt näher zu bringen, besteht in Übersetzungen, und 



V, Horaz als Muster. 



113 



zwar zunädist in wortgetreuen. Werden die antiken Meister 
getreu übersetzt, so habe die Jugend den Vorteil ohne Latein 
und Griediisdi in die Antike eingeführt zu werden, meinte 
sdion Vauquelin in seiner Art poetique <1605>. Der wört- 
lidien Übersetzung genügt aber bloß die prosaische, wie 
Cesarotti <in seiner Homerübersetzung 1786) ausführlidier dar- 
legt. Aber die wörtlidie Übertragung kann audi nur reinen 
Schulzwed<en dienen. 

Dieser rein dolmetsdienden Tätigkeit gegenüber steht die 
freie Übertragung, weldhe die Worte nidit zählt, sondern ab^ 
wägt, aus künstlerisdien Absiditen audi von Kürzungen und 
Erweiterungen nidit absieht, die Natur des Originals wahren 
will. Nadi diesen Grundsätzen , weldie die antike Ästhetik 
beherrsditen, riditete sidi audi die Renaissance, sofern sie über^ 
haupt nidit wie Du Bellay <154Q) die träducteurs als traditeurs 
ablehnt. 

Naturgemäß wurden die antiken Prosaiker zuerst übersetzt, 
und audi die ersten Übertragungen römisdier Diditer <Ovid 
und Lucanus) des 14. Jahrhunderts ersdiienen zunädist in 
prosaisdier Form. Bei Horaz wurden in erster Linie die 
hexametrisdien Werke berüd<siditigt. 

Wie die ersten Horazübersctzungen zeitlidi aufeinander^ 
folgten, zeige folgende Tabelle. 



Werke 


Frankreich 


Italien 


l'lnsland 


Deutschland 


Ars p. . . 
Satiren . . 
Episteln . 
Oden . .' . 


1541 Grandicfian 
1549 Habcrt 
1584 G.T. P. 
1579 Mondot 


1535 Dokc 
1559 Dolce 
1559 Dolce 
1595 Gior^ino 


1567 Drnnt 

1566 Drant 

1567 Drant 
1625 Ha>xkins 


1039 BudiluMt: 
1671 ). Roth 
1671 ). Roth 
1639 Budiholtz 



Die Ars poetica steht in allen Ländern in erster Reihe,- an 
die Lieder wagt man sidi zuletzt. Frankreidi und Italien, die 
überhaupt die Führung in der Renaissance übernehmen, stehen 
audi bei der Horazübersetzung an der Spitze,- die Dcutsthcn 
sind die letzten. So lange mußte Horaz warten — abgesehen 
von einzelnen gelegentlidien Übersetzungsversudien — , bis die 
Renaissance über Heidelberg nadi Dcutsdiland drang. 

Stempliiig er, Hora?. ö 



114 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Im übrigen ist hernadi kein antiker Autor so häufig über= 
tragen worden wie Horaz. Wir zählen bisher rund 80 deutsdie, 
100 französisdie, 90englisdie, 50 italienisdie Gesamtübersetzungen 
der Oden, des sdiwierigsten Teiles,- redinet man die in Zeit= 
sdiriften verstreuten Übersetzungen hinzu, so darf ohne Über^ 
treibung behauptet werden, daß einzelne Lieder 200— 300 mal 
übertragen wurden. Das Bestreben, der Ursdirift nadi Inhalt 
und Form möglidist geredit zu werden, führte zu allen mög- 
lidien Versudien. Man übersetzte den Diditer in Prosa 
<Bienvenu 1633), in Reimversen <Weidner 1690), in modernen 
Versmaßen (Giorgino 1595), Blankversen <Pierce 1884>, in 
Sonettenform <Comte Simeon 1874>, am häufigsten in den 
Maßen des Diditers selbst. Eine interessante polyglotte Aus= 
gäbe <französisdi, spanisdi, italienisdi, englisdi, deutsdi) ver- 
anstaltete |.-B. Monfalcon <1832>**j. 

Klassisdien Ruf gewann die Übersetzung der Satiren und 
Episteln von Wieland (Leipzig 1786 und Dessau 1782) der 
Oden von Ramler <1880> und Geibel <Klassisdies Lieder- 
budi 1875). 

Lind immer wieder treten neue Übersetzer auf, im Wett- 
kampf mit den Älteren die Palme der Vollkommenheit zu er- 
ringen,- trotzdem Dante <Gastmahl I 7> warnt: »Wisse jeder, 
daß kein durdi das Band der Musen verknüpftes Werk aus 
seiner Spradie in eine andere übersetzt werden kann, ohne 
seine Süßigkeit und seinen Wohllaut zu verlieren«,- trotzdem 
ein Kenner wie Lessing <Hamb. Dram. 8. St.) aus eigener 
Erfahrung lehrt: »Gute Verse in gute Prosa übersetzen, er^ 
fodert etwas mehr als Genauigkeit,- oder idi mödite wohl sagen, 
etwas anderes. Allzu pünktlidie Treue madit jede Übersetzung 
steif, weil unmöglich alles, was in der einen Spradie natürlidi 
ist, es audi in der andern sein kann. Aber eine Übersetzung 
aus Versen madit sie zugleidi wässrig und sdiielend. Denn 
wo ist der glüd^lidie Versifikateur, den nie das Silbenmaß, nie 
der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas stärker 
oder sdiwädier, früher oder später sagen ließe, als er es, frei 
von diesem Zwange, würde gesagt haben?« 



V. Horaz als Muster, \l^ 



2. Umformungen. 

Einen kleinen Schritt zur Umgestaltung eines Dichtwerkes 
tun sdion jene Übersetzer, welche nicht allgemein verständliche 
oder bekannte Namen, Sitten, Zustände vergangener Zeiten 
durch zeitgenössische ersetzen in der Absicht, die alten Autoren 
der Ivlitwelt noch näher zu bringen, die alten Verhältnisse 
gleidisam durdi das Teleskop der Modernisierung dem geistigen 
Beschauer näher zu rücken, den Ausländer sozusagen zu 
naturalisieren. 

Von dieser Art der Übersetzung spricht Nietzsche 
<VI 139) in seiner geistreichen Art, wenn audi das von Horaz 
Gesagte nicht mehr ganz zutrifft: »Man kann den Grad des 
historischen Sinns, welchen eine Zeit besitzt, daran abschätzen, 
wie diese Zeit Übersetzungen macht und vergangene Zeiten 
und Bücher sich einzuverleiben sucht. Die Franzosen Corneilles, 
und auch noch die der Revolution, bemächtigten sich des 
römischen Altertums in einer Weise, zu der wir nicht ilen 
Mut mehr liätten — dank unserm höhern historischen Sinne. 
Und das römisdie Altertum selbst : wie gewaltsam und naiv 
zugleich legte es seine Hand auf alles Gute und Hohe des 
griechischen altern Altertums ! Wie übersetzten sie in die 
römische Gegenwart hinein ! Wie verwischten sie absichtlich 
und unbekümmert den Flügelstaub des Schmetterlings Augcn^ 
blick ! So übersetzte hier und da Horaz den Aicäus oder den 
Archilochus, so Properz den Kallimachus und Philetas . . . ; was 
lag ihnen daran, daß der eigendidie Schöpfer dies und jenes 
erlebt und die Zeichen davon in sein Gedicht hineingeschrieben 
hatte ! ^ als Dichter waren sie dem anticjuarischcn Spürgeiste, 
der dem historischen Sinne voranläuft, abhold,- als Dichter ließen 
sie diese ganzen persönlichen Dinge und Namen und alles, was 
einer Stadt, einer Küste, einem Jahrhundert als seine I rächt 
und Maske zu eigen war, nicht gelten, sondern stellten flugs 
das Gegenwärtige und das Römische an seine Stelle, Sie 
scheinen uns zu fragen : , Sollen wir das Alte nicht für uns neu 
machen und uns in ihm zurechtlegen? Sollen wir nicht unsere 
Seele diesem toten Leib einblasen dürfen? Denn tot ist er nun 
einmal: wie häßlich ist alles Tote!' — Sic kannten den Genuß 
des historischen Sinns nicht,- das Vergangene und Fremde war 



116 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

ihnen peinlidi und als Römern ein Anreiz zu einer römischen 
Erörterung. In der Tat, man eroberte damals, wenn man 
übersetzte, — nidit nur so, daß man das Historisdie wegließ : 
nein, man fügte die Anspielung auf das Gegenwärtige hinzu, 
man stridi vor allem den Namen des Diditers hinweg und 
setzte den eignen an seine Stelle — nidit im Gefühl des Dieb^ 
Stahls, sondern mit dem allerbesten Gewissen des Imperium 
Rom an um.« 

Diese »bewußte Travestie des Altertums« ist eine diarakte- 
ristisdie Ersdieinung der Renaissance wie der römisdien Literatur. 
Der Übersetzer stand in Rom im gleidien Ansehen wie der 
Diditer, so daß ursprünglidi poeta für beide zugleidi gebraudit 
wurde. Unter nova fabula verstehen Plautus und Terentius 
ein Stüdi, das nodi nidit aus dem Griediisdien übertragen und 
auf die römisdie Bühne gebradit war. So nennt Cicero seine 
Philosophika selbst apographa,- so gebraudit Phaedrus anfängt 
lidi die äsopisdie Fabel. So verfahren audi Humanisten- 
übersetzer mit den Alten : Bruni widmet seinem Gönner seine 
»Kommentare über griediisdie Gesdiidite« als eigenes Werk, 
obsdion es nidits anderes ist als eine' Überarbeitung von 
Xenophons Hellenika, und rühmt sidi <ep. IX 9>, er habe das 
Werk verfaßt non ut interpres, sed ut genitor et auctor. So 
übersetzen Ronsard, Du Bellay, M. Regnier aus dem Italienisdien 
und der Antike, ohne ihre Quellen zu nennen,- so streut 
Opitz ganze Absdinitte aus Senecas qtiaestiones naturales ein, 
ohne ein Wort davon zu sagen ,• so nimmt nodi L e s s i n g 
ganze Epigramme aus Martialis u. a., ohne von ihnen zu reden. 

Andererseits »naturalisiert« man die Antike. So bestürmt 
in alten Bibelillustrationen Josua mit aufgefahrenen Kanonen 
Jeridios Feste, so sdiießt bei Hans Sachs Ödipus mit Kanonen 
auf das Heer seines Vaters,- so sdriießen in Miltons »Ver= 
lorenem Paradies« die Teufel auf die Legionen der Engel mit 
Mörsern, halten die Ritter Aeneas und Hektor bei Shakespeare 
Tjoste ab, So redet Filelfo den Papst als den Herrsdier an, 
der den »Thron des olympisdien Zeus« hüte, so fühlt sidi 
Rienzi in der Tat als römisdier Volkstribun, so übertragen denn 
auch die Humanisten jener Zeit den Sdiauplatz von Athen und 
Rom nad\ Paris oder Florenz, den Hof des Perikles oder 



V. Horaz als Muster. {{J 



Augustus an den Hof der Medici, Franz I. oder Papst Leos X. 
So scheidet sdion Ein hart die Sadisen in senatus ac populus, 
Nadi Widiikind wird Otto I. 955 nadi der Lechfeldsdiladit 
pater patriae imperatorqiie appellatus. So spridit der ver- 
dienstvolle Plutardiübersetzer Amyot von einem »Parlament der 
Ämphiktyonen«, läßt Anaxagoras wegen ^'»Häresie« verurteilen, 
nennt Leonidas einen »Feldmarsdiall«,- er kennt sergents, prevots, 
syndics, baillis, clerge, gens d'Eglise, sacristains, marguilliers — 
alles im alten Hellas,- sein Diodor spridit von tournois, gen^ 
darmerie, salades, brigandines u, ä. So liest man in Racines 
»Andromadie« von Madame, Seigneur, Princesse. 

In derselben Weise verfuhren viele Horaz Übersetzer. 
Pelletier spridit in seiner Übersetzung der Ars poetica von 
imprimerie und imprimeure, ersetzt den Namen Vergil durdi 
Cl, Marot, Caecilius und Plautus durdi Alain imd Meung. 
Nodi mehr übermalt Nicol. Rapin <1610> in seinen Horaz^ 
Übertragungen alles, was an antike Mythologie, an Rom, an 
die augusteisdie Zeit erinnert, Lydia, Chloe und Calais <c. III 9) 
madien der Anne, Cassandre, dem Franq;ois Platz,- der sdiarf^ 
äugige Lynceus und die invicta membra Glyconis <ep. I 1, 28 ff.) 
kommen den Augen eines afrikanisdien Jaguars oder der Stärke 
des Odisen gleidi,- für den filzigen LImmidius <s. I 1, 94) setzt 
Rapin »un Esleu de Poictou« ein,- Castor und Pollux <c. IV 
5, 35> werden durdi Charlemagne und Sainct Loy abgelöst,- 
der Fediter Veianius <ep. I 1, 4), der sidi zur rediten Zeit 
zurüd<zieht, wird durdi den gesdiickten Hofmann und Dithtcr 
Desportes <t 1606) ersetzt, der zu gelegener Zeit den Hof mit 
dem Landleben vertausdite, das Roscisdie Gesetz <s. I 1, 62) 
vertritt das Edict de Paulette <1604>/ Lucullus, der im Hand- 
umdrehen 5000 Stück griediisdic Reisemäntel herbcisdiaftt, 
<ep. I 6, 40), wird zum Kardinal von Este, der statt 20 glcidi 
200 Goldgefäße liefern konnte <1570),- ergötzt sidi Lollius am 
Kriegsspiel der Seeschlacht bei Aktium <ep. I, 18, 60), so läßt 
bei Rapin R. de Villemontee die Bauernbuben die Schlacht bei 
Ivry <1590) markieren. 

Das ist jene Weise, welche der »römischen Gesdiichtc« 
Mommsens durdi ihre forzicrten Anklänge an moderne Vef 
hältnisse so viele Leser gewann,- das ist die »Metempsychosc«, 



118 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung, 

wie Wilamowitz die »wahre Übersetzung« nennt. In diesem 
Sinne verteidigt der verdienstvolle Übersetzer der horazisdien 
Sermonen, C, Bar dt <1907, S, 246> seinen Standpunkt: »Gar 
mandies ist heute gelehrter Kram, das damals dem Didhter 
lebendige Anknüpfung gestattete, gar mandieriei, was damals 
der Diditer zur Illustrierung eines Gedankens heranziehen 
konnte, bedürfte heute mehr der Illustrierung als der betreffende 
Gedanke selbst . , . In vielen Fällen blieb nidits übrig als 
entweder wegzulassen oder zuzusetzen oder umzugestalten, und 
ein billiger Leser wird vielleidit nidit sogleid» über Untreue 
sdireien, wenn er eben nicht alles wiederfand, was er in seinem 
Horaz zu finden gewohnt war, wenn er statt der Beziehung 
auf eine unbekannte Anekdote eine sokhe auf eine bekannte 
Fabel eingesetzt findet, wenn hier Pindar und dort Aisdiylos 
genannt ist, wo die Namen im Text nidit stehen, wenn Be^ 
Ziehungen auf literarisdie Persönlichkeiten, die uns nur Namen 
sind oder wenig mehr, beseitigt sind usw.« Oder kurz gesagt, 
wir lesen dann einen Umdichter des 20. Jahrhunderts, aber 
nidit mehr Horaz. 

Damit ist scfion der Weg gebahnt zu Umformungen der 
horazischen Gedichte, die nur mehr im einzelnen sidi an den 
Wortlaut des Originals halten, in der Führung der Gedanken, 
in der Stimmung, Tönung, Weltanschauung sich mehr oder 
minder weit entfernen. Je nach den Zwecken ist diese Um- 
formung verschieden,- 

Namentlich die Stellungnahme zur antiken Mythologie wurde 
mit der Herrschaft des Christentums zu einem Problem, 

Unsere höfischen Epiker, die antike Stoffe behandelten, be- 
fanden sich der antiken Mythologie gegenüber in einem seelischen 
Konflikt. Nach der Lehre der Kirche und nach dem allgemeinen 
Volksglauben waren die heidnischen Götter, antike wie ger- 
manische, in die Hölle verstoßen oder wirkten als Dämonen 
unter Satanas' Herrschaft weiter. Herbort von Fritzlar bittet 
in seinem »Liet von Troye«, die Idolatrie zu verzeihen,- was 

erzähle, sei ja alles vor Christi Geburt geschehen. Im übrigen 
entfei^t der Teufel in Engelsgestalt die Iphigenie in Aulis und 
redet statt Apollos aus der Säule. Konrad von Würzburg 
erklärt euhen-^eristisch -— wie das ganze Mittelalter nach Isidors 



V. Hora: als Muster. | \g 



Vorgang <De diis gentium) — , die Götter seien Mensdien von 
großer Kraft und ausnehmenden Kenntnissen besonders der 
Naturgeheimnisse gewesen. Sie hätten einsam mit ihrem I laupt- 
mann Jupiter in Höhlen und Wäldern gehaust. Sdiließlidi habe 
man sie als Zauberer und Wunderwesen durdi gewöhnlidien 
Götzendienst verehrt. 

Und so werden denn aud» die mythologisdicn Gottheiten 
bei Konrad von Würzburg ganz zu Mensdien lierabgedrüdu : 
Cupido ergötzt den Hof als Minnesdiütz, Ceres bringt mandien 
Sadi Korn, Apollo liefert Latwergen, Diana Jagdzeug und Wild- 
bret. Außerdem wird der Teufel mithandelnde Person. Bei 
Herbort wünsdit Kassandra, der Teufel möge Helena holen. 
Als Diomedes einen Zentauren crblid\t, fragt er verwundert, 
ob das der Teufel sei oder dessen Mutter oder Sohn. Um- 
gekehrt ersdieint bei Konrad von Würzburg Helena als Engel, 
und Venus kleidet den Paris, daß er aussieht wie ein Engel. 
Diese »Travestierung der Mythologie« wirkt nod» tief bis ins 
ausgehende Mittelalter hinein fort. So läßt bei Hans Sadis 
Venus durdi Satan ihre Loduingen teilbieten, während Pallas 
die Tugend verfidit,- der Kaiser soll das Urteil fällen als zweiter 
Paris. Epikur vertritt die Sadie der Venus mit Feuereifer, 
insoweit ihn der Anblidv der Braten, EierHadcn und Weine 
nidht zeitweilig abzieht. Für Pallas tritt Herkules in die 
Sdiranken und kämpft auf der Bühne gegen Antäus, Geryon, 
Cacus und Hippolyta. Der Kaiser entscheidet zugunsten der 
Pallas und befiehlt dem Satan, Venus und Cupido ins höllisdic 
Feuer zu stoßen , und Epikur wird von Satan und Cacus 
weidlidi unter moralisdicn Versen verprügelt. 

Der Einzug der Götter in den alten Olymp gesdiah audi 
in der Renaissancezeit, wenigstens auf dcutsciier Seite, tiitlit 
ohne ernsteste Proteste. Abgesehen davon, ilai't katlioiischc und 
protestantisdie Eiferer ganz im Geiste Tcrtullians und Gregors 
d. Gr. die antike Literatur überhaupt ablehnten, hieß es nudi, 
es sei »unsere sdiuldige PHidit, unseren Gott aufs hocfistc zu 
loben, also daß das alte Latium, das abgöBisdic Gricdicniand. 
die trojanischen Märlein und dergleiciicn lauter Affenwerk, 
Kinderspiel und nichts hergegen zu halten sei*. Deshalb zögert 
auch Opitz, die Trojanerinnen des Scncca zu übersetzen, weil 



120 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

der Chor einmal mit gar so heidnischen Worten die Sterblidi^ 
keit der Seele behaupte. Der Widerstreit wurde dadurdi nodi 
ärger, daß die Humanisten namentlidi in Italien ein neues 
Heidentum zur Sdhau trugen und selbst in rein diristlidien 
Diditungen — z. B, in dem von Opitz übersetzten Lobgesang 
von Heinsius auf Christus werden die Toten von Christus aus 
dem Bereidi des Styx und Adieron erlöst — Heidnisdies und 
Christlidies wie Gleidiwertiges durdieinander misditen, Bembo 
sagt von Papst Leo X. in seinen Briefen: »Deorum immortalium 
decretis factum esse pontificem.« Jesus Christus heißt heros, 
Maria ist dea Lauretana,- die Messe nennt man sacra deum, 
den Himmel Olympus, die Bisdiöfe ardiiflamines, das Kardinal- 
kollegium Latii senatus, die Tiara Romula infula usw. Bei 
Celtes sind die Möndie Druiden, die Nonnen Vestalinnen, die 
Geistlidien Priester des Jupiter, Joh. Tröster vergleidit Christus 
mit Herakles, Maria mit Alkmene, Selbst Ortwin Gratius nennt 
Maria die alma lovis mater. Sannazaro in seinem Epos »De 
virginis partu« läßt ebenso zwanglos die heidnisdien Götter in 
die Handlung eingreifen wie Ronsard in seiner »Franciade«, 
oder wie Spenser in seiner »Faerie Queen« Moses und Christus 
und die Musen mit demselben Sdiwung lobpreist. Hatte ja 
dodi Boccaccio in seiner »Genealogia deorum« die Wurzeln 
des Götterstammbaums mit der Wurzel Jesse verglidien und 
die Erzählungen und »Figuren« der Heiligen Sdirift mit den 
»Fabeln und Fiktionen« der Heiden auf gleidie Stufe gestellt 
<XIV c. 9>, 

Nodi Gottsdied sdiiit unaufhörlidi auf die »Teufeleien« der 
diristlidien Diditer, wenn z, B, Camoens in seinen »Lusiaden« 
die Portugiesen von Mars und Venus geleiten und von Bacchus 
befehden lasse. Nodi Herder muß in seinem Aufsatz »Vom 
neuern Gebraudi der Mythologie« den alten Diditerbraudi 
verteidigen. 

Dagegen diristianisierte die Gegenseite die Heiden, Wie 
man Heidentempel in diristlidie Kirdien, Heroen und Götter in 
diristlidie Heilige, antike Sagen in diristlidie Legenden um- 
wandelte, so allegorisierte man Ovids Liebeskunst für Nonnen*^), 
diristianisierte den Dramatiker Terenz, den Lyriker Horaz, 

Das älteste Beispiel bietet der Möndi Metellus von 



V. Iloraz als Muster. 121 



Tegernsee <XII. Jahrhundert), der in seinen »Quirinalia« <Sdiidt-r 
sale des heiligen Quirinus) vielfadi horazisdie Oden mit bald 
leiser bald stärkerer Umbiegung für seine Zwed^e ummodelte. 
So lesen wir : 

I 2 lam satis terris, ratione Verbi, 
Qua Deus dignans habitare terris 
Corporis nostri sibi membra iunxit 

Virgine matre, 
Grandinis durae pater ille misit <nadi Hör. C. I 2). 
I 3 Sic te Roma potens Tibris, 

Sic fratres Gemini lucis Apostoli 
Regnatorque regat pater <Hor. C. I 3), 
I 4 Solvitur acris hiems tersa nive persecutionis, 

Trahunt abundas praesules catervas <Hor. C. I 4). 
I 6 Scriberis varia sorte poematum, 

Martyr digne cani Maeonia lege <Hor. C. I 6). 
I 7 Laudabunt alii darum, genus, at mihi lene 

Christiiugum dat verba Camoenae <Hor. C. 1 7). 
I 9 Vides ut alta stet via martyrum, 
Qiiirine, nee iam sustineas onus 
Vitae laborantis geluque 

Flumina transierint soluto <Hor. C. I 9). 

In dieser Weise wird Horaz umgemodelt,- die Manier ist 
ohne weiteres klar : mit denselben Anfangsworten wie Horaz 
beginnt Metellus, um dann sofort in das diristlidic Thema um^^ 
zubiegen,- der Rhythmus wird selbstverständlidi beibehalten, 
mandimal audi der Gleidiklang (I 3 potens Tibris ^ potens 
Cypri), Metellus arbeitet mit den Mitteln der humoristisdien 
Travestie, nur mit ernsten Absiditen. 

Erst der »Proteus Horatianus« des Baselers joadiim Hof' 
mann <Basil. 1584) griff jene Ummodelung wieder auf, die 
man nun »Parodia« ''") nannte. Am deutlidisten wird Bernardis 
»Proselyta« <1652). Er stellt Horaz als Proselyten hin, der, 
zum Christentum übergetreten, seine ganze frühere Lyrik wider' 
ruft und ins Christlidic überträgt, 

Namentlidi die Humanistensdiulc bemädhtigtc sidi bald dieser 
Umformung, die einerseits eine vortrefflidie Übung in Versi' 



122 z^wciter Teil. Äs;thetische Wertung. 

fikation und Sti! bot und das alte Mittel der 7rpoyu[jLvaatx(zt'7.. 
die Paraphrase, erneuerte, andererseits den heidnisdien Giftstoff 
durdi das diristlidie Serum unsdiädlidi madite. Die berühmte 
allegorisdie Deutung von Exodus 11, 1 f., die seit Origenes 
immer wieder hervorgezogen wird, wie die Juden die aus 
Ägypten mitgenommenen silbernen und goldenen Gewänder 
und Gefäße zu ihrem Tempelbau verwendet hätten, so sollten 
es die Christen mit den heidnisdien Wissensdiaften madien, 
steht audi bei den Parodiae Christianae Pate. Der ehrenhafte 
Rektor von Lemgo, Andr. H, Buchhol tz, belehrt uns im 
Vorwort seiner Horazübersetzung <1643> über den didaktisdien 
Zwedi : »Habe idi meine Discipulos audi in diesen fürtrefflidien 
Poeten in Etwas einführen wollen, lind damit sie zu weiterem 
Fleiß erwed^et würden, hab' idi das erste Budi, nadidem es 
innerhalb vier Wodien fruditbar absolvieret, nidit allein durdi 
andere parodias, mehrenteils sacras imitieren lassen«. 

Die einen wandelten einzelne Büdier nadi »heiligen Argu- 
menten« um, nur wenige wagten sidi an alle Horazoden, um 
von vereinzelten Odenübertragungen ganz zu sdiweigen. So 
wird bei dem Helmstedter Meibom das horazisdie Wedisel= 
lied <ni 9> zu: »Jovae et Israelis colloquium de foederis intern 
rupti renovatione« ,• Epode 4 wird zur Invektive »In malleum 
Jesuitam«/ I 25 <»Ad papam«> läßt über den Verfall der 
katholisdien Religion beweglidi Klage führen,- IV 15 enthält 
» Luther i laudes«. 

Am häufigsten aufgelegt wurden die Parodien des Braun^ 
sdiweigers David Hoppe, der sämtlidie Oden des Horaz teils 
in geistlidie, teils in weldidie Parodien umformte, I 1 ist eine 
»Parodia ad Christum : alios aliis, auctorem delectari rebus 
sacris«/ I 5 ist geriditet »Ad Mariam Deiparam«,- I 6 »Ad 
hominem Christianum« <Laudabunt alii iustum Noam aut 
Abrahamum)/ I 14 an die überallher bedrängte Kirdie,- I 15 
enthält »Christi vaticinium de mundi et impiorum interitu«. 
II 14 ist eine »Querela Christi in cruce, ex Psalm. 22, Esa. 63«,- 
Epode 2 enthält eine »Commendatio vitae sdiolasticae«,- 
Epode 5: »Martyrii Joannis Hussi descriptio«,- Epode 6 eine 
Invektive »In papam persequentem pios«,- Epode 8: »In Jesuitas«,- ' 
Epode 15: »In Calvinianos verba Institutionis S. Coenae 



V. Horaz als Muster. 123 



Glossis suis depravantes«. Das Carmen saeculare wird um^ 
gegossen auf einen Hymnus »Pro ecciesia et reipublicae Borussiae 
incolumitate«. 

Aber audi die w e 1 1 1 i c h e n Parodien wollen die heidnisdien 
Stoffe des augusteisdien Diditers verdrängen. So wendet Hoppe 
I 3 zu einem Hodizeitslied <gegen das Zölibat) : 

Uli sacrilegum scelus 

Intra pectus erat, qui sine coniuge 
lussit vivere coelibem 

Primus nee timuit maxime scandala 
Ex lege hac venientia. 

I 8 ist eine Abmahnung vor dem Alkoho!ismus : 

Hellus die, per uniim 

Te deiim testor, eyatho eur properes bibendo 
Perdere te? 

I 22 ist an Jer. Nigrinus geriditet, als er das Rektorat in 
Wismar übernahm <1623). 

Literas doctus studiisque elarus 
Non eget vulgi instabilis favore . . . 

II 15 ergeht sidi in beweglichen Klagen »De literarum hoc 
seculo contemtu«. Die Römeroden werden eingestellt auf die 
furditbaren Zeitereignisse des Dreißigjährigen Krieges. III I 
mit einem herzergreifenden Jammerruf um cndlidien Frieden 
<NulIa Salus hello, pacem te poscimus omnes) beginnt pro- 
grammatisdi : 

Odi profanum volgus et areeo. 
Favete linguis: carmina Horatii 
Mutata musis eonsecratus 
Et senibus puerisque canfo. 

III 2 wendet sidi an die dcutsdic Jugend, ut studiis invigilcnt. 
III 4 preist panegyrisdi die Heldentaten des Sdiwedenkönigs 
und Protestantenpatrons Gustav Adolf: 

Descende caelo et die age tibia 
Gustavi Adolfi Caliiope decus. 



124 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Sed quid Savellus, Gotzius, Isolan, 
Aiit quid minaci gutture Capua, 
Quid Sparrus eiectusque tota 
Gryphiadum regione Contus? 

III 9 bietet ein merkwürdig gesdimad\ioses »Coiloquium Sponsi 
cum priore uxore«, als Is. Halbadi zum zweitenmal heiratete 
<die Cath. Kend^elin 1628). 

Defuncta. Uxor donec eram tibi, 

Non quaequam potior bradiia candido 
Collo virgo tuo dabat, 

Dilectae titulam sola habui tuae, 
S p o n s u s, Donec non latere a meo 

Cessisti neque mors te fera surpuit, 
Unius tui amoribus 

Gaudens alterius non petii torum, 
Defuncta. Me nunc celsa poli tenet 

Arx et laetitia perpetua fruor ; 
Pro qua non cupiam solum., 

Si mundo facerent fata superstitem, 
Sponsus. Me torret face mutua 

Henrici Catharis filia Kendteli : 
Cum qua vivere perplacet, 

Donec nos facient fata superstites. 
Defuncta, Ergo prisca redit Venus? 

Vos amboque iugo cogit aheneo? 
Et sie excutitur dolor 

Optatique patet ianua gaudii? 
Sponsus, Quamquam lumine clarior 

Sponsa est, tu propior sideribus piis 
Atque addicta cohortibus, 

Tecum vivere amem, te referam memor, 

III 30 bildet einen Nadiruf »Ad manes Gustavi Adolfi« : 
Liquisti monumentum aere perenntus 
Mortalisque viri laude celebrius, 
Quod nee Papa ferox, aut Aquila impotens 
Possit diruere. 



V. Horaz als Muster. 125 



IV 4 gibt einen Panegyrikus auf den Scfiwedenkönig und seiner 
Anhänger kriegerisdie Erfolge <»in qua celebratur felix Regis 
Sueciae et ducum ipsius contra Romanenses successus«). Die 
Rolle Hannibals übernimmt hier Loyola perfidus. 

Auf der katholisdien Seite blieb man wetteifernd nidit zurück. 
So gestaltet Sarbiewski <1595— 1640) I 21 um auf ein 
Preislied »In D. Virginem Mariam, parodia ex Horatio Flacco« 
<Lyr. II 18> und beginnt: »Reginam tenerae dicite Virginem«. 
I 23 wird eine Paraphrase des Hohenliedes <II 19) <»De sacro 
Salomonis epithalamio«): »Vitas sollicitae me similis caprae«. 
II 3 wird zu einem Preislied auf St. Magdalena umgegossen <III 2): 

Cum tu, Magdala, lividam 

Christi caesariem, cum male pendula 
Spectas bradiia . . . 

III 9 wird zum »Dialogus pueri Jesu et virginis Mariae« 
<IV 25). Epode 2 wendet Sarbiewski zur ^^Laus otii religiosi« 
<Ep. 3>: 

At ille, Flacce, nunc erit beatior, 
Qui mole curarum prociil 

Paterna liquit rura . . . 

Das Carmen saeculare wandelt sidi zum Preise der »göttlidien 
Weisheit« <Ep. 6). 

Andererseits werden die horazisdien Oden audi benutzt, 
um zeitgenössisdie Ereignisse oder Stoffe in sie einzuschmelzen. 

So paraphrasiert der Pole I 29 zu einem Gclcitgcdicht : 
»Ad Andr. Rudominam, cum Roma in Lusitaniam abiret in 
Indiam navigaturus« <II 21). 19 gestaltet sidi zu einem Lied 
auf die Ruhe <IV 31): 

Vides ut aitum fluminis otium 
Rcrum cjt^iicta ludit imagine. 

III 29 wird zum Lobgesang des Papstes Urban <I 3>: »LIrbaiie 
regum maxime«. 

In demselben Geiste verfaßt der bayrische Jesuit Jac. Bälde 
<j[ 504— 1668) in seinen vier Büdicrn Oden und einem Bucii 
Epoden — dieselbe Anordnung hat Sarbiewski nach dem Vor^ 
gang von Conr. Celtes — einige Parodiac Christianac. So 



126 Zweiter Teil. Ästhetisdie ^X^ertung. 

ist III 22 <<ias Lied auf Artemis) auf die Jungfrau Maria von 
Ettal umgediditet <III 2>: »Montium praeses nemofumque 
Virgo«. Das Sdielmenlied II 4 ist ebenfalls auf Maria um=^ 
gedeutet <III 18): 

Ne tibi servi sit amor pudori 

Plurimo quamvis vitio rubenti, 
Horazens Lied auf den Weinkrug <III 21) gilt dem Jesuskinde 

<III 29): 

O nate in usum laetitiae puer, 

O matre puldira parvule puldirior <Hor. I 16, 1). 

Das Freundsdiaftsiied <II 7) ist wiederum zum Lobpreise 
Mariens umgebogen <II 41): 

Mater salutis tempus in ultimum 

Mansura mecum. 
Das alkaisdie Lied der Neobule <III 12) ist nach dem biblisdien 
Canticum <8) umgemodelt <II 12): 

Miserarum est nee amori dare finem 

Nee amantis tarnen aestum tolerare 

Propiorem. 
Der Hymnus auf Apollo und Diana <I 21) ist in ein Neujahrs^ 
lied <»cantatum calendis Januariis«) auf Jesus und Maria trans^ 
poniert <III 40): 

Formosum, pueri, dicite Filium, 

Matrem virgineam, dicite, virgines. 
Andererseits werden audi andere Horazoden mit zeit- 
genössisdiem StofF erfüllt. II 4 wird zur Paränese umgebogen, 
»monitoribus obtemperandum esse« : 

Ne tibi, Guelphi Läse, sit pudori, 

Quod seni pares iuvenis magistro. 

Paruit primos vetulae sub annos 
Romulus Accae,- 
und so werden nodi andere antike Beispiele aneinandergereiht. 
III 21 wird zur »palinodia et parodia : ad amphoram cere- 
visiariam Bojorum« : 

O nata Capri sidere frigido ! 

Seu tu querelam sive geris minas. 



V. Horaz als Muster. J27 



Seil vcntris insanum tumiiltuni et 
DifFicilem, mala testa, somnum. 

In dieselben Fußtapfen tritt der dritte katholisdie Odcn^ 
Sänger von Bedeutung, der österreidiisdie Benediktiner Simon 
Rettenbacher <1634— 1706), ebenfalls mit vier Büdiern 
Oden und einem Budi Epoden. III 30 wird bei ihm zu den 
»ultima hominis morituri verba«,- IV 1 <Horazens Rüddiehr zur 
erotisdien Poesie) wendet der Österreidier auf sidi an : »redit 
ad Musas diu neglectas«,- das Carmen saeculare gestaltete er 
zu »Laudes ordinis S, Benedicti« um. 

Interessant ist die Beobaditung, daß diese katholischen 
Horatianer im bewußten Gegensatz zu den protestantisdien 
Parodisten geflissentlidi das Lob ^vlariens, des Jesuitenordens 
und des Papsttums verkünden. Und in den Sdiulen wurden 
diese neulateinisdien Studie an Stelle des antiken Diditers 
beiderseits gelesen und studiert. Sogar Caspar von Barth, 
der neben satirisdien Invektiven und üppigster Erotik gcistlidbe 
Lyrik pflegt, hat gelegendidi (Lyricorum Hb. il, 1623) Horaz 
christianisiert, wie in dem prächtigen Hymnus an die »Gratia« : 

Quem semel quem, Gratia, blandienti 
Pupula spectas, roseumque ridens, 



Is nee audaces Fnirias tlieatri 
Curat humani <nadi I lor. C. IV 3). 

Ohne pädagogische Absichten erschienen die Metamorfosi lirici 
d'Horazio parafrasato e moralisazzato da Lor. Matt ei (Chicsi 
1679), Eleonora Gonzaga d'Austria Impcratrice gewidmet. 
Seine Absicht gibt er im Vorwort kund : '^Scparar il puro 
dall'impuro, obbligandomi ad estrarre oro dal fango, c antidoto 
dal velleno, che percio, non solo tutri i luoghi, dove si tocchino 
oscenita, ho convertiti in sensi morali, nia tutti altri sogctii 
ancora poco onesti ho ridotti dentro i limiti della modcstia, c 
della conjugal pudicitia, in detestazione dcl pcrnicioso abuso 
del poetar lascivo etc.v-- 

So heißt z. B. I 4, Sdil. <et domus-tepcbunt) moralisiert : 
»Ben tosto all'atra Stige 
Varcando, fia ch'etcrno oblio t'ingombrc. 



128 Zweiter Teil. Asthetisdie Wertung. 

Allhor vedrai, die d'ombre 

Qui l'huom si pasce, e in van desio s'affligge. 

Solo eterne vestige 

Lascia di se virtü, cui dato e in sorte 

Vincer il Tempo, e trionfar di Morte.« 
Da war es nun ein glänzendes Paradoxon, wenn der Jesuit 
], Hardouin <1646— 1729) dieser ganzen Flut von christlidien 
Parodien die Daseinsbereditigung abspradi mit der eingehend 
»begründeten« These, es gäbe eigentlidi vier Horaze, Der edhte 
aus Venusia habe nur die Episteln und Satiren gediditet,- alle 
übrigen Gedidite <Carmina, Epodi, Ars poetica) seien von 
verschiedenen mittelalterlidien Autoren verfaßt, insbesondere die 
Oden stammten von Möndien, die in dem ganzen erotisdien 
und mythologisdien Apparat die feinsinnigsten Allegorien ver^ 
sted^ten, die erst Hardouin wiedererkannte — ein trefflidier 
Beitrag zur Gesdiidite gelehrter Curiosa. So sagt er von der 
bekannten Allegorie <?> I 14: <Opera varia, Amstelod. 1733, 
S, 334>: »Anno exeunte 1233 vel incipiente 1234 cum Joannes 
Brennensis comes (Johannes von Brienne, der neuerwählte 
Kaiser des lateinisdien Reidies in Konstantinopel), prope cadentis 
Imperii Romani , , . administrationem suscepturus, mari By= 
zantium peteret, öden hanc exaravit Ps, Horatius.« Ebenso 
rate derselbe Diditer III 27 unter dem Namen Galatea dem 
französisdien Adel von der Fahrt nadi Byzanz <1234> ab. 
Von II 20 <Non usitata nee tenui ferar) sagt der Verfasser: 
»Prosopopoeia haec est Christi trlumphantis et ludaeos allo^ 
quentis, statim ac resurrexit.« Von Vers 9 ab beginnt der 
zweite Teil der Allegorie, »quae fratres Pradicatores S. Domi^ 
nici alumnos egregie commendat. Vaticinatur enim Christus, 
se in illis praeconibus . . . volaturum. Propterea se iam iam 
mutandum esse ait in alitem . . . album h. e. Candida veste 
indutum <weißes Ordensgewand) ,• sed et canorum h. e. qui 
in dioro canit . . . residunt pelles curibus asperae . . . 
pergit iocari et ocreas intellegit, quibus equitans Dominicanus 
crura tegit: hae sunt e corio aspero.« Eine üppige Phantasie 
ist Hardouin nidit abzuspredien ! Die Prophezeiung Junos 
<III 3, 57 ff.) bezieht sidi auf das zweite Troja, d.h. Jerusalems 
Untergang. In III 2, 26 ist mit »Cereris sacrum arcanae« die 



V. Horaz als Muster. ]29 



Eudiaristie gemeint, d. h. die Hostie aus Weizenmehl. Die 
Lalage <I 22, 23> ist nidits anderes als die diristlidie Frömmigkeit. 

So feierte die bekannte u-ovot?., die schon in der Erklärung 
Homers eine so verhängnisvolle Rolle gespielt und im Anschluß 
an die Weisheit Salomos <8, 8) audi in die diristlidie Hermeneutik 
Eingang gefunden hatte — der Humanist Petrarca adelte diese 
Interpretationsweise wieder durdi seine Erklärung der Äneis als 
Spiegel der verbannten, auf dem Meere der Welt herumirrenden 
Mensdienseele — , einen Triumph, der nidit leidit zu über= 
bieten \t'ar. 

Hardouin versetzte der Parodia Horatiana eigentlidi den 
Todesstoß/ mit dem XVII. Jahrhundert erlosch diese Mode. 
Einzelne Nadizügler bringt nodi das XVIII. Jahrhundert: so in 
den »Poetica opuscula« des F. Noel (Frankfurt 1717) und 
in den lateinischen <Horaz^> Parodien des F, P. Roeder 
(Nürnberg 1741). Aber audi das XIX. Jahrhundert sdienkte uns 
nodi einen »Horatius Christianus seu Horatii Odae a scandalis 
purgatae, a scopulis expeditae et sale Christiano conditae« von 
I. F. B er gier (Salins 1886). 

Audi die Horazausgabe von Küster <1890) ist nidit ganz 
frei von diesem Geiste, wenn es heißt, der Li ebesdiditer Horaz 
wolle ridentem dicere verum z. B. zu c. III 10: »Der Jüngling 
mit seinem Gewimmer verfcillt dem Hohngeläditer verständiger 
Leute — und damit ist die Absidit des Diditers erfüllt« <S. 310). 

Nodi eine andere Auffassung spielt bei der Christianisierung 
des antiken Ethikers herein. Seit Clemens von Ale.xandricn die 
heidnisdie Philosophie eine Vorstufe zur höheren Erkenntnis 
nannte <Strom. I 80, 6: T:.oo/o(Tot-/.E'ja'si Tr,v ooiv -'^/^i'xi'.h.KtD-'xr^ 
oiOT.T/.aU'y.). betraditete man vielfadi antike Autoren, wenn nidif 
als heimlidie Christen wie Seneca, aber doch als Vorläufer der 
dirisdidien Heilsichre. Oder ein aller, sdion von iüdiscbcn 
Apologeten vertretener Gedanke kommt audi bei Hordz zur 
Geltung: das Allerbeste der hcidnisdien Autoren stamme aus 
den heiligen Sdiriftcn der Juden. Sdioii Aristobulos iiattc erklärt, 
Pythagoras, Sokrates, Piaton un(5 andere Philosophen hätten ihr 
Bestes aus Moses gezogen , ebenso will Clemens von Alcxandricn 
in seinem Stromateis erweisen, daß die ganze Wisscnsdiaft der 
Hellenen aus dem Alten Testamente »gestohlen* sei. Dieses 

Stemplinger, Horaz. ' 



j[30 zi-weiter Teil. Ästhetische Wertung. 

apologetische Kampfmittel verrostete niemals melir: nodi 1704 
schreibt Gottfried Vockerodt eine »Dissertatio de notitia divi- 
narum scripturarum ante Chr. n, in gentes vulgata«. Von 
Z, Bog an an <Homerus i[3paiC(üv sive comparatio Homeri cum 
scriptoribus sacris, Oxonii 1658> bis herauf zu Fourriere 
<La Bible travestie par Homere, 1891) und Schreiner (Homers 
Odyssee ein mysteriöses Epos, 1901) suchte man zu beweisen, 
daß Homer die Bibel zur Grundlage seiner Epen genommen 
habe. So wies man denn auch nach, daß Horaz mit der Bibel, 
namentlich dem Koheleth, auffällig übereinstimme. Schon Deprez 
hatte <1797> auf die Übereinstimmung mit den Büchern Mosis 
hingedeutet/ das Thema wurde breiter ausgeführt von E. Aug. 
Schulze <De Hebraeorum anticjuitatum vestigiis in Horatii 
eclogis commentatio I")). Dann verglich man das Carmen 
saeculare mit dem 68. Psalm und fand verblüffende Parallelen-^^). 
Neuerdings griff die Hypothese wieder Keck auf mit seiner 
Dissertation »Über die Lebensweisheit Koheleths und Horazens« 
<1872> und Kob, Horaz im Lichte des Evangeliums <1893>. 
Es war nur ein kleiner Sprung zur Schlußfolgerung, die Guil, 
Braun'^^) und Seeck"^*) zogen, Horaz sei ein Stammesgenosse 
von Heine und Börne gewesen. Dabei ließen sich beide ein 
schönes Argument entgehen : in der Nähe von Venusia hat 
man in neuerer Zeit jüdische Katakomben entded^t, und aus den 
Inschriften wissen wir audi sonst <CIL. IX: Index auct.>, daß 
in Horazens Heimatstadt viel Juden lebten. 

Der »Horatius Christianus« stirbt aber mit den Neulateinern 
nicht aus,- auch moderne Dichter christianisieren horazische Ge^ 
danken. 

So bezieht Opitz <II 128) die Eingangsverse von III 3 auf 
den Christgläubigen: 

Ein Geist, der Christensinnen in steitfem Hertzen hat, 
Leßt sich kein Ding gewinnen, bleibt stehts auff einer statt. 
Bei jhm ist nie zu spüren die Angst für Tyranney,- 
Durch schädliches verführen kömpt jhm kein Bürge bey. 
Auch J.-B. Rousseau spielt diesen Gedanken ins Religiös- 
Christlidie hinüber <Od. I 17, 1>: 

Puiscjue notre Dieu favorable 
Nous assure de son secours . , , 



V. Horaz als Muster. 131 



Si la natiire fragile 
Etoit ä ses derniers moments, 
Nous la verrions d'un oeil tranquille 
S'ecrouler dans ses fondements. 

Ebenso singt Geliert <114> sdilidit und eindrucksvoll: 
»Laß Erd' und Welt, so kann der Fromme spredien, 
Laß unter mir den Bau der Erde bredien, 
Gott ist es, dessen Hand midi hält«. 

Oder Weckherlin <I 498) diristianisiert c. II 14 also: 

»Lauff alle Tag der Kirdben zu, 
Und dien' dem, der allein allmäditig,- 
Und ohn' erquidiung, nahrung, ruh'. 
Erweiß didi tag und nadit andäditig 
Und diristlidi : So wirt entlidi dodi 
Das unvermeidenlidie Jodi 
Des Tods audi durdi didi präditig«. 

Ins Christlidie übersetzt lauten bei Milton <Par. lost VII 
122) die horazisdien Worte <III 29, 29): 

»Whidi the invisible king, 

Only omniscient, hath supprcssed in night, 

To none communicable in Earth or Hcaven • . 

Ganz eigenartig ist der Versuch Leconte de Lislcs in 
seinen etudes latines <oeuvr. II 248—261) die horazisdien Oden 
zu h eil enisi er en •"'•''). 

Lange vor Nietzsdie betraditete Leconic de Li sie, clcr 
feinsinnige Diditer der poemes antiques, der vortrcfflidic Über- 
setzer des Homer < 18667), des Hesiod und der Orphica <I8f)9), 
des Theokritos und Anakreon <1864), der Dramen des Aisdiylos 
<1873), Sophokles <1873), des Horaz (1873), Euripidcs <1884 5), 
der gepriesene Umgestalter des euripidisdien Jon <L'Ai)oIlonidc), 
das hellasfeindlichc Christentum als eine bedauernswerte Unter- 
brediung der Kulturkette, weldie die hellenisdie Antike mit der 
Renaissance verknüpft. Lange vor Nietzsche und Ridi. 
Wagner und Chamberlain crblid<te er den Höhepunkt 
der Antike im perikleisdien Zeitalter, in der römisdicn Gewalt- 
herrsdiaft die Decadence. »Le monde romain est au nivcau 

9* 



132 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

des Daces et des Sarmates«. So sind dem schönheitstrunkenen 
Poeten von Reunion audi die Diditiingen des Horaz dekadent, 
am Maßstab eines Homer, Aisdiylos, Sophokles gemessen au 
niveau des Daces et des Sarmates. Andererseits verkannte er 
aber nidit, wieviel guthellenisdies Gesdimeide in die Oden des 
Venusiners eingelegt war. Es entspradi nun ganz seinen 
Grundsätzen, wenn er alles typisdi Römisdie aus den von ihm 
behandelten Horazoden aussdhied, sei es Persönlidies des Diditers, 
sei es römisdi - italisdie Färbungen, sei es römisdi^italisdie 
Kultur. Und da er diese Umformung, diese Rüd^bildung folgen 
riditig durdiführte, das römisdie Gewebe völlig auftrennte, um 
mit den — angenommenen — Fäden hellenisdien Ursprungs ein 
neues Gespinst zu fertigen, nahm er den so gestalteten Ge- 
diditen audi die römisdie Etikette und bezeidinete sie als 
»Studien«, nur dem Kenner als Horazisdie Marke kenntlidi. 

Leconte liest nur erotisdie und hymnenartige Gedidite aus,- 
rein persönlidie <wie I 3), zeitgesdiidididie <wie I 37>, lokaU 
gefärbte <wie III 13> übergeht er,- ebenso läßt er dergleidien 
Stellen, so II 11 die Eingangsstrophe <quid bellicosus Cantaber), 
I 9 <vides ut alta^acuto), I 20 <clare Maecenas— imago) weg. 
Die Sabina diota <I 9, 7> wird zur neutralen amphore rustique, 
der dies festus Neptuni <III, 28, 2> verblaßt zum jour d'un dieu. 

Hatten Hofman Peerlkamp <1834>, Gruppe, Lehrs 
u, a. die Horazisdien Oden zusammengestridien, weil sie ihrem 
Ideal des »vollkommenen« Diditers nidit entspradien, hatten die 
purgierten Ausgaben die Lieder gekürzt, verändert, weil ihnen 
versdiiedene Stellen pädagogisdi anstößig ersdiienen, so verändert 
der Franzose das Original, weil ihm Versdiiedenes unhellenisdi 
dünkte : in allen Fällen verführte die Liebe zu dem Alten zu 
diesen merkwürdigen Umformungen. Man wollte den Alten 
dem Gesdimad^, der Weltansdiauung , der Zeitströmung an- 
passen, die Transpositionsspannung zwisdien Antike und Mo- 
derne überwinden , den allgemein mensdilidien Kern stärker 
heraussdiälen. 

Aber man fand audi nodi andere Wege, andere wirksame 
Formen, dieses Ziel zu erreidien. 

Man ethisierte horazisdie Stellen. Wie Horaz selbst 
<ep. I 2) nadi stoisdiem Vorgang Ilias und Odyssee ins Ethisdie 



V. Horaz als Muster. \ 33 



deutet — schon Sokrates hatte das Kirkemotiv allegorisdi ver-^ 
wendet — , wie diristlidie Interpreten das erotisdie Hohe Lied 
Salomons ins Ethisdi=ChristIid»e umdeuteten : so überträgt 
Opitz <III 292) den Vergleidi des römisdien Volkes mit der 
Steineiche auf die philosophische Tugend : 

»Die Tugend gibt kein Blut,- 
Ist einer Eichen gleich : je öfter man sie schlägt. 
Je mehr man sie behaut, je mehr sie Äste trägt.« 
Herder bezieht <I 201) das erotische Lied an Lydia auf die 
»Gedankenfreiheit« , welche die »Gebieter der Erde* den 
Menschen bescfineiden. 

»Ist's, im Dunkel zu wandeln, Götterfreude? 

Oder spaltet ein Lichtmeer 

Nicht das Seidengespinst? In Lykomedes' 

Kammer verriet Achilles 
Sich dem Forschenden doch und ging vor Troia.v< 
F. \Verthes^'\' modelt den bekannten Wechsclgesang (111 7> 
zu einem Dialog zwischen Seele und Leib um. 

Andererseits werden Horazische Motive der Freund- 
schaft oder der Tugend in erotische umgewandelt. So 
wird das Frühlingslied an Plancus <I 4) bei Opitz <II 83) zu 
einem Hochzeitskarmen ,• so sagt statt des stoischen Weisen 
<III 3, 1—4) der Liebende bei Stccchctti <in der schönen 
Übersetzung Heyses [IV 1361): 

»Mag aus der Erde Tiefen nun 
Grause Vernichtung raudicn, 
Himmel zerbersten und wiederum 

Welten in Chaos tauchen. 
Sei's drum: Wenn auf die Lip[)cn nur 

Unter des Weltsturms Wettern 
Süß du pressest den Rosenmund, 

Trotz ich dem Tod und den Göttern.« 
Der horazische Preis auf den goldenen Mittelweg zwischen 
Extremen <II 16) wird bei Opitz <II \97) zu einem Schäfer- 
liedchen : 

»Wohl dem, der weit von hohen Dingen 
Den Fuß stellt auf der Einfalt Bahn I« . . . 



134 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Wenn sidi Horaz nadi der Sdiladit bei Philippi von Mercur 
retten läßt <II 1 , 10>, so ist dies Amt bei Gleim <I 308> nadi 
der verlorenen Sdiladit bei Kolin dem — Amor übertragen. 
Und wenn dort Cato sidi dem Sieger Cäsar nidit beugt 
<II 1, 24>, so sagt mit denselben Worten Cinnas Braut bei 

Corneille <III 4>: 

»II peut . . . 

Changer ä son gre l'ordre de tout le monde, 

Mais le coeur d'Emilie est hors de son pouvoir.» 

Bei Horaz <s. I 3, 38ff,> hat der blinde Vater für die Fehler 
seines Sprößlings alle möglidien Vertusdiungen bereit, M o 1 i e r e 
<Ie Misanthrope II 5> überträgt, zugleidi in Anlehnung an 
Lucrez <IV 1160ff.>, die Stelle auf die Verliebten: 

Jamals leur <sc. des amants) passion n'y voit rien de blamable. 

Et dang l'objet aime tout leur devient aimable: 

Ils comptent les defauts pour des perfections. 

Et saveut y donner de favorables noms. 

La pale est au Jasmin en blandieur comparable, 

La noire ä faire peur une brune adorable',- 

La maigre a de la taille et de la liberte. 

La grasse est dans son port pleine de majeste, 

La malpropre sur soi, de peu d'attraits diargee. 

Est mise sous le nom de beaute negligee,- 

La geante parait une deesse aux yeux,- 

La naine, un abrege des merveilles des cieux,- 

L'orgueilleuse a le coeur digne d'une couronne,- 

La fourbe a de Tesprit,- la sötte est toute bonne,- 

La trope grande parleuse est d'agreable humeur,- 

Et la muette garde une honnete pudeur. 

Wie Horaz selbst seinen griediisdien Vorbildern in der 
Form nadieiferte , aber selbst bei Motivanlehnungen das 
italische Kolorit statt des griediisdien auftrug, so taten es seine 
Nadiformer. Weckherlin ersetzt das olympisdie Wettrennen 
<c, I 1, 3> durdi das deutsdie Turnier <II 262>. Zählt Horaz 
die sagenberühmten Orte und Weltstädte Griedhenlands und 
Kleinasiens auf, um im Preis des heimisdien Tibur aus^ 
zumünden <c. I 7>, so vertausdite Hamilton <BP 9, 438) 



V. Horaz als Muster. 135 



damit die landsdiafdidi und gesdiidididi widitigsten Orte Englands. 
Der Horazisdie Sorakte <c. I 9, 2> wird bei Zachariae (39) 
zum rauhen Harz, bei Gleim <II 299> zum »sdineebedcd<ten 
Broden«, bei Scheffel zum Watzmann <Frau Aventiure 199), 
bei Morgenstern <16) zum Kreuzberg bei Berlin, bei 
Stemplinger <16> zum »Wendelstoa«. Satire I 9 wird von 
Hagedorn ganz nadi Hamburg verlegt; die sacra via ersdieint 
als Mariengasse, der Tiber als Alster, das wahrsagende Sabiner* 
weib als altes Weib von Borstel, einem Dorf in der Nähe 
Hamburgs,- der Tempel der Vesta wird zur Magdalenenkirdie. 

Horaz hat die Quelle in der Nähe seines Sabinums un^ 
sterblidi gemadit: so preist Ronsard <I 900) die Fontaine 
Bellerie seiner Heimat, Opitz den »Quellbrunnen zu Bunzlau 
in Sdilesien«, Fantoni <86> seinen »garrulo fontc*, Zachariae 
<385> den ;>Eisbrunn« seiner Rudolstädter Heimat,- Wordsworth 
vergleidit den river Duddon dem »crystal spring Blandusia«. 
Liebt Horaz Tarent als lieblichsten Erdenwinkel <C. 11 6, US), 
so sehnt sidi Tiedge nadi der Sdiweiz <II 110), Ronsard 
<I 205) nadi seinem Vendomois. 

Wie ferner die Übersetzer häufig fremde Verhältnisse durch 
einheimisdie, antike Mythen durdi heimisdie Sagen und Gesdiidiien, 
fremde Sitten und Bräudie durdi zeifgenössisdie ersetzen, so 
maditen es audi Paraphrasten des \ loraz. Sendet der Römer 
dem Vergil ein Propemptikon auf die Reise nadi Athen mit 
<I 3), so widmen Gleim <1I 287) und Zachariä <423) ihrem 
Freunde Klopstock an Horaz anklingende Absdiiedsvcrsc, als 
er 1751 nadi Kopenhagen fuhr, der Einladung des Dänenkönigs 
folgend, Wordsworth sendet dem Schiffe Segenswünsche 
nach, das Scott nach Neapel brachte. Wünsdite I ioraz den 
Feinden Roms, den Persern und Britannen, die Pest an den 
Hals <I 21), so verfludit Du Bella y <II 102) Vlamcn und 
Deutsche. Sieht Horaz bei der Vorlesung des Gcschiditswerkcs 
von Pollio den Bürgerkrieg zwischen den Triumvirn tol>cn, so 
versetzt sich Du Bellay <I 259) in die Zeit des hundertjährigen 
Kampfes zwischen England und Frankreich. Erinnert der 
römisdie Sänger an das italisdie Blut, das allenthalben in Strömen 
geflossen war (II 1, 29), so gedenkt Herder der Greuel der 
französischen Revolution <I 199); 



136 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

»Sah'n wir, seh'n wir nidit den Rhein, die Mosel, 
Maas und Rhone vom Bkit unsdiiild'ger Völker/ 
Rot vom Blute der Bürger? im Gefilde 
Berge von Leidien?« 

Preist Horaz in pindarisdiem Epinikion die Germanen- 
besieger Drusus und Tiberius <IV 4>, so bejubelt Du Bellay 
<I 264) den jungen König Heinrich II, , der die Engländer 
das Fürditen lehrte. Preist Horaz den Weisen, den kein PöbeU 
gesdirei, kein Tyrannenzorn von seiner Festigkeit abbringt 
<III 3, 1 ff>>, so erhebt R, Alex. Schröder'^'') die Helden von 
Tsingtau : 

»Ob des Meeres Wogen dräuen. 

Ob des Pöbels dreister Wahn: 

Den Gerediten, den Getreuen, 

Den Getrosten fidit nidits an. 

Ob der Himmel seine Sdiranken 

Über ihn in Studie bridit. 

Ohne Zweifel, ohne Wanken 

Steht das Herz bei seiner- Pflidit.« 

Als sidi 1757 eine europäisdie Koalition gegen Friedridi d, Gr. 
bildete , die ihn zu erdrüd^en drohte, da vergleidit er sidi in 
einer Ode an seinen Bruder Heinridi <X 1> mit der lernäisdien 
Sdilange bei Horaz <c. IV 4, 57> : 

Cette hydre, en redressant ses tetes enflammees, 
Vomit des legions,- enfante ces armees 

Qui s'elancent sur vous,- 
En vain eile sentit de vos mains triomphantes, 
Les redoutables traits,- ses tetes renaissantes 
Bravent encore vos coups. 

Horaz geißelt <c, III 4> die Abkehr von altrömisdier Gottes- 
furdit und Sitte. Rapin <I 130) modelt diese Parainese auf 
den unseligen, sein Vaterland zerfleisdienden Glaubenskampf 
um,- in Dodsleys Collection <1751 : III 12) lesen wir eine 
ähnlidie Warnung to the people of Great^Britain <1746>, als 
die Stuarts den letzten Versudi maditen, das Haus Hannover 
zu stürzen und ein blutiger Bürgerkrieg das Land zerfleisdite. 

So versetzt Ch. Beys"*^) <62> I 35 in die Septembertage 



V. Horaz als Muster. | 37 



des Jahres 1651, als der königlidie Hof aus dem revolutionären 
Paris flüditete und der Bürgerkrieg mit den Parolen: »Hie 
Conde — hie Ivlazarin« losbradi. Thümmel <IV 62) setzt 
<1 3> für Dädalus und Prometheus den französisdien LuftsdiifFer 
Blandiard und den Erfinder des Blitzableiters, Franklin, ein. 
Herder <I 197> substituiert <1 12) für Marcellus und das 
sidus lulium Melandhthon und dessen Sonne, Luther. Du 
Bellay <II 275> wandelt, als er in Rom lebt und Papst 
Paul IV. in blindem Hasse gegen einzelne römisdie Adels= 
gesdilediter wütet und den Bürgerkrieg heraufbesdiwört, Ep. 7 
auf diese Zeit um. 

Statt der Heroen des Horaz aus Sage und Gesdiidite <Ii 4) 
stellt Rowe <BP VII 140> Beispiele aus der europäisdien 
Fürstengesdiidite zusammen. Bürger <!! 92> madit auf die 
»Erzvätere Abram und Jakob« aufmerksam. Die Babylonii 
numeri <I 11> ersdieinen bei Kl. Schmidt <I 326) als aber^ 
gläubisdie Tassengießereien, Bei Ch. Beys <141> geht, der 
reines Herzens ist <I 22), sans corcelet, Sins flambcrge et sans 
pistolet," Du Bellay <I 259> ersetzt <II 1> Tuben und Sdi\x'crter 
durch Kanonen und Pulverdampf,- Wein, Salben und Rosen 
werden bei Ronsard <II 3) zu Aprikosen, Artisdiod\en, hrd^ 
beeren und Sahne. Start Gold und Elfenbein und lakonischen 
Purpurs <II 18) vergönnt Alxinger <II 9) dem Rcidien die 
sdiönsten Mäddien Frankreidis, Rennpferde Vorkshircs und 
Zelter von Castilien. Kümmert sidi \ loraz nidit darum , was 
die Cantabrer oder Skythen treiben <II 11), so sdiicrt es 
Zachariä <432> nidit, was in Ungarn, österrcidi und I'rank- 
reidi gesdiieht, Uz <22) nidit, »was bei Sorr gcsdiah*. Du 
Bellay <I 252) nidit, was England ausbrütet, S toi borg 
<»Ode auf die Ruhe«) nidit, 

»Ob siege Madimud, oder ob Nikolas 
Den Popen höre, ob sich der Bischof Roms 
Despotisch aufbläh' oder knechtisch 
Lecke die Lersc den Bourbonidcn,* 

Mi 1 ton nidit, what the Swede intcnd and wath thc Frcnch«. 

Man ging in der Modernisierung des alten Diditers noch 

um einen Sdiritt weiter. Man vertausdite sein Rom mit Paris, 



138 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

London, Wien / seinen Augustus mit den Herrsdiern der eigenen 
Zeit, seinen Mäcenas mit zeitgenössisdien Gönnern, seine 
Freunde mit den eigenen , seine Liebdien mit den angebeteten 
Mäddien der Gegenwart, die Feinde Roms mit den Feinden 
des eigenen Landes. So widmet Zachariä <423> das Pro- 
pemptikon Vergils <I 3> seinem Freund Klopstod^, H ö 1 1 y <20> 
münzt I 6 auf Voß, Baggesen <I 117> läßt den horazisdien 
Hymnus auf Augustus <I 12> austönen auf das Lob Napoleons,- 
Lebrun <II 274) diditet IV 4 auf Friedridi d. Gr. um,- 
Pope <III 419) ersetzt Homer, Stesidioros und Anakreon durch 
Milton, Spenser und Cowley <IV 9). Der callidus Prometheus 
<II 18) wird bei Michaelis <257> zum bekannten Juden Süß, 
Insbesondere diditete man horazisdie Oden zur Lobpreisung 
von zeitgenössisdien Herrsdiern und Gönnern um, Ch. Beys 
<62> verherrlidit in I 35 den jungen Ludwig XIV., das Haus 
der Julier ersetzen Du Bellay und Ronsard durdi das der 
Valois,- das Lob der Stiefsöhne des Augustus <IV 4> läßt 
Opitz <II 18) zum Preise seines Gönners, des Grafen Dohna, 
ertönen,- IV 5 modelt J.=^.B Rousseau. <I 285) zum Hymnus 
auf den König von Sadisen, August den Starken, I 2 
Weckherlin <5> auf Johann Friedridi von Württemberg um. 

Man versenkte sidi sdiließlidi nidit bloß ganz in die Lebens^ 
ansdiauung des Horaz, man identifizierte sidi geradezu m.it 
ihm. So weist mit den Worten der Epode 6 Du Bellay 
<II 201) einen fredien Angreifer ab,- so übernimmt die Karschin 
<167> die Rolle des Römers <IV 2),- Ramler ist Pindar, Augustus 
ist Friedridi d, Gr. geworden. So dankt Ronsard <IV 180) 
der Muse, daß sie ihn zum Harpeur Fran^ois gemadit, auf den 
das Volk mit den Fingern deutet <IV 3>,- G e r s t e n b e r g <II 189) 
fühlt wie Horaz die Metamorphose seines Leibes <1I 20)/ wie jener 
<III 30) rühmen sidi Du Bellay <I 260), Ronsard <VI 462), 
Lebrun, Klopstock <»Traumode«), Schlegel <I 103) u, a., 
in ihre Literatur etwas Neues eingeführt zu haben. 

Und bridit Horaz in einen ähnlidien Jubel aus <ep, I 16> 
wie später Walther von der Vogel weide in seinem : »al 
die werlt, ih han mm lehen, nu enfrirt midi hornung an der 
zehen«, so stellt sidi Andre Chenier <eleg. 14, 31) ein ähn= 
lidies Idyll vor Augen : 



\^ Hofaz als Muster. 139 



«Quand pourrai^je habiter un diamp qui seit ä nioi 
Et villageois tranquille, ayant pour tout emploi 
Dormir et ne rien faire, inutile poete, 
Gouter le doux oubli d'une vie inquiete ! 
Oh ! oui, je veux un jour, en des bords retires, 
Sur un ridie coteau ceint de bois et de pres, 
Avoir un humble toit, une source d'eau vive, 
Qui parle, et dans sa fuite et feconde et plaintive, 
Nourisser mon verge, abreuver mes troupeaux.« 
So werden häufig audi Gedankengänge des Römers ge^ 
braudit, um politische Ideen damit zu verbinden. Als 1719 
unter König Georg I. die »Poynings Acte« aufs neue bestätigt 
wurde, weldie das irisdie Volk wiederum nodi härter drückte, 
als infolgedessen unter den Iren die Geheimbünde der Defenders 
— eine geheime Feme — entstanden, da sdiricb Swift <BP 
IX 85) im Ansdiluß an Horaz I 14 jene berülimten Verse: 
Unhappy ship, thou art return'd in vain«. M, J. Chenier 
wandelt die Allegorie um in eine ode sur la Situation de la 
republique <1794>. 

Wie Horaz den Proteus (oder Nereus) in I 15 dem Paris 
LInglüd\ prophezeien läßt — Goethe <Faust II 2> spielt 
darauf an, wenn Nereus sagt: »^X^e hab' idi Paris väterlidi 
gewarnt« — , so läßt Ronsard <I 194), als in Südlrankrcidi 
die allgemeine Volksgärung in offenen Aulstand gegen Heinritii II. 
überging <1548>, den Flußgott der Charente einen unglüd<lidien 
Ausgang weissagen. Beim englisdicn Balladcndichtcr Tickell 
<BP VIII 416) warnt ein Meergott vor vergeblidicm Blut' 
vergießen, als die Jakobiten <17()7> versuditen, die Stuarts auf 
den sdiottisdien Thron zurü(kzuführcn. BeiPoncc de Leon 
<profecia del Tajo) warnt der Flußgott des Tajo den König 
Rodridi, der bei der sdiönen Kaba lustcntrüd\t sitzt, dringend 
vor dem Binbrudi der Araber. 

Als England im Frieden zu Versailles <I783> die Un- 
abhängigkeit der »Vereinigten Staaten« anerkennen und einige 
Besitzungen an Frankreidi abtreten mußte, da ruft Lebrun 
<I 30 1> wie Horaz <I 37) aus: 

«Chers amis, armons«nous d'un Verre! 
Celebrons la Paix et Bacchus! 



140 Zweiter Teil. Ästhetisdhe Wertung. 

D'un pied libre frappons la Terre ,• 
Albion ! tes Fils sont vaincus ! 
Namentlidi die Römeroden waren besonders angetan, in ahn- 
lidien Zeiten ähnlidie Stimmungen und Gedanken auszulösen. 
So spridit Prior <BP VII 394>, als England 1692 im heftigen 
Ringen mit Frankreidi gefährlidie Zeiten durdimadit, ähnlidie 
Worte wie Horaz <III 2>. 

Als Papst Paul IV, in blindem Haß gegen einzelne römisdie 
Adelsgesdblediter wütete und sdiließlidi die Inquisition in Italien 
einführte und den Bürgerkrieg entfesselte, da wiederholt D u 
Bellay in einem Sonett <II 275> die patriotisdien Worte des 
Horaz <epode 7>/ ebenso frisdite Duke <BP VI 637> jene 
Worte wieder auf, als Jacob IL, der Stuart, mit Hilfe fran- 
zösisdier Truppen am englisdien Gestade landete und den 
Bürgerkrieg wieder ins Land trug, Audi Vater Gleim ruft 
1768 den Deutsdien zu <II 289), weldie »zwisdien Österreidi 
und Preußen sdion wieder Krieg verlangten«: 

»Ihr sdiärft sdion wieder eure Sdiwerter, 

Ihr, meine Brüder?« 
Cerrutti <II 31) paraphrasiert die 16, Epode, indem er ohne ge- 
waltsame Änderung des Urtextes die Sdiilderung der sullanisdien 
Bürgerkämpfe <V, 1— 40> mit den Greueln der französisdien 
Revolution zusammenstellt. Und wenn Horaz, in Erinnerung 
an die heldenhaften Phokäer, zur Auswanderung aus dem 
Vaterlande auffordert, so ruft Friedridi d. Gr, <XII 15) seinen 
Preußen zu, als die Wogen der Koalition über ihn zusammen- 
zusdilagen drohen: 

»Partez, partez, Prussiens, et quittez cette terre 

En proie ä Tinjustice , , .« 

Goethe sagt in seinen Bemerkungen Ȇber die Parodie bei 
den Alten« : »Hödist verdrießlidi war idi . . . zu lesen und zu 
hören, daß über den herrlidi übersdiwenglidi ergreifenden Studien 
der Alten nodi zum Sdiluß der Vorstellung eine Narrenposse 
sei gegeben worden,« Nadi einer Erläuterung des uns Moderne 
anfangs sonderbar anmutenden Braudies fährt er fort: »Hier 
findet sidi keineswegs der parodistisdie Sinn, weldier das Hohe, 
Große, Edle, Gute, Zarte herunterzieht und ins Gemeine ver- 



V. Horaz als Muster. I4I 



schleppt, woran wir immer ein Symptom sehen, daß die Nation, 
die daran Freude hat, auf dem Wege ist, sidi zu versdileditern,- 
vielmehr vcird hier das Rohe, Brutale, Niedrige . , . durdi die 
Gewalt der Kunst dergestalt emporgehoben, daß wir dasselbe 
gleidifalls an dem Erhabenen teilnehmend empfinden.«; Zum 
Schlüsse vergleicht er noch die Ilias mit Shakespeares »Troilus 
und Cressida« und findet in diesem Stück weder Parodie noch 
Travestie, sondern »zwiefachen Zeitsinn«. Das englische Meister^ 
werk ist ihm eine glüd\liche LImformung, Umsetzung jenes 
großen Werkes »ins Romantisch^Dramatische«. 

Bekanntlich ziehen den gelesensten Werken die Parodisten 
nach wie dem Ruhme der Sdiatten. So war's zu Hippona.\' 
Zeiten, so zu Marivaux' und Scarrons Tagen bis zur Stunde. 
Und wie Aristophanes die Mängel der Euripideischen Dichtung 
im Hohlspiegel des Spottes vergrößerte und verzerrte, so ge- 
schah's den Romantikern von Platen, Kotzebue von Mahlmann, 
Neueren von Mauthner und Gumppenberg. 

Horaz hatte das Glück, fast niemals Parodisten oder 
Travestisten in die Hände zu fallen, die gegen ihn selbst sich 
wandten. Nur seine Form reizte. 

Lateinische Parodien sind verhältnismäßig sehr selten. 
Sehr humorvoll wirkt die Art, wie }. Bälde c. 111 21 auf den 
verderbenschwangeren Bierkrug anwendet: 

Ad a m p h o r a m C e r e v i s i a r i a m B o j o r u m 
O nata Capri sidere frigido ! 
Seu tu cjuerelam, sive geris minas, 
Seu ventris insanum tumultum, et 
Difficilem, mala testa, somnum, 
Quocunque servas nomine toxicum, 
Nunquam moveri digna bono die, 
Averte noicnti Poctae 

Promere languidius venenum. 
Non ille, quam<iuam Gorgoncis madct 
Assuetus undis, tc bibct horridus. 
Narratur et Bojus Mcnalcas 
Saepe tuo doluisse aceto. 
Tu triste tormentum ingcnio admovcs 
Plerumque leni,- tu sapicntium 



1^2 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Et pectus oblimas et ora, 
Ne retegant animiim fidelem. 
Te pestilentem negligit anxius 
Dives/ sed addis cornua pauperi, 
Post te neque iratos trementi 

Regum apices neque militum arma. 
Te messor et quae coacta aderit Ceres 
Segnesque nodum solvere rustici 
Unctaeque producent lucernae. 
Dum rediens fugat astra Phoebus, 
D, Cordes ■^'') parodiert I 8 und 9 in einer textlidh und 
rhythmisdi ziemlid» mangelhaften Invektive auf das »Mani= 
pulieren und Magnetisieren« : 

Thomas Amagneticus 
Wi . . .*^^), die per omnes 

Te deos oro, Bremam cur properes manipulando 
Perdere? cur solita 

Oderit, patiens pulveris et pilulae? 
Wi . . . • 
Vides, ut maturis stet puellis onusta 

Brema, nee iam sustineant onus 
Filiae laborantes, geluque 

Constiterint membra acuto? 
Dissolvo frigus, illas circa pubem 
Large manipuians, et pie fidens 
Depromo artificialem magnetisata, 

O Lavater, aquam diota, 
Permitto divis cetera, qui simul 

Stravere homulos diartulis in fervidis 
Deproeliantis nee B a 1 d i n g e r i 

Nee veteres agitantur W i e 1 a n d i. 
Quid Sit futurum ex hoc, fugio quaerere, et 

Quod astri sorti cumque dabit, lucro 
Appono, nee dulees amores 

Sperno puer, nee ego mamillas, 
Donec virenti canities abest 

Morosa, nunc et frictus et tactus 
Et procaces sub noctem susurri 



Horaz als Muster. I43 



Composita repctantur hora. 
Nunc et calentis proditor intimo 

Magneticus puellae risus ab angulo 
Solutaeque hisce zonae 
Digito valde pertinaci. 
Läßt diese Parodie an Las-ivität nidits ru wünsdien übrig, 
so \rendet Kästner <I 114), dessen satirisdie Zunge bekanntlich, 
mandien stadi und allseits gefürchtet war, c. III 26 <1 — 4> 
witzig ins Persönüche: 

X'^ixi Thaliae nuper idoneus 
Risi(}ue mukös non sine gloria,- 
Nunc arma defunctumcjue flagrum 
Ictibus hie paries habeto. 
Bekannt ist die übermütige Parodie <a. p. 1 tf> des Studenten 
Goethe auf Gottscheds Figur <1765>: 

»Humano capiti cer\icem iungens ec^uinam 
Derisus a Flacco non sine iure fuit. 
Hinc ego Kölbeliis imponens pedibus magnis 
Immane corpus crassascjue scapulas Augusti 
Et magna magni bracchiacjue manuscjue Rolandi, 
addenscjuc tumidum morosi Rostii c:aput. 
Ridebor forsan? Ne rideatis, amici!« 
Diesen ganz >5-enigen lateinischen kann man eine Menge von 
Parodien in den modernen Sprachen gegenüberstellen. 

Der spottlustige Kanonikus Berni gilt als Erfinder des un- 
definierbaren »Burlesken« und fand alsbald Anklang. Schon 
1548—1555 konnten zwei Bände »Opere burleschc« mit Dich- 
tungen von Berni, Molza, Mauro u.a. erscheinen. Hatte 
Berni in seinem »Orlando innamorato« nur sporadisch einen 
burlesken Ton angeschlagen, so warf man s\d\ späterhin mit 
Vorbedadit darauf, bekannte Meisterwerke in burlesker Weise 
zu behandeln. So Lalli in seiner »Endde travestita« <Roma 
1615). In Frankreidi wediie Scarron mit seiner vielgefeicnen 
Travestie des Vergil <Lc Virgile travesty cn vcrs burlesques, 
Paris 1648 tf.> ein Heer von Nadiahmern**! und Fortsetzern. 
Nachdem Vergil ausgebeutet war, sah man sich nach neuen 
Opfern um. Ovid, Claudian, Homer mußten standhalten. Kein 



144 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Wunder, daß man auf der Jagd nadi passenden Objekten audi 
auf Horaz stieß. Und so edierte denn Quinet (Paris 1653) 
ein anonymes Büdilein : »LesOdes d'Horace, enversburlesques«, 
das Sambix in Leyden flugs nadidrud^te, Nadi Camusat*'^) 
und La Monnoye ist Ch. de Beys <1610— 1659) der Ver^ 
fasser des Büd\leins. Humoristisdie Parodien zu Horaz waren 
damals nodi in keiner modernen Spradie ersdiienen. Mithin 
sind die burlesken Horazoden von Ch. de Beys sdion literar^ 
gesdiiditlidi interessant. Behandelt sind nur die <38> Oden des 
1. Budies. Wie vorauszusetzen sind nidit alle Oden in gleidi 
gelungener und witziger Art umgemodelt,- einige sind überhaupt 
nidit burlesk, sondern ernst, wie I 14 und 144/ bei den meisten 
ist der Gedankengang und Inhalt des Originals beibehalten, nur 
im einzelnen paraphrasiert und humoristisdi gefärbt, wie I 1. 2. 
9. 10. 23 u, a. Dabei sudit Beys durdi Anadironismen, zeit^ 
gesdiiditlidie Anspielungen, Wortspiele, häufig audi durdi 
Zötdien und Zoten das Interesse nodi mehr zu wed^en und 
spaßhafte Wirkungen zu erzielen. Nur in wenigen Fällen stedtt 
sidi der Sdialk bloß in die Maske des Venusiners, um seinem 
eigenen Humor freie Zügel zu lassen. Eine Probe, wie jener 
I 22 gesdiidit modernisiert und humoristisdi stilisiert! 
Quiconque a Tame pure et nette, 
Qui n'est yvronge ni larron. 
Et Vit s'il est fille ou gar^on 
Sans faire criconcriquete,- 
II peut aller sans pistolet, 
Sans flamberge et sans coredet, 
Establir par tout sa demeure. 
Et sans craindre Ardiers ni Prevost, 
De nuict, de jour, bref ä toute heure, 
Trosler et par monts et par vaux. 

S9it qu'il ait coeffe dans sa teste. 
De traverser diarmps et märest. 
Et d'habiter dans des forests, 
Oü Ton ne voit ni gens ni beste : 
Ou soit qu'il vueille se nidier, 
Dessus la pointe d'un rodier: 
En quelque endroit du monde en somme. 



V. Horaz als Muster. I45 



Qu'il vueille planter son bourdon, 
II peut s'asseurer le bon homme. 
De n'avoir iamais le lardon. 

Pour moy qui suis un bon Apötre, 
Qui tous le jours soir et matin, 
Soit en FrariQois, Grec ou Latin, 
Dis ä genoux ma patenotre, 
Quoy que sans verge ni baston. 
Et non plus mediant qu'un mouton, 
Le loup s'enfuit ä ma presence,- 
Je n'ay ni crainte ni diagrin. 
Et m''ebaudis ä toute outrance 
En diantant Robin et trin trin. 

Wie nun Ch. Beys seinen Horaz in die Maske eines lustigen 
Bourgogners sted^t und dessen Oden als Sdiallrohr ungezügelter 
Spaße benützt, so verwandelte Chr. Morgenstern den 
Römer in einen urediten Berliner. Spree und Panke, der 
Kreuzberg, der Viktoriapark, die unwirtlidie Hasenheide, die 
süßen Mädels in Haiensee oder Treptow, das Dejeuner bei 
Dressel, Austern bei Kempinski, der Gang im Grunewald nadi 
Sdiildhorn, das kassubisdie Gezedi in Rixdorf, Lawn-Tennis, 
der flotte »bewußte« Leutnant, der auf die Kolonialpolitik 
lästernde Kaufmann, die zum Bedisteinflügcl gewandelrc testudo 
— all diese und ähnlidie Stilisierungen verleihen dem Büdilcin 
ein liebenswürdiges Kolorit, dem flotte Behcrrsduing des antiken 
Metrums und eine sdilagfertige Spradigewandtheir wad^er zur 
Seite stehen. Audi von den <17> Parodien Morgensterns ein 
Pröbdien <I 33): 

Albert, kränke didi nidit allzusehr um ein Weib ! 

Sei nidit sentimental ! Hat LViedcrike sidi 

In den Stutzer verliebt, weil er der Hübsdire war: 

Trost' didi : andern geht's ebenso. 
Sdiau, der niedlidie Balg, Betty von Rosenberg, 
Ist in Eduard Sdimidt bis übers Ohr verknallt — : 
Dieser poussiert Else, die spröde Maid, 

Dodi soweit idi die Else kenn'. 
Darf man keddidi veriraun, daß sich ein Sdimetterling 

Stemplinger, Horaz. 10 



146 Zweiter Teil, Ästhetische Wertung. 

Eher mit einem Mops bräutlidi verbinden wird. 
Als ihn diese erhört. Ja, wie die Liebe spielt, 

Ist ein langes Kapitel, Freund! 
Stand idi selber dodi einst vor der Verlobung sdion, 
— Exquisite Partie ! — als eine Nähterin 
Mir mein Herz überfiel und es in Fesseln sdilug — 

's war fatal, aber sdiön war's dodi ! 

Es lag nahe, die Oden des römisdien Lyrikers nidit bloß 
in den Sdiriftspradien zu nationalisieren, sondern audi in 
Mundarten, 

So finden wir eine anonyme^*) Parodie zu III 9 »im Tone 
des osterländisdien Landvolks«, ein Duett zwisdien Maldier 
und Mar je, ferner eine soldie in rudolstädtisdier Mundart von 
J. Poeschel^^) <»Wie d'r Hans un de Marthe of ännanner 
eifersidit'g, un wie se sidi nadien widder gut geworr'n sinn«), 

F, Stillfried <A, Brandt) besdienkte uns mit einer 
Reihe von plattdeutsdien Nadididitungen zu Horaz, die zum 
größten Teil sidi eng an das Original ansdiließen. Andererseits 
aber ist es dem Diditer vorzüglidi gelungen, Horaz in einen ge= 
mütlidi phlegmatisdien Med^lenburger umzuwandeln, dem »an 
Fleisdi un Tüften Un an en Gläsken Lagerbier all naug hewwt«, 
der sidi »über Wilhelms Dahten« freut, und daß er »kein 
sdiäwsdie Franzmann« mehr sehen muß, der überzeugt ist: 
»Gott verlett kein'n Dütsdien nidi,« Er wünsdit sidi »kein 
gladde Käuh un fette Swin , Kein Gold und Edelstein un 
Parlen, Kein Winbarg' nidi an'n sdiönen Rhin, kein Kaviar un 
fin Kunfekt«. Wenn er seine »Buddel« Bier, »Tudier mit 
Sdium so didi as Rohm« hat und gesund ist, nadi Barnsdörp 
<bei Rostod^) kommen, in »Warnemün'n« sidi herumtummeln 
und die Hengste zureiten kann. Als Probe setzen wir her 
»Gaude Rath« <I 11): 

Quäl' di dodi nidi ümmertau ! 
Lat den Kukuk dodi in Rauh ! 
Raup em dodi nidi jeden Dag: 
Segg, wo lang id\ lewen mag? 

Beter makt 't, wer Aliens nimmt, 
Jüst so, as von Gott dat kümmt. 



\'. I lorac als Muster. I47 



Ob em bläuhn noch vele Johr, 
Ob mit dit sin letzt is dor. 

Drüm so wes' vernünftig, Dürt! 
Nutz de Tid, de di nodi hürt,- 
Sorg nidi, wes' vergnäugt un froh ! 
Kort is 't Lewen so wie so. 

Bis uns' Spreken is 'ne Stunn', 
Ehr' wi 't uns verseihn, verswun'n : 
Nimm, wat hüt di kamen mag, 
Bu nidi up den annern Dag ! 
E. Stemplinger sted^te femer Horaz in Wadeistrümpfe, 
lederne Hose und Bergsdiuhe, setzte ihm ein grünes Jägerhüt'l 
auf und ließ ihn zur Zither die ins Oberbayrische über- 
tragenen Oden singen. Die Sabinerberge sind mit den Sdilierseern, 
der Soracte mit dem Wendelstein , der Albaner^ mit dem 
Spitzingsee, das Digentia- mit dem Leitzadital vertausdit. 
's Miadei, Lieserl, d'Vroni ersetzen die Lydia, Chloe und 
Lalage ,• Sdbuhplatteln, Zitherspiel, Jodeln, Wildern, Schmuggeln, 
Fensterin versetzen uns aus dem sonnigen Italien in die gcrn- 
besucfiten Berge Oberbayerns. Auch davon eine Probe <1 34): 
I muaß scho sag'n : i hab mi nia 
Um's Kirchageh' grad g'riss'n. 
Beim Beichten hab' i diamol g'moant: 
»Als braucht er a not z'wiss'n«. 
Z'nachst hat's mir aber an Deuter geb'n : 
I will grad Stiefel macha — 
Am blaua Himmi blengertst d'Sunn — 
Af oamal tuats an Kracha, 
Daß g'moant hast, d'Welt fallt frcdi ci. 
Mi hat's af d' Erden g'schmiss'n. 
An Büchsenschuß von mir weg hat 
Der Blitz an Birnbam z'riss'n. — 
Da bin i glci am Sunnta drauf 
Zum Bcichf'n hoamli g'schlicha, 
Und dösmol hab' i all 's verrat'n/ 
Woaßt, s i c h a is halt s i c h a ! 
Sdiließlidi mußte sich der gute Horaz sogar in die Maske 
eines jüdischen Chasen (Sängers) sted^cn lassen. Alfred 

10* 



J48 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 



Nathan travestiert in seinen »Chalomes« 24 Oden des Horaz 
redit witzig und abwedislungsvoll ins Jüdisdi-Deutsdie, Sdion 
die Personen: Rebekkdie, Sarali, Itzigle, Itzig Veite! »mit der 
krummen Nos«, Davidle, Moritzleben usw. versetzen uns in 
das gewünsdite Milieu. Der jüdelnde Horaz warnt von dem 
»Rodies« <Zorn>, der der Gesundheit sdiadet, plädiert für gutes 
»Adieln« <Essen> und Trinken, begrüßt das tapfere Itzigle, das 
von den »Chineslidi« heimkommt,- ihm ist die »Memme« 
<Mutter) im Wege, wenn er zur Sarah sdileidit, die viel 
»Mesummen« <Geld> besitzt,- er verlangt ein andermal 20 Mark 
»alaanig for die Hosen«, die ihm ein großer »Kelef« <Hund> 
in seiner »Chuzbe« <Frediheit> zerrissen hat, und madit dabei 
gute »Masematten« <Gesdiäfte>. Mandimal aber läßt er den 
»Stuß« (Unsinn) und gibt kluge Lehren wie ein »Chudiem« 
<Weiser>. Ein Pröbdien <I 8, S. 77): 

Sarah, sag mir nur das eine 

Und besdiwör' mir's bei dei G'sund, 

"Wo das Itzigle, das kleine. 

Allweil sted^t, der sdilaue Hund. 

Idi siedi' es auf kaaner Börse 

Und siedi' es in kaa Kontor, 

's Jüngle madit dodi kaane Verse,- 

's kummt mer ganz mesdiugge vor. 

Idi seh's nimmer Karten spielen. 

Wie sonst immer im Cafe, 

User kannst du, Sarah, fühlen. 

Was idi hab' for Sehnsuditsweh. 

Idi glaab, du hast alle Tage 

Mit dem Jung e Rendez^vous, 

Gib mir Tsdiufes auf mei' Frage, 

Denn sonst waas idi, was idi tu. 
Als Kenner und Freund horazisdier Diditung ersdieint 
unser Wilhelm Raabe in seiner präditigen Erzählung des 
Winters 1673 »Höxter und Corwey«, worin der Studiosus 
iuris Lambertus Tewes den »alten sonnigen Sdiäker Flaccus« 
im Sack und im Kopf trägt. Wie präditig versteht es Raabe, 
in Geist und Ausdrud^ jener Zeit die Horazlieder zu über^ 
setzen. Z. B. <c. I 26>: 



V. Horaz als Muster. I49 



»Der Wind pfeift hin zur Kreterflut, 

Verdruß und Wut 

Und Grämlidikeit 

Fährt mit ihm weit! 

Dem Muttersohn kommt's närrisdi vor. 

Kratzt sidi der Philosoph am Ohr.« 

Oder <c. IV 6, 9>: 

»So stürzet der Tannbaum mit donnerndem Hall, 
So liegt nun der Küster nadi furditbarem Fall ! 
Im Bladifeld des Teukrers, dem Feinde zum Raub, 
Druckt itzt Don Bravatsdio die Nas' in den Staub.« 

Eine Parodie der ars poetica, gegen die zeitgenössischen 
Dichter, lesen wir im Harlequin Horace, or thc Art of 
modern Poetry (London 1731) und im »DilettantenspiegeU des 
Fritz Mauthner (Dresden 1885). 

Parodien zu einzelnen Oden sind begreif lidierwcisc sehr 
zerstreut. So wendete der einst viel gelesene Aug. v. Th ü m m e I 
<IV 62) das Propemptikon Vergils <I 3) gewandt ins Hu* 
moristiscfie, indem er der cohors febrium die über die See 
eingeschleppten diskreten Krankheiten , dem Dädahis den bc* 
rühmten französischen Aeronauten Blanchard, der am 7. Januar 
1785 als erster den Kanal überflog, dem fcucrenrwcndondcn 
Prometheus den blitzefangenden Franklin entgegenstellte. Das 
Lied vom Soracte <I 9> hat V. v. Scheffel in »Frau Avcntiurc« 
<109> prächtig aufgezeichnet, wie es »ein fahrender Scholasticus 
von Salzburg mundgerecht« schuf. Der Soracte wird zum 
Watzmann, der Fluß zur Salzadi, der Sabiner zum Bozner Wein, 
Thaliarchus zum »Thaldurchschnardier«, die Liebesabenteuer 
werden auf den Nonnberg verlegt, wo man sidi »susurrcnd« 
einschleichen solle zu den kichernden Nönnlein im Kreuzgang, 
»wenn sich die Hora enden will« (composita hora). 

»Durdi den Gang einer Horazischen Ode dem Rauchen 
etwas komische Würde zu verleihen«, wendet Voß (111 13) 
I 18 in ganz witziger Form um: Schön sei's und wohltuend 
gemütlich, sein Pfeifdien zu raudien, daß das >Knastcrgewölk< 
»bläulidie Wirbel« dreht. »Aber wehe, wem stets, wie dem 
Vesuv, stygischer Qualm entqualmt!« So raucht der Huronc, 



150 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

wenn er »zum Messer der Sdiladit taumelt, würgt, prangt mit 
der Sdiädelhaut«. Weg mit den »gigantisdien Meersdiaum- 
köpfen«, die den Sdierz verbannen und »lauthalsiges Geladi« 
bei doppelsinnigem Gesprädi herbeirufen, daß »dir versdiämt 
Ida die Hand entzeudit«. — Zu einer übermütigen Sdielmerei 
fand P. M ö b i u s *^*^) in I 22 erwünsditen Stoff, Nadi Studenten^ 
weise erzählt er seinem lieben »Futsdikus« »auf Cerevis« das 
Abenteuer mit »Meister Isegrimm«, der vor ihm floh »nidit 
seiner Tugend halber«, sondern weil er den Verliebten für »toll- 
wütig« hielt, — Die Ode vom »Gleidimut« <II 3> fand in 
Hölty <36> einen lustigen Bearbeiter. Er mahnt den Freund, 
den Gleidimut der Seele zu bewahren, mögen die Rezensenten 
loben oder lästern und behaglidi dahinzuleben, da wir alle 
sterben müßten, ob wir wie Klopstod^ sängen oder unsere 
Lieder beim Krämer zum Einhüllen gebraudit würden, — Bei 
Funck <II 299> lesen wir ebenfalls eine launige Parodie. »Der 
Tod folgt incognito« , ob du dein Geld all im Spiel verloren 
hast, oder »in Alt-Dresen Bewiilkommt von Graf Wad^erbart« 
wirst. Du mußt fort, ob »du in Gausdorf Land und Wälder« 
kaufst oder »in Sedlitz Sdiloß und Felder« baust,- denn vom 
Tod ist »keiner hier accisfrei«, — In »Blumauers« Manier hat 
J, V, Alxinger <II 164) 114 bearbeitet. Ein »Stubenmäddien« 
zu lieben sei keine Sdiande. Maditen's denn der »Eisenfresser« 
Adiilles anders und »Atreus' Majoratsherr«, dessen Mund sdion 
»unter dem Tedeum=Sdiießen wässrig nadi Cassandrens Küssen« 
war. Atridens »Liebste war allerdings Stiftmäßig und Äbtissin 
gar«. Wenn nur das »blonde Hanndien« nidit »ein Ediappee 
von Edelleuten« ist! — Wenn Horaz <II 13> über den ver= 
fluditen Baum sdiilt, der ihm fast das Leben geraubt, so wendet 
Hagedorn <Oden II> die Verse an auf das Land, »wo dieser 
Weinstod< aufgesdiossen«, der so sdilediten Wein gab. Und 
in hellem Übermut spottet Hölty <122> im »Bardengesang «^ : 

Verfludit seist du, du alte Eidie! 

Verfludit die Hand, die didi gesetzt! 

Kein goldner Apfel sdimüd^e deine Zweige — 

Von nun an bis zuletzt! 
Zu einer sehr launigen Parodie sdiuf R a t s c h k y <II 40> 
II 14: 



V. Horaz als Muster. 1 5 ] 



Selbst nicht Qiiarin'''), der Liebling Hygicens, kann 
Den Tod entwaffnen, botst du dem Wundermann 
Gleidi willig deine ganze Habe 

Für ein Rezeptdien zur Opfergabc. 

Jeder muß einmal >Mm ew'gen Jerusalem Mit einem Strahlen^ 
kränze sitzen Oder im Sdiwefelbad Satans sdiwitzcn«. Der 
fröhiidie Erbe wird deinen zusammengesparten Tokayer ver^ 
prassen, »gleidi den reidien Äbten, Die vor der Epodie Josephs 
lebten<^. — Die 9. Ode des 3. Budies, die gediditet zu haben 
Scaliger <Poet, VII 339) lieber gewesen wäre als König von 
ganz Aragonien zu sein, hat bekanntlidi eine Reihe vou Nadi- 
diditungen hervorgerufen. Sie reizte audi zur Parodie. Wie 
sie Jenyns <BP. XI 1021) (1754) umgestaltete zu einem Duett 
zwisdien Pelham und Ivladam Popularity, F. Wert lies'''*) zu 
einem Zwiegesprädi zwisdien Seele und Körper, J. Palaprat'^'-') 
zu einem präditigen Rededuell zwisdien den Typen Arlec[uin 
und Colombine, so ließ Hagedorn, wie er audi die Ode in 
morgenländisdies Kostüm gekleidet hatte <Zemes und Zulima 
reden von Sophi und Zirkassen, und der Geliebte ist »wild so wie 
das sdiwarze Meer«), in einem launigen Poem <Die Aussöhnung*) 
zwei Diditerlinge, Bavius und Mävius, miteinander disputieren, 
die sidi nadi kurzer Trennung wieder zusammcnhnden, um 
sidi gegenseitig zu beweihräudiern. — Die Ode III 13 vom 
»BandusiaquelU fand sdiließlidi nodi «eine sdicrzhattc Nadi- 
ahmung« bei Voß <III 9) in der Ode »An einen Meersdiaum' 
köpf«. Er preist den »Sohn vom Sdiaumc des Meeres« und 
weiht ihm ein rosiges Band : 

Nach Jahrhunderten wird, Herrlidicr, dein gcdaiht. 
Denn idi singe dein Rohr, samt dem Medusenhaupt, 
Dem aus silbernem Radien 

Balsamduftcnder Raudi cntwallt. 

Nur ganz selten bediente man sidi der Horazisdicn Oden 
zu religiös^ ten de n zi Ösen Zwcd\cn. Es kommt liicrl>ci nur 
die Zeit der Josephinisdien Aufklärung in Bctradit. So l)cnützTc 
Beyermann'") c. II 14 zu einigen Hieben auf die Klerisei. 
»Wärst du audi frömmer als ein Sdiaf« , umsonst/ »Sankt 
Peters hodigeweihter Dom Sdiützt selbst den Lcutcnant von 



152 Zweiter Teil, Ästhetische Wertung. 

Rom« nicht vor dem Tod. »Mußt dann hinab zum Orcus 
gehn, die armen Seelen braten sehn, Wirst selbst gebraten 
dort.« — Zu einer äußerst sdiarfen, aber witzigen Parodie auf 
den Prediger Merz''') diditet Ratschky <I 266) II 19 um. 
Wie Horaz Bacdius, sieht der Wiener <im Traum) den »Eifrer 
Merz« auf dem Predigtstuhl/ »Küdiennymphen« und Hand- 
werksjungen lausdien, >^Schone«, ruft er, dem die Ohren gellen, 
»sdione dodi, du tapfrer Sdinupftudisdiwinger !« 
Du bändigst, großer Thaumaturg, 
Halb Augsburg, Ulm und Regensburg, 
Ja fast das ganze Sdiwaben , , , 
Alles fürditet didi, den unbezwinglidien Ketzertöter; 
Didi würde selbst, du tapfrer Mann, 
Der Höllenhund mit seinem Zahn 

Nidit wagen anzubled^en. 
Und wedelnd mit dem zottiditen. 
Gekrausten Sdiweife, dir die Zeh'n 
Mit zahmer Sanftmut led^en. ■— 

Sogar der Weltkrieg zeitigte Horazisdie Parodien, wie 
eine Probe <zu 111) aus der Mündiener »Jugend« <1917, Nr, 2> 
zeige ^2): 

»Frag' nidit, Weiberl, — s'ist für die Katz' ! — 

Wann der Krieg seinem Ende naht! 
SAau, die Sterne erkundens nidit, 

Audi die Karten wissen nidit Rat, 
Und den Kaffeesatz fragst du umsonst. 

Gieße nidit Blei, du blamierst didi nur: 
Mumpitz ist der Propheten Kunst, 

Niemand hat einer Ahnung Spur. 
Ob der Landsturm verlängert wird. 

Ob die Dienstpflidit audi midi erfaßt — 
Laß das Grübeln ! Ist's mir bestimmt. 

Dreh' idi Granaten ohn' Ruh und Rast. 
Glätte die Stirn und fülle das Glas, 

Trinke mit mir mit heitrem Gesidit: 
Heute ist heut, was morgen wird 

Kümmre die Götter, die Mensdien nidit!« 



\'. Hcraz als Muster. | 53 



In all diesen ernsten und sdierzhaftcn Nadididitungen und 
Parodien ist nur die Horazisdie Form zu versdiiedencn Zwed<en 
benützt/ nirgends begegneten wir Diditungen, die Horaz selbst 
oder seine Oden zum Gegenstand des Spottes hatten. Indes 
fehlt es nidit gänzlidi an kritisdicn oder spöttisdien Stimmen. 
In gutmütigem Sdierz spottet Rückert einmal des Diditcrs, 
daß er »für Bandusias Quell das arme Böddein« ans Messer 
liefere. Wird die Nymphe sidi lieber im blutgeröteten Wasser 
spiegeln,- »wird ein Wandrer, in der Glut des Mittags sudiend 
labenden Trunk, zurüd\ nidit sdiaudern vor dem blutigen Naß? 
Das alles sdieinst du, o Horatius . . . nidit bedadit zu haben, 
und nun muß idi es Spätgeborener rügen«. Ebenso harmlos 
ist es, wenn Ch. Beys zur Ode I 28 den Ardiytas spotten 
läßt: »Moy, qui bienque defunct te parle, o Nautonnier«. 
Oder wenn Ma.\ Eydt, der bekannte Ingenieurdidifer mit 
humoristisdier Anspielung (an c. I 4> meint: 

»Die Grazien »stampften« einst die Erde, 
Wenn sie beim Tanze sid» ergötzt. 

Kaum kennt man heute die Geberdc, 
Und hat sidi billig drob entsetzt.« 

Heine (Reisebilder I 75) sagt, im Hinblid< auf das nonum 
prematur in annum, Horaz häne zu gleidicr Zeit das Rezept 
geben sollen, wie man neun Jahr ohne Essen zubringen könne. 
Anders steht es gegenüber soldiem harmlosen Spaße mit 
den Angriffen auf Horazcns pcrsönlidien Mut. Bekanntlidi 
haben Seume^*) und Börne (III 103) sidi sehr bitler über 
Horazcns Tapferkeit geäußert. Vergebens hane sidi u. a. 
audi Lessing in seinen »Rettungen des Horaz« für den gc- 
sdimähten Diditer eingelegt. Der Spöner Heine (ill 103) 
glaubt auf Beifall redinen zu dürfen, wenn er gcicgentlidi der 
Füsilierungen von deutsdicn Revolutionären (Oktober \S\Q} 
aus seiner »Matratzcngruft« einen Pfeil absdiießt: 

Vielleidit mit Waffen in der Hand 

Hat man den Tollkopf angetroffen. 
Nidit jeder hat so viel Verstand, 

Wie Flaccus, der so kühn davongcloffen ! 
Es lag nahe, damit das geflügelte Wort des Diditers: Duice 



J54 ^.weiter Teil. Ästhetische Wertung. 

et decoriim est pro patria mori <III 2, 13) in Zusammenhang 
zu bringen. Wiederum prägt Heine <III 31) ein paar witzige 
Zeilen, wenn er sagt: 

Leben bleiben wie das Sterben 
Für das Vaterland ist süß, 
während Wieland <IV 9> im »Musarion« meint: 
Sdiön, süß sogar ^ zum mindsten singet 
Ein Diditer, der zwar selbst beim ersten Anlaß floh — 
Süß ist's und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben : 
Dodi audi die Weisheit kann Unsterblidikeit erwerben. 
Ohne den Horaz selbst anzugreifen, sdiränkt G ö c k i n g k <III 142> 
das allgemein gehaltene Wort ein, indem er, im Hinblid^ auf die 
skandalösen Auswüdise der Kabinettswillkür, freimütig äußert : 
Süß mag es sein, fürs Vaterland 
Als Held zu sterben mit Freuden,- 
Dodi haben wir so viel Verstand, 
Um Fürstengeiz und Vaterland 
Ein wenig zu untersdieiden, 

3, Zitate, 

Wie man Horaz als Autorität für ethisdie Ansiditen an= 
rief, haben wir oben gesehen,- aber viel häufiger rief man ihn 
an zur Bekräftigung ästhetisdier Urteile, Ein überwältigendes 
Zeugnis für den gewaltigen Einfluß des Ästhetikers Horaz gab 
uns das Hamburger Gymnasialprogramm von Julius B i n 1 z : 
»Der Einfluß der ars poetica des Horaz auf die deutsdie 
Literatur des 18, Jahrhunderts« <1892>, .Namentlidi die dort 
ausgezogene Brief literatur zeigt uns, wie jener Brief an die 
Pisonen ganz in das ästhetisdie Bewußtsein der Gebildeten auf-- 
genommen worden war. Sollte jemand wie Bintz in gleidier 
Weise das 19, Jahrhundert durdimustern , die Auslese würde 
sidierlidi nidit kleiner. 

Aber mit Lessing hob eine vertiefte Kritik einzelner Sätze 
der ars poetica an, die nodi nidit abgesdilossen ist. Der be^ 
kannte Satz: »ut pictura poesis«, der ganzen Renaissance ein 
Dogma, von Breitinger und Bodmer, von Opitz und Gottsdied, 
von Windcelmann wie von den Ästhetikern aller Kulturvölker « 



V. Horaz als Muster. ]55 



als selbstverständlich angenommen , wurde von Lessing an^ 
gegriffen und siegreich bekämpft. Kein geringerer wie G o e t li c 
erklärt: »Das so lange mißverstandene ut j^ictura poesis war 
auf einmal beseitigt, der Unterschied der bildenden und Rede- 
künste klar. Die Gipfel beider erschienen nun getrennt, wie 
nah ihre Basen auch rusammenstoßen moditen.« Auch jener 
Satz: »et prodesse volunt et delectare poetae« spielt in der 
Ästhetik aller Zeiten eine wichtige Rolle,- indes wird uns über all 
diese Fragen der zweite Teil von Borinskis Werk: >Die 
Antike in Poetik und Kunsttheorie« <1914/ vgl. I S. 183 ff.) 
genauer unterrichten. 

Ungeheuer ist die Masse der ungenannten Horazzitate, wört-^ 
licher oder referierender Art. Diese Zitate können ein Konu 
pliment für den Angezogenen bedeuten,- Anspielungen enthalten 
in sich sdion eine zarte Huldigung oder lösen in dem Mitwisser 
das schöne Gefühl aus, die Absicht des Verfassers zu verstehen, 
erwedcen beim verstehenden Leser eine angenehme Erinnerung 
an einen Lieblingsdichter, bewirken ein Zusammenschwingen 
gleicher Stimmungen. 

Nicht selten reizt auch zur Zitierung fremder Worte die 
Sucht, den Umfang der eigenen Lektüre durch eingestreute 
Schmud\zitate zu zeigen, die eigene Darstellung zu beleben und 
zu zieren. 

Nur wenige Proben ! 

Am 10. April 1773 schreibt Goethe an Kestner: ■^Warimi 
ich Narr so viel schreibe, eben um die Zeit, da Ihr bei Eurer 
Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich gern 
nach dem Gesetz der Antipathie, da wir die Liebenden fliehen 
und die Fliehenden lieben.« Die Pointe stammt aus 1 loraz 
s, I 2, 107: »Meus est amor huic similis,- nam transvolat in 
medio posita et fugientia captat.« Am 25. Sept. 1792 schreibt 
er an die Herzogin: »Da ich mein voriges Blatt ansehe, finde 
ich, daß es mir ergangen ist wie jenem Töpfer, der einen Topf 
zu machen vornahm und dem der Ton unter den I landen zur 
Schüssel wurde.« Goethe durfte wohl erwarten, daß die 
Adressatin die Anspielung auf Horaz <a. p. 21) erkannte. 

Wieviele denken bei Schillers Wort (Don Carlos 1 9) : 



156 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

»Ein sdiredienloser Hüter meiner Tugend« an das horazisdie 
Vorbild <ep. I 1, 17>? Wenn Shakespeare <Antonius und 
Kleopatra) die Königin höhnen läßt: »Laß didi als Monstrum 
zeigen den sdiäbigsten Gesellen und Tölpeln !« so ist die An= 
spielung auf das fatale monstrum <c, I 37, 21) klar. Und wenn 
man bei Shakespeare <König Heinridi V., 3. A, 5> liest : »The 
Alps doth spit and void his rheum upon«, so ist die Anspielung 
auf den horazisdien Spott <sat. II 5, 41 : »Furius hibernas 
cana nive conspuet Alpes«) ebenso erwiesen. 

Bei Leopardi <canti 19) lesen wir: »ahi, ahi, s'asside su 
l'alte prue la negra cura«,- wie Goethe <Vier Jahreszeiten 
Sommer 24), wie Schiller <»Siegesfest«>, wie Ariosto 
<Orl. für. 28, 87) wiederholt er jene sdiöne Stelle bei Horaz 
<c. II 16, 21), 

In der Einleitung zum »Don Juan« <I 5) sagt Byron im 
Ansdiluß an Horaz <c. IV 9, 25) — Goethe übersetzte diese 
Verse — : 

»Brave men were living before Agamemnon 
And since, exceeding valorous and sage, 

A good deal like him too, though quite the same none,- 
But then they shone not on the poet's page. 

And so have been forgotten.« 

Jeder, der einmal die 1. Satire des Horaz las, weiß, weldie 
Stelle Heine im Auge hat, wenn er in den »Englisdien 
Fragmenten IX« sagt: »Mit verändertem Namen spridit von 
dir die Fabel.« 

Mit offener Anspielung auf c. IV 3, 1 ff, ruft M ö r i k e 
seinem Freunde H. Kurz zu <II 96>: 

»Sei mir, Diditer, willkommen ! Denn dir hat wahrlidi die Muse 
Heiter Lippen und Stirn und beide die glänzenden Augen 
Mit unsprödem Kusse berührt,« 

Hamerling spridit im »Ahasver in Rom« <1, Ges,) von 

Seneka : 

»Der immer trieft von stoisdien Sentenzen«, 

mit deutlidiem Hinweis auf c, III 21, 9, Wenn wir bei Geyer 
<Sdiwedisdie Gesdiidite III 247) von Gustav Adolf hören: 



VI. Horaz als Liebling. ] 57 



»Darum war er, wie der hochherzige Römer, mit seinem Leben 
nicht karg«, so merken wir den Anklang an c, I 12, 37. 

Und wenn sdiließlidi Bismarck (Reden VI 170) ausruft: 
»Die Luft ändert die Ansichten, die Meinungen, auch die 
Leidenschaften nicht«, so kannte der Gebildete die Quelle: 
Horaz ep. I 11, 29. 



Vi. Horaz als Liebling. 

Neben Vergil war Horaz der Liebling der Zeiten geworden, 
besonders der Renaissance,- die erste Horazausgabe <c. 1470) 
zählt zu den ersten Drucken überhaupt, und seither reiht sich 
Ausgabe an Ausgabe, in allen Kulturländern, in allen Sprachen, 
in allen Formen. 

Einzelne wählten sich den Diditer zum steten Begleiter und 
Berater, Wie Alexander d. Gr. stets seinen Homer bei sidi 
trug, so der römische Kaiser Alexander Severus seinen Horaz, — 
Der spanische Gesandte da Azara in Rom nahm den ver= 
triebenen Ordensmann Arteaga um seiner Horazkenntnisse 
willen in sein Haus auf, um mit ihm die prächtige Ausgabe 
des Horaz bei Bodoni in Parma <1793> zu drucken. Die 
epistola ad lectorem steuerte der Gesandte selber bei ! 

Als der berühmte Forster Cook auf seiner zweiten Ent- 
deckungsreise begleitete, nahm er in seine Schiffsbibliothek unter 
den Alten nur Homer und Horaz mit. — Königin Elisabeth 
von England soll den Horaz übersetzt und herausgegeben 
haben. — Auch König Ludwig XVIIl, von Frankreidi liebte 
den Römer ungemein und übertrug verschiedene Lieder, wovon 
uns der Zufall eins erhalten hat^"j, — Theodor von Fürsten- 
berg <1585— 1618), Fürstbischof von Paderborn, kannte den 
ganzen Horaz auswendig. 

Als Lefort'^j, der Günstling Peters d, Gr,, der Führer 
der russischen Gesandtschaft, in deren Gefolge der russisdic 
Zar incognito den Westen bereiste <1697>, am 2. März 1699 
in ziemlidi jungen Jahren starb, ließ er sich statt aller religiösen 
Vorbereitimg in den letzten Stunden c. 11! 3 vorlesen. — Der 
Brite linde rwood, der 1790 starb, ließ sich c. III 30, 6 
<non omnis moriar) auf den Grabstein schreiben, bei der Be- 



158 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

erdigung c, II 20, 21 ff, und beim Leidiensdimaus c. I 30 singen,- 
im Sarg mußte man ihm ein Horazexemplar in die Hände, ein 
anderes zu seinen Füßen legen. 

Aber erst im 18, Jahrhundert wurde die Lebensansdiauung 
des römisdien Diditers zur Weltansdiauung einer ganzen Diditer- 
generation und ihrer Gemeinde, der sogenannten Ana- 
Itreontiker. Die deutsdie Anakreontik ist eine wunderlidie 
Kontamination von horazisdier Lebenskunst, erwadisen aus der 
sokratisdien Weisheit, wie man aus der ars poet. V. 310: rem 
tibi Socraticae poterunt ostendere diartae sdiloß, und aus ana- 
kreontisdiem Getändel, Hagedorn war der erste, weldier 
diese neue Grundstimmung in der deutsdien Poesie heimisdi 
madite. Ein Lebemann, ein Vielbelesener, mit der leiditen raillerie 
der zeitgenössisdien Franzosen La Fare, Chapelle und Chaulieu 
vertraut, machte er seine Auffassung von Anakreon vorbildlidi, 
Nadi ihm ist nämlidi Anakreon nidit bloß ein Sänger des 
Weins und der Liebe, sondern ein philosophisdier Diditer, 
»weldien selbst Sokrates . . . den Weisen nennet« , der die 
Mensdiheit zur Natur hinführt. Damit ist die Zusammen- 
sdimelzung mit dem »sokratisdien« Horaz leidit : mit ihm preist 
er das Landleben, die Freundsdiaft, den mäßigen Genuß, den 
weltfreudigen Optimismus. »Der deutsdien Litteratur ward es 
zum Heil, daß dem sdiwerflüssigen Haller, der die lädielnde 
Freude nie gefühlt, der Liebe mehr Nänien als Loblieder ge= 
sungen, und seit früher Jugend keinen Traubensaft gekostet hat, 
der did^e Lebemann Friedridi von Hagedorn gegenüberstand . . , 
Ihm jubelte die Jugend zu : denn er ersdiien ihr wie der Meister 
des Symposions, der die Nadit durdiSedien und bei Sonnen^ 
aufgang ein bedeutendes Gesprädi anheben konnte. Ein »Evan 
Evan Hagedorn« tönte dithyrambisdi aus dem Freundsdiafts^ 
tempel der Bremer Beiträger, »und die Jünglinge sangen und 
empfanden wie Hagedorn« heißt es von der gehobenen Freude 
der Züridier Kahnfahrt,- »du bist in unsokratisdien Zeiten 
Wenigen Freunden ein teueres Muster«, singt Klopstodi, nadi- 
dem er einen sdieelen Blid^ auf die »Priester« geworfen hat, und 
der junge Lessing erklärt Hagedorn für den größten lebenden 
Diditer, während ihn Gleim als Am*brs Liebling feiert.« 
<Er, Sdimidt"). Hatte man früher die Großen der Erde be=^ 



VI. Moraz als Liebling. ] 59 



neidet, jetzt bedauert man sie,- gegenüber den iinvermeidlidien 
Mißstimmungen und PIad<ereien des Lebens hüllte man sidi in 
den stoisdien Mantel der c(totoa;i7,- dem pictistisdicn Wüten gegen 
Weldust, Theater und Tanz setzte man den vernünftigen, goldenen 
Mittelweg des Horaz, das nil admirari entgegen. 

Gerstenberg, der junge Lessing, Weiß, Nie. Götz, LIz, 
Gleim, Ew. Chr. von Kleist, Jacobi sind eben.so große Freunde 
und Nadiahmer der Anakreontea wie des Horaz. Und wenn 
auA das Volkslied, von Herder wieder entded\t und aufcrwctkt, 
die Anakreontik abbaute, sie wirkt nodi nadi im Sdicnkenbudi 
Goethes und Geibels, im Mirza'Sdiatfy Bodenstedts, im 
Gaudeamus Sdieffels, 

Diese Stimmung faßt Goethe zusammen, wenn er von 
dem Major in »Wilh. Meisters Wanderjahren« <I1 4) erzählt, 
er habe seine Gedidite vorgesudit: »Zu gleidier Zeit kamen 
ihm mandie Gedenk= und Erinnerungsbüdier, Auszüge beim 
Lesen alter und neuer Sdiriftsteller enthaltend, wieder zur Hand. 
Bei seiner Vorliebe für Horaz und die römisdien Diditcr war 
das meiste daher und es fiel ihm auf, daß die Stellen größten* 
teils Bedauern vergangener Zeiten, vorübergesdiwundencr Zu- 
stände und Emphndungen andeuteten. Statt vieler rüdicn wir 
die einzige Stelle hier ein : 

»Heu ! 
Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit? 
Vel cur his animis incolumes non redeunt genae? 
Wie ist heut mir dodi zu Mute? 

So vergnüglidi und so klar! 
Da bei frisdiem Knabenblute 

Mir so wild, so düster war. 
Dodi wenn midi die Jahre zwad\en, 

Wie audi wohlgemut idi sei, 
Denk' idi jene roten Backen, 

Und idi wünsdie sie herbeiv^ . . .'"). 
»War es das Umblättern dieser Papiere oder sonst ein äugen* 
blid^lidies Mißbefinden, der Major fühlte sidi nidit heiter ge- 
stimmt. Daß die Jahre, die zuerst eine sdionc Gabe nadi der 
andern bringen, sie alsdann nadi und nadi wieder entziehen. 



1 60 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung, 

schien er auf dem Sdieidewege, wo er sidi befand, auf einmal 
lebhaft zu fühlen«. 

Zweifellos überträgt Goethe hier die eigene gelegentlidie 
Stimmung auf den Major: audi der Diditer pflegt, »um ein 
Werk redit innig zu genießen«, es nadizubilden, wie er in der 
»Kampagne in Frankreidi« verrät,- der horazisdie Gedanke, in 
ep. II 2, 55 ff u. a. p, 175 ff wieder aufgegriffen, besdiäftigte 
Goethe wiederholt, so im Nachtrag zu den »Jahreszeiten«, in 
den Versen zum »23. Januar 1814«, in einem Sprudi des 
»Tefkir Nameh« <»die Jahre nahmen dir«>. 

Dieser Begeisterung für Horaz entsprangen audi L e s s i n g s 
Arbeiten, die sich mit ihm beschäftigen: »Das Vademecum für 
H. Sam, Gotth. Lange« und »Die Rettungen des Horaz«. 

Das »Vademecum« ist einem ästhetischen Gefühl entsprossen. 
Was er am 21. Jan. 1758 an Nicolai hinsichtlich einer schlechten 
Theokritübertragung schrieb, bewog ihn auch hier : »In Ansehung 
der alten Schriftsteller bin ich ein wahrer irrender Ritter,- die 
Galle läuft mir gleich über, wenn ich sehe, daß man sie so 
jämmerlich mißhandelt«. So sagt er auch in der Einleitung der 
Kritik an Lange : »Soll Herr Lange glauben, daß er eine solche 
Quelle des Geschmacks mit seinem Kote verunreinigen dürfe, 
ohne daß andere, v/elche so gut als er daraus schöpfen wollen, 
darüber murren? Will niemand mit der Sprache heraus?« 
Außerdem veranlaßte den Kritiker zu seinem scharfen Vorgehen 
der Umstand, daß sogar ein Gleim die »horazisdien Oden« 
des herzlich unbedeutenden Lange »hyperhorazisch« fand, Hage- 
dorn, Sulzer, Kleist in diese Überschätzung einstimmten,- daß 
sogar Friedrich d, Gr. die Dedikation der Lange'schen Horaz= 
Übersetzung annahm, den preußischen Adler auf der Widmungs^ 
Seite anzubringen gestattete mit dem Motto: defendunt decus 
Camenae. 

Dieser Oberflächlichkeit, diesen Verpfuschern antiker Größen 
einen Riegel vorzusdiieben, war der Zwed^ des Vademecums. 
Daß zum Übersetzen vor allem Gewissenhaftigkeit im kleinen, 
grammatische und stilistische Kenntnisse nötig siqd, mußte Lessing 
seiner Mitwelt wieder zeigen. Aus jeder Zeile dieses Meister- 
stückes philologischer Kritik leuchtet die Liebe zu dem miß- 
handelten Alten heraus. 



VI. Horaz als I.iebliiij?. JßJ 



Die »Rettungen des Horaz« betretVen die nioralis che Seite 
des Römers, Lessing iiatte es längst »mit dem bittersten Ver^ 
drusse bemerkt«, daß man ihm, »den großen Geist nidit ab- 
streiten kann, lasterhafte Sitten« angedidbtet hatte. Er dadite 
an die Auffassung, wie sie zu seiner Zeit gang und gäbe xvar, 
wie sie nodi Lange, der trepidavit <II 4) mit »Zittern« über* 
setzt hatte, vorbradite : »Wie? ist das so was Seltenes, daß ein 
Trinker wie Horaz, der audi nidit keusdi lebte, im 40tcn Jahre 
zittert?« Selbst auf die Gefahr hin, einen »Heiden gar zu vcr* 
ehrungswürdig zu madien«, unternimmt er es, seinem Liebling 
»unverdiente Fledven abzuwisdien«. 

Zu diesen Erwägungen trat aber nodi eine innere Ver* 
anlassung, ein persönlidier Grund: Lessings Antagonismus zu 
der herrsdienden Geistesriditung. In Lessings Jugendzeit begann 
der uralte und niemals auszutragende Streit zwisdien Pietismus 
und Aufklärung in Theologie, Philosophie, Literatur und Kunst 
aufs neue zu entbrennen, zumal der 38 jährige König Friedridi d. Gr. 
den fehdelustigen und gewandten Vorkämpfer der europäisdien 
Aufkiärungsphalanx, Voltaire, nadi Potsdam berief. Mit 
größter Anstrengung warf sidi dem immer offener bekannten 
Rationalismus eine Pietistensdiar entgegen, die allmählidi zu un' 
duldsamster Ketzerriditerei ausartete. Bekehrungswütige und in 
Bußkrämpfen sdiwelgende Eiferer leiteteten einen wahren Kreuz* 
zug gegen die sdinöde »Welt«, den sündigen Leib und weit' 
lidie Freuden ein. Tanz, Kartenspiel, L^eude an sdiöncn 
Kleidern, sdiließlidi sogar Ladien, Sdierzen, Promenieren, Ball' 
spielen galt für unerlaubt und eines rediten Christcnmcnsdien 
unwürdig. Das jüngere Gesdiledit zu Lessings Tagen ward 
von dem unfruditbar gewordenen Streit zwisdien Gottsdicdiancrn 
und Sdiweizern zu zwei Diditern gelenkt, weldie die beiden 
Lebensansdiauungen in sidi verkörperten: Haller, der ernste, 
pietistisdi gesinnte Gelehrte, der seit frühester Jugend keinen 
Wein über seine Lippen gebradit, und Hagedorn,- der heitere 
Typus des sorgenlosen Lebemannes, das Haupt der dcutsdien 
Anakreontiker. 

Lessing atmet in seinen »Kleinigkeiten« den Geist der Ana- 
kreontik: er sang audi von Liebe und Wein und galt in den 
Augen Strenggesinnter als Mitglied jener »sardanap.ilisdicn« 

Stemplinger, Horaz. '' 



152 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Zunft der Liederlidikeit, als Trabant der Wollust wie ihr Patron, 
Horaz, das »Sdbwein aus der Herde des Epikur«. 

Nodi mehr galt der Kampf den Theaterdiditern und ^freunden, 
Kalvinisten und Lutheraner wetteiferten im Zelotismus, Der 
Prediger Schlosser zu Bergedorf, der als Kandidat einige 
rührselige Komödien verfaßt hatte, wurde nodi 1769 auf ein 
Gutaditen der theologisdien Fakultät zu Göttingen auf die un^' 
duldsamste Art verfolgt, und Lessings bekannter Gegner, Haupt- 
pastor Goeze zu Hamburg, nannte die Sdiaubühne ein 
»Bordell, verpestetes Haus, Löffel vergifteten Wassers und 
Samen des Unkrauts«. 

Der grämlidie Pietismus war audi in Lessings Vaterhaus 
eingezogen : der eherfials frisdie protestantische Forsdierpastor 
Johann Gottfried war im Lausitzer Winkel ein polternder Zelot 
geworden, der von der Kanzel herab seinen Kamenzern den 
Satansgeist der Weltlust und den Vorwitz der mensdilidien 
Vernunft auszutreiben sidi bemühte. Wie er über den »nieder- 
träditigen Umgang mit Komödianten«, »über die gottlose Freund* 
sdiaft gegen den Freigeist Mylius« dadite, wissen wir aus 
Lessings Briefen aus der Leipziger und ersten Berliner Zeit. 
Wie er über die Anakreontea * urteilte , ersehen wir aus 
des Sohnes Antwort, »sie verdienten nidits weniger den Titel, 
den Sie ihnen als ein allzu strenger Theologe geben«. Und 
seine Sdiwester warf das Manuskript jener Gedidite kurzweg 
in den Ofen, »wo sie sidi an der poetisdien Flamme redit sehr 
ergötzte«. 

Eine Rettung des Horaz bedeutete also für Lessing mehr 
als die Verteidigung eines alten Poeten, mehr als die Abwehr 
oberflädilidier Angriffe,- sie bedeutete eine Ehrenrettung der 
Horazianer und damit der Poesie überhaupt. 

In drei Punkten verteidigt Lessing seinen Liebling, Zunädist 
wird über die Moral ität des Horaz ausführlidi gesprodien. 
Die geistreidie Interpretation und Kritik des berüditigten Sueton- 
klatsdies, nadi der die sdimutzige Spiegelgesdiidite von einem 
gewissen Hostius <Seneca quaest, nat, I 16) auf Horatius über= 
tragen wurde, bestidit. In der Tat ist die bewußte Stelle in 
den maßgebenden Suetonausgaben <von Hase, Roth, Reiffer* 
sdieid) als interpoliert eingeklammert, Roth (Rhein, Mus. 



VI. Horaz als Liebliii)^. |63 



1858, 517) hat die Lessingsche Vermutung zur Gewißheit er* 
hoben. 

Weiterhin wendet sidi Lessing gegen jene Ausleger, die aus 
den Diditungen des Horaz selbst seine Wolhist herauslesen 
und jedes Wort als bare Münze nehmen. Zunädist betont er, 
man müsse den Diditer »nadi der Denkungsart seiner Zeit- 
genossen erklären«, wie er sdion in der ^>Kritik über die Ge- 
fangenen des Plautus^< festgestellt hatte, ein Satz, der uns heut- 
zutage als selbstverständlidi ersdieint, damals aber von Lessing 
seit Aristardi zum erstenmal wieder ausgesprocben werden mußte. 

Ferner entwid^elt er — das trifft jene Feinde der Poesie 
überhaupt — , man müsse einem Diditer einräumen , daß er 
»Wein und Liebe, Ruhe und Lachen, Sdilaf und Tanz besinge 
und sie als die vornehmsten Güter dieses Lebens besingen 
darf«, ein Gesiditspunkt, den er audi später in den »An-» 
merkungen über das Epigramm« hinsiditlidi der gerügten LIn-' 
sittlidikeit Martials nodi eingehender erörtert. Aber, meint der 
junge Kritiker, der Lyriker müsse aus der Erfahrung und nidit 
aus der Einbildungskraft zu spredien bloß scheinen, die 
Leidensdiaften nidit durdi Wirklidikeiten, sondern durdi willkür- 
lidie Vorstellungen in sidi rege machen. Nur um die Leser 
oder Hörer zu rühren, weldie erlebte Gefühle mehr auf* 
regen als bloß erzählte, müsse er sidh des »künstlidien Blend- 
werkes« bedienen. 

Lessing sdjöpft diese Theorie aus seiner eigenen Sdiatfens' 
weise. So entsdiuldigt er sidi seinem über die Iciditlcrtigen 
Lieder erbosten Vater gegenüber: »Man muß midi wenig 
kennen, wenn man glaubt, daß meine Empfindung im geringsten 
damit harmoniere«. So erklärt er in den »Rettungen des Horaz« 
selber seine »Phyllis und Laura und Corinna« als »Wesen 
der Einbildung«. In der Tat hatte »die große Errungenscbaft 
des 17. Jahrhunderts, die persönlidie, auf das Einzelericben 
gestellte Lyrik«, wie sie z. B. in Günther zum Durdibruch 
gelangt war, wieder einer anempfundenen Spielerei mit Ge- 
fühlen und Erdiditung von Erlebnissen Platz gemadit. Und 
so ruft denn Lessing im Hinblid< auf Horaz aus: »Muß er 
denn alle Gläser geleert und alle Mäddiens geküßt haben, die 
er geleert und geküßt zu haben vorgibt? ja. Lessing meint 

W 



154 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung, 

sogar: »Je größer überhaupt der Didhter ist, je weiter wird 
das, was er von sidi selbst mit einfließen läßt, von der strengen 
Wahrheit entfernt sein«. Seit wir Goethes Konfessionen haben, 
die Stimmungslyrik Mörikes, ist diese Theorie überwunden. 

In zweiter Linie sudite Lessing den Diditer von dem Vor- 
wurf der Feigheit zu reinigen, die er nadi eigenem Ge- 
ständnis <c. II 7> bewiesen habe. Er faßt das Ganze als 
ironisdien »Sdierz« auf und führt damit ein glüdilidies Motiv 
in die Horazinterpretation ein, das seither nodi mandi erfreulidie 
Lösung erzielte. 

Zum dritten verteidigt der Kritiker den Römer gegen den 
Vorwurf des Atheismus, den man unter anderem aus 
c, I 34 herauslas. Dabei gibt er von dieser Ode eine prosaisdie 
Übersetzung und eine eingehende Analyse, die in der im 
Laokoon behandelten 35, Ode ein ebenbürtiges Gegenstüd<. 
findet. Lessings Behandlung entzüd<te Chr. Ad, Klotz, der 
10 Jahre später <1764> selber vindiciae Horatianae verfaßte und 
Hagedorn sdirieb : »Ein Bentley würde sidi sehr gesdimeid\elt 
haben, wenn er dergleidien Einfälle gehabt hätte«. Bisher hatte 
man in dem 34. Liede entweder eine Absage an die Epikureer 
oder eine Spötterei gegen die Stoiker gesehen. Lessing erblickt 
darin nidits als den Ausdrud^ einer augenblidvlidien Stimmung, 
geleitet von dem Grundsatz, den er in »Pope als Metaphysiker« 
(1755) ausspridit: »Alles, was der Diditer sagt, soll gleidi 
starken Eindrudt madien,- alle seine Wahrheiten sollen gleidi 
überzeugend rühren, Um dieses zu können, hat er kein ander 
Mittel als diese Wahrheit nadi diesem System und jene nadi 
einem anderen auszudrüd^en. Er spridit mit dem Epikur, 
wo er die Wollust erheben will, und mit der Stoa, wo er die 
Tugend preisen soll«. 

Die »Rettungen des Horaz« enthalten nidit bloß eine Redit- 
fertigung des Horaz und des Diditers überhaupt, sie sudien 
das Wesen der lyrisdien Poesie zu analysieren, sie öffnen den 
Zugang zur Werkstatt des Lyrikers mit philologisdier Methode, 
Sie maditen den jungen Stundenten über Nadit zu einem 
»berühmten Gelehrten«, Selbst der selbstgefällige Herr von Bar, 
der in seinen »babioles litteraires et critiques« <1761> mit seinem 
»Horace venge« ohne Kenntnis der »Rettungen« das gleidie 



VI. Horaz als Liebling. 155 



Thema erörtert hatte, allerdings bloß in allgemeinen Redens- 
arten, ließ 1763 in seinem Büchlein »Der gerächete und ge- 
rettete Horaz« neben der Übersetzung seines Horace vcnge 
und Hagedorns »Horaz« audi die »vortreffliche Schutzschrift 
des deutschen Addison« zusammen drucken. 

War es Lessing gelungen, das Bild des echten Horaz durdi 
scharfe Interpretation aus dem Rahmen falscher und miß- 
verstandener Auffassimgen zu heben, so vollendete Wicland 
den Versuch Hagedorns <im »Schwätzer«), den Augustccr im 
deutschen Plauderton der Mitwelt genießbar zu machen. Wie- 
land war von Haus aus eine anlehnende Natur. Zu Original- 
schöpfungen fehlte ihm die ursprüngliche Kraft eines Goethe 
und Schiller. Dagegen verstand er es meisterhaft, sich in fremde 
Zeiten, fremde Stoffe, fremde Stimmungen hineinzuversetzen, 
verwandten Geistern nachzudenken und nachzufühlen. »War 
er . . . mit den Griechen durch Geschmack nahe verwandt, so 
war er es mit den Römern noch mehr durch Gesinnung. Nicht 
daß er sidh durch republikanischen oder patriotischen Eifer hätte 
hinreißen lassen, sondern er findet, wie er sich den Griechen 
gewissermaßen nur andichtete, unter den Römern wirklich seines- 
gleichen. Horaz hat viel Ähnliches von ihm,- selbst kunst- 
reich, selbst Hof^ und Weltmann, ist er ein verständiger Be- 
urteiler des Lebens und der Kunst« <Goethe>. Wieland weist 
einmal, in dem »Sendscfireiben an einen jungen Dichter*, auf 
seine Übersetzung der Episteln und Satiren hin : »Lesen Sie, 
wenn Sie wollen, ... die Zusätze seines <d. i. Horazens) 
neuesten Kommentators, der seinen Autor <aus dem simplen 
Grunde, weil es ihm ungefähr ebenso ergangen war), an- 
schaulicher und inniger als manche andere verstanden zu haben 
scheint'.<. 

»Es gibt zwei Übersetzungsmaximen«, fährt Goeti»e in 
seiner Rede »zum Andenken Wielands« fort,- »die eine ver- 
langt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns hcrübcr- 
gebradit werde, dergestalt, chl) wir ihn als den Unsrigen an- 
sehen können , die andere hingegen madit an uns die Forderung, 
daß wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine 
Zustände, seine Spradiweise, seine Eigenheiten finden sollen. . . 



\Qß Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Unser Freund, der audi hier den Mittelweg sudite, war beide 
zu verbinden bemüht,- dodi zog er als Mann von Gefühl und 
Gesdimad^ in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor.« 

»Man betradite, wie er in seinen Einleitungen uns redit in 
die Zeit zu versetzen und mit den Personen vertraut zu madien 
bemüht ist, wie er alsdann seinen Autor auf eine uns sdion 
bekannte, unserem Sinn und Ohr verwandte Weise spredien 
läßt und zuletzt nodi mandie Einzelheit, weldie dunkel bleiben, 
Zweifel erregen, anstößig werden könnte, in Noten auszulegen 
und zu beseitigen sudit. Durdi diese dreifadie Bemühung, sieht 
man redit wohl, hat er sidh erst seines Gegenstandes bemächtigt, 
und so gibt er sidi denn audh die redlidiste Mühe, uns in den 
Fall zu setzen, daß seine Einsidit uns mitgeteilt werde, auf daß 
wir audi den Genuß mit ihm teilen.« 

Wieland ist der erste, der nidit im Sdiulton übersetzt. Er 
übersetzte die Plaudereien des Horaz für die gebildeten Laien, 
nidit für Philologen, Was ihm in seinen Verserzählungen ge- 
lang: den französisdien Esprit, die französisdie Grazie und 
Flüssigkeit der Spradie im Deutsdien heimisdi zu madien und 
damit das Lesepublikum, das bisher nur am Französisdien 
Gefallen gefunden hatte, zur deutsdien Literatur herüberzuziehen, 
das erreidite audi seine Horazübertragung. Eine soldie urbane 
Art zu plaudern hatte man der deutsdien Spradie gar nidit 
zugetraut, und seine Einleitungen und Erläuterungen, aus 
Fremdem und Eigenem zusammengewebt, bewirkten zum ersten- 
mal, daß der römisdie Plauderer im großen Publikum, das 
nidit Latein verstand, begeisterte Leser und Genießer fand. 

Nunmehr war der Boden gelod^ert für Herders ästhetisdie 
Betraditungsweise , die zwar nidit in der Tiefe, aber in der 
Weite und intuitiven Sidierheit Lessing überflügelt. Er ver* 
kündet lange vor Nietzsche die Überwindung der Antike 
durdi Nadisdiöpfung. »Es bleibt nidit . . . sdilediterdings ein 
Ruhm : dieser Diditer singt wie Horaz ... Idi sage : nidit 
sdilediterdings! Aber das ist ein großer, ein seltener, ein 
beneidenswerter Ruhm, wenn es heißen kann : so hätten Horaz, 
Cicero . . . gesdirieben, wenn sie über diese Vorfälle, auf dieser 
Stufe der Kultur, dieser Zeit, zu diesen Zweden, für die 
Denkart dieses Volkes, in dieser Spradie gesdirieben hätten.« 



\'I. Horaz als Liebling. \ßj 



»Ein Originalschriftsteller im hohen Sinne der Alten ist . . . 
beständig ein Nationalautor.« Damit war die imitatio der 
Renaissance ästhetisdi überwunden. 

Herder lebte ganz in den Ideen der Antike,- aber keiner hat 
ihn während seines ganzen Lebens so innig angezogen wie 
Horaz, Sdion in Königsberg <1765> begann der Einundzwanzig-» 
jährige eine unvollendet gebliebene Abhandlung '^Llbcr die Ode«, 
aus der er ein Brudistüdv in den »Fragmenten zur neueren 
Deutsdien Literatur« <III 3> veröfFentlidite, wobei Nadibildungen 
von Ramler, Klopstock,LIz und Lange des näheren mit 
Horaz verglidien werden. Ebenda handelt er in Ansdiluß an 
Abbt »von der horazisdien Satire«. 

Ferner setzt er sidi in den >''Kritisdien Wäldern« <1769) mit 
Horazerklärern auseinander. So im 3. Wälddien (»Über einige 
Horazisdie Rettungen und Erläuterungen«), wo er Klotzens 
vindiciae Horatianae zerzaust als eine urteilslose, geistlose 
Notenkrämerei. Nie fehlte ihm bei aller Gelehrsamkeit der echt 
horazisdie Geist,- jede Ode müsse als ein Ganzes, entsprediend 
der Empfindung und ihrer eigenen Laune, dem sie be^ 
herrsdienden Tone, der durdigehenden Harmonie der lyrisdien 
Stimmung aufgefaßt werden. In diesem Sinne und Gesdimadi, 
der mit feinem Ohr die Versrhythmen, den Periodenfall, den 
Silbenklang erlausdit, gibt er selbst eine Probe seiner Erklärungs- 
methode im L Wälddien, wo er C. I 35 gegen Lessings Vor- 
würfe <Laokoon X> mit Gesdiid< verteidigt, indem er sidi ganz 
auf den Standpunkt des Diditers, seiner Zeit und des <wahr- 
sdieinlidien) Zwed\es stellt. 

In den folgenden Jahren besdiäftigt sidi Herder mit Über- 
setzungen aus Horaz: eine Reihe \Ol^ Liedern, Satiren und 
Episteln ward von dem fleißig und emsig feilenden Diditer 
übertragen, aber zum geringsten Teil in Druck gegeben, ob- 
schon er über Vossens Horazübersetzung an Gleim <1799) 
schreibt: »Wenn Horaz in seiner Sprache so gesungen hätte, 
glauben Sie wohl, ein Römer hätte ihn gelesen, Horaz hätte 
sich erhalten?« 

1803 erschienen dann Herders »Briefe über das Lesen des 
Horaz, an einen jungen Freund« <y\drastrca, 5. Bd.), die zu 
den ästhetisdi feinsten Bemerkungen zu zählen sind, die jemals 



158 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

über den Lyriker Hora- geschrieben \rurden. Im 1 . Brief 
handelt Herder über den Charakter des römisdien Sängers. 
Seine Musen \raren Anmut und Grarie, die sidi namentlidi im 
Siibenmai), der lyrisdien Fassung und Wortfügung offenbart. 
Er wundert sidi, dal) »Horaz von unseren T^Iusikmeistern, die 
dodi an guten Texten oft ^langel leiden, so u-enig komponiert 
ist«. Sodann preist er die Deutsdien glüdvlidi, die insbesondere 
in Klopstock einen ebenbürtigen Rh>thmiker besitzen. — 
Der zureite Brief legt dar, weldi anmutige Gemälde uns Horaz 
vorführt. »Sudie dir . . . die geistige Situation auf, die der 
Diditer darstellen und beleben wollte, sudie in ihr seinen Stande 
punkt, seine Laufbahn, sein Ziel! . . . Bei Horaz wirst du 
eine ^.lenge Annehmlidikeiten finden, die sidi oft an ein Wort, 
an eine Fortsetzung oder Wendung ansdiließen und gleidisam 
in sie verbergen,- hätte der Diditer sie ausgemalt, so wäre der 
feine Zug zur Grimasse worden und jede Grazie verpinselt . . . 
Indem sie ihm nadispürten , woher er seine Ideen wohl ge- 
nommen? worauf er gezielt haben mödite? und ihn dabei bald 
in die Politik, bald in die Gelehrsamkeit begruben, war Anlage, 
Haltung, Kolorit zerstört,- verzerrt war die Grazie zu einer 
widrigen Maske.« — Besonderes Augenmerk verdienen die 
»Situationen der Liebe^<. — 

»Der angenehmste Gesellsdiafter ist ein naiver, sdiliditer 
Mann, ohne hohe Ansprüdie einer drüÄenden Größe, der das 
Leben liebt und dessen Gebraudi kennet, übrigens gefällig, 
jeder Hora bequem, und dabei golden von Gemüt, fest wie 
ein Anker. Um einen soldien vertausdien wir gern das größeste 
Genie, den lustigsten Witzling, den tiefsten Denker. — Ein 
soldier ist H o r a z ,- er lehrt und übt diewahrePhilosophie, 
den Genuß und Gebrauch des Lebens auf die lieb= 
lidiste Weise: er singet sie uns ein.« Das führt uns der 3. Brief 
des näheren aus. 

Im 4. Brief erörtert Herder Horazens Gesinnungen der 
Gefälligkeit, Liebe und Freundsdiaft, besonders sein rüdvhaltendes 
und dodi so inniges Verhältnis zu Maecenas. 

Seine Anmut zeigt sidi, sagt der 5. Brief, im Lobe Cäsar^ 
Augusts »auf ihrem Gipfel«. 

Im 6. und 7. Brief wird von Horazübersetzem gesprodien. 



V\. Horaz als Lieblins;. I59 



wobei unserem Herder Klopstock als der »kongenialste« 
dünkt. 

■ Von Herders Studien über Horaz gilt das Wort, das der 
Philologe Chr. G. Heyne ausspradi : »Wäre nidit unsere 
neue Literatur ein Meer, wo eine Welle die andere treibt und 
ihre Spur vertilget, um wieder selbst zu versdiwinden, so hätte 
z. B. vieles, was Herder über das Lesen der alten Klassiker, . . . 
Übersetzung der Klassiker . . . sdirieb, nidit so in Vergessenheit 
kommen können, daß es jetzt als neu gesagt ersdieinen muß.« 
In der Tat, als mit dem Durdidringen der griediisdicn Antike die 
römisdie Literatur in den Hintergrund gedrängt wurde, begann 
audi eine ästhetisdie Mindersdiätzung des Horaz , die erst in 
neuester Zeit einer gerediteren Platz madit : der Herdcrsdien. 

In den »Rettungen des Horaz« eifert Lessing sehr heftig 
gegen die »unwürdigen Anwendungen, die man \on den Ge^ 
dichten des Horaz auf den moralisdien Charakter desselben oft 
genug gemacht hat. De la Chapelle fand mit seinen Liebes- 
geschichten des Catulls und Tibulls Nadiahmer, so ein elender 
Schriftsteller er auch war« <vgl. oben S. 41). Abgesehen 
von diesen Machwerken verdienen die Memo ir es d'Horace 
von Alex. Dumas pere <1850)"''', die mit LInrecht vergessen 
sind, eine besondere Erwähnung. Dumas fingiert die Memoiren 
als von Horaz selbst verfaßt und »aus der Vatikanisdien Bibliothek 
ans Licht gezogen«. In sehr geschickter Aufmadujng, unter 
voller Ausnützung der ohnehin reichlich mit unbewiesenen Kom- 
binationen arbeitenden »histoire de la vie et des poesies d'Horace« 
von Ch. Ath. Walckenaer <1840, 2 Bände), mit überlegter 
Ausbeutung der Ciceronianischen Briefsammlung, der Kom- 
mentare Cäsars, der Plutarcfiischen Biographien zeichnet uns 
Dumas in oft spannendem Aufbau Horaz und seine Zeit, daß 
wir oft an Mommsens »Römische Geschichte« und Birts 
»Kulturhistorische Schilderungen der Antikcw erinnert worden. 
Natürlich werden Wahrheit und Diditung n.idi Bedarf durch- 
einandergeschüttelt. So lesen wir z. B. zur nntstchungsgcschiditc 
des 9. Liedes des L Buches: »Der Sommer verstridi, der 
Herbst rückte an. Da konnte ich gegen Anfang des furdit- 
baren Winters von 724 auf 725 den dringenden Einladungen 



170 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

eines meiner Freunde, Namens Thaliarch, nicht widerstehen,- 
er wohnte auf dem mons Marius, von wo aus man Rom und 
seine ganze Umgebung übersdiaut. Es ist dies eine der 
sdiönsten Aussiditen, die idi je bewundert habe.« 

»Idi verbradite bei ihm den strengsten Monat dieses strengen 
Winters,- mein Freund war sehr traurig,- denn er war grausam 
in seiner Liebe getäusdit worden, und die Untreue seiner Holden 
war ihm tief zu Herzen gegangen. Inmitten dieser grimmigen 
Kälte und um seinen Kummer etwas zu zerstreuen, madite idi 
folgende Ode an ihn« <folgt I 9). 

»Vielleidit werden die Kritiker hier einwenden, daß der 
Augenblidi, wo der Soracte mit Sdinee bededit und die Flüsse 
gefroren waren, sidi nidit gerade am besten zu der Einladung 
eigne, aufs Marsfeld herabzukommen, um Liebesgeflüster zu 
vernehmen. Darauf will idi antworten, daß wir uns im Anfang 
des März befanden, daß man, trotz einer sdineidenden Kälte, 
durdi die Sonnenstrahlen hindurdi das erste Lädieln eines 
Frühlings verspürte, und daß einen Monat, nadidem idi die 
Verse an ihn gemadit, die Bäume sidi mit Blättern und die 
Pflanzen mit Blüten beded^^ten.« 

Im Ansdiluß an Dumas sdirieb Fr, Jacob eine heute nodi 
redit ansprediende kulturhistorisdie Plauderei <1 852/3) »Horaz 
und seine Freunde«, in weldie die hervorragendsten Lieder des 
Diditers zwanglos verwoben sind. 

Diese Romandiditungen paßten gut in jene Tage, da das 
Lesepublikum im historisdien und kulturhistorisdien Roman 
sdiwelgte, da die Historienmaler mit antiken Stoffen einen 
Sturm der Begeisterung erregten. 

Audi die Dramatiker suditen Horaz auf die Bühne zu 
bringen. So Fr. Ponsard, der mit seinem entzüd^enden Ein= 
akter »Horace et Lydie« <1850> viel Beifall fand. Ferner 
O, F. G e n s i c h e n , dessen dramatisdie Plauderei »Lydia« am 
5. Februar 1884 im Meininger Hoftheater mit großem Applaus 
aufgeführt wurde. Den »Studenten Horaz« behandelt das 
Versdramolet von G. O, Trevelyan: »Horace at the Uni- 
versity of Athens« <1861> in gelungener Weise, 



VI. Horaz als Liebling, 171 



Leider wird erst in jüngster Zeit der Anfang damit gemadjt, 
audi die Kunst heranzuziehen zu dem Zwed<e, Wege zu den 
»unveränderten Sdiätzen antiker Kultur ^< zu sdiaftcn. Moraz 
ist neben Ovid ein Diditer, der die Künstler anregte und bc 
fruditete. 

Die ältesten Illustrationen finden wir in der großen Folio-^ 
Horazausgabe des bekannten Humanisten Jac. Loc her <1498>, 
deren Holzsdinitre, in der Manier der Sdiedelsdien Chronik 
gehalten, zu den sdiönsten zählen, die wir besitzen. Sie ent- 
hält 150 Holzsdmitte, von denen nidit wenige aus andern 
Werken des gleidien Verlages <}oh. Grüninger in Straßburg): 
der Terenzausgabe von 1496 und Brants ^>Narrensdiirt"v, <1494> 
entnommen sind. 

Erst die »Emblemata Horatiana« von O. van Veen <1607> 
besdiäftigen sidi wieder mit Horaz. Diese 103 Bilder Veens, 
eines Sdiülers von Rubens, geben fast nur Landsdiaften mit 
Figuren, etwa nach der Art des Jan Brueghel oder Esaias 
van de Velde. Sie wollen zu einzelnen Sentenzen oder 
Bildern des römisdien Diditers gleidisam eine künstlerisdie Er- 
läuterung bieten. Diese Emblemata , gestodien von Boei, 
C. Galle imd P. de Fode, wurden an die dutzendmale auf- 
gelegt, in allen Kulturländern adaptiert,- audi Phil, von Z esc n 
verwertet sie in seinen Moralia Horatiana (Amsterdam 1656). 

Im 18. Jahrhundert findet man Gesdimack daran, die Horaz- 
ausgaben mit Vignetten italienisdier Landsdiaften oder mit Ab- 
und Nadibildungen antiker Bildwerke zu sdimüd\en. Von 
Bibliophilen ungemein gesdhätzt ist die Horazausgabe des be- 
rühmten Gelehrten und Kupferstediers John Pine <1733>, 
deren Text ganz in Kupfer gestodien und von 229 präthtig 
ausgeführten Illustrationen begleitet ist. Aber hier wie in den 
Illustrationen bei J. Jones <1736), Knapton^ San dby <1749> 
und J. Livie <1762> haben wir es nidit mit Originalkomposi- 
tionen zu tun, sondern mit Nadibildungen antiker Bas-Rclicfs, 
Gemmen und Kameen. Erst die Didotausgabc in Großquart 
<1799> enthält zwölf Eigenbilder des Erbauers des Louvrc und 
der Tuilerien, Ch, Percier, der den antikisierenden Stil des 
ersten Kaiserreidies am reinsten vertritt. Die von Girardct 
gravierten Bilder enthalten folgende Sujets : 1. Die Muse über- 



172 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

reicht dem Horaz die Leier, 2. Der Diditer arbeitet beim 
Lampensdiein, die Büste des Maecenas im Angesidit. 3. Der 
Diditer streut vor der Büste des Divus Augustus Weihraudi. 
4. Horaz auf dem Ruhebett sieht Venus in der Musdielsdiale 
emportaudien, 5. Der Diditer, halb Mensdi, halb Sdiwan, ist 
von den neun Musen umgeben. 6. Jungfrauen und Jüng- 
linge huldigen der auf ragendem Throne sitzenden Roma. Die 
Bilder leiten sinnig die einzelnen Odenbüdier, das Budi der 
Jamben und das Carmen saeculare ein. 

Die edition polyglotte von Monfalcon <1832> enthält 
21 Stahlstidie / die Ausgabe Didots des Jüngeren < 1855) gibt 
reizende Photographien von Zeidinungen des M, B a r r i a s 
wieder, unter anderem. 6 Landsdiaftsbilder aus den Sabiner- 
bergen. Die Ausgabe von H, Thompson <1853> ist mit 
250 Bildern ausgestattet, die Horazübersetzung von J, Janin 
<1860> mit sdiönen Photogravüren, Ferner haben wir zu ver= 
zeidinen den sogenannten Bilderhoraz von H. H. Mi Im an <1850> 
mit Murrays Vignetten und Holzsdinittbildern, das Pradit-= 
werk des Conte Simeon <1874> mit 172 vorzüglidi in Radier- 
manier ausgeführten Kupferstidien von J. Chauvet und 
Delätre, sdiließlidi die Ausgabe des D. M. Menendez 
y Pelayo <1882> mit sehr guten Illustrationen, Es muß 
wundernehmen, daß die erste deutsdie illustrierte Horazausgabe 
zugleidi audi die letzte war. 

Aber audi selbständige, nidit für Textausgaben bestimmte 
Bilder nadi Horazisdien Motiven sind zu erwähnen. Zunädist 
die Kupferstidie von J, Ph, Hadert^") <1780>, dessen 
Lebensbesdireibung bekanntlidi Goethe <1810/11> nadi des 
Kupferstediers Papieren verfaßt hatte. Hier lesen wir: 

»Im Oktober 1769 maditen die beiden Brüder Had^ert in 
Gesellsdiaft des Rats Reiffenstein eine Fußreise nadi Licenza, 
der ehemaligen Villa (i^s Horaz, und weiter nadi Subiaco und 
kamen, nadidem sie mandie sdiöne Aussidit gezeidinet hatten, 
über Pagliano und Palästrina nadi Tivoli zurüd<. Diese kleine 
vergnügte Reise maditen sie alle durdiaus zu Fuße, wobei ein 
Esel ihre Portefeuilles und Wäsdie trug, einem Bedienten aber 
die Sorge für ihre Nahrung aufgetragen war.« 

Ferner : 



VI. Horaz als Liebling. \J^ 



»Zu gleicher Zeit malte er viele Staffeleigemälde, unter 
anderem zehn Aussichten von dem Landhause des Horaz, 
welche ihm nachmals die Königin von Neapel abkaufte, um 
ihrer Frau Schwester, der Erzherzogin Marie Christine in 
Brüssel, ein angenehmes Geschenk damit zu machen. Allein das 
Schiff, das diese Bilder führte, ging auf der Seereise zugrunde. 
Glücklicherweise sind die vorher unter Had<erts Leitung davon 
gemachten Kupferstiche noch vorhanden.« 

Diese sind mit folgenden näheren Angaben <in französischer 
Sprache) versehen: 

l. Ansicht von Vicovaro, dem alten Varia, wenn man von 
Tivoli über die Via Valeria kommt. Horaz, Episteln I, 14 
<die Zitate sind immer lateinisch). 2. Ansicht des Klosters von 
San Cosimato, Wenn man von Vicovaro auf der alten valerischcn 
Straße kommt. Strabo. »Die valerische Straße beginnt in Tibur 
und führt ins Marser- Gebiet.« 3. Ansicht eines Teils des Klosters 
von San Cosimato mit der modernen Brücke über den Aiiio 
und einem Teil des claudischen Aquädukts. 4. Ansicht von 
Cantalupo und Bardella, dem alten Mandela, von der Seite von 
Cosimato aufgenommen, Horaz, Ep, I, 18. 5. Rocca Giovane, 
das allgemein für das alte Heiligtum der Vacuna angesehen 
wird. Horaz, Ep. I, 10. 6. Ansicht des Dorfes Vicenza und 
des kleinen Weilers Civitella von der Straße aus aufgenommen, 
bevor man an das Landhaus des Horaz kommt. 7. Ansicht 
der Situation des Landhauses des Horaz mit Rocca Giovane, 
von dem Dorfe Licenza aus aufgenommen. Horaz, Sat. II, 6. 
8. Der Campanile, der frühere Mons Lucretilis, mit der Schlucht, 
durch die die Ponte hello, eine der Quellen der Digentia 
<Licenza) läuft. Horaz, Od. I, 17. 9. Ansidu der Quelle 
Ponte hello, die als Quelle des Baches Digentia vom Mons 
Lucretilis herunterkommt. <Als Staffage eine stattliche Ge-- 
sellsdiaft, die aus einer Karte die Situation studiert,- einer sitzt 
in einem Buche lesend, in dem vielleicht das Werk Capmartin 
de Chaupys gedacht ist.) Horaz, Ep. I, 16. 10. Ansidit der 
Ziegengrotte bei Ponte hello. Horaz, Od. I, 17. 

Über ein großes Bild der Wasserfälle von Tivoli <1769) be- 
richtet ebenfalls Goethes Lebensbeschreibung und ein altes Ver- 
zeidinis der Gemäldeausstellung von IlickiTt (1814) beschreibt 



174 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung, 

ein anderes Bild, das die Liedstelle III 4, 9 ff zum Vorwurf 
genommen hat : »Eine Waldgegend in einem einsamen Felstale, 
das sidi in die Weite verliert. Als Staffierung der sdilafende 
'Knabe Horaz, den die Tauben mit Lorbeeren bestreuen«. 

In neuerer Zeit haben wir 30 sehr sdiöne Stahlstidie von 
C. L. Frommel, Catel u, a, als Illustrationen zu einzelnen 
Szenen der horazisdien Diditungen, mit Text von Dr. Si ekler 
zu verzeidinen*^^). 

Die sonstigen Bilder und Plastiken, die sidi mit horazisdien 
Motiven besdiäftigen, sind leider, überall zerstreut, nödi nidit 
gesammelt,- und dodi würde ein soldier Bildersaal die mäditige 
Einwirkung des Diditers nodi wirksamer beleuditen als es eine 
Sdiau durdi das Sdirifttum zeigt. 

VII. Objektive Würdigung. 

Die immer nodi nidit ganz ausgestorbene Art, Antike und 
Moderne gleidhzusetzen und die gewaltige Kluft, weldie abgesehen 
von anderen Kulturfaktoren das Christentum zwisdien beiden 
Welten aufgetan hat, zu übersehen, hat eine rein historisdie Be^^ 
traditungsweise der Antike lange Zeit verhindert. So ging man 
leiditen Sinns über die ganz versdiiedenen Ehrbegriffe hinweg: 
Dolon bridit ungestraft und ungerügt sein Wort,- dem armen 
Philoktetes raubt man ungesdieut die Waffen ,- die betrügerisdien 
Listen des Odysseus werden von Diditern und Hörern be- 
wundert und gepriesen. Man übersah die ganz versdiiedenen 
Verwandtsdiaftsbegriffe : die Antigone des Sophokles will lieber 
dem Bruder die letzte Ehre erweisen als einem eigenen Kinde, 

So übersah man audi wesentlidie Untersdiiede in ästhetisdien 
Fragen, sdion weil man nadi der fortwirkenden Ansdiauung 
der Renaissance die Antike als untersdiiedslose Einheit be- 
traditete, als ein ansteigendes Kulturganzes, das in der Literatur 
der Kaiserzeit den Höhepunkt erreidite. Als der Neuhellenismus 
dieses Dogma zerbradi und die eigendidien Klassiker im alten 
Griedientum fand, wurde die römisdie Literatur mehr und 
mehr als bloßer Abklatsdi der Hellenisdien mißaditet, auf die 
Seite gesdioben. 

Erst als man der Antike gegenüber den rein historisdien 



VII. Objektive Würdigung. I75 



Standpunkt gewann, als man der künsderisdieii Arbeitsweise 
der Alten ein erhöhtes Augenmerk sdienkte, erkannte man klar, 
daß wir im römisdien Sdirifttum nidit bloße Kopien des 
hellenisdien besitzen — das hätte ja sdion ihre Lebensfähigkeit 
neben den sogenannten Originalen zeigen können — , daß »der 
griediisdie Aufzug durdi den Einsdilag römisdier Fäden zu 
einem besonderen Gewände umgewoben worden ist« (Norden). 
Der hellenistisdie Römer hat den edit antiken Agon mit den 
griediisdien Vorbildern mutig aufgenommen, ohne seine Eigen* 
art zu opfern. Ihm ist, was Nietzsdie audi von uns forderte, 
die Überwindung des Griedientums durdi Neusdiöpfungen auf 
mehreren Gebieten gelungen. 

Wie die ganze römisdie Literatur ist audi das Lebenswerk 
des Horaz auf der imitatio, dem »Sidimessen« Nietzsdies, auf* 
gebaut, deren Grundsätze von den modernen vielfadi abweidien. 
Im Einklang mit der ästhetisdien Theorie seiner Zeit, wie sie 
sidi seit Isokrates ausgebildet hatte, ist ihm der Stoff, das 
darzustellende Objekt, Gemeingut wie Lidit, Luft und Wasser. 
Natürlidi liegt sdion in der Wiederholung eines bereits be- 
arbeiteten Stoffes der Wunsdi inbegriffen, den Vorgänger zu 
überflügeln. Was Nietzsdie seinen Zarathustra sagen läßt: 
»Immer sollst du der Erste sein und den andern vorragen . . ., 
dies madite einem Griedien die Seele zittern : dabei ging 
er seinen Pfad der Größe« , das trifft audi für die großen 
Künstler Roms zu. Wie Horaz die imitatio versteht, das führt 
er selber aus <a. p. 131 ff), 1. non circa vileni patulumque 
moraberis orbem. Wandle nidit in trivialer Weise ausgetretene 
Pfade I Verlasse Gebiete, die sdion zur Vollendung gebradit 
sind! 2. nee verbum verbo curabis redderc hdus interpres. So 
lehrte audi Cicero und hielt sidi an seine Theorie der Über* 
Setzung : nee converti ut interpres sed ut orator. So über* 
setzten die Griedien selbst — vergleidie die Septuaginta ! — , so 
Accius die Phoinissen des Euripides, so Livius stellenweise den 
Polybios, so Catull den Kallimadios. So übertrug audi Moraz 
einzelne Stellen aus Homer, Euripides, Alkaios. Der 3. Satz 
lautet: nee desilies Imitator in artum, unde pedem proferre 
pudor vetet aut operis lex. Werde kein Sklave deines Vor- 
bildes! Bewahre dir deine künstlerisdie Eigenart! In zwei 



176 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Vergleidien zeigt er noch den Untersdiied zwisdien riditiger und 
faisdier imitatio: sidi selber stellt er mit der Biene zusammen 
<c. IV 2, 27>, die den gesammelten Blütensaft in sidi verarbeitet 
und als Eigenprodukt wieder herausgibt. Das imitatorum pecus 
vergleidit er <ep. I 3, 15ff> mit der äsopisdien Dohle, der man 
die gestohlenen Federn wegnehmen kann, ohne daß man ihrem 
eigentümlidien Wesen sdiadet, nur daß ihre diebisdie Arm= 
Seligkeit zum Vorsdiein kommt. 

Als das literarisdie Rom im Hellenismus aufging, hatte die 
Rhetorik — das darf man nidit vergessen — die Poesie ent= 
weder sdion verdrängt oder rhetorisiert. In ciceronianisdier 
Zeit konnten Diditer die Frage aufwerfen, wodurdi sidi denn 
eigentlidi sie selbst von den Rednern untersdiieden. In der Tat 
waren bei der großen Ähnlidikeit beider Gebiete die Untere 
sdieidungszeidien verwisdit. Und Dionysios vonHalikarnaß, 
der zur gleidien Zeit mit Horaz in Rom lebte und sdirieb und 
dem Klassizismus mit zum Siege verhalf, konnte sdion das 
»Geheimnis« verkünden, der beste Rhetor sei poetisdi, die beste 
Poesie rhetorisdi. Und Ovid, dieser ausgesprodien rhetorisdie 
Diditer, sdireibt kurz nadi dem Ableben des Horaz an den 
Redner Cassius Salanus <ex Ponto II 5, 69ff.>: 

utque meis numeris tua dat facundia nervös, 
sie venit a nobis in tua verba nitor. 

iure igitur studio confmia carmina vestro 
et commilitii sacra tuenda putas. 

So nahm man Themen aus der Äneis zu rhetorisdien 
Deklamationen und stellte in allem Ernst das Problem auf, ob 
Vergil ein Diditer oder ein Rhetor sei. 

Kein Wunder, daß denn audi die lateinisdie Poesie, sobald 
sie in Wettbewerb mit der griediisdien trat, auf Rhetorik auf- 
gebaut ist: bei dem Dramatiker Accius bewunderte man 
seine Reden so sehr, daß man ihn gefragt haben soll, warum er 
nidit als öffentlidier Redner auftrete. Sdion Ennius arbeitet ganz 
mit rhetorisdien Mitteln, Wie Vergil im Geiste der Rhetorik 
didbtet, zeigen, von anderen abgesehen, die Reden der Juno 
<VII 293> und des Turnus <XI 378). Ebenso kennt und übt 
Horaz alle Künste der Rhetorik. 



VII. Objektive Würdigung. 177 

Der aristötelisdie Grundsatz, bei eingehender Kenntnis der 
Kimstlehre <Tedinik> könne der Rhetor wie der Poet Rühmlidies 
leisten, war längst durdigcdrungen. Horaz selbst ist nidit auf der 
Seite jener, die nur das Genie gelten lieOen und die tediniscfie Aus-- 
bildung für gefährlidi hielten. Nein, künstlcrisdie Durdibiklung 
muß die Naturanlage unterstützen. Fleiß muß vor allem beim 
Werk sein. Audi das Versemadien ist eine Kunst, die gelernt 
sein muß, wie das Amt des Steuermanns, des Arztes, des 
Zimmermanns <ep. II 1, 114). Und zur künstlerisdien Aus- 
bildung gehörte eben damals die Rhetorik. Die rhetorisdie 
Sdbulung läßt sidi an den horazisdien Diditungen leidit belegen : 
Einsdiiebung von Reden, Erzählungen, Fabeln, Sdiilderungen, 
Genrebildern, Gleidinissen, die Anvcendung der versdiiedenen 
Tropen und Figuren u. a. 

Je mehr aber die Tedinik in den Vordergrund trat — eine 
selbstverständlidie Folge des ausgeprägten Formensinnes der 
Antike — , kommt der Grundsatz »l'art pour l'art*; immer aus- 
sdiließlidier zur Geltung. Die Poesie ist nidit mehr für die 
Massen bestimmt — war sie es je? — , sondern nur für den 
Kenner. Da konnte die ästhetisdie Auffassung entstehen, 
Thukydides habe absiditlidi dunkel gesdirieben, um nidit vom 
Nädistbesten verstanden zu werden ,• er habe bloß für die 
»Gebildeten« sdireiben wollen,- denn nur derjenige, weldier das 
Lob der Verständigsten und Urteilfähigsten ernte, trage un- 
sterblidie Ehren davon. Aus dieser Auffassung floß das be- 
rühmte Kallimadioswort: ''.///aiv<ii ravTc« -A ',t^\i.<,y/t., bei iioraz 
umgebogen zum : odi profanum volgus et arceo. 

Audi Horaz will wie Vergil zu den poetae d o c t i zählen, 
der darauf redinet, daß man seine mythologisdien, geographisdien, 
literarisdien und historisdien Anspielungen verstehe, seine ver» 
sdiwiegenen Zitate, seine Übersetzungen erkenne. Modite es sdion 
einen Athener angesidits des neugegründeten Seebundes und aus* 
gedehnten Kolonialbereidies mit Stolz erfüllen, wenn er in den 
Dramen des Sophokles oder Fuiripides tlie Namen und Bräudic 
ferner Länder und Völker eingetloditen hörte, um so mehr 
einen Römer, der in den eingestreuten geographisdien Namen 
seiner Diditer Zeugen des mäditigcn impcrium Romanum ver- 
nahm. Ebenso freudiger Zustimmung durlto I lor.iz sidier sein, 

Stemplinger, Horaz. *^ 



178 Zweiter Teil, Ästhetisdie Wertung. 

wenn er auf heimisdie Bräudie und Einrichtungen anspielte, 
auf Plätze der Stadt, auf bel^annte Gegenden Italiens, auf ruhm= 
reidie Zeiten und Helden römisdier Gesdiidite, 

Der Mythos ferner beherrsdite die ganze antike Welt* 
ansdiauung, wie etwa das Wesen des Katholizismus das ganze 
Mittelalter. Der Mythos, nadi Nietzsdie die notwendige Illusions* 
hülle der Antike, konnte sogar nodi auf allgemeines Ver- 
ständnis redinen, als mythologisdie Reminiszenzen nur mehr 
künsderisdies Spiel bedeuteten. 

Wir vergessen so leidit, daß das ästhetisdie hiteresse der 
Antike sidi nicht immer mit dem modernen deci^t, wenn wir 
z, B, jene geographischen und mythologischen Parerga als 
störend betrachten, die von den Alten gefühlsmäßig empfunden 
wurden. Wir übersehen ferner zu gern, daß Horaz diese be- 
lebenden Kunstmittel im Vergleich zu den alexandrinischen 
Dichtern sparsam verwendet. 

Schließlich muß, wer einem antiken Autor geredit werden 
will, noch eins betonen, die Kunsttradition, der sich 
kein antiker Autor entziehen konnte, welche mit eherner 
Klammer die ausschweifende Phantasie niederhielt und vor 
Kunstgebilden bewahrte, die dem antiken Formen* und Schönheits- 
begriff widersprachen, welche der antiken Kunst und Literatur 
zu jenem geschlossenen Aufbau und jener vielbewunderten 
Reinerhaltung der einzelnen Kunstgattungen, zu jener staunens- 
würdigen Ausschöpfung einzelner Formen verhalf. So liest man 
kein Epos in Jamben, keine dramatische Rede in Hexametern, 
kein Chorlied in Distichen. Die lex operis <a. p. 134> ist ein 
ungeschriebenes Gesetz,- das Metrum muß dem Inhalt an- 
gemessen sein <ebd. 92>, ebenso die Wortwahl,- auf das Ge* 
ziemende in r^t)-/) und "otilr; wird streng geachtet <88> wie auf 
die stilistische Einheitlichkeit im Kunstwerk <1>. Diese Fein- 
heiten, weldbe keine Übersetzung auch nur anzudeuten vermag, 
waren dem formell geschulten Ohr des antiken Kunstkenners 
geläufig: so ist Metrik und Prosodik der Hexameter in den 
Satiren und Episteln etwas verschieden : dort finden wir. in An* 
lehnung an die Umgangsspradhe synkopierte Formen wie surrexe, 
evasti, surpite, caldior, konsonantische Verwendung von Vokalen 
<vindemjator>, vokalischen Gebrauch von Konsonanten <su*etae>. 



VII. Objektive W'iirdiyjun«:- 179 



Verlängerung kurzer Silben in Cäsur oder Arsis : nidus davon 
in den Episteln. Wiederum ist der Bau der etwaigen Hexa- 
meter in Oden und Epoden versdiieden von dem der Satiren 
und Episteln. 

Ebenso ist die Wortwahl in den he.vametrisdien Teilen und 
Oden versdiieden, und das Ethos der Epoden bedingt wieder eine 
andere Ausdrud\sweise als das der Oden. In den Satiren sind 
volkstümliche Konstruktionen verwendet, die der Odcndiditer 
streng vermeidet: haud tritft man in den Oden niemals,- die 
2. Person des Konjunktivs gebraudite Horaz niemals in den 
Sermonen u. dgl. Man muß sdion spradilidi wohlgesdiultc 
Organe besitzen, um die stilistisdien Untersdiiede in der Be- 
handlung der gleichen Stoffe in epode 9 und c. I 37, ep. 13 
und c. I 9 zu spüren. 

Es ist demnach eine Verkehrtheit zu fragen : Ist Horaz ein 
Originalgenie? statt: Ist es dem Horaz gelungen, die von den 
Griedien überkommenen Formen nadi künstlerischen Gesetzen 
umzubilden, mit eigenem, römischem Geist, mit dem tiefsten 
Gehalt seiner Zeit zu erfüllen? Es ist falsch zu fragen: Ist 
Horaz nach unserem Geschmack ein großer Dichter? anstatt: 
Hat er die ästhetischen Ansprüdie seiner Zeit befriedigt? Ist 
ihm die angestrebte Vollendung künstlerischer Formgebung ge- 
glüd\t? Dürfen wir den höchsten Maßstab seiner Zeit an seine 
Werke legen ? 

Wie Vergil in seinem Erstlingswerke die Weise des Theokritos 
dem römischen Volke so gut wie zum erstenmal im römischen 
Gewände vorführte, so rühmt sich Horaz mit Stolz, die Form 
des Archilochos von Faros nach Latium verpflanzt zu haben. Aus* 
drücklich betont er <ep. I 19, 23), nicht den Inhalt des alten 
jambographen habe er herübergenommen. Jener hatte in der 
Kunstliteratur Verse von verschiedener Länge (jambische 1 ri» 
meter und Dimeter) und Taktart (Daktylen und Jambo-Trochäen) 
zum erstenmal verbunden. Und man muß vom rein rcchnisdicn 
Standpunkt aus zugestehen : die Reproduktion der schwierigen 
Formen gelang dem jungen Diducr überraschend gut. 

Man hat früher aus der Vergleidiung der dürftigen Reste 
der archiiochischen Verse mit den hörazischcn Jamben geschlossen, 

12* 



\^Q Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

der Römer sei weit hinter seinem Vorbild zurü dageblieben. Als 
uns aber ein neuentded^ter Papyrus ein zusammenhängendes 
Stüd^ des Ardiilodios — das GegenstüA zu ep. 10 — sdienkte, 
da ersahen wir deutlidi : Horaz gibt weder eine Übersetzung, 
nodi die gleidie Situation, nur die aggressive Tonart. So ist 
audi in der 2, Epode der Preis des Landlebens dem Wudierer 
Alfius in den Mund gelegt,- bei Ardiilodios <fr. 25) verziditet 
der Zimmermann Charon auf Reiditum und Tyrannis. Weldi 
ein Untersdiied in der Auffassung, Stimmung und jedenfalls in 
der Ausführung! Und was die Hauptsadie ist: der Römer 
Horaz spridit vom Sieg bei Aktium, vom drohenden Bürger^ 
krieg, vom italisdien Bauernleben, von großstädtisdien Hexen- 
und Zauberkünsten, von großstädtisdien Sdiandweibern, von 
literarisdien Gegnern, von persönlidien Erlebnissen. Nament- 
lidi die politisdhen Gedidite verraten eine Konzentration der 
Linienführung, weldie der römisdien Kleinpoesie bisher un= 
bekannt war. Einige Invektiven auf sdiamlose Weiber muten 
mandien unsdiön und zynisdi an : den Kenner der alten 
Komödie und neuerer Laszivitäten — und wären es selbst 
Goethes zurüd^gehaltene römisdie Elegien — überrasdien sie 
nidit. Wie aber Ardiilodios audi Liebeslieder in Jamben go^, 
so Horaz: das Sdiönste gelang ihm in ep. 13, wo Stimmung 
und Form herrlidi zusammenklingen. 

Daß Horaz die Geißel des Pariers sdiwingen konnte, wenn 
er wollte, zeigen ep. 4, 8 und 12,- daß er den Ton milderte, 
war Absidit,- er wollte das Ungezügelte, Unsdiöne, was die 
Kritik des Aristoteles und Kallimadios an dem Alten getadelt 
hatte, vermeiden. 

Neben den Epoden pflegte Horaz zu gleidier Zeit die 
Satire, mit dem Jambus wesensverwandt. Hatte dodi sdion 
Kallimadios mit Bezug auf seine Jamben von Mouastov ~cCc-c 
votjLo? gesprodien, und so nennt denn audi Horaz seine Plaude- 
reien sermones repentes per humum <ep. II 1, 250), eine musa 
pedestris <c. II 6, 17), sermoni propiora <c. I 4, 42>. 

Horaz ist eine dialogisdie Natur wie Sokrates, Luther, 
Goethe, Von Haus aus zur Reflexion geneigt, mit der so^ 
kratisdien Ironie begabt, die über den Mensdilidikeiten sdiwebt. 



VII. Objektive W'üniivjun.v;. 1^1 

ein sdiarfer Beobachter des Menschen und der Welt, war er 
gerade in jenen Tagen zum Schaffen geboren , als eine alte, 
überlebte Zeit stürzte, die neue sich noch in Wehen wand, als 
bei den unaufhörlichen politischen Wirrnissen auf der einen 
Seite ein genußgieriges, raffiniertes Taumelleben Sitte und Ord^ 
nung übersprang, als Herkommen und alte Schranken Empor- 
kömmlingen und Revolutionsgewinnern kein Hindernis mehr 
abgaben, auf der anderen Seite mystische Strömungen, Aber- 
glauben, ethische Bewegungen wie die der Sextier eine Re- 
generation des Römertums einleiteten. 

Durch Ciceros philosophische Schriften war zweifellos in 
gebildeten Kreisen das Interesse für ethische Probleme größer 
geworden. Bei den Massen war natürlich mit wissenschaftlichen 
Deduktionen nichts zu erzielen: hier sprangen die kynischcn 
und stoischen Wanderprediger ein, welche am Ende der Re- 
publik nach altherkömmlicher Weise als »antike Kapuziner* in 
den Straßen umherzogen, den Segen der Bedürfnislosigkeit 
durch das eigene Auftreten bekundeten, gegen die Laster der 
Zeit witzig und satirisch zu Felde zogen. Solcher Moralisten 
— rustici Stoici heißen sie bei Cicero — führt uns Horaz selbst 
ein paar vor : Fabius, Stertinius, Crispinus, der sogar in Versen 
improvisierte, etwa in der Diatribcnform , wie wir sie beim 
neuentdeckten Phoinix von Kolophon wahrnehmen. 

Die Diatribe — in der christlichen Gemeinde später zur 
Homilie geworden — definiert Wendland, der ihr Wesen 
zuerst aufklärte, »als die in zwanglosem, leichtem Gcsprädiston 
gehaltene, abgegrenzte Behandlung eines einzelnen philosophischen, 
meist ethischen Satzes«. Drastische Bilder, Vergleiche, Dichter- 
zitate, Anekdoten, Antithesen, Parodien, Travestien, witzige 
Sdilager belebten den Vortrag. Oft wird er zu einem Dialog 
mit einem fingierten Gegner und ersetzt den philoso|)hischcn 
Dialog. Kurzö Sätze, mit Frage- und Antwortspiel, sdicinbarc 
Planlosigkeit, Absdiweifungen, Einsdiiebscl ließen an Improvisa- 
tionen denken, welche ja früher wie heute noch im Orient gang 
und gäbe sind. Dabei worden nidit hohe Probleme erörtert, 
sondern die Realistik des Alltagslebens wird in vernünftige oder 
paradoxe Beleuditung gerüd^t: Essen und Trinken, Wohnung 



182 Zweiter Teil. ÄsthetisAe Wertung, 

und Kleidung, Tugend und Laster, Verkehr der Gesdilediter, 
Ehe und Brautsdiaft. Auf Straßen und Plätzen, im Kriegslager, 
im Bade, am Markte, überall predigten diese Aufklärer, Als 
der Sdiöpfer der literarisdien Prosadiatribe galt Bion von 
Borysthenes, 

Wahrend nun die Diatribe philosophisdi^^ethisdien Inhalts 
ist, ergeht sidi die Satire audi in politisdien und ästhetisdien 
Betraditungen. Eigenartig ist ihre. Form: während dort die im- 
provisierte Vortragsform beibehalten ist, überwiegt hier die Nadi^ 
ahmung der Komödie oder des Mimus. Wir hören von phan- 
tastisdien Einkleidungen, wie Höllenfahrt, Himmelfahrt, Ver= 
Steigerung, Gelage, Testamentsvollstrediung u, ä. Während 
dort die Prosa angewendet ist, ist hier Prosa und Poesie gc^ 
misdit. Als Sdiöpfer dieser Satirenform galt der Semit Menippos 
von Gadara, dessen volkstümlidie Kompositionen unter den 
Römern der Gallier M, Ter, Varro in seinen Menippisdien 
Satiren, Petronius in seinen Satirae, Seneca in der Apoloco= 
locyntosis nadibildeten. 

Den Geist der menippisdien Satire übertrug zum erstenmal 
Lucilius in poetischer Form in die römisdie Literatur. »Er 
peitsdite die Stadt«,- »so oft Lucilius wie mit gezüd^tem Sdiwert 
grimmerfüllt zu toben beginnt, steigt Sdiamröte ins Gesidit dem 
Hörer, dem Freveltaten das Blut haben erstarren lassen«, be- 
riditet Juvenalis, Er geißelte mensdilidie Laster, mensdilidie 
Narreteien <Gräkomanie, Tragödiensdiwulst, preziöse Rhetorik), 
philosophisdie Sdiulen <Epikur), sdirieb haßerfüllte Invektiven 
gegen lebende und tote Größen, gegen Parteigruppen und 
Stände, Die Einkleidung entnimmt er häufig dem Menippisdien 
Vorbild, Aber seine Form ist salopp, wie uns eine Über= 
Prüfung der nidit wenigen Fragmente erkennen läßt,- sein Versbau 
ist hart, holperig, seine Komposition ungefeilt, formlos,- die 
Misdiung von Griediisdi und Lateinisdi mußte ebenso wie seine 
Formlosigkeit einem gesdiulten Ästhetiker wie Horaz stilwidrig 
ersdieinen. Dem kraftstrotzenden Genie fehlte die Grazie, der 
Brutalität jeder Humor, dem rüd^siditslosen Ankläger die so= 
kratisdie Ironie, 

Horaz meidet die Mängel der Formlosigkeit, in der augustei- 
sdien Zeit kein besonderes Lob. Sein ganzes Temperament 



VII. Objektive Würdi^uiiR. Ig3 

läßt ihn zum Vollender der Lucilisdien Satire werden, indem 
er die Menippisdie Galle des Lucilius mit der Grazie Bionisdien 
Geistes vermisdit, die italisdie Sdiärfe mit dem geistreidien 
Witz und liebenswürdigen Ton des Hellenen dämpft, Sdierz 
und Ernst harmonisdi verwebt. Lucilius trifft Einzelpersonen, 
Horaz Typen,- jener will Haß, dieser Heiterkeit und Belehrung 
erzielen. 

An Stelle der mannigfadien Versmaße war sdion bei Lucilius 
nadi und nadi der einheitlidie Hexameter getreten, der, nunmehr 
flüssig gebaut, die Plauderei nadiahmt,- das Spradigemengsel von 
Latein und Griediisdi ist beseitigt,- die uferlose Gesdiwätzigkeit 
ist zur organisdien Komposition geworden. Horazens Vers ist 
streng und kunstvoll gebildet, und wenn Verehrer des von ihm 
hart kritisierten Lucilius behaupteten, die Verse des Horaz flössen 
so selbstverständlidi dahin, daß es keine Kunst sei, tausend 
soldier Hexameter zu sdireiben, so ist das Lobes genug. 

Alle Künste der Diatribe und Satire vereinigt Horaz in 
seinen »Sermonen«. Statt abstrakter philosophisdier Deduktionen 
werden uns konkrete Beispiele aus dem Leben der Gegenwart 
oder Vergangenheit vorgeführty hier wird ein Kernsprudi eiiu 
gestreut, dort eine Anekdote, hier eine Fabel, dort ein Zitat, 
hier ein parodistisdier Vers, dort eine freie Übersetzung. Bald 
wird ein mensdilidies Modelaster getroffen, bald ein Narr oder 
Sdiuft <Eßkünstler, Intrigant), bald ein philosophisdies Extrem 
<Stoa). Die Einkleidung ist abwedhslungsreidi : Hier nehmen 
wir teil an einer Konsultation beim Reditsgelchrtcn Trcbatius, 
dort an einem Straßengesprädi mit dem Sdiwätzer, hier an 
einem Saturnalienspaß, dort an einem Dialog zwisdien Ulixes 
und Tiresias in der LInterwelt. 

Persönlidie Erlebnisse spielen häufig herein : der Verkehr 
mit Mäcenas, die Reise nadi Brundisium, das Intermezzo bei 
der Brutusexpedition in Kleinasien. Wir wandern mit dem 
Diditer durdi die lärmende, mensdien wimmelnde Stadt Rom, 
auf den Kohlmarkt, zu den städtisdien Bädern und Brunnen, 
in die Barbierläden ,■ wir begleiten ihn zum Morgcnbcsudi bei 
Mäcenas, in den Geriditssaal, aufs Marsfeld zum Sport,- wir 
ladien mit ihm über die »Tugendsdiwätzer«, über die Clique 
der Diditerruhmassekuranzen , über die Wahikandidatcn , die 



184 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

überspannten Sänger, die verliebten Mummelgreise, die Erb- 
sdileidier, die ertappten Ehebredier, die dummen Ver* 
sdiwender. 

Horaz hetzt einen gelungenen Einfall nidit zu Tode,- er 
beruhigt sidi audi nidit bei einer glüd^lidien Form, Das er- 
sehen wir am 2. Budi der Satiren. Dies stidit in Ton und 
Stimmung wesentlidi vom ersten ab ; die ardiilodiisdie Sdiärfe 
nimmt nodi mehr ab, der Ton ist milder, besonders der früher 
sdiarf angegriifenen Stoa gegenüber,- der Dialog ist freier, 
natürlidier. Fast durdiweg ist anderen Personen das Wort in 
den Mund gelegt: der Übergang zur Epistel ist vorbereitet. 
Schiller kennzeidinet die spottende Satire des Horaz in 
sdiönen Worten : »Ihr Ziel ist einerlei mit dem Hödisten, wo= 
nadi der Mensdi zu ringen hat, frei von Leidensdiaft zu sein, 
immer klar, immer ruhig um sich und in sidi zu sdiauen, überall 
mehr Zufall als SdiiAsal zu finden und mehr über Ungereimt- 
heit zu ladien, als über Bosheit zu zürnen oder zu weinen.« 
Das ist die Stimmung, die das Kophthisdie Lied Goethes 
wiederklingen läßt: 

»Töridht, auf Bessrung der Toren zu harren ! 
Kinder der Klugheit, o habet die Narren 
Eben zum Narren audi, wie sidi's gehört.« 

»An Grazie, an vollendetem Ausdrud^ der urbanitas lassen 
sidü den Sermonen nur Ciceros Briefe vergleidien. Witzig und 
geistvoll waren audi andere vor und nadi Horaz: aber er 
besaß, was wir sonst bei den Römern in dieser Ausprägung 
vergebens sudien, wahren Humor. Denn er maß mit überlegenem 
LäÄeln, aber nidit ohne herzlidies Mitgefühl, die realen Ver^ 
hältnisse der wediselnden Ersdieinungswelt an immer gleidien 
ethisdien und intellektuellen Idealen : das aber ist sokratisdie 
sipu)v;i(z und die ist ewig, während bloße buTpar^Bltia. und daT^l6Tr^<; 
eigentlidi mit dem Augenblid^e, für den sie geboren sind, ver- 
gehen« <Norden). 

Sdion die 6. Satire des 1. Budies zeigt den Briefstil. Be^ 
wüßt wendet Horaz für die Epistel nidit die Distidienform an 
wie Ovid und Properz, sondern baut auf dem Hexameter weiter. 



VII. Objektive Würdijjuiiv:;. |,t^5 

Ebenso bewußt entwickelt er den Brief zu einer selbständigen 
Kunstgattung, um ihn in einem Budi zu sammeln, nidit wie 
andere in sonstigen Diditungen zu verstreuen. 

Die ästhetisdie Theorie hatte festgelegt, Dialog und Brief 
seien in gleidier Weise zu behandeln,- denn der Brief sei so^ 
zusagen ein halber Dialog. Sdion im 2. Satirenbudi hatte Horaz 
fast aussdiließlidi die Dialogform benutzt. Nunmehr plaudert 
der Diditer nidit mehr zu einem Beliebigen des Publikums direkt, 
sondern vermittelst des Mediums eines wirklidien oder fingierten 
Adressaten. Dadurdi ist die Aufgabe wesentlidi erschwert,- 
denn die Rüd^sicht auf den Adressaten zwingt dazu, sich der 
Stimmung, Stellung, Denkweise des Angeredeten anzuschmiegen. 
So I 9 an den kaiserlichen Stiefsohn Tiberius, dessen miß^ 
trauischer eigenwilliger Charakter vorsichtigste Stilisierung er* 
heischte,- I 3 und 8 an Personen des kronprinzlichen Gefolges ,- 
I 5 an Torquatus, I 4 an seinen Freund, den Dichter Tibull,- 
die Briefe an Mäcenas, welche persönliche Verhältnisse und 
peinliche Auseinandersetzungen mit weltmännischem Takt be* 
rühren. 

Der Dichter hat bei der Herausgabe des 1. Epistelbuches 
das 40. Lebensjahr überschritten,- er war abgeklärter, milder, 
reifer geworden. Die erste Liedersammlung, die unterdes heraus- 
gekommen war, hat dem Dichter nicht den Lorbeer verschafft, 
den er mit Recht erwarten konnte. Er ist verstimmt. Aber nicht 
in Bitterkeit äußert sich diese Enttäuschung. W^ie Cicero, er* 
nüchtert in seiner politischen Tätigkeit, sich in das neutrale Ge- 
biet der Philosophie flüchtete, so versenkt sich Horaz in die 
Trösterin Philosophie, ohne sich irgendeiner bestimmten Schule 
zu versdbreiben ,- er bleibt Eklektiker wie Cicero. 

So werden auch in den Episteln philosophisch ^ethische 
Probleme behandelt: wer ist ein bonus vir <i 16>? Nidit der Ort 
macht glücklich, sondern die innere Harmonie <I 1 1>, das nil 
admirari, d. h. das Sichfreihalten von leidenschaftlicher Hingabe 
an Äußerliches, ist das Beste <I 6>. Die Summe praktischer 
Lebensweisheit <vgl. I 2), die das Leben nimmt, wie es ist, 
die nicht mit dem Kopf durch die Wand rennt, ist im 1. Eipistei* 
buch in goldener Schale kredenzt. Von der Höhe eines Kultur- 
menschen, den Erfahrung und Beobachtung zur nüchternen Bc- 



Ig5 Zweiter Teil. Ästhetiscfie Wertung, 

urteiliing der Realitäten des Lebens gebradit haben, sdiaut er 
mit verstehendem, aber überlegenem Lädieln auf das unsinnige 
Hasten und Jagen der »Menge mit tausend Köpfen« nadi ein= 
gebildeten Gütern und Genüssen, auf die weitverbreiteten Vor- 
urteile, die alt und jung wie Ketten fesseln. Nur Zeiten, die 
ersdiöpft und müde sind von den Greueln der Kriege und 
Bürgerkämpfe, werden jenem Lehrer der Lebenskunst nadi^ 
fühlen können. 

Das sogenannte 2, Epistelbudi, nadi Mommsen »das an- 
mutigste und erfreulidiste Werk der gesamten römisdien Literatur«, 
ist aussdiließlidi literarisdien Problemen gewidmet. Hier ent- 
wid<:elt Horaz das Programm des Klassizismus in der Poesie, das 
Cicero für die Prosa aufgestellt hatte. Im 2. Brief ist nodi in 
satirisdier Art das Treiben der jüngeren Literaten beleuditet, 
die sidi gegenseitig Unsterblidikeit garantierten — die feineren 
Anspielungen sind uns leider nidit mehr verständlidi. Der 
L Brief <an Augustus geriditet) betont die Kulturmission der 
Poesie überhaupt und das Redit der lebenden Diditer 
gegenüber dem von gewissen Seiten angestrebten Monopol der 
Alten. 

Das literarisdie Leben hatte in der Zeit des Augustus weite 
Kreise in den Bann gezogen. Augustus selber, der die Bedeutung 
einer Literatur von den Diadodienreidien her würdigen konnte, 
bezeugte den Literaten das größte Interesse. Er hörte Rezitationen 
mit bewundernswerter Ausdauer an, interessierte sidi für De- 
klamationen, zog Sdiriftsteller an den Hof, sidierte bedeutenden 
Männern ein sorgenfreies Leben, regte Diditer und Sdiriftsteller 
an, legte Bibliotheken an, sdiriftstellerte selbst. Männer wie 
Mäcenas, Messalla, Pollio sammelten um sidi jung aufstrebende 
Künstler und Sdiriftsteller. Aber audi Sdiattenseiten sind nidit 
zu versdiweigen : das Diditen wurde Modesadie, alt und jung 
madite Verse, der Dilettantismus überwudierte ,■ kaum bradite 
ein Führender etwas Neues, stürzten sidi blinde Nadiahmer auf 
die Äußerlidikeiten. 

Literarisdie Probleme wurden lebhaft besprodien. Man dis^ 
kutierte, ob bei der Beurteilung eines Gedidites der Inhalt oder 
die Form maßgebend sei ,• ob Neologismen erlaubt seien. Man 
stritt sidi über den Versbau, man erörterte die alte Streitfrage, 



VII. Objektive WürdiRun»^ Jgy 

ob beim Dichter das angeborene Talent oder die Kunstübung 
die Hauptsadie sei. Audi der alte Streit, ob Analogie, ob 
Anomalie, taudite jetzt wieder auf. Es drohte unter der Fülle 
der Fragen, bei der Menge der Thyrsosträger eine ästhetisdie 
Anardiie oder wenigstens Unsidierheit einzureißen. Audi hier 
fühlte sidi Horaz berufen, der jüngeren Generation in Form der 
Plauderei sein ästhetisdies Glaubensbekenntnis vorzulegen, das 
sidi mit dem der Klassiker Griedienlands ded\te. 

Der Kampf zwisdieii Attizismus und Asianismus, zwisdien 
Klassizismus und Modernismus war auf griediisdiem Boden 
längst entbrannt und zugunsten des Klassizismus entsdiicden. 
Die römisdie Philologie und Ästhetik sdiloß sidi den Siegern 
an. Aber im Ansdiluß an die nationalen Chauvinisten, die das 
Stidiwort ausgaben : »Rom den Römern und römisdien Stoffen ! 
Wir stehen auf eigenen Füßen ['-< werden unter der Führung 
des Herolds römisdier Kultur, Varro von Rcate, an Stelle der 
Attiker die altlateinisdien Autoren <Plautus, Ennius, Pacuvius, 
Accius, Terentius usw.) gesetzt und als Muster und Vor- 
bilder gepriesen. 

Hatte Horaz sdion in seiner Praxis durdi Ansdiluß an die 
griediisdien und zwar altgriediisdien Meister seine gegensätzlidie 
Ansidit bewiessn, so zaudert er in seinen Literaturepisteln nidit, 
seinen Standpunkt zu begründen. Er spridit den ardiaisdicn 
Lateinern jede Klassizität ab: Lucilius hatte er sdion in den 
Satiren wegen seiner Formlosigkeit sdiarf angegriffen , jetzt 
sdiraubt er die kritiklose Bewunderung der Alten durdi sadi- 
lidie Riditigsteilungen auf das rechte iVlaß zurüd<. Attas Stüei^c 
standen immer nodi auf dem Repertoire, von Naevius sagte eine 
Insdirift, die Römer hätten ihr Latein vergessen, seit er in die 
Unterwelt gestiegen sei,- das Dictum Stilos, die Musen hätten 
plautinisdi gesprodien, wenn sie lateinisdi geredet hätten, sagt 
Varro nadi ,• und wie urteilt Horaz von all den Alten ? Nimis 
antique, pleraque dure, ignave multa. 

Wie Cicero, Livius, Vergil erkennt I loraz die überragende 
Kulturbedeutung der Griedien in Kunst und Wissensdiaft an. 
Er stellt dem römisdien Utilitarismus ikn Idealismus des Hellenen- 
tums gegenüber. Darum ruft er Jungroni die Mahnung zu, die 
ihn zeitlebens beseelte: vos exemplaria graeca nocturna versate 



188 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

manu, versate diurna ! Darum bekämpft er den Materialismus 
<cura peculi : a. p. 330>, den Feind der editen Poesie. 

Wiederum im Gegensatz zur importierten alexandrinisdien 
Ästhetik sieht er das Ziel der Diditung entweder in der har- 
monisdien Verbindung von ästhetisdiem Wohlgefallen und Be- 
lehrung, wie sie Homer bietet, oder in ästhetisdiem Wohlgefallen 
oder Belehrung. Er sieht in dem Diditer einen widitigen 
Träger der Kultur, verlangt daher audi von ihm ein ernstes 
Streben nadi dem Ideal, Selbstzudit, Beaditung ehrlidier und 
sadilidier Kritik. 

Im einzelnen besdiäftigt er sidi eingehend mit dem Diditungs- 
werk und dem Diditer. Nadi einem konventionellen Sdiema 
werden Erfindung, Anordnung, spradilidie Darstellung erörtert^, 
ferner wird die Tedinik des Epos und Dramas, das Melos, das 
Satyrdrama mehr oder minder ausführlidi behandelt. Im letzten 
Teil ist auf die Sdiwädien der römisdien Poesie hingewiesen, 
die den Diditer bestimmen, die Punkte zu betonen, deren Be- 
aditung zur Klassizität führen kann : gründlidie philosophisdie 
und tedinisdie Sdiulung, Sorgfalt in der Form, sadilidie Kritik, 

Horaz will nidit eine systematisdie Poetik geben,- auffällig 
ist die besonders eingehende Auseinandersetzung über die Tedinik 
des Dramas. Das Spieldrama ist in der augusteisdien Zeit 
in der Zersetzung begriffen : nur Lesedramen erhielten sidi. 
Nidit bloß, daß bisher dienende Glieder des Dramas, Musik 
und Inszenierung sidi in den Vordergrund des Interesses sdioben : 
Flöten- und Kitharvirtuosen beherrsditen die Bühne,- Massen 
von Fußvolk und Reiterei, pompös ausgestattete Fest= und 
Triumphzüge mit Kriegsbeute, Wagen, Sdiiffen, wilden Tieren 
zogen über die Szene,- am Sdiauspieler bewunderte man die 
präditig gestiditen Gewänder ,- bei einem Volk, das seine Haupt* 
befriedigung an Tierhatzen und blutigen Gladiatorenkämpfen 
sudite und fand, konnte die Darlegung psydiologisdier Vor- 
gänge und innerer Konflikte kein Interesse erwed^en. Deshalb 
mußte sogar das Lesedrama des Seneca mit den grellsten 
Effekten arbeiten und die Meisterwerke des Sophokles dem 
Gesdimadi seines Publikums anpassen, wie es in unseren Tagen 
Hugo V. Hof mann stal tat. 

Aber wie bei uns jetzt das Kino das lebende Sdiauspiel 



VII. Objektive Würdi.^unj;. I39 

unaufhaltsam verdrängt, so in den Tagen des Augustus ein 
neues Spiel: der Pantomimus. Zwei Künstler aus Alexandria 
und Kilikien hatten im Jahre 22 v. Chr. den Pantomimus 
nadi Rom gebradit: der eine, Bathyllos, wurde sofort der 
erkorene Liebling des Mäcenas, Pylades der Günstling des 
Augustus,- ganz Rom war begeistert von diesen Vorführungen. 
Diesem herrsdienden Gesdimad< sudit Horaz entgegen^ 
zuarbeiten, vergebens. 

Als Horaz an Ardiilodios anknüpfte, waren ihm zum 
Weitersdireiten zwei Wege offen, die er beide besdiritt: zur 
Satire und zum Melos, Wie Sappho die Taktform des Pariers 
anwendete <vgl. ep. I 19, 28>, so übernimmt audi Horaz zunädist 
ardiilodiisdie Metren <I 4>. Aber warum wandte er sidi nidit 
audi der erotisdien Elegie zu wie seine Freunde Tibull und 
Valgius Rufus? Weil sie ihm als eine verfehlte Kunstform 
galt, deren Versmaß nidit zu den Stotfen paßte. Er gesteht 
nämlidi in seiner ars <J5) nur der Totenklage und dem Epi* 
gramm das elegisdie Versmaß zu, sidierlidi nadi klassisdier 
Theorie, während er bei Besprediung der lyrisdien Metren 
neben Hymnen, Enkomien auf Herrsdier, Epinikien und Trink-- 
liedern audi Liebeslieder dem Melos zuweist {^5). So blieb ihm 
folgeriditig nur das Zurüd\gehen auf die Form der lesbisdi- 
äolisdien Lyrik übrig. Warum sdiloß er sidi aber nidit öfter als er 
es tut an die Formen des Anakreon an, dessen heitere Lebens- 
ansdiauung, Eleganz, Witz und knappe Ausdrud\sweise ihm dodi 
sympathisdi sein mußten ? Anakreon gebrauditc neben den ge- 
fälligen, aber leidit einförmig wirkenden glykoncisdien Systemen 
besonders gern die gebrodienen Formen des Jonicus, dessen ver- 
wisdite Taktgrenzen offenbar späteren Theoretikern — vgl. 
epod, 14, 12 — als Nadilässigkeit ersdiiencn. Die feste Strophe, 
die silbenzählende Metrik der Äolier — leiditer nadizubildcn als 
die -irAxfj-'-jX aviao'. des Anakreon — spradien ihn mehr an, 
deswegen entsdiied er sid» in erster Linie für Alkaios. Aber 
wie bei Archilodios entlehnte er nur die Form. In diesem 
Betradit rühmt er sidi stolz, zum erstenmal das äolisdic I-icd 
nadi Latium verpflanzt zu haben, tatsädilidi hat vor ihm kein 
Römer alkaiisdie Rhythmen nadigebildet. Daß er aber auf die 



190 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

metrische Formgebung das Hauptgewidit legt, erkennt man auch 
daraus, daß er die versdiiedenen Formen, die er sidi zu eigen 
macht, gleidi am Anfang des 1. Odenbudies gleichsam in Parade 
vorführt. 

Vielleicht fesselte ihn auch der Stil des Alkaios, der nach 
griechischem Urteil [xs^aXocpol; xotl ßp^X'j xal rfio fAsia ostvoiTjto? 
war, eine Charakteristik, der für die Lyrik des Horaz wörtlich 
zutrifft. 

In ihrer dichterischen Persönlichkeit hatten aber der Äolier 
und Römer nichts gemeinsam : dort der tyrannenhassende Junker, 
der für adelige Privilegien gegen plebeische Volkshäupter streitet 
mit Wort und Schwert, der als Geächteter zu Schiff und zu 
Land nadi einer Gelegenheit späht, die verhaßten Tyrannen zu 
stürzen, der in seinem Abenteurerleben keinem Rausch, keiner 
Liebschaft, keiner Gefahr aus dem Wege geht,- hier ein ab- 
geklärter Mann, der glüddich ist, aus den politischen Wirrnissen 
der Jugend in den Hafen des Friedens und der Ordnung ein= 
gelaufen zu sein, der in seinem 35. Lebensjahr seine ersten 
Lieder dichtet, im 4L Lebensjahr die erste Liedersammlung heraus- 
gibt, innerlich reif und phÜosophisdi gefestigt. 

Es ist trotz der spärlichen Überreste der altgriechischen 
Melik noch möglich, der Technik der horazischen Lyrik nadi- 
zugehen. 1 9 beginnt mit deutlicher Anspielung an Alkaios 
<tr. 34> / aber die ganze Tönung ist römisdi : der Sorakte, die 
Bäche des Sabinergebirges, der Sabinerkrug, das Marsfeld, die 
freien Plätze Roms. — c. I 18 beginnt wieder mit einem 
alkaiischen Leitmotiv <fr. 44>/ aber wieder ist das Lokalkolorit 
römisch: Tibur,- die Mahnung zur Mäßigkeit ist sicherlich nidit 
alkalisch. Der Hymnos auf Merkur <I 10> entspricht einem 
gleichen Motiv des Alkaios,- aber die verstandesmäßige <stoische> 
Zergliederung des göttlichen Wesens konnte unmöglich ein 
Grieche des 7. Jahrhunderts vorgemacht haben, ebensowenig 
eine Erfindung Homers — Hermes hilft dem Priamos — als 
göttliche Eigenschaft aufzählen. Wenn Alkaios beim Tod des 
Autokraten Myrsilos ein Jubellied anstimmt <fr. 20> und Horaz 
auf die Nachricht von Kleopatras Tod die beiden Anfangsverse 
wiederklingen läßt <I 37), so zeigt das Weitere, daß audi nicht 
mehr bezweckt ist. Auch c. I 14 ist weder Übersetzung noch 



VII. Objektive Würdigung'. 191 

gleiche Situation : Alkaios fährt auf dem Schilf und macht die 
Seenot mit,- Horaz steht am Ufer und sieht mit innerem Schmerz 
das Schiff erneut im Kampf mit Wellen und Sturm, 

Ahnliches nehmen wir bei Motiven aus anderen Melikern 
wahr. C. I 27 lehnt sidi an ein Anakreonlicd an <fr. 63). 
Aber während dieser zu schönem Hymnengesang auffordert, 
leitet Horaz zu einem erotischen Motiv über. Wo uns immer 
ein Vergleich mit griechischen Meistern möglich ist — und die 
alten Kommentatoren der römischen Kaiserzeit sparten mit 
Parallelen nicht, wie uns auch die Vergilexegeten zeigen — , 
sehen wir, daß Horaz nichts herübernimmt, ohne es selbständig 
umzugestalten, mit eigenem römischen Geist zu erfüllen"-). 

Noch mehr,- Horaz erweitert den Rahmen, der bisher dem 
Melos gestellt war, vielleicht nach hellenistischem Muster: er 
führte die Diatribe, die Parainese, bisher nur in der didaktisdien 
Elegie und im Chorlied heimisch, in die lateinische Form des 
äolischen Liedes ein <»GedankcnIyrik<v>. Wir köimen uns jetzt das 
horazische Lied gar nicht mehr ohne philosophischen Einschlag vor* 
stellen. Und in Fortführung der politischen Parainese eines Solon, 
Theognis, wie wir sie schon in der 7. und 16. Epode kennen 
gelernt haben, tritt Horaz als Prediger der Nation in bisher zu 
Rom ungehörten Gesängen auf, um zur sittlichen Wiedergeburt 
des neugeordneten Staates aufzurufen <»Römeroden<). Der 
Ethiker der Satiren und Episteln preßt seine Mahnungen in 
scharfgeschlitfcne, unsterbliche Verse von meisterhafter Prägnanz. 

|a Horaz wagte es sogar, die beliebteste Literaturgattung 
seiner Zeit, den Mimus, dem Melos dienstbar zu machen. 

Von Pantomimen wissen wir, daß oft mehrere Rollen von 
einem Schauspieler gemimt wurden,- es ist kein Grund zu be- 
zweifeln, daß nicht auch z. B. die Mimiamben des Hcrondas 
von einem vorgetragen wurden, wie wir derlei Szenen bei 
unsern Volkssängern agiert finden <Zank zwischen Mann und 
Frau, Szene zwisdien Llnteroffizier und Rekruf, Bauer und 
Stadtherr u. dgl.). Durch die Technik seiner Satiren (in Mono- 
logen und Dialogen) war der Diciiter ohnehin in dramatischer 
Gestaltung geschult. 

Finden wir nun Spuren dieses dramatischen Mimus in den 
Liedern**^)? 



192 Zweiter Teil. Ästhetische Wertung. 

Ein Mimus im kleinen ist sdion Epode 2. Daß dieses 
Preislied auf das Landleben, insofern es Vergnügen und Wohl= 
behagen ausströmt, von einem Städter gesungen wird, ist 
immer wieder angedeutet: procui negotiis <V. 1>, solutus omni 
fenore <V. 4>, forumque vitat et superba civium potentiorum 
limina <V. 7/8>, »Wer vergißt da nidit der sorgenvollen Lieb- 
sdiaften?« <V, 37>. So ein riditiges Bauernessen sdimedu viel- 
mal besser als der raffinierteste Tafelluxus <V. 49—60). Aber 
erst am Sdiluß verrät der Diditer den Spredier. Man stelle 
sidi das Preislied von einem Schauspieler, in der Maske eines 
römisdien Geldverleihers, vorgetragen vor, und ein riditiger 
Mimus ist fertig und die erklärenden Sdilußverse <V. 67 — 70) 
können wegbleiben. Meint jemand, die Wirkung des Preisliedes 
sei dann weniger kräftig? Im Gegenteil, der Kontrast zwisdien 
dem Spredier und dem Gesprodienen kommt nodi sdiärfer zum 
Vorsdiein. 

Ein Papyrus des 2. Jahrhunderts v. Chr. sdienkte uns <1896> 
die leidensdiaftlidie Klage einer verlassenen Hetäre <«des Mäd^ 
diens Klage«/ vgl. Crusius, Philol. 1896 S, 353 — 84), ein 
Fragment eines monologisdien Mimus. Ihm kommt zunädist 
III 12 des Horaz/ audi hier klagt Neobule über den harten 
Zwang, den der Oheim ausübt,- sie apostrophiert sidi selbst 
<V, 2), daß sie über ihrem Geliebten alles vergißt. 

Häufiger sind mimisdie Projektionen in Monolog form, 
mit denen dne fortsdireitende Handlung verbunden ist. Ein 
Musterbeispiel bietet I 27,- hier ist alles Leben, lebendiges 
Fortsdireiten der Handlung,- die Nähte muß man sidi beim 
Vortrag durdi entsprediende Gebärden gesdilossen denken. 
Das Symposion ist eben in Streit ausgeartet: die Zedier sind 
aufgesprungen, werfen mit Humpen aufeinander, einer reißt ein 
WafFenzierstüA von der Wand, um den blutigen Streit zu er- 
höhen. Da stiftet der Diditer Ruhe, den wir uns eben mitten 
in den Tumult eintretend denken müssen. Er fragt: voltis 
severi me qiioque sumere partem Falerni? <V. 9/10), Aus 
dieser Frage ist zu sdiließen, daß ihn die Zedibrüder eben zum 
Trinken einluden. Der Diditer gibt die Bedingungen an : 
Megillas Bruder soll den Namen seiner Flamme nennen 
<»Bruder, deine Liebste heißt!«). Dieser zögert. Daher die 



VII. Objektive Würdigung. IQ3 



Frage: cessat voluntas? Antwort desDiditcrs: non alia bibnm 
mercede, der darauf Miene madit, sidi zu entfernen. Megillas 
Bruder hält ihn zurüdx,- da dringt Horaz in ihn, sein Geheimnis 
kund zu tun und madit ihm Mut: du gibst didi ja doch nur 
mit einer ingenua ab. Alle unterstützen den Diditcr und vcr- 
sidiern Stillsdiweigen. Deshalb kann Horaz erklären: depone tutis 
auribus <V, 18>, Nun gibt der Angeredete den Namen seiner 
Geliebten preis. Da erhebt der Diditer Wehklage ob dieser 
sdilimmen Nadiridit : du bist verloren ! Und die Mitzedicr 
werden in allen möglidien Gesten das gleidie Entsetzen ver= 
raten. 

Eine ähnlidie Situation gibt III 19, wiederum ein Monolog, 
der zugleidi die fortsdireitende Handlung erkennen läßr. Das 
Gastmahl ist vorüber,- aber immer nodi erörtert einer 
der Gäste chronologische und historische Fragen und vergißt 
ganz auf das Symposion, obwohl es sdion hohe Zeit ist 
<V, 1— 8>. Nach dieser Mahnung des Dichters muß man sich 
eine Pause denken, während deren mit Zustimmung der An* 
wesenden die Vorbereitimgen zum Trinkgelage schnell erledigt 
werden. Drei Trinksprüche bringt der unterdes zum Symposi^ 
ardhen erwählte Horaz aus, die alle auf den Murena Bezug 
haben <V. 9— 11): das augurium salutis, mit dem die Inauguration 
neuer Mitglieder verbunden war, hei in die Wintermonate 
<vgl. V, 8>/ die Einweihung schloß mit einem feierlichen Ge- 
lage ab, das bis in die tiefe Nacht hinein währte. Dann setzt 
der Dichter das Höchstmaß der Mischung fest: 9/12 Wein 
<V. 15). Musik muß beginnen <18— 20), sogar Rosen <im 
Winter!) müssen her <21/2)/ die Nachbarschaft soll nur den 
Lärm vernehmen ! Und nun werden noch Gesundheiten ge- 
trunken auf Rhode, die Herzliebste des Telephus, und Telephus 
läßt Glycera, die Geliebte des Dichters, hodilcbcn. 

Aber auch die Dia log form wendet der Dichter an. Man 
sehe sich theokritische Dialoge an , und man hat das Vorbild 
für das süße Zwiegespräch ill 9, das erst zur rechten Aus- 
wirkung kommt, wenn man sich südländische Mimik dazu denkt. 
Die beiden, der Dichter und seine frühere Geliebte Lydia, 
begegnen sich. Die Schönheit Lydias läßt in Horaz die sdiöncn 
Tage heißer Liebe wieder aufstehen : ja damals war ich der 

Stemplinger, Horaz. 13 



294 Zweiter Teil. ÄsthetisAe Wertung. 

glüdilidiste aller Sterblichen, bevor du untreu wurdest. In ge* 
maditer Ruhe, weldie die Responsion der Gedanken diarakteri« 
siert, erwidert Lydia, Enttäusdit, nidit sofort die erhoffte 
Umstimmung der Geliebten erreidit zu haben, rühmt er sidi, 
besseren Ersatz gefunden zu haben. Wiederum erwidert Lydia 
Gleidies mit Gleidiem übertrumpfend. Nun hält der Diditer 
nidit mehr an sidi / wie er einst, jähzornig, gebrodien, bietet er 
die Hand zur Versöhnung. Und Lydia? Edit weiblidi hebt 
sie das Maß ihres Opfers hervor <Calais ist so sdiön, Horaz 
so unbeständig und jähzornig), um ihm aufs neue Treue bis 
zum Tode zu sdiwören. 

Das Charakteristisdie dieser mimetischen Lieder ist die 
Tedinik, eine Handlung im Monolog oder Dialog anzudeuten, 
d. h, das Lied zu dramatisieren, R, v. Meerheimb nannte 
diese Weise »Mono-« und »Psydiodrama« und führte sie als 
eigene Erfindung in die Literatur ein <Monodramen 1882, 1886/ 
Psydiodramen 1887). 

Sogar die Formen des Chorliedes in die äolisdie Lied- 
form umzusetzen, reizte den Römer. Studien dazu sehen wir 
nodi in I 15, III 11, 27, I 12, Da kam der Auftrag des 
Friedenskaisers, zum 3. Juni 17 das Prozessionslied des Säkular* 
festes zu diditen, zu dem wie seinerzeit zu den olymp?sdien 
Spielen Abgesandte des ganzen römisdien Reidies ersdiienen. 
Sollte er nun den pindarisdien Chorgesang zum Vorbild nehmen ? 
Er blieb bei der Liedform, Nodi einmal trat an ihn die Ver- 
sudiung heran, als bei ihm Augustus 2 Jahre später ein Epinikion 
bestellte für die Germanenbesieger , seine beiden Stiefsöhne. 
Sollte er nunmehr »pindarisieren« ? Wiederum lehnte er dies ab,- 
in IV 2 lesen wir die Reditfertigung, Er hat wohl in einzelnen 
Liedern des 4. Budies den pindarisdien Sdiwung und Ton er- 
reidit,- aber die alte Form behielt er bei, der Inhalt blieb römisdi. 
Mit einem kraftvollen Bekenntnis nationalen Stolzes endet er 
seine Liederpoesie, getragen von der maiestas populi Romani. 

»Horaz ist Horaz erst in den Oden«, sagt Gruppe,- »Horaz 
ist nidit in den Oden«, sagt K, Lehrs. Beides falsdi. Die 
ganze Diditung des Horaz ist organisdies Wadistum: aus der 
Epode erwudis das Melos. Das Motiv der 9. Epode ersdieint 
in anderer Gestalt und Färbung in c. I 37/ Epode 13 wird in 



VII. Objektive Würdigung. \g^ 



c. I 9 weitergesponnen. Aus der Satire erwuchs die Epistel 
<s. I 6 und Buch 2 bilden den Übergang). Inhaltlidi und in den 
Kunstmitteln berühren sidi alle horazisdien Diditungsarten. 

Die Stärke des Diditers Horaz liegt wie bei Sdiiller im Ver- 
stand. Man hat früher die »Gedankenlyrik« als Afterlyrik in 
Adit und Bann getan. Aber R. Lehmann sagt mit vollem 
Redit: »Philosophisdie Gedanken, Reflexionen und allgemeine 
Ansdiauungen sind an sidi verstandesmäßig und bilden daher 
so wenig unmittelbar einen Gegenstand für die Lyrik wie Er- 
eignisse der äußeren Welt. Aber wo sie tief in der 
Persönlidikeit des Dichters wurzeln, wo sie für sein 
ganzes Seelenwesen Bedeutung haben, da vermögen sie nicht 
minder starke Affekte auszulösen, wie jene Ereignisse des äußeren 
Lebens ... Je stärkere und tiefere Gefühle ein Gedanke aus^ 
löst, desto mehr schwindet sein abstrakter Charakter, und diese 
Wirkung hervorzurufen ist die Kunst des Gedankendichters.« 

Horaz ist ein Meister der Form, und wenn er von seinen 
Dichtungen als mühevollen Werken spricht, so meint er die 
Mühe in der Formgewinnung, Auch hier sind ihm schon Vor^^ 
würfe erwadisen. Wieder lassen wir R. Lehmann sprechen, 
der sicher nicht fremden Lirteilen nachredet: »Es liegt im Wesen 
der Poesie wie aller Kunst überhaupt, daß ihr Inhalt nicht durch 
sich selbst, sondern durch die Form wirken soll.« 

Horazens Sprache ist von kristallener Klarheit, seine Kom- 
position ist streng, sein Ausdruck von wunderbarer Präzision, 
seine Wortstellung oft von verblüffender Wirkung. Die Periodi» 
sierung ist bis ins kleinste berechnet und dem jeweiligen Ge- 
dankeninhalt und der beherrschenden Stimmung angepaßt. Seine 
Ausdrucksweise erzielt lebhafte Anschaulichkeit dank den über- 
strömenden Metaphern und Gleichnissen, die fast ausnahmslos 
seiner Zeit und seiner Heimat entnommen sind. 

»Abgeschrieben, übersetzt, ohne den Geist die Worte über- 
setzt, hatten sie alle seit dem Schulmeister Andronicus, alle die 
Dichter, die Horaz verachtete. Und an Ciccros Philosophica, 
die ihr Verfasser selbst apographa nannte, hat Horaz sich die 
Geistesfreiheit nidit erworben. Die Ennius und Pacuvius können 
wir für Euripides verwerten, den Terenz für Mcnandcr, den 

13* 



295 Zweiter Teil. Ästhetisdie Wertung. 

Cicero für Poseidonios. Wer das bei Horaz versudit, ist bald 
am Ende«, 

»Romanae fidicen lyrae war er, und diesen Diditer . , , wird 
keiner verstehn, der nidit die maiestas populi Romani und ihren 
custos Caesar zu würdigen weiß, denen die Griedien nidits an 
die Seite zu stellen haben. Wenn er aber diese Lyrik versteht 
und die Episteln dazu, für die vollends bei den Griedien gar 
kein Vorbild war, dann weiß er audi, daß Horaz erstens ein 
Stern von eigenem Lidite ist, nidit minder als die Griedien, und 
zweitens der redite Vermittler zwisdien uns und den Griedien, 
denen gegenüber er am Ende jene Freiheit gewann, die audi 
wir behaupten wollen. Wie wir das anzufangen haben, lehrt 
er ebenfalls: vos exemplaria Graeca versate,- denn wenn man 
sie nur versteht, nidit durdi die Brillen von Sdiulmeistern und 
Rhetoren sieht, sondern wie sie wirklidi gewesen sind, führen 
ihre Diditer ebensogut zur Freiheit wie ihre Philosophen,« 
<Wilamowitz>, 



Anmerkungen. 



^) über das Nadiviirken der horazischen Diditun.qen vgl. E. Stcmp- 
linger, Das Fortleben der horarisdien Lyrik seit der Renaissance <Leipziif 
1906), wo die einsdilägige Literatur verzeidinet ist. Im folgenden seien er* 
gänzende Naditräge angegeben: G. Curcio, Qu. Oracio Flacco, studiato 
in Italia dal secolo XIII al XVIII <Catania 1913). H. Kettner, Die 
Episteln des Horaz (Berlin 1900: S. 42 Einfluß im 18, Jahrb.). M. Rebecca 
Thayer, The influence of Horace on the diief English poets of thc 
nineteenth Century <New Haven, Ct. Yale Univ. 1917). j. Lenient, La 
Satire en France au XVI^ siede (Paris 1877),- ferner M. Schanz, Gesdi. d. 
röm. Literatur (Mündien 191P> II 1, 195. — E. Schwabe, Zur Gesdiidite 
der deutsrfien Horazübersetzungcn (Jahrb. f. Ph. 1896, 305. 545, 1897, 387. 
569), — • P. E ick ho ff, Der horazisdie Doppelbau der sappliisdien Strophe 
und seine Gesdiidite (Wandsbedc 1895). — L. Steinberger, Horaz und 
Walther von der Vogelweide (Z. f. österr. G. 1906, 193). E. Maaß, 
Goethe und Horaz (Neue Jahrb. f. Ph. 1917, 345). Maur. Schuster, Horaz 
und Heine (Progr. G. Wiener^Neustadt 1916). Fr. Bucherer, ^^7lll)cIm 
Raabe als Horazübersetzer (Hum, Gymn. 1918, 151). j. Petzholdt, Horaz 
und Homer und der König von Sadisen (Leipz. Ztg. Wissensrf». Beil. 1879, 
Nr. 84). J. K. Schönberge r, Deutsdie Parallelen zu Horaz (Augsburg 
1920). J. Pircher, Horaz und Vida de arte poetica (Progr. Meran 1895). 
G. M. Saragat, Ugo Foscolo e Q.- Orazio Flacco (Milnno 1896). 
R. Elisei, Orazio e Dante (Atti dcll' Ac. Prop. in Assisi 1911, 197). 
E. Gröbedinkel, Popes Essay on criticism. Sein Verhältnis zu Horaz 
und Boileau (Progr. Ohrdruf: Gotha 1882). J. W. Tuppcr, A study of 
Popes' »Imitations of Horace« <Mod. L. Ass. 1900). A. Brandl, Horaz 
und Shakespeare (Jahrb. d. Shakespeare-Gesellsdi. 1903, 233). A. Kowal, 
L'art poetique des Vauquelin de la Fresnaye und sein Verhältnis zur an 
poet. des Horaz (Progr. Wien 1902). Z. Beöthy, Horatius und Kazinczy 
(Ungar. Rey. 1890/ 639). 

Wiederholt zitierte Werke. 
Alxinger, Job. von, Gcdidite (Wien 1817). 
.Baggesen. Jens, Gedicfite (Hamburg 1803). 
Beys, Ch., Les ödes d'Horace, cn vers burlesques (Paris 1652). 
Bismarc k. Reden, herausgegeben von Ph. Stein (Leipzig, Rccinm). 
Börne, L-, Gesammelte Werke (Leipzig, Reclam). 

Bürger, G. Aug., Gcdidite, herausgegeben von E. Conscntius (B<rlin, 
Bong, Goldene Klassikerbibliothek -= GKB). 



198 Anmerkungen. 



Cerutti, M., Oeuvres diverses (Paris 1792>. 

Du Bellay, ]., Oeuvres fran(p. par Marty^Laveaux (Paris 1866). 

Fan ton i, G., Poesie (Pisa 1800). 

Fleming, P., Werke, herausgegeben von Lappenberg (Stuttgart 1866), 

Friedrich der Große, Oeuvres par Preuß (Berlin 1846). 

Geibel, E., Sämtlidie Werke (Stuttgart 1883). 

Geliert, C. F., Werke (Karlsruhe 1818). 

Gerstenberg, H, W. von, Vermisdite Gedidite (Altona 1815). 

Gl e im, F. W, Sämtlidie Werke, herausgegeben von Körte (Karlsruhe 1811). 

Goeckingk, L. F. G., Sämtlidie Gedidite (Frankfurt 1782). 

Goethe, J. W., Sämtlidie Werke, herausgegeben von K. Goedeke 

(Leipzig 1866). 
Grillparzer, F., Sämtlidie Werke (Stuttgart 1878), 
Gutzkow, R., Werke, Auswahl von Hensel (GKB>. 
Hagedorn, F, von, Sämtlidie poetisdie Werke (Hamburg 1757). 
Hamerling, R.,- Werke, Auswahl (Leipzig, Hesse), 
Heine, R, Werke (GKB). 
Herder, J. G., Sämtlidie Werke, herausgegeben von Suphan^Redlidi 

(Berlin 1882). 
Heyse, P,, Gesammelte Werke (Stuttgart 1871 ff.). 

Hölderlin, J. Ch, Fr., Gedidite, herausgegeben von Jaeger (Leipzig 1873). 
Hölty, L. H. Chr., Gedidite nebst Briefen, herausgegeben von Halm 

(Leipzig 1869). 
Kästner, A. G-, Gesammelte poetische und prosaisdie sdiönwissensdiafts 

lidie Werke (Berlin 1841). 
Karschin, A. C, Auserlesene Gedidite (Berlin 1764). 
Klopstock, Oden, herausgegeben von F. Mundter (Stuttgart 1889). 
La Motte, H. de, Poesies (Brüssel 1717). 
Le Brun, P. D. E., Oeuvres (Paris 1811). 
Lessing, G. E.,- Sämtlidie Sdiriften, herausgegeben von K. Goedeke 

(Stuttgart 1874). 
Logau, Salomons von Golaw Sinngedidite, 3 Tausend (Leipzig 1754). 
Michaelis, J, B., Sämtlidie poetisdie Werke (Wien 1791). 
Milton, J., The Poetical Works by D. Masson (London 1874). 
Morgenstern, Chr., Horatius travestitus. Ein Studentensdierz (Berlin 1897). 
Mörike, E., Werke, herausgegeben von Aug. LefFson (GKB). 
Nathan, Alfr., Chalomes. Klane Sdierzlidi (Fürth i. B. 1905). 
Nietzsche, Fr., Werke. Taschenausgabe (Leipzig 1906). 
Opitz, M., Werke. NeudruA von Witkowski (Halle 1902). 
Pitt, W./ A history of the Politikal life of W. Pitt by John Gifford 

(London 1809). 
Pope, A., The Works hy Whitwell Elwin (London 1871). 
Rapin, N,, Les oeuvres latines et fran?. (Paris 1610). 
Ratschky, J. F. von, Gedidite (Wien 1791). 
, Neuere Gedidite (II : Wien 1805). 



Anmerkungen. J9Q 

Regnier, M., Satyres et autres oeuvres (London 1733). 
Ronsard, P. de, Oeuvres compl. par Marty-Lavcaux (Paris 1889). 
Rousseau, J.-B., Oeuvres par Amar (Paris 1820). 
Rückert, F., Gesammelte poetisdie "Werke (Stuttgart 1867). 
Scheffel, V., Sämtlidie Werke, herausgegeben von ). Franke (Leipzig, 

Hesse). 
Schiller, F., Sämtlidie Werke (Stuttgart 1838). 

Schlegel, A, W., Sämtlidie Werke, herausgegeben von Bödting (Leipzig 1846). 
Schmidt, E., Klamer, Leben und Werke, herausgegeben von Sdimidt» 

Lautsdi (Stuttgart (1826). 
Schopenhauer, A., Sämtlidie Werke, herausgegeben von E. Grisebach 

(Leipzig Reclam). 
Seume, J. G., Sämtlidie Werke, herausgegeben von Wagner (Leipzig 1835). 
Stemplinger, E., Horaz in der Lederhose (Mündien 1912^). 
StJllfried (A. Brandt), In Lust un Leed. Plattdeutsdie Gediditc nebst 

Nadididitungen zu Horaz (Wismar 1896). 
Stolberg. Chr. u. Fr., Gedidite (Wien 1817). 
Testi, F., Poesie liridie (Modena 1645). 
Thümmel, A. M. von, Sämtlidie Werke (Leipzig 1853). 
Tiedge, C. A., Elegien und vermisdite Gedidite (Halle 1803, 1807). 
Uhland, L., Gedidite (Stuttgart 1877"), 

Uz, J. P., Sämtlidie poetisdie Werke, herausgegeben von A. Sauer (Stutt- 
gart 1890). 
Voltaire, F. M. A. de, Oeuvres par Beudiot (Paris 1853). 
Voß, J. H., Sämtlidie Gedidite und Beilage (Königsberg 1802). 
Wagner, R., Gesammelte Sdiriften und Dichtungen, herausgegeben von 

W. Golther (GKB.). 
Weckherlin, G. R., Gedidite, herausgegeben von Fisdier (Stuttgart 1894). 
Wieland, Gh. M., SämtÜdie Werke, herausgegeben von Gruber (Leipzig 

1828). 
Zachariä, F. W., Poetisdie Sdiriften (Karlsruhe 1777). 

B. P. ^ A complete Edition of the Poets of Great Britain (London). 



Erster Teil. 

') Vgl. J. Stiglmayr, S. J. Kirdienväter und Klassizismus. Stimmen 
der Vorzeit über humanistisdic Bildung (Freiburg i. B. 1913). 

^) J. Gaume, Le ver rongeur des socictes modernes ou le pnganisme 
dans l'education (Paris 1851), p. 276. 

^) Die widitigsten Belege bei E. Norden, Antike Kunstprosa (Tcubner 
1918) II 680 ff. Vgl. ferner Pactow, The baitle of thc scvcn .irt, (Mem. 
of the Univ. of California IV 1, 1914). 

*) J. Mabillon, Traitc des etudes monastiques (Paris 1691). 

■) Stimmen aus Maria Laadi Bd. 59 S. 48. Dagegen faßt der Jesuit 



200 Anmerkungen. 



G. M. Pachtler (Die Reform unserer Gymnasien, 1883) alle Vorwürfe 
gegen das humanistische Gymnasium zusammen (Erziehungslosigkeit und 
Mißerziehung S. 287-302). 

^) II c, 31, wo er von Diditungen, Komödien und Tragödien, Fabeln 
und Gesdiiditen sagt: Appendicia sunt: si vacant, legantur, quia plus 
aliqxiando delectare solent seriis admista ludicra. 

^) fol, 15 b: Proxima huic (Rhetorik) est poetica, cuius Studium etsi 
conferre plurimum et ad vitam et ad orationem potest, ad delectationem 
tamen videtur magis accommodata. 

^) p. 27 (von poetisdien Werken): ingeniosa iuventus haec TrcfpspyOüv 
tractare nee ilHs ceu Sirenum scopulis adhaerere. 

®) Jugements des Savants (1722'-) III 2 p. 244. 

10) MGHS. XXVI p. 79. 

11) Comment. in 4 libr. sent. III 9 art, 1 qu. 2. 
1-) Canisius, lectt. ant. II 3, 234. 

13) Burm. syK. epist. III 3. 

") Ebert, Übers. I 1, 23. 

1^) Bei G. Fabricius, Prol. Horat. (Frankfurt 1600), p. 98. 

16) Guthrie, Allg. Weltgesdiidite (Leipzig 1765-95) XVI, S. 601. 

1^) Chassant, Dictionnaire des devises historiques et heraldiques 
(Paris 1878). J. Dielitz, Wahl- und Denksprüdie (Görlitz 1883). 

1^) Rob. u, Ridi. Keil, Die deutsdien Stammbücher des 16.— 19. Jahrh. 
(Berlin 1893). 

19) Vgl. W. Schonack, Der Horaz-Unterricht (Berlin 1912). 

^0) Sueton, vita: ut vero creditum est, salsamentario, cum illi cjuidam 
in altercatione exprobrasset : cjuotiens ego vidi patrem tuum cubito emun- 
gentem? Übrigens sdieint dies ein billiger Witz gewesen zu sein, da auch 
der Autor ad Herennium als Beispiel einer verschleierten Rede anführt 
(IV 67): quiesce tu, cuius pater cubitis emungi solebat. 

21) s. A. 12. 

'-) Conradi Hirsaugiensis dialogus super auctores ed. Schepß (Progr, 
G. Würzburg 1889) p. 65. 

^^) Cod. Senat. Lips. 5, XV, (einst im Besitze Wagenseils) in einer 
Appendix. 

-*) Autor, lect, 14 c. 4. 

-^) Bei Manitius, Analekten p. 105, 

2^) Vgl. Burckhardt, Kultur der Renaissance in Italien (II 226). 

2'') Praelectiones Petri Gualterii Chabotii (Basel 1587), 

-®) Opera (Flor. 1717, or, 21): Horatium unicum apud Latinos lyrici 
carminis lumen foedis moribus poeticae gloriam obscurasse. 

^9) Dichterische Idole (Zürich=Leipzig o, J.) S, 87. 

^°) Grundschäden des Gymnasiums (München 1910) S. 49, 

3') De poetis p. 49 s. 

^'^) Jugemens des Savans sur les principaux Ouvrages des auteurs (Paris 
1732), IV 122. 



Anmerkungen. 201 

'') M. Dacier et P. Sanadon, Oeuvres d'Horace (Amsterdam 1735) 
p. 48. 

^*) Comparaison de Pindare et d'Horace (Paris 1780) p, 28. 

^^) Tratte de l'education du Prince (Paris 1675) p, 63. 

3«) Neue philol. Rundschau 1905 S. 457 ff. 

3") Poetice III c. 98. 

'^) Prolegom. ad Persium (1605). 

"9) Opere (Venezia 1792) IV p. 424. 

^°) Bei R. van Ommeren, Horaz als Mensdi und als Bürger von 
Rom, aus dem Holländisdien übersetzt von Walch (Leipzig 1802/, Ein- 
leitung. 

*^) Über eine Klage des Horatius Flaccus (Frankfurt a. M. 1807) III 5. 

*-) Der GöQinger Diditerbund (Leipzig 1847) S. 50. 

*^) Vgl. Th. Gott lieb, Mittelalterlidie Bibliothekskataloge Osterreidis I 
(Wien 1915). 

") Watten bach, Sitz. d. bayr. Ak.'1873, 695. 

*^) Bei Norden, Antike Kunstprosa S. 712". 

*<=) Edw. Moore, Studies from Dante (O.xford 1896) S. 197 ff. Traube 
in der Einleitung in die lat. Philol. des M.^ (Vorl. u. Abh. 11 1911 S. 13) 
unterscheidet: aetus Vergiliana = VIII u. IX s., aetus Horatiana = X u. 
XI s., aetus Ovidiana ^ XII u. XIII s. 

*'') Abgedruckt bei Raumer, Geschichte der Pädagogik IV 274. 

*") A. Traversari, Epist. et orat. (Firenze 1759), II 1064. 

*^) Vgl. A. Messer, C^uintilian als Didaktiker (Neue Jahrb. f. Ph. 156). 

^°J Acta ecci. Mediol. II 949. 

^^) Horatii opera ab obscoenitate repurgata (Dillingen 1571 und 1585). 
Es folgen femer Editionen: Col. Agripp. 1603 (obscoenitate Romnc ex« 
purgatus), Paris. 1605 (per Sonnium), Antv. 1607 und 1630, Coloniae 1616, 
Paris. 1617 (ad usum gymnasiorum), Monach. 1618, Luxemburg 1620, 
Duaci 1636 (von J. Desmarez S. ).), Brunsvig 1648, Colon. 1648, Colon. 
Agr. 1647 (von Jos. Maresius S, J^ ad castos mores iuvcntutis acc), 
Tolosae 1683 (von Petr. Rodellus S. J.), Paris. 1696 (v. J. Juvcniius S. }.), 
Rothonn, 1706, Paris. 1728. In neuerer Zeit erschien noch: Qu. Moratii 
Fl, carmina expurgata (Paris 1880, 1900'-). Für den modernen französischen 
Unterrichtsbetrieb bezeichnend ist z. B. die Ausgabe der Oeuvres d'l lor.icc 
par F. Plessis et P. Lejay (Paris 1906-), wo man in der Einleitung p. 11! 
liest: «La destination scolaire de ce livre nous a conduit a faire d.»ns le 
texte les suppressions et les chaügements qui sont d'usage dans l'Universitc». 

Z>xei te r 7 eil. 
M Mehr Stellen bei G. Billeter, Ansch.iuungcn vom \X'c*fn de« 
Griechentums (Leipzig 1911) S. 221 ff. 
•-) Ges. Werke (1847) IV 269. 
3) Berliner Tageblatt 1912 Nr. 189, 285, 345. 



202 Anmerkungen. 

*) In auctores pene omnes , antiquos potissimum censio : Claud. 
Verderio Antonin. fil. auctore <Lugd. 1586) p. 87, 

^) Pinac. imag. illustr. <1692) II p. 63. 

«) Progimnasi <1695) III n. 158. 

') Wilhelm V. Christ <1907> S. 18. 

^) Vorlesungen über Ästhetik, III 459. 

») Hallisdie Jahrb. 1840, 1652. 

^°) Charakteristik des Horaz (Leipzig 1842) S. 74 u. 56. 

") Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (Leipzig 1899), I 183. 

12) Hardens »Zukunft« 1895, Nr. 18. 

") Neue Jahrb. f. Ph. 1913, I 261. 

1*) Vgl. Er. Froebel, Quid veteres de Horatii poematis iudicaverint 
<Weidae 1911). 

1^) Rime <Venezia 1627), prefacione. 

1«) Essais III 5. 

") Oeuvres (Paris 1754) I p. 87. 

IS) Oeuvres (London 1708) V 53. 

") K. Th. Gädertz, Geibel-Denkwürdigkeiten (Berlin 1886) S. 337. 

^^) De vulgari eloquentia II 4, 35. 

21) Vorsdiule zur ästhetischen Bildung S. 271. 

22) Über die Autoren, weldie eine ars poetica sdirieben, siehe die Zu= 
sammenstellung bei Morhof, Unterridit von der deutsdien Spradie und 
Poesie (LübeA=Leipzig 1732) I 7, 1, 9fF. 

2^) Ad. Schröter, Beiträge zur Gesdiidite der neulateinisdien Poesie 
Deutsdilands und Hollands (Berlin 1909). 

2*) Vgl. B. Münz, Ein neuentdedcter deutsdier Horaz (Nord und Süd 
1896, 262) und E. Stemplinger, P. Simon Rettenbadier (Augsb, Postztg. 
1896, Beilage Nr. 9). 

2^) E. de Coussemaker, Histoire de I'harmonie au moyen äge (Paris 
1852), p. 102 und fasc X und XXXVIII aus dem 10. Jahrhundert. 
P. Eickhoff, Eine aus dem Mittelalter überlieferte Melodie zu Horaz 
III 9 nebst dem Brudistüdt einer soldien zu III 13 (Vierteljahrssdir. f. 
Musikwiss. VII (1891) 108, C. Kirchner, Novae quaestiones Horatianae 
(Naumburg 1847). De la Borde, Essai sur la Musique (Paris 1780) I 43/ 
dazu Forkel, Allg. Gesdiidite der Musik (Leipzig 1788) I S. 492 u. 494. 

2^) Melopoiae sive harmoniae tetracenticae super XXII genera carminum 
Heroicorum etc. (Augsburg 1507). 

"'') Varia carminum genera, quibus tum Horatius, tum alii cgregii 
poetae . . . usi sunt, suavissimis harmoniis composita (Nürnberg 1534). 

2S) Tetradiordum Musices (Nürnberg 1511) o. J. 

2®) Geminae undeviginti odarum Horatii melodiae, quatuor vocibus 
adornatae . . . cum selectis concentibus . . . sdiolis quibuslibet pro exercenda 
iuventute literaria accommodatissimis. Herausgegeben von P. Nigidius 
(Nürnberg 1552). 



Anmerkungen. 203 

^^) Modi XXI odarum Horatianarum, ad iuventutem exercendam in dem 
Budi: De partium orationis accidentibus, compendium Aldi una cum 
Versificatoria Joh. Murmelii . . . (Marburg 1531). 

^^) Harmoniae poeticae, herausgegeben von Stomius (Nürnberg 1539// 
Neuausgabe von Achleitner (Salzburg 1868). 

'-) Gesner teilt mit: Benedictus Dux scripsit harmonias in omnes odas 
Horatii . . . tribus et quatuor vocibus in gratiam iuventutis Ulmensis. opus 
excussum Ulmis anno 1539/ das Werk ist ansdieinend verschollen. 

^') Brevis musicae isagoge . . . accesserunt priori editioni omnia Horatii 
carminum genera ... 4 voc. ad aequales . . . composita (Tiguri 1554). 

^*) Harmoniae super odis Horatianis secundum omnia Horatii genera . . . 
(Wien 1523). 

="5) Aüjoe-caxopoov (Basil. 1547). 

^'^) Die horazisdien Metren in deutschen Kompositionen des 16. Jahrh. 
hunderts (Vierteljahrssdir. f. Musikwiss. 111 (1887), S. 47. 

"J Bei A'. Prüfer, Llntersudiungen über den außerkirdilidien Kunst- 
gesang in den evangelisdien Sdiulen des 16. Jahrhunderts (Diss. Leipzig 
1890), S. 64 und 232. 

^*) Bei R. v. Liliencron, Vierteljahrssdir. f. Musikwiss. 1893, S. 246. 

^^) Psalmorum Davidis paraphrasis poetica . . . argumentis ac melodiis 
explicata atcjue illustrata . opera et studio Nathanis Chytraei (Hcrbomae 
1619) mit dem Appendix: Collectanea. In der praefatio sagt Chytraeus : 
egi cum primario scholae nostrae Cantore, M. Statio Olthovio Osna- 
burgiensi/ vgl. B. Widmann in den Vierteljahrsschr. f. Mus. 1889, S. 317. 

**°J Bei O. Petrucci, Frottole (Venetiis 1504>-, I p. 14. 

*^) Tenori e contrabassi intabulati col sopran in canto figurato per cantar 
e sonar col lauto, gedruclit bei Petrucci ohne Jahr. 

^^) (I^u. Horatii Flacci poetae lyrici Odae omnes, quotquot carminum 
generibus differunt, ad rhythmos musicos redactae (Paris 1555). 

*^) Mellange , . . contenant plusieurs chansons tant en vers latins qu'cn 
ryme fran<;, (Lut. Paris. 1570, n. 79). 

**) Musik. Werke (Leipzig 1905) II, S. 81 (vom Jahre 1872). 

*^) Loewes weltliche Chöre (Hildburghausen) 1. 

") Vgl. Leop. Hirschberg, Carl Loesne und das klassische Altertum 
(Neue Jahrb. f. Ph. 1915, II 190>. 

*'') Zum erstenmal abgedruckt ebd. S. 205. 

*^) Oeuvres completes d'Horace en six langucs/ traduction cn fran(;ais 
et en prose, par J.-B. Monfalcon/ en vers cspagnols, par Burgos/ cn 
vers italiens, par Gargallo; en vers anglais, par Francis/ cn vers alle 
mands, par Wieland et Voß. Edition polyglone publice sou.<; la dircction 
de J.-B. Monfalcon (Lyon et Paris 1832-38). 

*^) Wattenberg, Sitzungsbcridit der bayr. Ak. 1873, 695. 

^°) Eine wahre Flut von solchen Parodien crgoft sich über die Hunu- 
nistenwelt: Joa. Hofmann, Proteus Horatianus (Basil. 1584). Hcnr. Meibom, 
Parodiarum Horatianarum I. II (Heimst. 1588). Casp. Cunrad. Parodiarum 



204 Anmerkungen. 

ad H. Fl. Melpomenen <01snae 1606), Parodiarum ad 1. I (Olsn. 1609) 
[zusammen als: Parodiae Qu. H. Flacci <Lips, 1614)]. Joa. Morell, Lyra 
Plectri Horati aemula <Par. 1608). Joa. Ad. Rungewald, Parodiae Horatianae 
<Heidelb. 1612). Parodiae Qu. H. Flacci studio Nathan. Silesii <Lips. 1614). 
Joa. Rudingeri Parodiarum Horatianarum 1. IV <Jena 1614). Meldi. Adami 
Parodiae et metaphrasis Horatianae, continentes argumenta sacra et sdio» 
lastica, adeoque poetica progymnasmata <Francof. 1616). Thom. Sagittarii 
Horatius profanus <Jena 1616), Horatius diristianus <Jena 1620). Geo. 
Mundii ßAElUN Horati Parodiarum (Coburg 1622). Dan. Bernardi, Proselyta 
retractans i, e, Qu. Hör. Fl. nuper, mente mutata diristianismum amplexus, 
totius sui poematis palinodiam canit, cuius nunc edit prodromum . . . 
(Berol. 1652). Dav. Hoppii Parodiae <in d. Brunsviger Ausg.* v. 1655, 
1690 u. ö.). Jac. Wallius S. J., Odarum paraphrasis heroica <Antv. 1656), 
Val. Trebatii Parodiarum Horatianarum 1. II (Wittenb. 1661). Jac. Lodorei 
Horatii Christiani tripartitus triumphus fidei scilicet, spei et diaritatis <Rom. 
1662). Joadi. Henning, Parodiae Qu. H. Fl. <Lips. 1697). Jo. Christ. 
AX/'eber, Parodia Horatiana ad 1. IV od. 14 <Nordh. 1732). 

^^) Exercitationes Philol. fasc. II, 1—30 <Hagae Com. 1774). 
^^) Ancillon, Carmen Horatii saeculare cum Psaimo LXVIII collatum 
(Berol. 1797). 

^3) Ardi. Triestino 1877, 247. 
^*) Kaiser Augustus (1902, 134). 

^^) E. Stemplinger, Die Etudes latines von Leconte de Lisle (Philo- 
logus XXV, 1912/3, 300). 

^«) Stuttg. Morgenblatt 1816 Nr. 90. \ 

^'') Kriegsgedidite 1914, ges. u. hrsg. von Eug. "Wolle (Leigzig^Wien 
1915), S. 30. 

^^) E. Stemplinger, Ch. de Beys, ödes d'Horace en vers burlesques 
(Zeitsdir, f. franz. Spradie 1904, 266). 

^9) Neue Literatur und Völkerkunde (1787) II 953. 
^'^) Gemeint ist der Bremer Arzt Arn. Wienholt (1749—1804), der 
von Lavater (1786) zur Lehre Mesmers bekehrt ^urde und seit 1787 das 
»Magnetisdie Magazin für Niederdeutschland« herausgab. Mit den Namen 
Baidinger und Wieland ist auf das »Medizinisdie Journal« von J. B- 
Baidinger (1784-1796) und auf den »Teutsdien Merkur« (1773-1789) an= 
gespielt. 

®^) Briefe an Leipziger Freunde von O. Jahn (Oct. 1765). 
^^) Vgl. Fournel, La Ütterature independante et les ecrivains oublies 
(Didier 1862), der in der Bibliographie zu Scarron dessen Nachahmer und 
Fortsetzer verzeidinet. 

*^) Memoires historiques et critiques (1722) II 91. 
^*) Bei Z. Funck, Das Budi deutsdier Parodien und Travestien 
(Erlangen 1840/41) II 302. 

^^) Bei Imelmann, Donec gratus eram tibi. Nadididitungen und 
Nadiklänge aus drei Jahrhunderten (Berlin 1899), S. 39. 



Anmerkungen. 205 

*^^) Bei L. Eichrodt, Hortus dcliciarum <Lahr 187680) II 19. 

^^) Leibarzt des Kaisers Franz, UniVersitätsprofessor in Wien (1733— 1814/. 

««) Stuttg. Morgenblatt 1816, Nr. 90. 

"^j La fille de bon sens <acte II sc. 6> bei Gherardi, Tlieätrc italien 
ou le Recueil general . . . <Paris. 1700). 

'0) Wiener Muscnalmanadi 1790, 28. 

'^) E.xjesuit <1727 — 1792), der als Domprediger in Augsburg gegen 
Protestanten und Josetinisdie Aufklärung vtie gegen Midi. Saiicr in 
Dillingen eiferte. 

''-) Vom Verfasser. 

") Feierstunden (Stuttgart 1904*), 297. 

'*) Spaziergang nadi Syrakus, 5. Brief. 

''^) Le Sport, Juli 1868,- Übersetzung von c. I 35. 

'^) Guthrie, Allgemeine Weltgeschidite (Leipzig 1765-1795) XVI, 
S. 601. 

^'j Lessing, Gesdiidite seines Lebens und seiner Sdiriften (Berlin 
1909') 1 77. 

^«) Nact c. IV 10, 7. 

^^) Deutsdi von Dr. G. Fink (Stuttgart 1860). 

®'') Ma.>: Maas, Das Sabinisdie Landgut des Horaz und die Kupfer- 
stidie Philipp Hackerts (Frankf. Ztg. 1911, Nr. 165). 

^^) Es kommen in Betradit: 1. Tibur (villa Maeccnatis) zu cp. I 7. 
4. Varia (Vicovaro) zu ep. I 14. 5. Digentia (Licenza) zu cp. I 16 u. 18. 
8. Roma zu ep. II 1. 10. Roma (Mons C^uirinalis) zu ep. II 2. 11. Via 
Appia zu sat. I 5. 12. Aricia zu sat. I 5. 13. Fanum Vacunac zu ep. 
I 10. 14. Paludes Pomptinae zu ep. II 3, 121. 15. Fund! zu sat. I 5. 
16. Ferentinum zu ep. I 17. 17. Beneventum zu sat. I 5. 19. Baiac zu cp. 15. 
20. Lacus Lucrinus zu sat. II 4. 21. Surrentum zu c. I 9. 22. Vclla zu 
ep. I 15. 23. Brundisium zu sat. I 5. 24. Ilydruntum zu sat. I 5. 
25. Athenae. Acropolis zu ep. II 1 u. c. I 7. 28. Pindus zu ep. I 12. 

^-) Vgl. G. Pasquali, Orazio lirico (Firenzc 1920), wo die ganze 
imitatio Horatiana einer ausführlidicn Erörterung unterstellt ist. 

®^) Vgl. E. Stemplinger, Mimus in der horazisdicii Lvrik (PIiiIoIoi?us 
1919 S. 466). 



Verzeichnis der Personennamen. 



Abälard 8. 

Abbt 167. 

Abraham a S. Clara 27, 

Abriani 107, 

Accius 175, 176, 187. 

Agricola 53. 

Agrippa V. Nettesheim 1 8, 

Aineias 3, 

Aisdiines 12, 26, 

AisAylos 118, 131, 182. 

Aisop 10, 49, 

Alain 117, 

Alamanni 111. 

Alanus 50. 

Albert V. Stade 25. 

Alberti 56. 

Albertus Magnus 12. 

Albredit II. 31. 

Albredit v, Brandenburg 

31. 
Alexander Severus 157, 
Alexander v, Villedieu 8, 

49. 
Algarotti 44. 
Alkaios 10,45, 107, 115, 

175, 189 f. 
Altenburg 35, 36. 
Altieri 32, 
Altun 9, 

AIxinger 137, 150. 
Amyot 117, 
Anakreon 45, 64, 107, 

131, 138, 158, 189 f. 
Anaxagoras 117. 
Andronicus 195. 
Antonius 58, 62, 65. 
ApoIIinaris 91, 
Arator 50, 
Ardiilodios 45, 115, 179, 

180, 184, 189. 
Arndt 34. 

Ariosto66, 73, 111, 156. 
Aristardi 163, 
Aristobulos 129. 
Aristophanes 81, 141. 
Aristoteles 12, 13, 14, 23, 

73, 76, 80, 83, 97. 



Aristoteles 177, 180. 

Arteaga 157. 

Atta 187, 

Aubigne 100, 

Augurellius 101. 

Augustinus 4, 7, 10, 12, 
17, 18. 

Augustus 24, 30, 36, 44, 
45, 46, 47, 57, 61, 62, 
65, 67, 68, n, 86, 95, 
97, 98, 99, 117, 138, 
186, 189. 

Ausonius 91, 105. 

Avancinus 102, 

Averanus 37. 

Avitus 50. 

"Babington 33, 

Bacon 21, 73, 74, 

Badius 26, 

Baggesen 138. 

Baif 106, 

Baillet 22, 40, 45, 

Bälde 17, 43, 102, 125, 

141, 
Baidinger 142. 
Ballhorn 55. 
Balzac 21, 
Bar V. 164, 
Barrias 172, 
Barth 127, 
Basedow 26, 
Basileios 4, 5, 14, 20, 
Bathyllos 189. 
Batteux 98. 
Bedet, Th. 8. 
Belleau 22. 
Benedictus 5. 
Benedictus a St, Joseph 

102, 
Bembo 120, 
Bentley 86, 164. 
Beranger 95. 
Bergier 56, 129, 
Bernardi 12, 20, 51, 

120, 
Bernardus Silvester 10. 



Bemi 19, 98, 143, 
Beust 33. 
Beyermann 151, 
Beys 136, 137, 138, 144, 

145, 150, 
Biedermann 26, 
Bienvenu 124, 
Bilfinger 18, 
Bintz 154. 
Bion v. Borysthenes 36, 

182, 
Birt 169, 

Bismarck 28, 157, 
Blandiard 137, 149, 
Blondel 43, 
Boccaccio 120, 
Bodenstedt 64, 159, 
Bodmer 20, 154. 
Boehme 54, 
Börne 45, 130, 153, 
Bogan 130. 
Boileau 21, 11, 79, 99, 

112. 
Boisrobert 74, 
Bonaventura 26, 
Bonciaro 85, 
Bondi 111. 
Boost 46. 
Borinski 155. 
ßorridiius 40. 
Borromaeus 55. 
Brant 27, 37. 
Braun 130. 
Breitinger 99, 154, 
Broianigo 52, 
Brueghel 171, 
Bruni 53, 116, 
Brunetto Latini 24, 
Brutus 45, 58, 65, 183, 
Budianan 13, 54. 
Budiholtz 113, 122. 
Budiner 85, 
Budaeus 19, 72, 
Bürger 137, 
Burdiard 9, 
Büsdier 13. 
Byron 88, 156. 



Verzeichnis der Personennamen. 



207 



Caecilius 117. 

Caelius Rhodiginus 36. 

Caesar 9, 58, 67, 134, 

169, 196. 
Calcilio dl Tessa 52. 
Callier 106. 
Calovius 13, 54. 
Camusat 144. 
Camoens 120. 
Capilupi 110. 
Capmartin 173. 
Carl Friedridi 32. 
Carpentarius 72. 
Carrafa 103. 
Casaubonus 43, 106. 
Caselius 21. 
Cassianus 5. 
Cassiodor 5, 6, 7. 
Cassius 58. 
Cassius Salanus 176. 
Cassoli 103. 
Catel 174. 
Cato 10, 16, 25, 49, 62, 

134. 
Catull 10, 13, 17, 41, 
89, 92, 101, 169, 175. 
Cellarius 13, 54. 
Celtes 101, 108, 120,125. 
Cerretti 103. ! 

Cerrutti 140. 
Cesarotti 113. I 

Chabot 37. ^ I 

Chamberlain 88, 131. 
Chanteresne 43. 
Chapelle 158. 
Chauvet 172. 
Charlemagne 117. 
Chaulieu 158. 
Chenier, A. 138. 
- M. J. 139. 
Chytraeus 109. 
Cicero 4, 9, 12, 13, 17, 
36, 49, 52, 62, 67, 73, 
n, 116, 166, 169, 175, 
181, 184, 185, 186, 187, 
195, 196. 
Claudian 143. 
Clemens X. (Papst) 32. 
Clemens v. Ale.x. 129. | 
Cnapton 171. 
Cod< 157. I 

Cocieus 71, 108. 
Columban 6. 
Comenius 13. 
Comte Simeon 114, 172. 
Conde 137. 



Coporali 111. 
Cordes 142. 
Corneille 115, 134. 
Cornelius HO. 
Corraro 52, 53. 
Correr, A. 32. 
Cowley 138. 
Crinitus 36. 
Crispinus 181. 
Crusius 86. 
Curio 111. 
Curtius 9. 



Dacier 40, 43, 44, 79, 

93. 
' Damasus 4. 
; Damiani 7, 13. 
Dancian 109. 
Danesius 72. 
Daniel 15. 
Dante 24, 26, 37, 51, 

73, 96, 97, 99, 103, 

114. 
Dares 9. 
David 10. 
d'Arara 157. 
Delatre 172. 
de Magny 72, 104. 
Demosthenes 12, 26. 
Descartes 74. 
Desiderius 6. 
Desmarets 75. 
Desportes 117. 
Desprez 130. 
Dettweiler 35. 
Diderot 35. 
Diels 81. 
Diodor 117. 
Dion V. Prusa 17. 
Dionysios v. Hai. 176. 
Dodsicy 136. 
Dohna 138. 
Dolce 113. 
Doni 111. 
Doura 101. 
Drant 113. 
Dryden 79. 
Du Bcilay 72, 98, 103, 

104, 111, 113, 116, 

135, 136, 137, 138, 

140. 
Dubos 35, 80, 81. 
Dumas 169. 
Durant 104. 
Du.x 108. 
Dydihoff 86. 



E(^<, ). V. 11. 
Edermann 30, 95. 
Egioffstein 34. 

lEkkehard lil. 9. 

Ekkeliard IV. 7. 
I Elias P. 51. 
! Elisabeth 33, 157. 

Ennius 67, 91, 176, 187, 
I 195. 

I Enoche da Ascoli 52. 
] Eobanus 53. 
: Epiktet 62. 

Epikur 59, 60, 119, 161, 
: 182. 

I Erasmus 25, 53. 
'Ernesti, J. 11, 14, 54. 
I Erythraeus 84. 
i Estor 26. 
' Eulogius 9. 

Euripidcs 3, 131, 175, 
177, 195. 

Eustodiius 47. 

Eutydiius 6. 
I Evrard de Bcthune 10, 49, 

Ewers 82. 



'Eydt 153. 

i Faber, T. 19, 21, 40, 43. 

; Fabius 181. 

, Fabricius 101. 

! Fantoni 103, 135. 

j Fenelon 93. 

iFilelfo 53, 116. 

I Fiorcntino 21. 

I Fioretti 85, 87. 

I Fischart 37. 

' Flaminius 67. 

Fleming, F. 1 10. 
I Fleming, P. 75, 104, 
I 106. 
I Florus 86. 
iFode 171. 
I Fon'.ainc 104. 

Fontenclle 77. 

Foscolo 103. 
: Fourricrc 130. 

Franciscus Boss. 109. 

Fr.ind< 28. 

r-r.ink!ln 137, 149. 

Fran: I. 117. 

f-rcicslfbcn 26. 

I^Vciiigrath 66. 
I Friedridi d. Gr. 32. 89. 
136, 138, 140, 160. 

Friedrich d. Sicgr. 66. 
! Fricdridj Kronprins 66. 



208 



Verzeidinis der Personennamen. 



Friedridi v. Württ. 138, 
Frisdilin 102. 
Frisius 108. 
Frommel 174. 
Fronto 91. 
Froumund 48. 
Frugoni 111. 
FunA 150. 

Gagi 21. 

Gallandius 72. 

Galle 171. 

Gansfort Wessel 17. 

Gaume 4, 15. 

Gebhardi 56. 

Gedoyn 79. 

Geibel 18, 96, 100, 107, 

114, 159. 
Geliert 112, 131. 
Gensidien 170. 
Georg I. 139. 
Gerberge 9. 
Gerbert 9. 
Gerson 49. 

Gerstenberg 138, 159. 
Geyer 156. 

Gleim 23, 64, 112, 134, 
135, 140, 158, 159, 
160, 167. 
Gietmann 15. 
Giorgino 113, 114. 
Giraldus de Barri 10. 
Girardet 171. 
Glareanus 108. 
Göckingk 154. 
Goethe 14, 15, 20, 34, 
35, 66, 80, 82, 83, 87, 
95, 97, 100, 102, 112, 
139, 140, 143, 155, 
156, 159, 160, 164, 
165, 172, 173, 180, 
184. 
Goetz 20, 159. 
Goeze 20, 162. 
Goswin V. Haien 17. 
Gottsdiall 112. 
Gottsdied 35, 38, 99, 

120, 143, 154. 
Goudimel 109. 
Gozbert 9, 48. 
Gozzi 111. 
Grabbe 64. 
Grandidian 113. 
Grasser 17. 
Gratius 120. 
Graumann 32. 



Gregor d. Gr. 6, 119. 
Gregor v, Tours 63. 
Greif 66. 

Grillparzer 15, 31, 66. 
Gronow 30. 
Groot 18. 
Grosdiuf 38, 39. 
Gruppe 86, 87, 132, 194, 
Gryphius 15, 104, 106, 
Guarino 53. 
Guericke 33. 
Guiskard 24. 
Gumplowitz 80. 
Gumppenberg 141. 
Günther 64, 104, 163. 
: Gustav Adolf 123, 124, 

156. 
Guyet 86. 

Inabert 72, 113, 
Hadert 172 f. 
Hadwig 9, 50, 51. 
Hafis 95. 
Hagedorn 112, 135, 150, 

151, 158, 160, 161, 

164, 165. 
Hahn 109. 
Haller 158, 161. 
Hamerling 156. 
Hamilton 134. 
Hannibal 63. 
Hardouin 128, 129. 
Harley 106. 
Harnad 16. 
Harrington 21. 
Hauff 34. 

Hauptmann, G. 82. 
Hawkins 113. 
Haze de 26. 
Hebbel 51. 
Hector 72. 
Hederidi 37, 44. 
Hegel 87. 
Hegesilaos 3. 
Heidegger 18. 
Heine 30, 45, 46, 64, 

130, 153, 154, 156. 
Heinridi I. <Herzog) 25. 
Heinridi II. 48, 136, 139. 
Heinridi IV. 7. 
Heinsius 120. 
Helvetius 102. 
Herbert <Möndi> 48. 
Herbort v. Fritzlar 8. 
Herder 15, 74, 83, 94, 
102, 120, 133, 135. 



Herder 137, 159, 166, 
167, 168. 

Herodot 118, 119. 

Herr ad 8, 

Hesiod 131. 

Hettner 81. 

Heydenhahn 45. 

Heyne 169. 

Heyneccius 109. 

Heyse 133. 

Hieronymus 4, 7, 10, 19, 
25, 47, 55, 91. 

Hildebrand 7. 

Hiller 109. 

Hindenburg 65. 

Hipponax 141. 

Hirsdiberg 110. 

Hölty 138, 150. 

Hoffmann, A. Th. 82. 

Hofhaimer 108. 

Hofman = Peerlkamp 86, 
93, 132. 

Hofmann, |. 121. 

Hofmannsthal 188. 

Hofmiller 51. 

Homer 13, 14, 19, 26, 
72, 73, 74, 15, 76, 77, 
78, 79, 80, 84, 90, 92, 
93, 96, 98, 99, 129, 
131, 132, 138, 143, 
157, 175, 188. 

Hoppe 122, 123. 

Hostius 36, 162. 

Hrosvitha 9, 49. 

Huet 79. 

Hugo V. Trimberg 9. 

Humboldt, W. v. 15. 

Hus 122. 

Jacob 171. 

Jacob II. 140. 

Jacobi 15, 159. 

Jani 47. 

Janin 172. 

Jean Paul 82. 
i Jenyns 151. 

Jesaias 12. 
1 Jesus Siradi 25. 
' Ignatius V. Loyola 55, 
I 125. 

Immermann 35. 
i Johann Ernst 32. 

Johannes v. Brienne 128. 
, Johannes v. Salisbuiy 8, 

10, 25, 72. 
I Jones 171. 



Verzeidinis der Personennamen. 



209 



Isidor 6, 118. 
Isokrates 83. 
Judenkünig 108. 
juvenal 9, 47, 48, 49, 90, 

110, 182. 
Juvencus 8, 50. 

Kästner 155. ig* 
Kahlenhammer 43. 
Kallimadios 115, 175, 

177, 180. 
Kant 83. 
Karl V. 98. 
Kedi 130. 
Kemmer 39. 
Kleist, H. V. 82, 159, 

160. 
Kleon 36. 
Kleopatra 190. 
KIcpstoA 20. 82, 105, 

107, 135, 138, 150, 

158, 167, 168, 169. 
Klotz 98, 102, 164, 167. 
Kob 130. 
Kollomitsdi 35. 
Konrad v. Hirsdiau 10, 

36. 
Konrad v. Mure 37. 
Konrad v. Würzburg 1 18, 

119. 
Kotzebiie 141. 
Kratinos 36. 
Krupp 82. 
Küster 129. 

La Chapelle 41, 169. 

Lacy 35. 

La Fare 158. 

Lafontaine 79. 

Lalli 143. 

Lambert v. Hersfeld 9. 

La Monnoye 144. 

La Motte 78, 92, 104. 

Lamys 21. 

Landinus 52. 

Lange 30, 105, 160, 161, 

167. 
Langius 26. 
Lavater 142. 
Lebrun 138, 139. 
Le Clerc 20. 
Leconte de Lisle 15, 131. 
Le Fort 30, 157. 
Lehmann, R. 195. 
Lehrs 86, 87, 132, 194. 
Leibniz 14, 20, 74. 
Stemplinjjer, Horaz. 



Leo X. (Papst) 98, 117, 

120. 
I Leonidas 1 17. 

Leopardi 92, 103, 156, 

Lessing 14, 15, 18, 23, 

32, 45, 77, 80, 82, 94, 

114, 116, 153, 154, 

155, 158, 159, 160, 

; 161, 162 ff., 169. 

Leuthold 107. 
i Lichtenberg 112. 

Liliencron 108. 
I Ljungberg 86. 

Lincker 86. 

List 43. 

Livie 171. 

Livius30,52,63, 175, 187. 

Lodier 171. 

LoAe 18. 

Löwe 110. 

Logau 99. 

Longepierre 79. 
i Longin 77, 80. 
iLucilius 83, 90, 91, 182, 
' 187. 

Lucan 26, 49, 90, 113. 

Lucretius 59, 60, 89, 90, 
' 92. 

'Lucullus 67, 117. 
i Luder 52, 104. 

Ludwig IX. 8, 117. 

Ludwig XIV. 66, 76, 80. 

Ludwig XVllI. 157. 

Luther 12, 43, 137, 180. 

Luxorius 105. 

Mabillon 14. 
Macdiiaveili 8!. 
Madimud 137. 
Maecenas 36, 43, 59, 

65, 66, 138, 183, 185, 

186, 189. 
Mahlmann 141. 
Malebrandie 74. 
Malherbe 93, 106. 
Manitius 50. 
Marccilus 67, 137. 
Marienta 103. 
Marivaux 141. 
Marot 72, 75, 92. 111, 

117. 
Martial 66, 116, 163. 
Martin 86. 
Marsus, D. 89. 
Mathias v. Kemnat 66. 
Mattci 127 



Mauerhof 39, 42. 

Mauro 143. 

Mauthncr 141, 149. 

Maximilian I. 108. 

Mazarin 1 37. 

Medici, Kath. v. 33. 

Meerheimb 19*1 

Meibom 122. 

Meier, )oadi. 41. 

Melissus 104. 
I Melandithon 26, 53, 137. 
I Mcnander 3, 60, 195. 
I Mencndez y Pelayo 172. 

Mengering 20. 

Menippos 182. 

Menzini 111. 

Mcrcier 46. 

Messala 58, 186. 

Metastasio 92. 
'Metellus 106, 120, 121. 
iMeung, J. de 28, 117. 
' Meyrink 82. 

Midiael 108. 

Midiaelis 138. 

Michel derilöpital 33. 

Miger 26. 

Milman 172. 

Milton 116, 131, 137. 

Minturno 99. 

Mi.juel 66. 

MöbiuN 150. 

Mörike 101, 156 

Molicre 134. 

Moiza 143. 

Mommsen 83, 117, 169, 
186. 

Mondot 113 

Monfalcon 114, 172. 

Montagnc 92. 

Montalcmbcrt 5. 

Monfoni 98. 
, Moore, 11. 50. 
! Morgenstern 135, 145 

Morhof 106. 

Moses 129. 

Müller, Hphr 38. 

Murmellius 108. 

Murncr 19 

Murray 172 

Nlusscl (ib 

Muischky 5ö. 

Mylius 23, 162. 

Myrsilos 190 



Naeviu« 91. 
Napoleon I. 139. 



14 



210 



Verzeidinis der Personennamen. 



Nathan 148. 

Nebel 33. 

Newman 16. 

Newton 32. 

Nicolajetf'itsch 65. 

Niebuhr 44. 

Nietzsche 28, 29, 80, 97, 

115, 131, 166, 175, 

178. 
Ninon de Lenclos 40. 
Noel 129. 
Nonnos 3. 
Norden 184. 
Notker Labeo 7, 27, 

36. 
Nuzzi 52. 

Odo 7, 8. 

Odilo 8. 

Oeser 97. 

Olthovius 109. 

Opitz 21, 22, 35, 15, 99, 
104, 111, 116, 119, 
120, 130, 133, 135, 
138, 143, 154. 

Oranien 31. 

Orbilius 43. 

Origenes 7, 55, \TL. 

Orlandi di Lasso 109. 

Othio 7, 48, 49. 

Otto I. 117. 

Otto III. 9, 48. 

Ovid 9, 13, 17, 26, 49, 
53, 64, 89, 96, 113, 
120, 171, 176, 184. 

Pacuvius 187, 195. 

Parini 103, 111. 

Parthenius 84. 

Pascal 74. 

Passerat 106. 

Paterno 103. 

Paul IV. <Papst) 137, 

140. 
Pauli 27. 
Paullinus 105. 
Pelletier 98, 103, 117. 
Perrault 15, 11, 85. 
Percier 171. 
Perikles 116. 
Persius 9, 48, 90, 110, 
Pesentus 109. 
Peter d. Gr. 30, 157. 
Peter v. Blois 10. 
Petrarca 20, 28, 30, 52, 

103, 112, 129. 



Petronius 90, 182. 
Phaedrus 11 6, 
Phidias 73. 
Philes 66. 
Philetas 115. 
Philodemos 59. 
Phoinix V. Kolophon 181. 
Piccolomini, O. 32. 
Pico V. Mirandola 12. 
Pierce 114. 
Pimpie«SoIignac 41. 
Pindar 10, 22, 92, 104, 

105, 118, 138, 194. 
Pine 171. 
Pitt 29, 32, 98. 
Platen 107, 141. 
Piaton 12, 14, 11, 82, 

129. 
Plautus 13, 91, 116, 

117. 
Plinius jun. 90. 
Plutardi 30, 31, 117, 

162. 
Pösdiel 146. 
Poisson 26. 
Pollio 89, 186. 
Polybios 175. 
Pompeius 58. 
Ponce de Leon 139. 
Ponsard 170. 
Pontanus 101. 
Pope 138. 
Poseidonios 196. 
Premlediner 102. 
Prior 140. 
Priscianus 9, 48. 
Probus, Val. 90. 
Properz 90, 101, 115, 

184. 
Prosper 8. 
Prudentius 3, 50, 54, 89, 

103, 106. 
Prutz 47. 
Pylades 189. 
Pythagoras 129. 

Quarin 151. 
Quintilian 17, 47, 53, 73, 
11, 90. 

Raabe 148. 

Rabener 112. 

Radiel 112. 

Racine 21, 104, 112, 

117. 
Radbert Pasdiasius 9. 



Ramler 105, 107, 114, 

138, 162. 
Ramus 72. 
Rance 14. 
Rapin 104, 106, 117, 

136. 
Ratsdiky 150, 152. 
Reginfried 9. 
Regius 72. 

Regnier 106, 112, 116. 
Reidiel 105. 

Remmius Palaemon 105. 
Rennenkampf 65! 
Rettenbadier 102, 126. 
Rhabanus Maurus 6, 55. 
Ridiard v. Bury 51. 
RiAard v. Poitiers 24. 
Ridiardson 82. 
Ridielieu 74. 
Rienzi 116. 
Riga 50. 
Rist 17. 
Rivetus 20. 
Rodridi 139. 
Röder 129. 
Röhl 43. 
Rößler 74. 
Romulus 67. 
Ronsard 72, 98, 103, 104, 

106, 109, 116, 120, 

135, 137, 138, 139. 
Rossi 111. 
Roth 113, 162. 
Rousseau, I. B, 112, 130, 

138. 
Rousseau, J. J. 61, 100, 

104. 
Rowe 137. 
Rubens 171. 
Rückert 112, 153. 
Rufinus 4. 
Rufus, V. 89. 
Ruppe 109. 

Sabinus 53. 

Sabligneus 72. 

Sadis 116, 119. 

St. Gelais 72. 

St. Evremond 78, 85, 

93. 
Sallust 9. 

Salmonius Macrinus 101. 
Salomo 129, 133. 
Salutati 51. 
Salvator Rosa 111. 
Sannazaro 120. 



Verzeichnis der Personennamen. 



211 



Sappho 107. 
Sarbiewski 102, 125. 
Sarzoni 111. 
Savonarola 27. 
Scaevola de St. Marthc 

106. 
Scaliser 22, 43, 72, 73, 

74, 76, n, 80, 83, 85, 

86, 98, 111, 151. 
Scarron 141, 143. 
Schaevius 106. 
Sdiedel 171. 
Scheffel 135, 149, 159. 
Schelle 39. 
Schiller 14, 15, 96, 102, 

153, 156, 184. 
Schlegel 104, 138. 
Schlosser 20, 162. 
Schmidt, E. 158. 
Schmidt, Kl. 137. 
Schönaich-Carolath 16. 
Sdhopenhauer 26, 96. 
Schreiner 130. 
Schröder, A. 136. 
Schultz 89. 
Schulze 130. 
Schv,'ieger 22. 
Scipio 67. 
Scotus 12. 
Scudery 22. 
Seecic 130. 
Secundus 101. 
Sedulius 8, 50, 54. 
Seidelius 101. 
Seneca 17, 18, 36, 15, 

105, 116, 119, 129, 

182, 188. 
Senfl 19, 108, 189. 
Serenus 10. 
Servatius Lupus 25. 
Seume 153. 
Severus 105. 
Shakespeare 34, 89, 96, 

116, 141, 156. 
Sibiiet 106. 
Sidney 21. 
Silvio En. 53. 
Simonides 10. 
Siron 59. 
Skoda 82. 
Smaragdus 51. 
Sokrates 14, 129, 133, 

180. 
Sophokles 19, 22, 82, 

131, 132, 177, 188. 
Spenser 120, 138. 



Stahr 88. 

Statius 9, 10, 48, 66. 

Stecdietti 133. 

Steiner 56. 

Stemplinger 135, 147. 

Stertinius 181. 

Stesichoros 138. 

Stigelius 53. 

Stiglmayr 16. 

Stillfried (Brandt) 146. 

Stilo 187. 

Stiphelius 109. 

Stolberg 137. 

Stolle 37. 

Strindberg 28, 82. 

Stuart 31, 33. 

Sturm 53, 54, 

Stuß 26. 

Sueton 9, 36, 41,44, 59. 

90, 105, 162. 
Sulpicius Severus 8. 
Sulzer 160. 
Süß 138. 

Swift 79, 112, 139. 
Synesios 3. 

Tacitus 83, 90. 

Tasso 73, 103. 

Tassoni 73, 74, 76, 84. 

Tatianos 3. 

Teichmüller 87. 

Temple 30, 79. 

Terentius Christianus 13. 

!Terenz 13, 17, 49, 79, 

116, 120, 171, 187, 

195. 

ITertullian 13, 18, 50, 

; 119. 

Testi 92, 103. 
j Teuffei 88. 
I Theoderich 5. 
I Theodor v. Fürstenberg 

; 157. 

i Theodulus 10, 50. 

Theognis 25, 191. 

Thcokrit 131, 160, 179, 
193. 

Thomas 14, 54. 

Thomas v. Aquin 12. 

Thomson 172. 
' Thou de 22. 

Thümmel 137, 149. 
;Thukydides 51, 83, 177. 
\ Tibcrius 185. 

Tibull 13, 41, 61, 63, 
1 89, 169, 185, 189. 



Ticlcel 139. 
ITiedge 112, 135. 
j Tictze 86. 

Titius 105. 
I Torquatos 185. 

Torrentius 102. 
j Tourrcil 79. 
I Trapp 81. 
I Trcvelyan 170. 
'Tritonius 108, 109. 

Tröster 120. 
I Tscherning 106. 
j Tyrtaios 64. 

Uhland 23. 
, Ulrich (Herzog) 34. 

Underwood 1 57. 
lUrban (Vlil.) 125. 

Uz 20, 23, 64, 137, 159, 
167. 

' Valgius, R. 189. 

Varius 58, 89. 

Varnhagcn 1 5. 
iVarro 182, 187 

Vauquclin 99, 1 13 
' Vecn 171, 

Vegio 53. 

Velde van de 171. 

Vcrdicr 84. 

Vergerius 17. 

Vergil 4, 7, 9, 10, 12, 
13, 17, 24, 26, 47,48, 
49, 51, 54, 57, 58,63, 
73, 74, 75, 77, 79, 80, 
I 84, 85, 89, 90, 92, 93, 
98, 99, 117, 138, 143, 
: 149, 157, 176, 177, 
187, 191. 

Vida 91, 98, 99 

Vinccnz v. Beauvais ö, 
i 17. 

I Viperani 98. 
i Vivcs 19. 
' VcMlvcrodt 130 
I Voltaire 23. 31, 40, 74, 
' 81, 82, 92, 104. 112. 
i 161. 

Vossius 84, 98 
; VoR 138, 149, 151, lö7, 

I Wagner, R. 66, 88. 

I 131. 

, W.1lt^^en.^e^ 169. 

' >X'.il<li-;, Burk. 27 

I W.iücnstfin 32 

14' 



212 



Verzeidinis der Personennamen. 



Wallius 84. 

Walther v. Chatillon 50. 

"Walther v. d. Vogelw. 

9, 138. 
Walther v. Speier 10, 48. 
Weckherlin 22, 104, 131, 

134, 138. 
Wedekind 82. 
Weidner 114. 
Weiß 159. 
Weißenfels 35. 



Wendland 181. 
Werner v. Themar 52, 

104. 
Werthes 133, 151. 
Widukind 117. 
Wieland 14, 20, 46, 47, 

95, 100,112, 114,142, 

154, 165. 
Wilamowitz 118, 196. 
Wildenbrudi 66. 
Wilhelm III. 30. 



Wimpheling 53, 54. 
Windkeimann 14. 
Witt, J. de 31. 
Wöllner 15. 
Wolzogen 82. 
Wordsworth 135, 

Xenophon 116. 

Zadiariä 135, 137, 138. 

Zenon 50, 

Zesen 22, 35, 106, 171. 







Altenburg 

Pierersche Hofbuclidruckerei 

Stephan Geibel & Co. 



?A Stemplinger , iiiduard 

'V,ll Horaz im Urteil der 

S8 Jahrhunderte 



PLEASE DO NOT REMOVE 
CARDS OR SLIPS PROM THIS POCKET 

UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY